Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Gender-Mainstreaming in BEIDE Richtungen

Lars, Saturday, 13.09.2003, 17:28 (vor 8180 Tagen) @ Maesi

Als Antwort auf: Re: Männertod durch Gender Mainstreaming von Maesi am 13. September 2003 11:22:52:

Hallo Maesi,

eine spezifisch weibliche "Lebenswirklichkeit" ist/war z. B. der Umstand, daß Schwangerschaft und Säuglingsbetreuung naturgemäß der Mutter zufallen. Hieraus ergab sich zumindest in der Vergangenheit das Problem, daß sich die Baby-Pause schnell als Karriere-Knick wenn nicht gar als Karriere-Killer erweisen konnte. Dies als ArbeitsministerIn zu ignorieren, würde bedeuten, stillschweigend den männlichen Arbeitnehmer als selbstverständliche Norm vorauszusetzen und Chancenungleich zu zementieren. (Allerdings sind soweit ich weiß mittlerweile da mittlerweile effektive Zurück-in-den-Job-Regelungen erlassen worden)

Eine spezifische männliche "Lebenswirklichkeit" ist z. B. der Umstand, daß Jungs stärker zum "Rumzappeln" und Laut-sein neigen. Hieraus ergibt sich in der Schule das Problem, daß die LehrerInnen sich lieber auf die pflegeleichteren Mädchen konzentrieren und jungen-typisches Verhalten sanktionieren. Dies als BildungsminterIn oder SchulleiterIn zu ignorieren, würde bedeuten, stillschweigend die SchülerIN als selbstverständliche Norm vorauszusetzen und Chancenungleichheit zu zementieren.

Du fragst zurecht: Und was ist mit den "Lebenswirklichkeiten" von unterschiedlicher Berufsgruppen, unterschiedlicher Religionen, unterschiedliche Ethnien ect? Müßten die nicht auch in einem allumfassenden Diskriminierungs-Check mit berücksichtigt werden?

Ich meine: Im Prinzip Ja:
- Zur Lebenswirklichkeit von Arbeitnehmern der unteren Lohngruppen (aber auch bestimmter Kategorien von Kleinunternehmern) gehört etwa, daß sie sich nicht "mal so eben" privat-versichern können. Dies als SozialministerIn zu ignorieren, bedeutet, ein Mittelschichts-Einkommen als die selbstverständliche Gegebenheit vorauszusetzen (was volkswirtschaftlich absurd ist) und ungleich verteilte Armutsrisiken stillscheigend hinzunehmen.
ect. ect. ect.

Grundsätzlich finde ich schon, daß der Staat bei allem, was er tut und unterläßt, erstmal nach möglichen Benachteiligungseffekten fragt. (man sollte es natürlich nicht ins groteske steigern)

Du wendest ein: Entsteht dabei nicht eine riesige zwangs-egalisierende Bürokratie, die mit dem liberalen Staatsverständnis widerspricht?

Dem "reinen", "klassischen" 19.Jhdt.-Laissez-faire-Liberalismus mit seiner Vorstellung vom "Nachtwächter-Staat" widerspricht dies in der Tat. Allerdings besitzt dieser Liberalismus weder Verfassungsrang, noch ist er in der Bevölkerung (weder der männlichen, noch der weiblichen) von einem breiten Konsens getragen. Er kann daher (außerhalb der FDP *g*) auch nicht als Diskussionsgrundlage vorausgesetzt werden.

Ich persönlich gehe auch nicht von einem klassisch-liberalen Staatsverständnis aus, sondern eher von einem linksliberalen / sozialdemokratischen Staatsverständis. D. h. Es reicht nicht aus, wenn der Staat die allgemeinen bürgerlichen Freiheiten festschreibt und auf alle Bürger die gleichen Gesetze anwendet, er muß vielmehr auch die GESELLSCHAFT sehen, in der sich völlig ungeachtet der Gleichheit vor dem Gesetz die Chancen, v. a. aber die gesundheitlichen und Armuts-Risiken auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich verteilt sind; und er muß fragen, wie dem mit Anti-Diskriminierungs-Gesetzen und Maßnahmen des sozialen Interessenausgleichs begegnet werden kann, im Sinne einer ungefähren Korrelation zwischen Fleiß und Wohlstand.

Und von DIESEM linksliberlaen, sozialdemokratischen Staatsverständnis aus kritisiere ich die feministischen "Gender-Mainstreaming"-Vorstellungen, da sie aus einer gruppenegoistischen und anti-egalitären Haltung heraus das Frauen-Interesse als das einzig legitime und die Frauen-Beanachteiligung als die einzig denkbare ver-absolutieren (und sich dabei der Methoden der Demagogie und des Diskussions-Verbots bedienen)

Gruß
Lars


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