Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat
Der Stadtmensch hat bei Max & Moni ein Buch vorgestellt. Klappentext:
"Das neue DerDieDas - Über die Modernisierung des Sexuellen"
Der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt veröffentlichte 1986 ein Buch "Das große Der Die Das", in dem er sexuelle Einstellungen und sexuelles Verhalten in den modernen westlichen Industriegesellschaften bilanzierte. Nun zieht er nach 18 Jahren erneut eine aktuelle Bilanz, die man kurz so zusammenfassen könnte: Alles ist erlaubt, aber es geschieht nach Regeln und unterliegt einer "Verhandlungsmoral": Sexuelle Handlungen sind dann erlaubt, wenn sie von beiden Partnern ausgehandelt sind. Das neue Ideal der Geschlechterbeziehung sei die "intimate citizenship", "in der gleichberechtigte Individuen 'Intimität' selbstbestimmt, aber die Grenzen anderer achtend, leben und regeln". Darauf beruhe auch die neue Selbstverständlichkeit, mit der gleichgeschlechtliche Partnerschaften heute gesehen werden. Nach Untersuchungen von Schmidt gilt diese Moral schon unter Jugendlichen. Auch wenn sie weit früher als noch vor einigen Jahrzehnten sexuell aktiv werden, würden sie sich doch verantwortungsbewusst verhalten.
Wie das Beziehungsleben wurde Schmidt zufolge auch die Sexualität in den letzten Jahrzehnten psychologisiert. Da Beziehungen zwischen Mann und Frau zunehmend freigesetzt werden von der Aufgabe, die materielle Grundlage für eine gemeinsame Kinderaufzucht zu bieten, sollen sie heute nur noch dem seelischen und auch sexuellen Wohlbefinden der Partner dienen. Anders als zu Freuds Zeiten werde daher Sexualität nicht mehr als Mittel zur Triebabfuhr angesehen, sondern als eine Möglichkeit, Gefühle zwischen Menschen auszudrücken.
Schmidt verortet den Wandel der Sexualität in globalen Prozessen der Wandlung in den Industriegesellschaften. In diesen Gesellschaften kennen die äußeren Möglichkeiten, Bedürfnisse zu befriedigen, kaum noch Grenzen. Von den Menschen wird geradezu gefordert, Bedürfnisse zu haben und als Konsumenten auszuleben. Dem werde auch die Sexualität unterworfen: Das Bedürfnis darf nicht versiegen, und wenn es versiegt, gilt dies als Leiden. Sex diene in der Erlebniskultur dazu, Erregungen und Empfindungen zu suchen und einzusammeln. Die alte Metapher vom mächtigen Trieb habe als Metapher der Sexualität ausgedient. An ihre Stelle setzt Schmidt die Metapher des designten Verlangens.
Gunter Schmidt
Das neue Der Die Das
Über die Modernisierung des Sexuellen
Psychosozial-Verlag, Gießen 2004
ISBN 3-89806-311-9
16,00 Euro
-----------------------------------------------------------------------------------------
Nick sagt dazu:
Zitat: "Da Beziehungen zwischen Mann und Frau zunehmend freigesetzt werden von der Aufgabe, die materielle Grundlage für eine gemeinsame Kinderaufzucht zu bieten, sollen sie heute nur noch dem seelischen und auch sexuellen Wohlbefinden der Partner dienen."
So, so. "Sollen sie"...
Tun sie aber nicht. Komisch, oder?
Ob da vielleicht wieder mal am Prinzip was verkehrt ist?
Zuerst und sowieso und überhaupt: wozu braucht's eigentlich Kinderaufzucht?
Reicht doch, daß man selber aufgezogen wurde... und ein Peter Pan geblieben ist.
Sexuelle Befreiung hieß das alles mal. Und genau das ist es ja auch geworden - die Befreiung von der Sexualität nämlich.
Die gibt es jetzt nämlich nur noch auf dem Freien Markt. Als Ware. Zu ortsübliche Preisen. Nach Angebot und Nachfrage.
Umsonst ist da nichts mehr - schließlich hat man ja nichts zu verschenken auf einem Freien Markt.
So stöhnt man denn über die viel zu hohen Preise - und darüber, daß man sich nicht mehr leisten kann, was früher mal Liebe hieß.
Da wollte man "die Freiheit", hat dafür sogar alles eingerissen, was man vorfand - und hat nun den Freien Markt dafür bekommen.
Jetzt merkt man auf einmal und wundert sich, daß alles, was früher mal umsonst war, heute was kostet.
Daß es sogar ausgesprochen teuer geworden ist. Eigentlich unbezahlbar.
Echt geil! Wirklich! Ein echter Sieg eben, ein Fortschritt. Es geht ja bekanntlich immer nur nach vorne...
Die Verpflichtung zur Rechtfertigung dafür liegt bei den Apologeten der Sexuellen Revolution.
Eure leuchtenden Versprechungen sind zu ihrem eigenen Gegenteil mutiet. Warum? Woran liegt das?
Die Liebe habt ihr abgeschafft: "kleinbürgerlich und unfrei" sei das! Was habt ihr stattdessen hervorgebracht?
"In [den Industriegesellschaften] kennen die äußeren Möglichkeiten, Bedürfnisse zu befriedigen, kaum noch Grenzen. Von den Menschen wird geradezu gefordert, Bedürfnisse zu haben und als Konsumenten auszuleben. Dem werde auch die Sexualität unterworfen: Das Bedürfnis darf nicht versiegen, und wenn es versiegt, gilt dies als Leiden. Sex diene in der Erlebniskultur dazu, Erregungen und Empfindungen zu suchen und einzusammeln. Die alte Metapher vom mächtigen Trieb habe als Metapher der Sexualität ausgedient. An ihre Stelle setzt Schmidt die Metapher des designten Verlangens."
"Designtes Verlangen". So ist es wohl. Die Gesellschaft bestimmt, was mir gefällt.
Das ist also mit "Freiheit" gemeint? Faszinierend!
Das kommt eben davon, wenn man sich von Anderen "befreien" läßt.
Brave Sklaven haben allerdings noch stets ihre Sklaverei bejubelt.
Immerhin darf man ja hoffen, daß sie manchmal auch ein wenig abwirft.
Es wäre lohnend, sehr sorgfältig über die Bedeutung von "Freiheit" nachzudenken.
Aber möglicherweise denkt der Mensch ja nur, daß er denken könne?
Vielleicht tut er in Wahrheit meistens viel lieber das, was man ihm sagt?
Die Arroganz eines Sklaven besteht nicht darin, daß er stolz wäre auf sich selbst.
Der Sklave ist stolz auf seinen Gebieter! Er selbst, weiß er, ist hilflos ohne dessen "Slogans für Alle".
Deswegen haben sie auch für alle zu gelten. So entstehen Moden und Ideologien.
Und koste es ihn auch sein Leben: nie wird der Sklave seinem Herrn zu widersprechen wagen!
Die Stabilität jeder Sklaverei beruht darauf, daß sie von den Sklaven verteidigt wird.
Dafür darf der Sklave "Erregungen und Empfindungen einsammeln".
Sogar zum Sonderpreis. Täglich neu. Als freier Marktteilnehmer.
Ganz einsam - und nur solange er bezahlen kann, natürlich.
Gratulation!
Sagt der Nick
(bekanntermaßen "sexualfeindlicher Klerikalfaschist"
)
P.S.: Der Inhalt der heutigen "Geistes"-"Wissenschaft" scheint es übrigens geworden zu sein, sich selbst beim Verrücktwerden sorgfältig zuzuschauen.
gesamter Thread:
- Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Nick,
28.12.2004, 11:55
- mein Senf -
ein weiterer Andreas,
28.12.2004, 12:32
- Verhandlungsmoral -
Arne Hoffmann,
28.12.2004, 14:05
- Re: Verhandlungsmoral -
Max,
28.12.2004, 14:56
- Re: Verhandlungsmoral - Arne Hoffmann, 28.12.2004, 17:39
- Re: Verhandlungsmoral - Ekki, 29.12.2004, 10:17
- Re: Verhandlungsmoral - Nick, 28.12.2004, 16:07
- Re: Verhandlungsmoral -
Max,
28.12.2004, 14:56
- Verhandlungsmoral -
Arne Hoffmann,
28.12.2004, 14:05
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
ein weiterer Andreas,
28.12.2004, 12:41
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Paul,
28.12.2004, 19:38
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat - Garfield, 28.12.2004, 20:40
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
ein weiterer Andreas,
28.12.2004, 21:59
- Begriffverwirrung: Pareto-Prinzip, Pareto-Verteilung, Pareto-Optimum -
Paul,
28.12.2004, 22:25
- Re: Begriffverwirrung: Pareto-Prinzip, Pareto-Verteilung, Pareto-Optimum - ein weiterer Andreas, 28.12.2004, 22:40
- Begriffverwirrung: Pareto-Prinzip, Pareto-Verteilung, Pareto-Optimum -
Paul,
28.12.2004, 22:25
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Guildo,
29.12.2004, 00:04
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat - Sven74, 29.12.2004, 01:46
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Paul,
28.12.2004, 19:38
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat - Guildo, 29.12.2004, 00:22
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
susu,
29.12.2004, 01:15
- Re: Die Mordernisierung - @Susu - Standing ovations! -
Ekki,
29.12.2004, 10:24
- Re: Die Mordernisierung - @Susu - Sitting ovulations! - Max, 29.12.2004, 10:33
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Max,
29.12.2004, 11:03
- Re: Die Mordernisierung ... @Max, Susu und alle -
Ekki,
30.12.2004, 00:15
- Re: Die Mordernisierung ... @Ekki und alle - susu, 30.12.2004, 00:54
- Re: Die Mordernisierung ... @Max, Susu und alle - Max, 30.12.2004, 01:28
- Re: Die Mordernisierung ... @Max, Susu und alle -
Ekki,
30.12.2004, 00:15
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Nick,
30.12.2004, 12:43
- Meisterhaft ! Unbedingt lesenswert ! (n/t) - T.Lentze, 30.12.2004, 14:18
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Simon,
30.12.2004, 17:37
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Nick,
30.12.2004, 19:09
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Simon,
31.12.2004, 16:54
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat - Max, 31.12.2004, 19:12
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat - Nick, 31.12.2004, 19:45
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Simon,
31.12.2004, 16:54
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - und was das alles gekostet hat -
Nick,
30.12.2004, 19:09
- Re: Die Mordernisierung - @Susu - Standing ovations! -
Ekki,
29.12.2004, 10:24
- Re: Die Mordernisierung des Sexuellen - APPLAUS! Klasse, Nick! (n/t) - Max, 29.12.2004, 11:07
- mein Senf -
ein weiterer Andreas,
28.12.2004, 12:32