Re: Das frauenfeindlichste Land Europas
Als Antwort auf: Re: Das frauenfeindlichste Land Europas von Lars am 30. Juli 2003 18:52:39:
Hallo Lars
Wie bei jeder Polemik liegt auch dieser in gewisser Weise eine wahre Begebenheit zu Grunde: Gutausgebildete Frauen Ende 20 stehen jetzt vor der unerfreulichen Alternative Familie ODER Karriere? Und das könnte der Ausgangspunkt für ein unerwartetes, neues Aufflackern des vergessen geglaubten Geschlechterkampfes sein.
IMHO haben sich die fruehen Feministinnen (ich nenne sie Altfeministinnen) schon vor Jahrzehnten grundlegend geirrt, als sie annahmen, Frauen wuerden sich in Scharen von den drei 'K' abwenden, bislang maennlich dominierte Berufe erobern und wirklich gleichberechtigt mit und neben ihren maennlichen Kollegen arbeiten. Die Frauen selber haben ihnen in dieser Beziehung die Gefolgschaft verweigert. Die moderne Feministin macht aus dieser Not eine Tugend, indem sie zumindest zwei der drei 'K' (naemlich Kueche und Kinder) wieder als salonfaehig fuer Frauen hinstellt. Neu ist bloss, dass frau die voellige Wahlfreiheit haben soll, ohne dass sie durch irgendwelche Anspruchspartner in irgendeiner Form behindert wird. Das feministische Dilemma ist, dass zum Zeugen von Kindern noch immer ein Mann und eine Frau gehoeren; also sind mindestens zwei Anspruchspartner (Kind und Kindesvater) trotz allem vorhanden. Dem wird wiederum ideologisch begegnet, indem der Vater als unwesentlich fuer das Kind und die Kinderinteressen als deckungsgleich mit den Muetterinteressen postuliert werden. So bleiben nur noch die Muetter- bzw. Fraueninteressen uebrig. Genau so sieht die feministische Ideologie in der Praxis aus.
Die feministischen Forderungen sollten zunächst differenziert betrachtet werden:
Tun wir doch hier immer *eg*
- Die Forderung nach einem besseren Angebot an Kindergärten und Ganztagsschulen ist erstmal ok. (Bedenkt: Wenn diese Forderung erfüllt würde, könnte keine Scheidungs-Frau mehr Unterhalt vom Ex-Mann beanspruchen mit dem Argument, sie sei ja durch die Kinder ans Haus gebunden!)
Ein besseres Angebot an Kinderbetreuungsstaetten ist sicher wuenschenswert. Bloss ist ein flaechendeckendes Angebot nicht billig; und genau hier ist doch der Knackpunkt. Offenbar sind die wenigsten Eltern in der Lage oder auch willens, kostendeckende Preise fuer ganztaegige Kinderbetreuung zu bezahlen. So ruft man nach dem Staat, der diese Aufgabe zu guenstigen Preisen uebernehmen soll. Das Dilemma ist aber damit nicht aus der Welt geschafft sondern nur verlagert, denn auch der Staat kann die daraus entstehenden Kosten nicht einfach mittels Magie senken. Im Klartext bedeutet das, entweder die Steuern/Abgaben entsprechend nach oben anzupassen oder aber andere Staatsausgaben zu kuerzen (oder natuerlich eine Mischung von beidem). In diesen Zeiten ueberbordender Budgetdefizite und entsprechender Ruegen und Bussen aus Bruessel wird die BRD es schwer haben, eine flaechendeckende Infrastruktur zu Dumpingpreisen aus dem Boden zu stampfen; diesem Sachzwang wird jede Regierung gegenueberstehen
- Das Problem: Umfassende Kinderbetreuungsprogramme würden nur Sinn machen, wenn sie auch tatsächlich durch eine sprunghaft steigende weiblickhe Vollzeiterwerbsbevölkerung in Anspruch genommen werden würden.
V.a. koennten aber wohl die meisten Familien kostendeckende Preise fuer Kinderbetreuung nur zahlen, wenn beide Vollzeit erwerbstaetig waeren. Und selbst dann gaebe es etliche, die nicht einmal das koennten.
Aber so viele Vollzeit-Arbeitsplätze gibt unsere durchrationalisierte und hocheffiziente Wirtschaft doch gar nicht mehr her!
Dies ist in der Tat ein weiterer Punkt. Ausserdem: ein Ueberangebot an Arbeitskraeften laesst die Preise fuer Arbeitskraft (eben die Gehaelter) sinken. Das ist simple Marktwirtschaft...
Die Frage, wie man die erwerbswilligen Mütter bei der Kinderbetreuung entlastet - die für die kleine Gruppe der wildentschlossenen Karrierefrauen natürlich im Vordergrund steht -,...
Die eigentliche Frage ist, wieviele erwerbswillige Muetter es ueberhaupt gibt. Teilzeit wollen wohl die meisten arbeiten; aber Vollzeit? Wenn man diesbezueglichen Umfragen glauben darf, sieht es da eher schlecht aus. Die meisten Frauen wollen offenbar nur Teilzeit arbeiten, nicht aber Vollzeit erwerbstaetig sein. Hier muesste auch bei Frauen ein Umdenken einsetzen. Ein solches Umdenken (so es denn eintraete) wird aber durch staatliche Verguenstigungen fuer erziehende Muetter wiederum gebremst.
...wird aus dieser volkswirtschaftlichen Perspektive also völlig überlagert durch die Frage, wie die immer selteneren Vollzeiterwerbsstellen so aufgesplittet werden, daß möglichst für jeden und jede ein Teilzeitjob rauskommt, von dem er / sie vernünftig leben kann. Wenn dieses Problem gelöst wird, stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ja sowieso nicht mehr.
Letzten Endes geht es hier also um die Umverteilung von Arbeit. Lassen wir die selbststaendig Erwerbenden mal aussen vor und nehmen wir an, der Arbeitskuchen bleibt geldwertmaessig im Verhaeltnis zu den erwerbsfaehigen Personen laengerfristig in etwa gleich. Dann bedeutet das eine Umverteilung zwischen den einzelnen Arbeitnehmern. Das wird zwangslaeufig zu massiven Spannungen und Verteilungskaempfen unter den unselbststaendig Erwerbenden fuehren, was wiederum von Arbeitgebern zu Lohndruckmassnahmen ausgenutzt wird. Bleibt also wieder einmal nur der Staat, der ordnend und kontrollierend (mit entsprechenden Sekundaerkosten, die die oeffentlichen Budgets noch mehr belasten) eingreift.
Ein Umsatteln auf selbststaendiger Erwerbstaetigkeit ist schon heute hart und wohl den wenigsten gegeben.
Meine These:
Das Thema der der Zukunft ist nicht mehr:
Frauenförderung + Ganztagsschule&Kindergärten (*)
Frauenfoerderung ist schon grundsaetzlich aus Gleichberechtigungsgruenden abzulehnen.
Die Finanzierbarkeit von subventionierten ganztaegigen Kinderbetreuungseinrichtungen ist aufgrund der angespannten Finanzlage von Bund, Laendern und Kommunen nahezu ausgeschlossen.
sondern:
Arbeitszeitverkürzung + Teilzeit-und-Jobsharing-Modelle
Leider ergibt sich auch mit diesem Vorgehen eine Diskrepanz zwischen kinderlosen Singles und Paaren einerseits und Familien mit Kindern andererseits; weiter kompliziert wuerde die Situation durch geschiedene Unterhaltspflichtige und geschiedene Kinderbetreuende. Es muesste also wahrscheinlich eine weitere Umverteilung zwischen kinderlosen Menschen und Eltern eingefuehrt werden, was wohl auf eine kostendeckende staatliche Kinderrente hinauslaeuft, wie das Esther Vilar schon gefordert hat. Ob dies politisch moeglich ist, ist ziemlich fraglich, da damit wohl massive finanzielle Forderungen an und empfindliche Einschraenkungen der persoenlichen Freiheit fuer das Individuum einhergehen.
Ich weiss auch keinen Ausweg aus dieser vertrackten Situation, der momentan politisch durchsetzbar waere. Die (Real-)Politiker wohl ebensowenig; und so wird halt weitergewurstelt, wie bisher.
________
(*) Diese Vorstellung macht nur Sinn vor dem Hintergrund:
- a) ... der Vollbeschäftigungs-Ära bis 1975
- b) ... des Planwirtschaftssystem im Osten (deren Problem war ja nicht der Mangel an ArbeitsPLÄTZEN, sondern vielmehr die ineffiziente Produktion und daher der Mangel an ArbeitsKRÄFTEN.)
Wobei IMHO in sozialistischen Planwirtschaftssystemen Frauenfoerderung schlichtweg unbekannt war. Es war vielmehr gesellschaftlich voellig normal, dass Frauen ganztags arbeiteten; allfaellige unterschiedliche Geschlechterverteilungen in den einzelnen Berufen wurden einfach hingenommen und von keiner feministischen Lobby selektiv als frauendiskriminierend gebrandmarkt.
Gruss
Maesi
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- Das frauenfeindlichste Land Europas -
Frank,
30.07.2003, 17:30
- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas -
Garfield,
30.07.2003, 17:46
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Lars,
30.07.2003, 21:52
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Anabasis,
30.07.2003, 23:01
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31.07.2003, 18:30
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31.07.2003, 22:58
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05.08.2003, 00:59
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Manfred,
05.08.2003, 00:59
- Der Marsch in eine andere Republik - Lars, 05.08.2003, 00:51
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- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas - Maesi, 06.08.2003, 22:29
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30.07.2003, 23:01
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Bruno,
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- Klasse, Bruno! (n/t) - Frank, 31.07.2003, 12:24
- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas-Mein Leserbrief - Odin, 01.08.2003, 23:44
- "NOTARZT !" -
pit b.,
31.07.2003, 02:42
- Re: "NOTARZT !" -
Odin,
01.08.2003, 23:46
- Re: "NOTARZT !" -
Ferdi,
02.08.2003, 00:10
- Re: "NOTARZT !" -
Jörg ,
02.08.2003, 00:23
- Sorry! Geht in Ordnung. (o.T.) - Ferdi, 02.08.2003, 00:43
- Re: "NOTARZT !" -
Jörg ,
02.08.2003, 00:23
- Re: "NOTARZT !" -
Ferdi,
02.08.2003, 00:10
- Re: "NOTARZT !" -
Odin,
01.08.2003, 23:46
- Frage - Andreas (der andere), 31.07.2003, 14:00
- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas -
Maesi,
06.08.2003, 22:00
- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas - Rüdiger, 07.08.2003, 19:19
- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas -
Garfield,
30.07.2003, 17:46