Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Intelligenz und Toleranz, wiedermal...

Sven75, Friday, 19.11.2004, 19:53 (vor 7746 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Re: Intelligenz und Toleranz, wiedermal... von Andreas am 19. November 2004 11:08:38:

Hallo Andreas,

Hierzu eine kleine Anekdote: während meines Studiums habe ich aus bloßer Neugierde eine Bioehtik-Vorlesung bei einer Biologin gehört, die Mitglied im Nationalen Ethikrat ist. Besonders erheiternd war ihre Meinung über die Kirchenvertreter im Ethikrat. Die scheinen ihre Interessen vor allem durch besonders aggressives Auftreten und lautstarkes Herumgeschreie durchsetzen zu wollen. Da muß wohl auch einer gewesen sein, der dauernd mit der Faust auf den Tisch schlug.
So richtig überzeugend ist das ja nicht... ;-)

Ungeachtet der offensichtlichen Ironie in deinem Beispiel lässt dieses natürlich keine Schlüsse zu. Auf der einen Seite wissen wir, dass man mit Zurückhaltung keine Durchsetzung der angestrebten Ziele erreicht, auf der anderen Seite macht man sich natürlich schnell lächerlich, wenn man zu fanatisch seinem Wege folgt. Man müsste schon bei diesen Sitzungen dabei sein, um zu entscheiden, wie fanatisch diese Kirchenvertreter dort agieren. Möglicherweise sehen sie dort auch ihre Felle wegschwimmen.

Dessen ungeachtet muss man natürlich differenzieren. Ich habe schon viele religiöse Vertreter kennengelernt, die mich fanatisch von ihrer Religion überzeugen wollten, argumentativ oft aber eher wenig zu bieten hatten. Für diese Leute habe ich natürlich auch keinen Respekt. Ich habe aber sehr viel öfter Pastoren kennengelernt, die Andersgläubige akzeptiert haben und die Diskussion eher auf ihre Arbeit gelegt haben - und die besteht aus meiner Einschätzung oftmals zum großen Teil daraus, anderen Menschen zu helfen.

Fanatismus findet man im übrigen nicht nur in Religionen. Sie haben in diesem Bereich eine äußerst unrühmliche Geschichte, aber gerade Deutschland hatte vor ca. 60 Jahren ein mindest ebenso unrühmliches Beispiel dafür. Man findet diesen oft bei jedem, der sich für eine Sache zu sehr begeistert und darüber die Ratio vergisst. Kann man das alleine den Kirchen anlasten? Ich denke nein.

Ich sehe das so: Fanatisten kann ich an jeder Ecke treffen in den unterschiedlichsten Facetten. Aber Menschen, die sich WIRKLICH um das Wohl und Wehe anderer sorgen, nach denen muss ich wirklich suchen. Ich finde sie zum Teil in Krankenhäusern, zum großen Teil aber gerade bei den Kirchen. Nicht auf hoher Ebene, sondern auf den kleinsten Ebenen, in den kleinen Gemeinden, den Kirchenkreisen. Natürlich handeln diese so, weil es ihnen ihr Glaube vorschreibt. Aber wenn die einzigen in diesem Lande, die sich um andere sorgen, jene sind, die sich aufgrund eines Glaubens dazu verpflichtet fühlen, wenn es eine Religion braucht, um sich dazu verpflichtet zu fühlen, anderen zu helfen, dann wird das große Dilemma unserer Gesellschaft offensichtlich.

Und dann sollten wir uns in der Tat fragen, warum es in unserer Gesellschaft keine anderen Werte gibt, die uns zu solchem Handeln anleiten. Möglicherweise sind die Kirchen nicht diejenigen, die die Definitionshoheit über die Ethik für sich beanspruchen, sondern nur der letzte Rest an Ethik, der diesem Volke geblieben ist. Dann sollten wir uns in der Tat fragen, was an Ethik uns wohl verbleibt, wenn dereinst auch die Kirchen nicht mehr existieren. Was bleibt dann übrig von der Menschlichkeit?


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