Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Sprachlos: Zeitschrift konkret über den VafK

Odin, Monday, 09.02.2004, 19:23 (vor 8030 Tagen)

Heft 02 2004

Magnus Klaue

Men's Health

Die Nation wird von Emanzen, Lesben und Rabenmüttern unterwandert. Doch der
"Väteraufbruch" leistet Widerstand

Eine "Feminisierung" des kulturellen Lebens glauben Trendforscher und
Soziologen seit einiger Zeit in Deutschland ausmachen zu können. Sandra
Maischberger, Sabine Christiansen und andere Schwatzmaschinen in Rock und
Bluse gelten ihnen als Beweis dafür, daß die gesprächsgewandte, Heim und
Herd schmähende Karrierefrau ihren männlichen Konkurrenten den Rang
abgelaufen hat. Die Übermacht von Frauen an Kindergärten und Schulen,
verlautete im Dunstkreis von Pisa, verhindere eine adäquate Entwicklung der
verhätschelten Knaben und trage zu Deutschlands inferiorer Position in
Europa bei. Alleinerziehende Mütter zerstörten den unternehmerischen
Tatendrang ihrer Ex-Gatten und schädigten mit ihren Unterhaltsforderungen
die Nation. Lesben und Schwule adoptierten Kinder, um potentielle
Top-Manager in intellektuelle Weicheier zu verwandeln. Daß Frauen in die
Arbeitslosenstatistik Eingang fänden, obwohl sie genug zu Hause zu tun
hätten, sei bevölkerungspolitisch nicht länger zu verantworten. Aber was
soll man erwarten in einem Land, wo der Kanzlerkandidat der größten
Oppositionspartei gerügt wird, weil er seine Frau "Muschi" nennt, obwohl
jeder gute Deutsche in den eigenen vier Wänden deutlichere Worte findet?

Glücklicherweise gibt es in solch prekärer Lage ein Männerasyl, wo gesagt
werden darf, was das feministische Über-Ich im Alltag verbietet; wo das
unterdrückte Geschlecht für den Überlebenskampf gegen die weibliche Dominanz
trainieren kann. Es heißt "Väteraufbruch" und beherbergt unter anderem den
Schauspieler Mathieu Carrière und die Autoren Matthias Matussek und Karin
Jäckel, deren Bücher über die "vaterlose Gesellschaft" und den "gebrauchten
Mann" zu den Gründungsdokumenten des Vereins zählen.

Entstanden ist "Väteraufbruch", der mittlerweile 150 Ortsgruppen im ganzen
Bundesgebiet unterhält, nicht zufällig 1989, als familienpolitischer
Startschuß zur flächendeckenden Restauration nach der Wiedervereinigung. Da
gesellschaftliche Unterdrückung seither bevorzugt als "Modernisierung"
verkauft wird, gibt sich auch "Väteraufbruch" undogmatisch-kritisch. Die
Intention, Frauen zu rechtlosen Objekten der Gattungsreproduktion zu
erniedrigen, kommt nicht mit Macho- und Stammtischgehabe daher, sondern
pocht auf jene Ideale von "Gleichberechtigung" und "Differenz", die von der
Frauenbewegung der siebziger Jahre reklamiert worden sind. Entsprechend
versteht sich "Väteraufbruch" als Männerbewegung und stattet sich mit der
Rhetorik feministischer Politik aus, um sie gegen den Feminismus zu wenden.
Symposien über "Männlichkeit und Gender" der mit dem Verein kooperierenden
Heinrich-Böll-Stiftung, Informationsveranstaltungen über "Gewalt gegen
Männer" des Trierer "Männerbüros" oder Colloquien der Selbsthilfegruppe
"Getrennte Väter" gehören zum festen Repertoire im bundesweiten
Aktionskalender. Wichtigste Berufungsinstanz des Vereins ist jedoch nicht
die "Geschlechterdifferenz", sondern das "Kindeswohl", das als Alibi der
eigenen Politik mißbraucht wird. Mit dem "Kind" wird ein Individuum, das
noch gar nicht als autonome Rechtsperson auftreten kann, als Rechtssubjekt
für die Durchsetzung männlicher Interessen in Anspruch genommen. Den
Kindern, die in den Publikationen von "Väteraufbruch" nirgends selbst zu
Wort kommen, schreibt der Verein Bedürfnisse zu, die allesamt Bedürfnisse
der Väter sind. Während man den realen Kindesmißbrauch als Phantasma einer
männerfeindlichen Gesellschaft verharmlost, werden die Kinder symbolisch
erneut mißbraucht, indem man die Sehnsucht vieler Scheidungsväter nach
geheuchelter Harmonie, moralischem Ablaßhandel und ökonomischer Versklavung
der Ex-Gattin zum Bedürfnis des Kindes umlügt. Deshalb erklärt der Verein in
seinen Statuten das "Recht auf Vater und Mutter" sowie die "gemeinsame
elterliche Sorge nach der Trennung" zu "unentziehbaren Grund- und
Menschrechten". "Gewinner" in der Mehrzahl der Scheidungsprozesse sei, heißt
es im Grundsatzprogramm, "die ausgrenzende Mutter", während Vater und Kind
zu den "Verlieren" zählten. Wie schwierig es für Mütter ist, gewalttätige
Väter, deren "Umgang" ihre Kinder psychisch und körperlich schädigt, mit
gerichtlicher Hilfe von ihren Opfern fernzuhalten, wird nicht gefragt; Väter
sind in der Welt von "Väteraufbruch" immer nur die Leidtragenden.

Wo sich dennoch nicht leugnen läßt, daß Väter Täter sein können, entdeckt
"Väteraufbruch" den Mann als sensibles Wesen. Im Programm des Vereins wird
mitfühlend verwiesen auf die Schwierigkeiten, "Beruf und Familie" zu
vereinbaren, sowie auf die angebliche Tatsache, daß eine Trennung für die
meisten Männer den Verlust des angestammten Freundeskreises bedeute. Eine
Argumentationsfigur, die sich im Programm von "Väteraufbruch" häufig findet:
Frauenspezifische Probleme werden von ihrem ursprünglichen Kontext
abstrahiert und zu Problemen der Männer erklärt. In Wahrheit ist es in den
meisten Fällen die Frau, die mit einer Eheschließung in das Leben des Mannes
überwechselt und ihre früheren Freunde verliert; auch die Unvereinbarkeit
von Karriere und Familie ist nach wie vor ein Frauenproblem, das sich in
außerehelichen, vermeintlich "liberalen" Lebensgemeinschaften auf anderer
Ebene reproduziert (Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Frankfurt a. M. 1986).
Die erfreulichen Potentiale, die "vaterlose Familien" ohne tyrannisches
Oberhaupt den Kindern durchaus auch eröffnen, verleugnet "Väteraufbruch".
Statt anhand empirischer Studien zu erforschen, unter welchen familiären
Bedingungen Kinder unterschiedlicher Milieus zu autonomen Individuen
heranreifen können, verläßt sich der Verein auf die Statistik. Weil die
meisten Selbstmörder, schwangeren Teenager, jugendlichen Häftlinge,
Schulabbrecher und Drogensüchtigen aus "vaterlosen" Familien stammten, sei
der Zusammenhang zwischen Scheidung, Vaterverlust und Verwahrlosung
schlagend belegt, wird suggeriert. Was aber hat ein Schulabbrecher mit einem
Selbstmörder, ein Selbstmörder mit einem Häftling gemein? Warum ist ein
schwangerer Teenager ähnlich verachtens- respektive bemitleidenswert wie ein
Drogensüchtiger? Die von "Väteraufbruch" ausgewählten Kenngrößen zeigen, was
in den Augen des Vereins das einzig Verachtenswerte ist: die - freiwillige
oder unbeabsichtigte - Abwendung von der Erziehungsnorm der bürgerlichen
Kleinfamilie und ihren moralischen Werten.

Das Theorem der "Vaterlosigkeit", von "Väteraufbruch" geradezu als Synonym
für "Verwahrlosung" verstanden, hat indes eine ehrwürdige Tradition. Der
Titel von Matthias Matusseks 1999 erschienenem Bestseller Die vaterlose
Gesellschaft, den der Verein auf seiner Internetseite empfiehlt und auf den
er sich beruft, ist entliehen bei Alexander Mitscherlich, der ein Buch
ähnlichen Titels vorgelegt hat (Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft.
München 1963). Wo Mitscherlich sozialpsychologisch analysiert, wie der
Verlust nicht etwa des empirischen Vaters, sondern des väterlichen
"Arbeitsbildes" seit der Jahrhundertwende zusammenhängt mit autoritären
Verhaltensdispositionen, mit der Sehnsucht nach einem im "Führer"
symbolisierten patriarchalen Ich-Ideal, behauptet Matussek schlicht, der
schwindende Einfluß der Väter in der Familie führe zu moralischem und
gesellschaftlichem Verfall. Insofern ist Matusseks Buch wie auch seine
Rezeption im Umfeld von "Väteraufbruch" ein Symptom jener historischen
Entwicklung, die Mitscherlich diagnostiziert. Die Krise, in die patriarchale
Gesellschaften durch Industrialisierung, Arbeiterbewegung und
Frauenemanzipation gestürzt worden sind, wird autoritär "gelöst" durch
Resurrektion der tyrannischen Vater-Figur, die blinden Gehorsam verlangt und
deren realer geschichtlicher Zerfall verdrängt wird. Die "weiche"
Argumentationsstrategie von "Väteraufbruch", wonach auch Männer Opfer der
patriarchalen Gesellschaft seien und psychische Krisen zu durchleiden
hätten, verdeckt die Sehnsucht nach jenem "großen Vater", der Frauen,
Homosexuelle und andere Abweichler im Namen der bürgerlichen
Familienhierarchie zur Raison bringt. Daß die Entwertung der Vater-Figur
selbst Produkt der Dialektik bürgerlicher Gesellschaften ist und nur einige,
bislang selbstverständliche männliche Privilegien beseitigt hat, darf nicht
ins "väterliche" Bewußtsein gelangen. Statt den eigenen Statusverlust als
gesellschaftlich wünschenswert anzuerkennen, empfinden sich die Anhänger von
"Väteraufbruch" denn auch als Modernisierungsverlierer. Wo es nicht mehr
erlaubt ist, Chauvinist zu sein, wird der "Neue Mann" zum Jammerläppchen.

Doch wie jeder Antisemit sich auf zumindest einen Juden berufen kann, beruft
sich auch "Väteraufbruch" auf eine Frau. Die Publizistin Karin Jäckel, die
seit Jahren für die These ficht, Männer würden von egoistischen, geldgeilen
Gattinnen hemmungslos "abgeliebt" und "abgezockt", hat mit ihrer Studie Der
gebrauchte Mann von 1997 ein zugleich antifeministisches und "weibliches"
Manifest im Namen von "Scheidungsvätern" vorgelegt, die zu "Besuchs- und
Zahlpapas" degradiert würden. Eine von der Frau verlangte Scheidung ist für
Jäckel nicht etwa Reaktion auf die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten
innerhalb der Ehe, sondern ein Mittel, den Mann "in jeder nur möglichen
Weise auszubeuten" und zum "Habenichts" herabzuwürdigen. Die Kinder würden
dabei "als Waffe in einer zum Kriegsschauplatz pervertierten
Trennungssituation mißbraucht". Der begeisterte Weiberfeind Mathieu
Carrière, dem Verein freundschaftlich verbunden, nimmt dieses Bild
gelegentlich auf, wenn er in Anlehnung an Jäckel darüber raisonniert, daß
"mehr Kinder durch Gerichtsbeschluß ihre Väter verlieren als in
Kriegszeiten". Merkwürdig, daß bislang noch niemand auf die Idee gekommen
ist, vom "Väterholocaust" zu sprechen.

Daß für viele Frauen und Kinder die Ehe selbst ein "Krieg" ist, der mittels
Scheidung beendet werden soll, kommt den Parteigängern von "Väteraufbruch"
nicht in den Sinn. Vielmehr argumentieren sie im Geiste des Chauvinismus,
für den immer die Frau Schuld an der Trennung trägt - verläßt sie den Mann,
praktiziert sie "Partnerschaft als Ex-und-hopp", wie Jäckel schreibt,
verläßt hingegen der Mann sie, wird sie ihn wohl vernachlässigt haben. Die
Zwänge, denen Frauen auch heute in Partnerschaften unterworfen sind und die
sich nicht in "Gewalt" entäußern müssen (alle "ehelichen Pflichten" also),
werden dabei überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen. Gewalt der Väter
gegen die Kinder wird als Phantasie abgetan unter dem Schlagwort vom
"Mißbrauch des Mißbrauchs", das Katharina Rutschky einst durchaus zu Recht
gegen eine "erregte Aufklärung" gewendet hat, die "kindliche Unschuld" zum
Fetisch stilisiert und jeden "Übergriff" auf diese Unschuld gerichtlich
verfolgt sehen will (Erregte Aufklärung. Hamburg 1992). Beim "Väteraufbruch"
gerinnt dieses Theorem zum frauenfeindlichen Schimpfwort. Nicht gegen die
Ideologisierung "kindlicher Unschuld" polemisiert der Verein, sondern gegen
den "Ausverkauf" der Kinder und Väter durch die Mütter. Rutschkys
aufklärerisch gemeinte Warnung vor einem "Mißbrauch des Mißbrauchs" wird
instrumentalisiert zwecks Verharmlosung realer Mißbrauchsfälle. Frauen, die
trotzdem nicht spuren wollen, verordnet "Väteraufbruch" ein
Umerziehungsprogramm. Sollten sie nach der Scheidung keine Einsicht in die
Notwendigkeit einer gemeinsamen Betreuung haben, so seien, heißt es im
Programm des Vereins, "therapeutische Maßnahmen" einzuleiten, um die
renitenten Mütter zu zwingen, im Sinn des Kindes-, mithin des Vaterwohls zu
handeln. Das vage Gefühl, "gebraucht" und "benutzt" zu werden, schlägt um in
die Forderung, es möge auch weiterhin nur den Männern erlaubt sein, ihre
Frauen zu benutzen. Der "gebrauchte Mann" ist ein Skandalon, die "gebrauchte
Frau" jedoch, von der Hausfrau über die Mutter bis zur Prostituierten, hat
keine Lobby nötig.

Magnus Klaue schrieb in KONKRET 1/04 u.a. über die Unireform

--------------------------------------------------------------

Das grenzt m.E. schon an Volksverhetzung. Da muß ich mich erst beruhigen, bevor ich einen Leserbrief schreibe!
Hier der Link zum Leserbrief
[https://ssl.kundenserver.de/bestellung.konkret-verlage.de/kvv/leserbr.php]

Konkret


gesamter Thread:

 

powered by my little forum