Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Frauen an die Regierung!

Maesi, Saturday, 13.09.2003, 14:01 (vor 8181 Tagen) @ Lars

Als Antwort auf: Frauen an die Regierung! von Lars am 05. September 2003 20:08:09:

Hallo Lars

Warum?

Ja, warum? Ich bin gespannt, auf Deine Argumentation...

Es ist doch so, daß PolitikerINNEN fast immer nur als partei-interne Frauenvertreterinnen oder als der Öffentlichkeit kaum bekannte Ministerinnen und Staatssekretärinnen Karriere machen, fast nie jedoch als Regierungschefinnen (auf Regional- oder nationaler Ebene) oder Volkspartei-Chefinnen machen.

Es ist so, dass weibliche Politiker sich in bestimmten Bereichen der Politik tummeln (Sozialbereich, Bildung und Erziehung, Umwelt etc.) waehrend sie in anderen Bereichen selten bis nie in Erscheinung treten (Wirtschaft, Aussenpolitik, innere und aeussere Sicherheit etc.).

Ich behaupte nun, daß letzteres nur vordergründig einen weiteren Sieg der Feministinnen darstellen würde. Hießen die Kanzlerkandidatinnen 2006 Renate Schmidt (SPD) und Angelika Merkel (CDU), dann würden zwar bei deren Nominierung in der "Emma"-Redaktion die Sekt-Korken knallen, aber anschließend werden wir überrascht einen Wahlkampf erleben, in dem das "Frauengedöns" (Schröder *g*) auf einmal eine viel geringere Rolle spielt als noch 1998 und 2002!

Das Geschlecht von Kanzlerkandidaten ist im Grunde genommen nebensaechlich. Weder von Renate Schmidt noch von Angela Merkel wuerde ich behaupten, dass es sich um Feministinnen im engeren Sinn handelt; sie sind hoechstens auf bestimmten Gebieten feministisch indoktriniert (wie etwa auch 95% der restlichen Politiker). Deshalb handelte es sich bei einer allfaelligen Wahl einer dieser beiden Frauen wohl kaum um einen feministischen Sieg.

Beide Politikerinne wüßten:
- Sie werden nun von der GESAMTEN Bevölkerung aufmerksam beobachtet und brauchen Stimmen aus der weiblichen UND männlichen Bevölkerung (ganz anders als die bisherigen partei-internen Frauen-Politikerinnen!)

Das gilt fuer jeden Kanzlerkandidaten...

- Nun, da dem Symbolfeminismus genüge getan ist, werden die WählerINNEN ihre Entscheidung entlang ihrer allgemeinpolitischen Parteienpräferenzen treffen;

Die Stammwaehler tun das sowieso; die Wechselwaehler werden wohl einzuschaetzen versuchen, wessen Wahlversprechen realistisch sind und nach diesen Kriterien waehlen...

- die WählER dagegen wären angesichts der erstmaligen Wahl zwischen zwei Kanzerlerkandidatinnen irritiert bis alarmiert, und werden feministische Untertöne im Wahlkampf nicht mehr so gelassen überhören wie bisher.

Mag sein. Halte ich jedoch eher fuer unwahrscheinlich, denn bei Geschaeften im Bundestag, in denen massiv sexistische Toene angeschlagen werden (z.B. GewSchG) hat kein Mensch darauf reagiert. Weshalb sollte das bei einer Wahl im Falle von laengst nicht so offensichtlichen 'feministischen Untertoenen' wesentlich anders sein?

D. h. sowohl Schmidt als auch Merkel werden peinlichst bemüht sein, kein "Männerhasserin"-Image zu kriegen und ggf. sogar feministische Eifererinnen aus den eigenen Reihen zurückpfeiffen! Das gleiche gilt nach der Wahl auch für die Regierungspolitik. Keine Regierungschefin kann es sich leisten von der männlichen Hälfte der Bevölkerung als "Kanzerlin der Frauen" wahrgenommen zu werden. - Das sind Grundmechanismen der parlamentarischen Demokratie, an denen (solange es das geheime Wahlrecht gibt) keine noch so große feministische Medienmacht etwas ändern kann.

Obwohl sich der Feminismus haeufig als hochpolitisch ausgibt, besetzen seine Juengerinnen in der Praxis erstaunlicherweise (oder vielmehr bezeichnenderweise) selten politische Mandate. Der Feminismus versucht vielmehr mittels aktiver Lobbyarbeit Politiker in bestimmten Bereichen in ihrem Sinne zu beeinflussen; auf etlichen Gebieten war und ist er sehr erfolgreich darin. Desweiteren setzt der Feminismus sehr stark auf die Buerokratie; das sieht man(n) etwa daran, dass buerokratische Stellen geschaffen werden (z.B. Gleichstellungsbeauftragte), die im Stil von 'politischen Kommissaren' die Umsetzung ihrer Vorstellungen von Feminismus in staatlichen Organen initiieren und ueberwachen. Auch Gender-Mainstreaming ist ein (noch zu verwirklichendes) buerokratisches Vehikel, welches von Feministinnen weitgehend vereinnahmt wurde.

Moderne Politiker lassen sich ausserdem sehr oft von Experten beraten, bzw. Experten werden eingesetzt, um Stelleninhaber von staatlichen Organen (z.B. Richter, Polizisten, Verwaltungsbeamte) aus- und weiterzubilden; in bestimmten Bereichen ist es Feministinnen gelungen, ihre 'Experten' erfolgreich zu installieren (z.B. haeusliche Gewalt, Geschlechterpolitik, Bildungs- und Erziehungswesen), um dadurch die staatlichen Organe in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Sowohl in der Buerokratie eingebettete Funktionaere als auch 'Experten' entziehen sich weitgehend dem demokratischen System. Sie werden nicht gewaehlt sondern eingestellt oder berufen, und normalerweise bleiben sie auch bei einem Regierungswechsel weiterhin im Amt. Der Durchschnittspolitiker, ausgestattet mit einem politischen Amt, neigt normalerweise nicht dazu, funktionierende buerokratische Systeme anzutasten, da er auf deren Mitarbeit dringend angewiesen ist; er wechselt hoechstens einige wenige Chefbeamte aus. Als Alternative muesste er naemlich erhebliche Teile der herrschenden Buerokratie zumindest auf den hoeheren und mittleren Ebenen mit neuen loyalen Mitarbeitern besetzen oder teilweise gar abschaffen. Das ist, insbesondere bei einer gut ausgebauten staatlichen Buerokratie, nahezu unmoeglich, ohne den Staat in eine tiefe Krise zu stuerzen; davon abgesehen waeren gar nicht genuegend neue Mitarbeiter vorhanden.

Ausserdem sind die feministischen Funktionaerinnen fuer den Durchschnittsbuerger sehr schwer fassbar; letzterer hat normalerweise keinen direkten Kontakt zu ihnen sondern hoechstens zu den von ihnen 'ausgebildeten' oder 'gesteuerten' politischen und buerokratischen Organen (beispielsweise in Form von feministisch indoktrinierten Richtern, Jugendamtsmitarbeitern oder Polizeibeamten, oder im OeD mit Vorgesetzten, denen feministische Planziele aufgedrueckt werden). Wir haben es hier also mit 'Grauen Eminenzen' zu tun, die zwar innerhalb des buerokratischen Systems, normalerweise aber ausserhalb der ordentlichen buerokratischen Hierarchie in direkt der obersten Fuehrungsebene unterstellten Stabsstellen die Faeden ziehen und dadurch eine erhebliche Machtposition besitzen ohne dafuer jedoch die entsprechende Verantwortung uebernehmen zu muessen. Der durchschnittliche Chefbeamte oder gar einfache Mitarbeiter wird sich deshalb hueten, sich mit diesen Funktionaerinnen anzulegen.

Meine Theorie: So wie die parlamentarische Demokratie die Frauenemanzipation nach sich gezogen hat, so wird sie langfristig aber auch dem Radikalfeminismus einen Riegel vorschieben.

Sofern eingefleischte Feministinnen fuer den Waehler erkennbar politische Aemter besetzen wuerden, waere das vielleicht (und wirklich nur vielleicht) richtig. Da der real existierende Feminismus jedoch mehrheitlich in der vom Waehler nicht direkt beeinflussbaren und noch schwerer durchschaubaren Buerokratie manifest ist (und auch dort nur in bestimmten Bereichen), faellt Deine Theorie in sich zusammen.

Die IMHO einzige gangbare Alternative ist vielmehr der beruechtigte Marsch durch die Institutionen (=Buerokratie), den ja auch der Feminismus selbst vor ueber 30 Jahren angetreten hat. Selbst dann ist es aber eine Sache von 10 - 20 Jahren, bis sich wesentliches aendern wird.

Fazit: ob der Kanzlerkandidat maennlich oder weiblich ist, ist letzten Endes wohl nebensaechlich (so sollte es in einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft ja auch sein). Das Anforderungsprofil erfordert auf jeden Fall einen eher gemaessigten Kandidaten (egal welcher Partei), extremistische Kandidaten haetten schon in den parteiinternen Ausmarchungen im Vorfeld wenig Chancen zum offiziellen Kanzlerkandidaten gekuert zu werden. Insofern glaube ich nicht, dass eine Kanzlerkandidatin besonders feministisch auftraete. Damit wuerde sich wohl noch nicht einmal Dein Wunsch nicht erfuellen, dem Waehler wuerden die Augen ueber Politiker feministischer Praegung endlich die Augen geoeffnet , aufgrund feministischer Toene in deren Wahlkampf. Ausserdem ist der Waehler punkto feministisch-maennerfeindlicher Propaganda schon einiges gewoehnt und ignoriert sie gefliessentlich.

Gruss

Maesi


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