Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Das frauenfeindlichste Land Europas

Garfield, Thursday, 31.07.2003, 22:58 (vor 8224 Tagen) @ Dieter

Als Antwort auf: Re: Das frauenfeindlichste Land Europas von Dieter am 31. Juli 2003 15:30:00:

Hallo Dieter!

Das ist ja alles durchaus nicht falsch. Das Problem ist aber: Ohne Flächentarifverträge wird es sehr viel mühseliger, überhaupt noch irgendwelche Tarifverträge abzuschließen. Dann muß das nämlich in jedem Unternehmen einzeln geschehen, was eine endlose Verzettelung der Kräfte von Gewerkschaften und Beschäftigten bedeuten und außerdem auch der Wirtschaft durch ständige kleinere Streiks schaden würde.

Wie Lars schon geschrieben hat, sind es ja vor allem die Großkonzerne, die immer laut und vernehmlich jammern und die schlechte Situation mancher kleiner und mittlerer Unternehmen (die sie oft wesentlich mit verschuldet haben) dafür als Vorwand vorschieben. Viele kleine und mittlere Unternehmen sind ja gar nicht im Arbeitgeberverband drin und somit interessieren sie die Tarifverträge auch kaum.

Tatsächlich geht es den Großunternehmen nur darum, die bestehenden Tarifvertäge möglichst auszuhöhlen. Sie wissen genau, daß ein Wegfall der Flächentarifverträge die Position der Beschäftigten angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit enorm verschlechtern würde. Jetzt müssen sie Tariflöhne zahlen, wenn sie im Arbeitgeberverband bleiben wollen. Gäbe es diese Flächentarife nicht mehr, würden viele Großunternehmen sofort einen großen Teil ihrer Belegschaft zu Personalgesprächen zitieren und sie vor die Wahl stellen, entweder weniger Lohn zu akzeptieren oder zu gehen. Und die Bosse in den Chefetagen wissen genau, daß die allermeisten Beschäftigten Lohnkürzungen angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt akzeptieren müßten. Und wer's nicht akzeptiert, kann aus dem Millionen-Heer der Arbeitslosen problemlos ersetzt werden.

Das würde also eine weitere Senkung der Einkommen bewirken, die Kaufkraft würde weiter zurückgehen und der deutsche Binnenmarkt würde noch mehr geschwächt werden. Die Großunternehmen würden die zusätzlichen Profite im Ausland investieren, und wenn sie hier kaum noch etwas verkaufen könnten, wären sie ganz fix weg aus Deutschland.

Die derzeit schlechte Situation in Deutschland wird ja auch dadurch verursacht, daß die Wirtschaft sich an wachsende Märkte gewöhnt hat und jetzt einfach nicht umdenken will. Jahrzehntelang war es so, daß die Einkommen stiegen und die Menschen sich immer mehr leisten konnten und wollten. Viele Produkte wurden so immer aufwändiger und teurer. Beispiel Autos: Die ersten VW Golf waren kleiner als heute ein VW Lupo. Sieh dir mal an, was der Golf heute für ein Schlachtschiff ist. Meine Verlobte fährt einen Golf IV. Damit standen wir neulich mal neben einem langen Ford-Kombi und haben mit Erstaunen festgestellt, daß der Golf tatsächlich genauso lang ist wie dieser Kombi.

Als die Real-Einkommen dann stagnierten und schließlich zu sinken begannen, löste man das Problem nicht etwa dadurch, daß man wieder einfacherere und damit preisgünstigere Produkte herstellte. Nein, man führte Ratenzahlungen, Leasing usw ein. Auch jetzt, wo immer mehr Menschen arbeitslos sind, und die Wirtschaft versucht, die Löhne und Gehälter weiter zu drücken, setzt man für den deutschen Markt stur weiter auf hochwertige, teure Produkte, weil damit die Profitspanne am höchsten ist.

In China kann man Neuwagen für 4000 Euro verkaufen - in Deutschland geht das merkwürdigerweise nicht. Das liegt keineswegs nur an den höheren Lohnkosten. (Die werden ohnehin teilweise durch stärkeren Einsatz von Robotern und Computern ausgeglichen.) Es liegt einfach daran, daß hierzulande diverse Extras wie ABS, Klimaanlage usw. oftmals schon zur Serienausstattung gehören. So ein 4000-Euro-Auto aus China hat das alles natürlich nicht. Obendrein werden Autos in Deutschland auch noch grundsätzlich teurer verkauft als im Ausland. Alles für den Maximal-Reibach.

Nun gibt es ja noch sehr naive Zeitgenossen, die dazu sagen, daß ja dann, wenn die Menschen billige Autos wollen würden, jederzeit jemand ein Unternehmen gründen und solche billigen Autos produzieren könne. Natürlich ist das aber angesichts der marktbeherrschenden Stellung der großen Automobilkonzerne ganz und gar unmöglich.

Die deutschen Großunternehmen sollten endlich die Zeichen der Zeit erkennen und mehr preisgünstige Produkte für Kunden mit niedrigem Einkommen anbieten. VW kann in Werbespots noch so oft behaupten, daß der Beatle das Herz auf demselben Fleck hätte wie der Käfer: Dadurch werden sie kaum neue Kunden gewinnen. Natürlich setzt dieser Werbespot auf gut verdienende Menschen, die in ihrer Jugend Käfer gefahren sind. Aber der Käfer war nicht so erfolgreich, weil ihn alle so toll und niedlich fanden, sondern weil er so preiswert war. Der Beatle ist das nicht, und deshalb wird er auch niemals ein Kultauto werden.

Mit dem Smart sieht das genauso aus. Die Idee war ja an sich nicht schlecht. Ein kleines wendiges Auto, mit dem man überall einen Parkplatz findet und das auch günstig im Unterhalt ist, suchen viele Menschen. Aber der Smart ist einfach zu teuer. "Für das Geld kriegt man ja schon ein richtiges Auto", sagte einer meiner Kollegen neulich dazu. Wenn man ihn für 4000 Euro mit weniger hochwertiger Ausstattung angeboten hätte, dann hätte aus dem Smart ein neuer Käfer werden können. Aber so...

Es sind eben die Profitinteressen, die da blockieren. Wenn man ein sehr preiswertes Produkt anbietet, erreicht man damit keine hohe Gewinnspanne. Darüberhinaus ist dieses Produkt immer auch Konkurrenz für die eigenen Produkte in der mittleren Preisklasse. Also läßt man's eben, ignoriert die Zeichen der Zeit und tut so, als würde es jetzt ewig so weitergehen wie in den letzten Jahrzehnten.

Aber es wird nicht so weitergehen. Und das bekommt die Wirtschaft ja auch langsam zu spüren. Aber anstatt daraus die richtigen Lehren zu siehen, flüchtet man sich in Wunschdenken und wartet auf den Aufschwung, der nie kommen wird.

Mein Vater hat so etwa 1990/91 mal mit einem Autohändler bei Rostock geredet. Der hatte gerade einen Vertrag mit Chrysler abgeschlossen und auf seinem Hof standen nun einiger dieser Riesen-Autos herum. Mein Vater fragte ihn, wem er die denn verkaufen will. Viele Leute in der Gegend waren arbeitslos und konnten sich so ein teures Auto absolut nicht leisten. Der Autohändler sagte dazu nur: "Ach was, die Leute haben Geld!" Etwa ein Jahr später hat er den Vertrag mit Chrysler gekündigt und dafür einen mit Suzuki abgeschlossen. Weil er von den teuren Chrysler-Autos nämlich so gut wie nichts verkauft hat und wohl fast pleite gegangen wäre.

Er hat wenigstens noch die Kurve bekommen, aber bei den deutschen Großunternehmen wird es wohl noch etwas dauern, bis sie die Zeichen der Zeit erkennen. Bis dahin werden sie weiter die Auswirkungen ihres eigenen Versagens auf die angeblich so hohen Löhne in Deutschland abschieben und so fleißig an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen.

Freundliche Grüße
von Garfield



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