Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Gender-Mainstreaming in BEIDE Richtungen

Maesi, Monday, 15.09.2003, 00:55 (vor 8179 Tagen) @ Lars

Als Antwort auf: Gender-Mainstreaming in BEIDE Richtungen von Lars am 13. September 2003 14:28:46:

Hallo Lars

eine spezifisch weibliche "Lebenswirklichkeit" ist/war z. B. der Umstand, daß Schwangerschaft und Säuglingsbetreuung naturgemäß der Mutter zufallen. Hieraus ergab sich zumindest in der Vergangenheit das Problem, daß sich die Baby-Pause schnell als Karriere-Knick wenn nicht gar als Karriere-Killer erweisen konnte. Dies als ArbeitsministerIn zu ignorieren, würde bedeuten, stillschweigend den männlichen Arbeitnehmer als selbstverständliche Norm vorauszusetzen und Chancenungleich zu zementieren.

Bei dieser Ueberlegung gibt es einen wichtigen Denkfehler: Zwar faellt die Schwangerschaft (naturgemaess) und die Saeuglingsbetreuung (gesellschaftsbedingt) tatsaechlich der Mutter zu. Aber nicht jede Frau ist eine Mutter, Mutterschaft ist vielmehr selbstgewaehlt. Sofern eine Frau also auf ein Kind verzichtet oder einen Mann findet, der die Saeuglings/Kinderbetreuung uebernimmt, bleibt dieser Karriereknick aus. Allerdings wird eine Frau, die sich fuer die berufliche Karriere entscheidet, ihre Chancen auf ein Familienleben mit Kindern schmaelern. Egal, wie sie sich als Individuum entscheidet, sie wird mit ihrer Entscheidung ihre Chancen fuer das eine und andere beeinflussen.

Ausserdem gehoert die Karriere keineswegs zur typisch-maennlichen Lebenswirklichkeit; der erfolgreiche Karrierist ist vielmehr auch unter den Maennern eine Ausnahme. Ob eine Frau, die Mutter wird, ohne diese Mutterschaft tatsaechlich beruflich Karriere gemacht haette, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wie oft die Mutterschaft von Frauen als Entschuldigung bloss vorgeschoben wird, weil sie nicht zugeben will, dass sie sich den mit einer Berufskarriere verbundenen Stress schlichtweg nicht antun wollte.

Chancengleichheit (bzw. -ungleichheit) kann nie absolut betrachtet werden; sie kann nur immer im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel (als Ideal) gelten. Sobald ich mich jedoch auf ein (oder mehrere) bestimmte Ziele konzentriere, schmaelere ich meine Chancen andere, (momentan) nicht anvisierte Ziele zu erreichen. Ein erfuelltes Familienleben und eine Karriere konkurrieren sich aber direkt als Ziele, denn in beides muss man Zeit, viel Zeit investieren. Es ist deshalb kein Wunder, dass viele Karrieristen (soweit sie ueberhaupt eine Familie haben) ein wenig erfuelltes Familienleben haben; das ist der Preis, den sie fuer die Karriere zahlen mussten.

Eine spezifische männliche "Lebenswirklichkeit" ist z. B. der Umstand, daß Jungs stärker zum "Rumzappeln" und Laut-sein neigen. Hieraus ergibt sich in der Schule das Problem, daß die LehrerInnen sich lieber auf die pflegeleichteren Mädchen konzentrieren und jungen-typisches Verhalten sanktionieren.

Im Unterschied zur selbstgewaehlten Mutterschaft ist der tendenziell hoehere Bewegungsdrang von Jungen aber tatsaechlich naturbedingt. Insofern hinkt der Vergleich.

Du fragst zurecht: Und was ist mit den "Lebenswirklichkeiten" von unterschiedlicher Berufsgruppen, unterschiedlicher Religionen, unterschiedliche Ethnien ect? Müßten die nicht auch in einem allumfassenden Diskriminierungs-Check mit berücksichtigt werden?
Ich meine: Im Prinzip Ja:
- Zur Lebenswirklichkeit von Arbeitnehmern der unteren Lohngruppen (aber auch bestimmter Kategorien von Kleinunternehmern) gehört etwa, daß sie sich nicht "mal so eben" privat-versichern können. Dies als SozialministerIn zu ignorieren, bedeutet, ein Mittelschichts-Einkommen als die selbstverständliche Gegebenheit vorauszusetzen (was volkswirtschaftlich absurd ist) und ungleich verteilte Armutsrisiken stillscheigend hinzunehmen.

Ich nehme an, Du meinst damit die Krankenversicherung. Nun gibt es neben der privaten doch auch eine gesetzliche Krankenversicherung, die eigentlich ausreichen sollte. Ist die in der BRD nicht obligatorisch? Genuegt sie womoeglich den minimalen Anspruechen nicht?

Derjenige, der mehr Kohle besitzt wird wahrscheinlich immer eine bessere und individuellere Betreuung/Behandlung erhalten, weil er in der Lage und bereit ist, einen hoeheren Preis zu bezahlen; da hilft auch ein noch so gut ausgebauter Sozialstaat nichts.

Grundsätzlich finde ich schon, daß der Staat bei allem, was er tut und unterläßt, erstmal nach möglichen Benachteiligungseffekten fragt. (man sollte es natürlich nicht ins groteske steigern)

Die Zahl der fuer GM relevanten staatlichen Handlungen (von den Unterlassungen ganz zu schweigen) ist astronomisch; dazu gehoeren ja nicht nur alle politischen Entscheidungen auf Bund-, Laender- und Kommunenebene sondern auch saemtliche administrativen Entscheidungen und letzten Endes sogar Gerichtsentscheidungen. Ich bleibe dabei, dass mit einem vernuenftigen Aufwand die geschlechterbezogenen Konsequenzen bei all diesen Entscheidungen gar nicht abgeschaetzt werden koennen. Da GM ausdruecklich von den Konsequenzenpruefung bei allen Entscheidungen spricht, liegt hier bereits im Grundsatz eine Steigerung ins Groteske vor.

GM beschraenkt sich auch nicht bloss darauf, was der Staat tut oder unterlaesst; die Idee ist ja, dass alles (auch das nichtstaatliche Handeln) dieser Ideologie unterworfen wird. Das wiederum macht einen wesentlichen Teil des Totalitarismus von GM aus. Ausserdem wird dadurch die Zahl der Konsequenzenpruefungen noch einmal drastisch erhoeht.

Wenn der Staat bei den Entscheidungen ausser den geschlechtsspezifischen auch noch andere Konsequenzen miteinbezoege (z.B. finanzielle, religioese, ethnische, gesundheitliche Aspekte etc.) wuerde die Zahl der Pruefungen potenziert. Wenn es einen Komparativ zu unmoeglich gaebe, wuerde ich sagen, das ist noch unmoeglicher als die Pruefungen nur aufgrund einer geschlechtsspezifischen Perspektive.

Du wendest ein: Entsteht dabei nicht eine riesige zwangs-egalisierende Bürokratie, die mit dem liberalen Staatsverständnis widerspricht?
Dem "reinen", "klassischen" 19.Jhdt.-Laissez-faire-Liberalismus mit seiner Vorstellung vom "Nachtwächter-Staat" widerspricht dies in der Tat. Allerdings besitzt dieser Liberalismus weder Verfassungsrang, noch ist er in der Bevölkerung (weder der männlichen, noch der weiblichen) von einem breiten Konsens getragen. Er kann daher (außerhalb der FDP *g*) auch nicht als Diskussionsgrundlage vorausgesetzt werden.

Du irrst: bestimmte klassisch liberale Vorstellungen haben sehr wohl Verfassungsrang. Z.B. Niederlassungsfreiheit, Handels- und Gewerbefreiheit, Recht auf Eigentum, Pressefreiheit, Recht auf freie Meinungsaeusserung, Religionsfreiheit etc. Sie machen sogar wesentliche Grundlagen der Verfassung aus.

Wir befinden uns nicht in einem kapitalismusbetonten Liberalismus, wie jenem des 19. Jhds. Insofern ist dieser Einwurf heute voellig irrelevant. Gerade im Geschlechterbereich haben wir schon heute einen buerokratischen Wasserkopf ohne einen erheblichen Nutzen. Mit GM wuerde dieser noch weiter aufgeblaeht (und zwar erheblich).

Die Menschen sind in der Realitaet sehr unterschiedlich hinsichtlich ihrer Faehigkeiten, Begabungen, Neigungen, Wuensche, Lebenseinstellungen usw. Im GM-Ansatz wird Ungleichheit bezueglich des Geschlechts als unerwuenscht erklaert; weitergehende Abklaerungen ueber alternative Erklaerungsmoeglichkeiten werden von GM gar nicht in erst Betracht gezogen. Aus diesem ethisch fragwuerdigen und voellig ungesicherten Axiom leitet sich die Legitimitaet ab, eine festgestellte oder auch nur prognostizierte Ungleichheit mittels staatlicher Massnahmen zu beseitigen bzw. zu verhindern.

GM hat damit aber ueberhaupt nichts mit liberalem Verstaendnis zu tun (weder klassisch liberal noch linksliberal). Es handelt sich um eine Ideologie, welche das Individuum (im besten Falle) vor moeglichst allen negativen Konsequenzen seiner Entscheidungen zu bewahren sucht oder (im schlimmsten Fall) willkuerlich gaengelt. Verantwortung hinsichtlich der vom Individuum getroffenen Entscheidungen und der sich daraus ergebenden Konsequenzen ist dieser Ideologie fremd. Sie sieht im Menschen vielmehr ein unmuendiges Kind, das in ein enges Korsett von Konventionen gepresst werden muss, weil es die Konsequenzen seiner Handlungen nicht sieht oder tragen kann.

Dies wirft aber grundsaetzliche Fragen auf, die weit ueber die liberale Interpretation eines Staates hinausgehen: Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, die Verantwortung fuer das eigene Tun sowie der sich daraus ergebenden Konsequenzen zu tragen, ist er dann ueberhaupt in der Lage, politische oder gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen? Ist er in der Lage, zu waehlen? Ist er in der Lage, ein politisches Amt zu uebernehmen? Oder benoetigt er auch hier ueberall eine staatliche Buerokratie, die ihm sagt, was er zu tun oder zu lassen hat?

Ich persönlich gehe auch nicht von einem klassisch-liberalen Staatsverständnis aus, sondern eher von einem linksliberalen / sozialdemokratischen Staatsverständis. D. h. Es reicht nicht aus, wenn der Staat die allgemeinen bürgerlichen Freiheiten festschreibt und auf alle Bürger die gleichen Gesetze anwendet, er muß vielmehr auch die GESELLSCHAFT sehen, in der sich völlig ungeachtet der Gleichheit vor dem Gesetz die Chancen, v. a. aber die gesundheitlichen und Armuts-Risiken auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich verteilt sind; und er muß fragen, wie dem mit Anti-Diskriminierungs-Gesetzen und Maßnahmen des sozialen Interessenausgleichs begegnet werden kann, im Sinne einer ungefähren Korrelation zwischen Fleiß und Wohlstand.

Zu den meisten Risiken hat der Sozialstaat aber laengst Loesungen gefunden (Altersvorsorge, Krankheit, Invaliditaet, Armut, Arbeitslosigkeit, Diskriminierungen). Ob diese gut sind, sei jetzt mal dahingestellt. GM wird hier aber ganz bestimmt keine substantielle Verbesserungen bringen; eher das Umgekehrte ist der Fall, da durch die aufgeblaehte Buerokratie anderswo benoetigte Geldmittel entzogen werden.

Politische Interessenausgleiche finden in Parlamenten, in der UNO sowie in zwischenstaatlichen, bilateralen und multilateralen Verhandlungen statt. Wirtschaftliche, soziale, oekologische und sonstige Interessenausgleiche durch mannigfaltige Interessengruppen (Arbeitgeberverbaende, Gewerkschaften, Umweltschutzverbaende, Elternverbaende usw. usf.). Inwiefern soll der Staat hier anders eingreifen, als dass er bestimmte Rahmenbedingungen setzt? Weshalb sollte er bestimmte Interessen besser wahrnehmen, als Vertreter der betroffenen Interessengruppen selber?

Wenn der Staat beispielsweise mittels GM geschlechterspezifische Interessen wahrnehmen soll, was macht er, wenn diese mit anderen legitimen Interessen kollidieren? Wer definiert und formuliert ueberhaupt staatlicherseits die geschlechterpolitischen Interessen und mit welcher Legitimation? Wie sieht die buerokratische Umsetzung aus? GM widerspricht in wesentlichen Teilen dem Grundgesetzartikel ueber die 'Gleichheit aller vor dem Gesetz' sowie jenem des Diskriminierungsverbots. Ist die staatliche Buerokratie befugt, so wichtige Artikel des Grundgesetzes zu umgehen? Weshalb ist eine annaehernd ausgeglichene Geschlechterverteilung in allen Berufen und Hierarchiestufen vorteilhaft? Wo und wie wurde das belegt?

Dies alles sind keineswegs abstrakte Fragen, sie stellen sich bereits heute, angesichts der zahlreichen Frauenfoerdermassnahmen und -Sonderregelungen. Die letzten beiden Fragen sind sogar zentral, denn auf dem Dogma der geschlechterspezifischen Gleichverteilung baut der ganze GM-Ansatz auf. Ausser blossen ethisch-doktrinaeren Behauptungen habe ich bisher noch keine wissenschaftlich haltbare Untersuchung dazu gesehen.

Dass ausgerechnet der Staat eine ungefaehre Korrelation zwischen Fleiss und Wohlstand herbeifuehren soll, ist schlichtweg lachhaft; er ist ja noch nicht einmal in der Lage, die eigenen Bediensteten nach Fleiss oder Leistung zu entloehnen sondern bedient sich vielmehr ziemlich starrer Besoldungstabellen mit Gehaltserhoehungen, die sich nach der Anzahl der Dienstjahre richten. Wie sollte er das dann in der ganzen Gesellschaft schaffen?

Es stellt sich ausserdem grundsaetzlich die Frage, wie Fleiss gemessen werden kann. Und selbst die groesste Fleissigkeit ist nutzlos, wenn die daraus resultierenden Produkte oder Dienstleistungen von niemandem gewuenscht werden. Soll auch unerwuenschter Fleiss honoriert werden? Und wenn ja, warum und nach welchen Kriterien?

Und von DIESEM linksliberlaen, sozialdemokratischen Staatsverständnis aus kritisiere ich die feministischen "Gender-Mainstreaming"-Vorstellungen, da sie aus einer gruppenegoistischen und anti-egalitären Haltung heraus das Frauen-Interesse als das einzig legitime und die Frauen-Beanachteiligung als die einzig denkbare ver-absolutieren (und sich dabei der Methoden der Demagogie und des Diskussions-Verbots bedienen)

Das kritisiere ich natuerlich auch, allerdings nicht bloss im Rahmen von GM sondern am ideologischen Feminismus insgesamt.

Ausserdem gab es nie eine breit angelegte gesellschaftspolitische Diskussion um GM. Irgendeine (offensichtlich feministische) Interessengruppe hat diesen Ansatz ausgearbeitet, und nun soll er mittels EU- u/o einzelstaatlicher Gesetzgebung der Gesellschaft uebergestuelpt werden. Der EU-Grundsatztext ist eindeutig maennerfeindlich-sexistisch; da beisst die Maus keinen Faden ab. Du erachtest die Grundidee als gut. Wo aber ist der nach Deinem Empfinden korrekte Grundsatztext von GM zu finden? Die EU-Fassung kann es ja wohl kaum sein. Existiert dieser nichtdiskriminierende GM-Ansatz tatsaechlich, oder handelt es sich lediglich um ein nirgends textlich ausformuliertes Ideal ohne praktische Bedeutung? Es hat ja wenig Sinn, einem Phantomtext nachzujagen...

Gruss

Maesi


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