Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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mein Senf

ein weiterer Andreas, Tuesday, 28.12.2004, 12:32 (vor 7709 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat von Nick am 28. Dezember 2004 09:55:53:

Der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt veröffentlichte 1986 ein Buch "Das große Der Die Das",

Merkwürdiger Titel. Da klingt schon die Neigung zur Phraseologie heraus.

Alles ist erlaubt, aber es geschieht nach Regeln und unterliegt einer "Verhandlungsmoral":

Ein Widerspruch in sich selbst. Moral gebietet.

Sexuelle Handlungen sind dann erlaubt, wenn sie von beiden Partnern ausgehandelt sind.

Aha. "Ausgehandelt"! Wie hat man sich das vorzustellen? Als Basar? Ich vermute, er meint nur Übereinstimmung/Konsens und braucht "ausgehandelt" um ein bißchen marktliberales Wortgeklingel, das derzeit ja so Furore macht, einzustreuen. Macht sich so besser.

Das neue Ideal der Geschlechterbeziehung sei die "intimate citizenship",

Und jetzt köstlichstes Denglisch. Intime Bürgerschaft. Kann sich auf der Zunge zergehen lassen, wer Zeit und Muße dazu hat. Ich rate dringend ab. Es wird nichts dabei heraus zu bekommen sein.

"in der gleichberechtigte Individuen 'Intimität' selbstbestimmt, aber die Grenzen anderer achtend, leben und regeln".

Schön wie ein Kalenderspruch.

Wie das Beziehungsleben wurde Schmidt zufolge auch die Sexualität in den letzten Jahrzehnten psychologisiert. Da Beziehungen zwischen Mann und Frau zunehmend freigesetzt werden von der Aufgabe, die materielle Grundlage für eine gemeinsame Kinderaufzucht zu bieten, sollen sie heute nur noch dem seelischen und auch sexuellen Wohlbefinden der Partner dienen.

"Psychologisiert" nennt er das, wenn eine sich von den grundlegenden Lebensnotwendigkeiten sich verabschiedende Spaßgesellschaft das Leben nur noch als Veranstaltung zu ihrer Belustigung auffaßt. Dekadenz ist es.

Anders als zu Freuds Zeiten werde daher Sexualität nicht mehr als Mittel zur Triebabfuhr angesehen, sondern als eine Möglichkeit, Gefühle zwischen Menschen auszudrücken.

Daß Freud nicht so primitiv war wie hier wiedergegeben unterstelle ich, ohne ihn gelesen zu haben. Hier wird die eigentliche Zielrichtung deutlich: die Freud'schen Erkenntnisse bezüglich der Sexualität und des Geschlechterverhältnisses sollen diskreditiert werden, da sie dem nach maximaler Beliebigkeit strebenden Zeitgeist nicht mehr in den Kram passen. Dafür "forscht" offenbar Schmidt. Man beachte, daß seine Vorstellung von Beliebigkeit, die er aus seinen Erhebungen herausgeforscht haben will, seinerseits aber wieder als "psychologisiert" bezeichnet (einen Absatz höher).

Es geht um eine Umwertung der Psychologie weg den ihren traditionellen Sichtweisen (Freud) hin zu einem zeitgeistfreundlichen Konstrukt, dass dann Sachen wie das Geschlecht als soziales, anstatt als biologisches Konstrukt etc. möglich machen soll.

Köstlich ist jedoch noch dieser Ausdruck: "designtes Verlangen". Ein richtiges Schmankerl.

Gruß

Andreas


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