Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Der Marsch in eine andere Republik

Lars, Tuesday, 05.08.2003, 00:51 (vor 8220 Tagen) @ Anabasis

Als Antwort auf: Re: Das frauenfeindlichste Land Europas von Anabasis am 03. August 2003 10:17:13:

Dabei sehe ich Parallelen zwischen Feminismus, Globalisierungs- und Kapitalismuskritikern und der Öko-Bewegung. Alle haben einen Teufel als Gegner. Mal ist es der profitgierige weiße Mann, mal der Mann an sich. Alle sind sich einig, dass es ein Skandal ist, dass nicht die Philosophen und Dampfplauderer des Feuilletons im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen, sondern schnöde Händler und Fabrikanten. Wenn diesen bösen Männern nicht in den Arm gefallen wird, wenn die materiellen Begierden nicht unter die Herrschaft des Geistes gestellt werden, da sind sich Kampflesbe, Links-/Rechtsradikaler, Globalisierungsgegner und Öko einig, drohen der Gesellschaft Kriege, Gewalt, Umweltzerstörung und unsägliches soziales Elend.
Gruß Anabasis

In Deiner Polemik steckt ein kleiner Kern Wahrheit: Es gibt in der unter Linken eine aus der Romantik, dem Deutschem Idealismus und allgemeinem Bildungsbürgerdünkel gespeiste diffuse Aversion gegen alles, was nach "schnöden Momman", Profanität und ökonomischer Rationalität klingt. Dies liegt z. T. tatsächlich in einer Statusrivalität zwischen geisteswissenschaftlicher Bildungs- und Einkommenselite begründet. Diese Aversion nahm je nach Situation unterschiedliche Formen an: Unter dem Eindruck von Kolonialverbrechen konnte daraus dann die platte Gegenüberstellung von gefühlsbetontem "edlem Wilden" und briútal-kalkulierendem bösen weißen Mann werden. Feministinnen sprachen von der unsensiblen "männlichen Rationalität". Antisemitisch gewendet wurde daraus der kulturlose "jüdische Händlergeist" ect ect.

RATIONAL argumentierende Kritik an den neoliberalen Wirtschaftsrezepten sollte man damit aber nicht in einen Topf werfen. Um meinen Standpunkt deutlicher zu machen:

- Ich bin nicht dafür, daß Dichter und Denker im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen (wie Du es pauschal den "Kapitalismus-Kritikern" in den Mund legts). Aber ebensowenig bin ich dafür, daß "Fabrikanten und Händler" im Mittelpunkt stehen - nicht weil ich deren Tätigkeit gering schätze, sondern weil sie nur eine kleine Minderheit ausmachen, wir aber in einer Demokratie leben. In den "Mittelpunkt der Gesellschaft", d. h. der wirtschaftpolitischen Debatten gehört die Masse der Bevölkerung, die durch Löhne und Gehälter ihr Auskommen finden muß. Und diese MEHRHEIT (!) kommt im neoliberalen Wirtschaftsdiskurs nur noch als lästiger Kostenfaktor vor.

- Betrachte ich Kapitalisten als "Teufel"? Die einzelnen KapitalistEN: nein. Von denen muß im Wettbewerb nunmal jeder sehen, wo er bleibt. Ein ungezügelter KapitalisMUS als System (im Gegensatz zur Sozialen Marktwirtschaft) ist aber schon ein Übel für die Mehrheit der Bevölkerung, da die Marktmechanismen Unternehmer mit sozialen Verantwortungsbewußsein nicht belohnen, sondern bestrafen, und im reinen Kapitalismus andere Mechanismen als die des Marktes ja nicht bestehen.

Wenn wir aber von Teufeln reden, muß eines auch erwähnt werden: Unter den Unternehmern mag es viele anständige Leute geben (wahrscheinlich auch die Mehrheit), aber der politisch organistierten und agierenden Unternehmer-LOBBY (Arbeitgeberverband, BDI, FDP) ist ein ganz klarer Vorwurf zu machen: Diese Lobby hat sich Mitte der 90er Jahre von dem wirtschaftspolitischem Grundkonsens, der die "Bonner Republik" so stabil und wohnlich gemacht hatte: der Sozialen Marktwischaft ("rheinischer Kapitalismus") verabschiedet und forciert seitdem den Marsch in einer andere Republik.

Der Hintergrund war die zu diesem Zeitpunkt weit fortschrittene weltwirtschaftliche Verflechtung, die auch Mechanismen des Lohn- und Sozial-Dumpings, der verschärften Standortkonkurrenz sowie der Währungsinstabilitäten mitbrachte, die dann es schwieriger machten die bewährte Politik der Sozialen Marktwirtschaft im nationalen Rahmen weiterzubetreiben. Anstatt nun aber darüber nachzudenken, wie internationale Abkommen über soziale Mindeststandards und stabile Wechselkurse, also eine Globalisierung der SOZIALEN Marktwirtschaft aussehen könnten, setzte sich im Unternehmer-Lager eine Gruppe von marktradikalen Ideologen durch, die erfolgreich an die KURZfristigen BETRIEBSwirtschaftlichen Kalkulationen der Unternehmer appelierte und darüber nun versucht, die Rolle rückwärts in 19.te Jahrhundert als Modell der Zukunft durchzusetzen.

Heute sind es nicht mehr kommunistische Diktaturen und hiesige Linksradikale, die "unsere Art zu leben" bedrohen, sondern eben dieser neue Marktradikalismus. Auf die Alltagswelt bezogen wird der nämlich zur Folge haben, daß unser Leben - in Zeiten ständiger Produktivitätsfortschritte ! - immer mehr von unfreiwilligen Berufs- und Ortswechselns, Überstunden, Wochenendarbeit Umschulungsstreß, Sparen und Zukunftssorgen bestimmt wird (siehe USA oder noch extremer Großbritannien). Unser Leben wird dem unserer Eltern unähnlicher und dem unserer Groß- und Urgroßväter in dieser Hinsicht wieder ähnlicher. Wir werfen das beste Wirtschaftssystem, daß wir in Deutschland je hatten leichtfertig weg und werden uns noch umgucken.

Gruß
Lars


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