Der Kollektivismus - wo er eigentlich herkommt, und wo er hingeht
Als Antwort auf: Re: Zum gegenwärtigen Stand deiner Überlegungen... von Max am 16. Januar 2005 11:07:41:
Guten Morgen Max!
Kollektivistische Tendenzen, die die Bedeutung und den Wert der Person negieren und etwas Götzenhaftes an seine Stelle setzen, hat es immer gegeben, das ist richtig. Im Altertum war es überall und ausschließlich so und garnicht anders denkbar. Eine Vorstellung von einem "Individuum" gab es nicht. Sie taucht als Gedanke erstmals in der Geschichte bei Abraham auf, dann bei Mose, dem Gott seinen Namen sagt: "ICH bin der, der ich bin!" Das ist formal die Selbstauskunft einer intimen Personalität, die von außen grundsätzlich nicht zu verstehen oder gar zu fassen ist. Seit dieser Auskunft aber gibt es überhaupt erst ein ICH.
Die Idee des ICH konnte sich allerdings erst im christlichen Abendland vollständig entwickeln, in einem sehr langen und mühevollen, schmerzhaften und wechselvollen historischen Prozeß. In keiner anderen Kultur konnte der Begriff des "Individuums", die Vorstellung einer einmaligen und einzigartigen Person mit einem unveräußerlichen Wert also, überhaupt entstehen - und sie ist auch nirgendwo sonst entstanden, namentlich nicht als Begriff des "Menschen schlechthin", also im Sinne eines kennzeichnenden Gattungsmerkmals, das den Menschen erst zu einem solchen im höheren Sinne macht.
Mit der Dekadenz unserer Kultur verfällt auch ihr Inhalt, er wird pervers und verfault. Nicht bei jedem einzelnen Menschen zwar, aber in der Gesellschaft insgesamt (parallel dazu gibt es eine unerhörte Blüte dieser Kultur, die aber kaum einem auffällt). Folgerichtig tauchen jetzt all die alten Götzen wieder auf, die längst überwunden waren - nun allerdings nicht in der "unschuldigen", archaischen Form eines Baal z.B., sondern in Gestalt von politischen Ideologien, die die Menschheit ihrem von Menschen erdachten, säkularen Größenwahn unterwerfen, um absolute Macht über sie zu erlangen und die Geistigkeit des Menschen zu vernichten. Bei den Nazis hieß das zum Beispiel: "Du bist nichts, dein Volk ist alles!", die Kommunisten sangen: "Die Partei, die Partei, die hat immer recht!"
Die Demokratie ist, als Idee, die angemessene Staatsform für freie Menschen. Sie setzt allerdings freie Menschen voraus, denn "schaffen" kann sie sie nicht, im Gegenteil. Es bedarf ganz besonders aufmerksamer Bemühungen von außerhalb der Politik, von freien, reifen Persönlichkeiten also, um all die geistigen Voraussetzungen für das Gedeihen freier Menschen zu schaffen. Der einzig denkbare Ort dafür sind starke, gesunde Familien. In der Praxis ist dafür bei uns jedoch "RTL2" zuständig - und natürlich nicht dazu in der Lage. Es glauben trotzdem mittlerweile alle, daß sie genau wüßten, was wichtig ist, obwohl sie in Wahrheit gar nichts wissen. Nichts zu wissen und nicht zu wissen, daß man nichts weiß, ist besonders schlimm.
Die Tatsache, daß die Demokratie die Voraussetzungen nicht schaffen kann, von denen sie lebt, ist der Grund dafür, warum ich persönlich absolut sicher bin, daß Demokratie ohne Religion, starke Traditionen und die sich daraus ergebende natürliche, freiwillige Anerkennung der Autorität der Vernunft auf Dauer nicht funktionieren kann. Wenn man's trotzdem versucht, wird man immer in dem Dilemma landen, daß das Menschheitsverbindende, das die ganze Sache ja trägt (und allein zu tragen in der Lage ist), entweder zerbröselt im Kampf der 'bedeutungssüchtigen' Eitelkeiten, der divergierenden Einzelinteressen und Einzelmeinungen, oder eben "von Staats wegen" erzwungen wird. Und wie? Mit einer neuen kollektivistischen Ideologie! Diese Entwicklung ist unvermeidlich, solange der Mensch versucht, die Begründung seiner selbst allein aus sich selbst heraus zu synthetisieren. Allerdings wird es natürlich wenig nutzen, das hier hinzuschreiben, das weiß ich schon, weil es ja trotzdem weiter versucht werden wird.
Es gibt drei große Bereiche der menschlichen Existenz, die wir nicht "lösen" können, ohne uns damit zugleich selbst abzuschaffen:
1. Der Tod, die Sterblichkeit der irdischen Existenz. Die Mortalität liegt bekanntlich zu allen Zeiten bei exakt 100%.
2. Das Naturverhältnis des Menschen (von ihr abhängig / sie beherrschend / über sie hinausgehend)
3. Die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen, die Tatsache also, das es uns nur in "2 Ausgaben" - und sonst eben nicht - gibt
Diese drei Bereiche können wie gesagt nicht "gelöst", sondern nur balanciert werden. Man muß sie aushalten. Ihre Ungelöstheit ist die Voraussetzung dafür, daß wir überhaupt als Menschen existieren können. Die Balance dieser Polaritäten gelingt aber nur von einem Standpunkt "außerhalb des Menschlichen". Diese Tatsache ist die formale Begründung für die objektive Notwendigkeit von Religion. Ich erwähne es nur kurz und gehe nicht weiter darauf ein, sonst komme ich ab von dem, worauf ich eigentlich hinauswill. Außerdem habe ich keine Lust, mir wieder das kleingeistige Gejaule anzuhören, ich würde hier "missionieren".
Wenn der Mensch darauf verzichtet, die Polaritäten, die seine Existenz begründen, gewissermaßen "von außen" zu balancieren, bleibt ihm logischerweise nichts anderes übrig, als es entweder "von innen" zu versuchen, oder aber, die Sache "zu lösen". Solche Versuche gibt es jetzt als konzentrierte Anstrengung seit gut 200 Jahren, zunächst Europas und Amerikas, später der ganzen Menschheit. Es ist die Epoche der Moderne. Sie geht einher mit dem, was ich oben unter dem Stichwort "Dekadenz der Kultur" angedeutet habe.
Wir haben den Versuch gesehen, den Tod abzuschaffen, z.B. profan als "medizinischer Fortschritt", um das Leben immer weiter zu verlängern, was dann aber nur die Zahl der Alzheimerkranken, der Carcinompatienten und der dementen Pflegefälle, die nicht sterben können, ins Unermeßliche gesteiget hat. Das wird so weitergehen und vermutlich für viele von uns im staatlichen Sterbeamt enden. Am anderen Ende hat man versucht, die Transzendenz ins Diesseits zu holen (das "Paradies auf Erden" der Kommunisten, oder die völkischen "Wallhalla"-Ideen der Nazis, sowie allerlei andere Obskurantismen mehr). Wir haben erlebt, wie man die Natur "besiegt" hat (inklusive Folgen), wie man sich von ihr "befreit" hat (und seitdem die Irrenhäuser vermehrt aufsucht) und wir sind ihrer "Knechtschaft" in eine Kunstwelt entwichen, die sich zunehmend virtualisiert, in der dann wirklich allein die Gesetze der Menschen regieren, und nicht mehr die der Natur. Zur Belohnunng haben wir RTL2 bekommen und merken nun, daß es zwar unendlich viele gute Sonnenaufgänge gibt, daß man aber nicht unendlich viele gute Filme drehen kann. Zur Zeit erleben wir den Versuch, die härteste Nuß zu knacken, nämlich die Geschlechtlichkeit des Menschen "zu lösen". Was das bedeutet, darüber reden wir hier dauernd - und stellen dabei u.a. fest, daß man nicht so einfach aus eigenem Entschluß zurückkehren kann zu dem, was man verlassen hat, weil dazu, gerade dazu, nunmal immer zwei gehören.
Der Mensch ist frei. Er kann das also alles machen, niemand hindert ihn daran. Nur muß er selbst die Konsequenzen tragen. Deshalb wäre eine der wichtigsten Tugenden der Feiheit eigentlich die Vorsicht und der Respekt. So aber bleibt es nicht aus, daß die Konsequenz eines verkehrten Gebrauchs der Freiheit der Verlust der Freiheit ist. Der "Kollektivismus" ist schlicht und einfach der Imperativ der Götzen, zu denen wir unsere eigenen arroganten Bemühungen gemacht haben. Es werden sich also immer irgendwelche Kräfte finden, die die Menschheit auf diese 'edlen Ziele' einschwören und sie ihnen unterwirft. Die Freiheit, die dem Einzelnen noch bleibt, ist die Entscheidung, dieser Unterwerfung zuzustimmen, oder eben nicht. Ich stimme nicht zu, wie allgemein bekannt ist. Aus dieser Entscheidung ergibt sich dann allerdings eine Freiheit, die nicht begrenzt ist.
Kollektivismus ist definitiv nichts, was etwa von außen über den Menschen hereinbräche, sondern ganz im Gegenteil etwas, das ganz originär aus ihm selbst herauskommt. Der Mensch erfährt sich dadurch als Herrscher seiner selbst und muß hernach halt selbst entscheiden, wie gut ihm das gefällt. Allerdings legt die Herkunft des Totalitarismus und der Kollektivierungsbemühungen auch den Ort eindeutig fest, an dem man mit Sicherheit nicht davon frei werden kann, falls man das Bedürfnis danach verspüren sollte: in irgendeiner neuen Ideologie nämlich, zum Beispiel einer, die jetzt aber wirklich die endgültige Freiheit verspricht. Selbst wenn es wirklich die Idee der Freiheit wäre, die diese Ideologie inspiriert, was scheinbar sehr merkwürdig und eigentlich eine extreme Ausnahme sein sollte, in Wahrheit aber der Regelfall ist (ein Versuch war der Kommunismus)... sie könnte in jedem Fall nur wirksam werden, wenn sie genau das täte, was sie abschaffen will, nämlich die Menschen kollektivieren. Kollektivismus und Vereinzelung, also das Zersplittern der Gesellschaft in lauter individualistische Egopartikel, sind übrigens keine Ggensätze, sondern das Zweite ist die Voraussetzung für das Erste.
Diese Dilemmata muß man kennen, wenn man über den Kollektivismus nachdenkt.
Auf dem Weg in Huxleys "Schöne neue Welt" sind wir in den letzen Jahrzehnten ein großes Stück vorangekommen: "A Better Life For All!", das ist doch schon mal was, oder? Konnte Adolf nicht sagen. Und Stalin nicht durchführen. Heute aber kann man das sagen und durchführen. Der Fortschritt läßt sich also nicht aufhalten. Daraus folgt, daß es auch in Zukunft immer besser werden wird.
Ich persönlich habe es allerdings, nach gründlicher Durchsicht der Zusammenhänge, vorgezogen, mich vollständig auf die Seite der Geistigkeit des Menschen zu stellen, mir die Sache von außen anzusehen und mir so meine Gedanken zu machen. Manche davon teile ich (z.B. auch hier) gelegentlich mit. Meistens dauert es dann nicht lange, bis irgend einer aufkreuzt und meint und findet, daß das verkehrt ist, was ich sage, und daß ich das deshalb nicht sagen soll. Ach so. Auch das sehe ich mir natürlich von außen an und mache mir so meine Gedanken darüber.
Im Moment bin ich aber vor allem sehr gespannt, wie die wohl das Problem der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen lösen werden. Wobei ich persönlich natürlich etwas ganz anderes vorschlagen würde.
Gruß vom
Nick
P.S.: Der Satz: "Wenn das jeder machen würde", ist für mich erstmal neutral. Er ist doch eigentlich nur eine Aufforderung, nachzudenken. Ja, was wäre denn dann? Zum Beispiel wenn eine feministische Biomasse verkündet: "Ich mache einfach das, was mir Spaß macht, weil ich das Recht dazu habe!" Und wenn das jeder machen würde? Es kommt schon sehr auf den Kontext an, in dem diese Frage auftaucht, bzw. auftauchen müßte, nicht wahr? Ich weiß natürlich schon, worauf du hinauswillst. Indes, man kann jeden Satz mißbrauchen. Und weil man das kann, tut man das auch. Aber kann man deshalb gleich alle intelligenten Fragen ein für allemal pauschal abschaffen?
Fragen über Fragen...
gesamter Thread:
- Das BGH-Urteil (gegenwärtiger Stand meiner Überlegunngen) -
Nick,
16.01.2005, 07:24
- Re: Das BGH-Urteil (gegenwärtiger Stand meiner Überlegunngen) -
Konfuzius,
16.01.2005, 11:37
- Konfuzius sprach.... -
MeckMax,
16.01.2005, 14:56
- Re: Konfuzius sprach.... -
Konfuzius,
17.01.2005, 02:05
- Re: Konfuzius sprach.... -
Nick,
17.01.2005, 04:02
- Re: Konfuzius sprach.... -
Jolanda,
17.01.2005, 04:20
- Druck zurück! :-))) - Nick, 17.01.2005, 04:27
- Re: Konfuzius sprach.... - Konfuzius, 17.01.2005, 12:15
- Re: Konfuzius sprach.... -
Jolanda,
17.01.2005, 04:20
- Antwort....(länger) - MeckMax, 18.01.2005, 00:23
- Re: Konfuzius sprach.... -
Nick,
17.01.2005, 04:02
- Re: Konfuzius sprach.... -
Konfuzius,
17.01.2005, 02:05
- Konfuzius sprach.... -
MeckMax,
16.01.2005, 14:56
- Re: Zum gegenwärtigen Stand deiner Überlegungen... -
Max,
16.01.2005, 13:07
- Re: Zum gegenwärtigen Stand deiner Überlegungen... - Nikos, 16.01.2005, 13:39
- Der Kollektivismus - wo er eigentlich herkommt, und wo er hingeht -
Nick,
17.01.2005, 09:48
- Re: Der Kollektivismus - wo er eigentlich herkommt, und wo er hingeht - Ekki, 17.01.2005, 14:23
- Re: Danke! -
Andreas (d.a.),
16.01.2005, 17:37
- Re: Danke! -
Nick,
17.01.2005, 10:38
- Re: Danke! - T.Lentze, 17.01.2005, 17:12
- Re: Danke! -
Nick,
17.01.2005, 10:38
- Re: Das BGH-Urteil (gegenwärtiger Stand meiner Überlegunngen) - Hetzi, 17.01.2005, 15:40
- Re: Das BGH-Urteil (gegenwärtiger Stand meiner Überlegunngen) - Thomas Kaeder, 17.01.2005, 18:24
- Re: Das BGH-Urteil (gegenwärtiger Stand meiner Überlegunngen) -
Konfuzius,
16.01.2005, 11:37