Re: Das frauenfeindlichste Land Europas
Als Antwort auf: Re: Das frauenfeindlichste Land Europas von Anabasis am 03. August 2003 10:17:13:
Hallo Anabasis!
Natürlich ist unser Wohlstand auch Ergebnis der technologischen Fortschrittes. Dieser technologische Fortschritt setzte aber immer erst dann ein, wenn die Bedingungen dafür durch die Regierungen geschaffen worden waren.
Du erwähnst richtig, daß bis etwa 1800 die Entwicklung in vielen Ländern stagnierte und die Realeinkommen sanken. Das lag aber keineswegs nur daran, daß die technologischen Grundlagen nicht weit genug entwickelt waren, sondern viel mehr daran, daß in vielen Ländern der Feudalismus die Entwicklung hemmte. Es gab überall Zünfte und Gilden, die zur Besitzstandswahrung gegründet worden waren und Neugründungen von Unternehmen sehr erschwerten oder völlig unmöglich machten. Das hemmte die technologische Entwicklung. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand damals aus Bauern, die zum großen Teil durch Leibeigenschaft an ihr Land und an ihren Beruf gebunden waren. Somit standen auch gar nicht genügend Arbeitskräfte für große Fabriken zur Verfügung.
Es hatte schon seinen Grund, daß in Deutschland seit Mitte des 19. Jahrhunderts plötzlich enorm viele bahnbrechende Erfindungen nicht nur gemacht, sondern auch praktisch umgesetzt wurden. Gerade in Deutschland waren noch bis ins 19. Jahrhundert hinein die Hindernisse für die Entwicklung des Kapitalismus besonders groß. Deutschland war in viele Königreiche und Fürstentümer zersplittert, die alle eigene Maße und Gewichte hatten und an ihren Grenzen nach Gutdünken Zölle erhoben. Das allein hemmte die Wirtschaft schon sehr. Dazu kamen dann noch die oben erwähnten Hindernisse durch die Reste des Feudalismus.
Erst als Preußen mehr und mehr die Vorherrschaft in Deutschland erlangte und schließlich das Deutsche Reich neu gegründet wurde, konnten diese Hindernisse beseitigt werden, was dann natürlich ein explosives Wachstum des Kapitalismus zur Folge hatte. Jetzt erwies es sich sogar als vorteilhaft, daß Deutschland bis Mitte des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu Ländern wie England doch eher rückschrittlich war. So gab es nun in Deutschland keine großen Unternehmen, die kleine, innovative Unternehmer am Aufstieg hindern konnten. Und so konnten eben Erfinder wie Daimler, Benz, Mannesmann usw. ihre Ideen verwirklichen und die Entwicklung entscheidend vorantreiben.
Es war nun aber nicht so, daß die Masse der Bevölkerung sofort vom Aufstieg des Kapitalismus profitiert hätte. Der Grund für die Gründung von Gewerkschaften lag ja gerade darin, daß es vielen Arbeitern in der Zeit schlecht ging. Daß sie eben für geringen Lohn lange arbeiten mußten, daß sie im Alter, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten, ohne Einkommen da standen usw.
Auch die von mir erwähnten utopischen Sozialisten hätte es nie gegeben, wenn die Lage der Arbeiter nicht so schlecht gewesen wäre. In den USA war es sogar so, daß Fabrikarbeiter häufig schlechter lebten als viele Sklaven im Süden.
Ohne Sozialgesetzgebung hätte sich daran auch kaum etwas geändert. Zwar bringt Wachstum im Kapitalismus immer auch eine höhere Nachfrage an Arbeitskräften mit sich, was das Lohnniveau steigern kann, aber diese erhöhte Nachfrage wird immer durch Rationalisierung auch wieder gesenkt. Und es gibt immer wieder Krisen, in denen nichts mehr wächst, wo dann also - wie zur Zeit in Deutschland - das Arbeitskräfte-Angebot höher ist als die Zahl der freien Arbeitsplätze. Dann sinkt das Lohnniveau ohne Regulierungen sehr schnell.
Man muß sich immer vor Augen halten, daß sich im Kapitalismus alles um Profit dreht. Es geht darum, möglichst viel Profit zu machen, und selbst wenn ein Unternehmer das mal anders sehen sollte, wird er sehr schnell von der Realität eingeholt werden.
Die größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind auch keineswegs durch Kapitalismus-Kritik entstanden. Der Grund für den ersten Weltkrieg waren Fehler, die durch die Politik aller europäischen Großmächte - insbesondere Deutschlands, Rußlands und Österreich-Ungarns - begangen wurden. Da der Krieg länger dauerte als man erwartet hatte, wirkte er sich viel katastrophaler auf die Lebensumstände der Bevölkerung aus, was dann folgerichtig zu Revolutionen führte. So kam es schließlich zu der Fehlentwicklung in Rußland, wo die Kommunisten die Macht übernahmen, obwohl das Land noch nicht einmal die Reste des Feudalismus überwunden hatte und noch lange nicht reif dafür war, ohne industrielle Grundlage irgend so etwas wie Kommunismus aufzubauen. (Noch heute wäre kein Land der Welt reif dafür.)
In Deutschland kam dann noch der ungerechte Versailler Vertrag dazu, der Deutschland unfairerweise die alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg zusprach und auch ganz konkret den Zweck hatte, Deutschland als wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten. Somit war ein neuer Krieg fast vorprogrammiert und sowohl Nazis als auch Kommunisten hatten dann nur deshalb soviel Zulauf, weil es der deutschen Bevölkerung unter diesen Umständen weiterhin schlecht ging, was sich durch die Weltwirtschaftskrise dann noch verschärfte.
Die Kapitalismus-Kritik der Nazis war auch zum großen Teil nur Show. Tatsächlich haben viele Groß-Unternehmen und Bankiers Hitler finanziert, einfach aus Angst vor einer Machtergreifung durch die Kommunisten. Hitler hielt man dagegen für das kleinere Übel. Und nach der Machtübernahme durch die Nazis lenkten diese die Aufmerksamkeit auch schnell auf die jüdische Bevölkerung und gaben ihr pauschal die Schuld an allen negativen Auswüchsen des Kapitalismus. Die Grundfesten des Kapitalismus wurden durch Hitler nie angerührt, und die kommunistische Ideologie war ihm sowieso ein Gräuel. Im Krieg machte die deutsche Wirtschaft dann auch gute Profite. Man zog auf Vorschlag der SS sogar in Erwägung, Leichen ermorderter KZ-Häftlinge industriell zu verwerten. Man hat davon nicht etwa aus humanitären Gründen Abstand genommen, sondern schlicht und einfach nur deshalb, weil man errechnet hatte, daß es sich finanziell nicht lohnt.
Produziert wird nicht nur dort, wo die Produktion am effektivsten ist. Es kostet immerhin auch einiges, Produkte noch tausende Kilometer weit transportieren zu müssen. Und es gibt auch noch andere Faktoren, die da wirken. Im Osten hat sich deutlich gezeigt, daß man auch mit diversen Vergünstigungen für die Wirtschaft - also eben mit speziellen Fördermitteln, niedrigem Lohnniveau usw. - nicht zwangsläufig etwas erreicht, außer damit einige wenige Leute auf Kosten der Allgemeinheit sehr reich zu machen.
Du hast noch die Finanzdienstleister erwähnt, die Projekte günstig finanzieren müssen. Auch da liegt in Deutschland einiges im Argen. Die Eropäische Zentralbank hat die Zinsen gesenkt, um damit Kredite günstiger zu machen und die Wirtschaft anzukurbeln. Diese Zinssenkungen werden jedoch durch Finanzdienstleister nur zögernd oder gar nicht weiter gegeben. So bringen die Zinssenkungen ihnen zwar gute Profite ein, Unternehmen und Privatleute haben jedoch nichts oder fast nichts davon. So läuft das eben, wenn es irgendwo keine Regulierungen gibt.
Ich sehe Unternehmer durchaus nicht als Feinde der Menschheit. Ich werfe ihnen nicht vor, daß sie vorranging am Profit interessiert sind. Das müssen sie sogar, wenn sie nicht sehr bald vom Markt verdrängt werden wollen.
Aber es ist eben so, daß man Menschen ab und zu auch mal zu ihrem Glück zwingen muß. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Interessen von Wirtschaft und Beschäftigten in puncto Lohnniveau exakt entgegengesetzt sind. Es ist nun aber nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für die Wirtschaft existenziell wichtig, daß zwischen beiden Seiten immer ein gewisses Gleichgewicht erhalten wird. In Zeiten, als die deutsche Wirtschaft stark wuchs, neigte sich die Waage mehr und mehr den Beschäftigten zu, aber auch damals haben die Unternehmen gut verdient. Jetzt, wo die Arbeitslosigkeit immer mehr zunimmt, tendiert die Waage eben eher dazu, sich den Unternehmen zuzuneigen. Wenn man da nicht nur nicht eingreift, sondern sogar noch Regulierungen abschafft, die bisher ein zu großes Ungleichgewicht verhindern, dann wird die Waage sich sehr schnell komplett den Unternehmen zuneigen, und das wird fatale Folgen für unsere gesamte Gesellschaft haben.
In den USA sieht man das schon deutlich. Es kann nicht sein, daß Menschen auch mit zwei Vollzeit-Jobs kaum ihre Lebenshaltungskosten zahlen können.
Weißt du eigentlich, wie es im Osten Deutschlands, besonders im Nordosten, schon aussieht? Da gibt es in vielen Gegenden 40-50 % Arbeitslosigkeit. Die Quote wäre noch viel höher, wenn nicht schon so viele junge Leute ausgewandert wären. Auch im Westen gibt es mittlerweile Regionen, in denen es nicht mehr viel besser aussieht.
Im Osten ist es keine Seltenheit, daß in Schulklassen nur 3 von 20 Schülern eine Lehrstelle finden. Und das liegt nicht daran, daß die Löhne der Lehrlinge vielleicht zu hoch wären. Ich kenne Leute, die dort als Azubis 300 DM Lehrlingsgeld hatten.
Dort ist einfach nichts, wo man noch arbeiten könnte. Und wenn jemand ein Unternehmen gründet, finden sich kaum Kunden, weil so viele Menschen arbeitslos sind. Meine Tante hat in Mecklenburg eine Gaststätte. Da läuft kaum noch was. Die jungen Leute sind alle weg, viele der älteren sind arbeitslos oder bekommen nur kleine Renten - da kann es sich niemand leisten, in einer Gaststätte essen zu gehen. Sie hält sich nur noch einigermaßen über Wasser, weil sie noch Zimmer an Urlauber vermietet und Partyservice macht. Die Gaststätte hätte sie ansonsten schon längst dicht machen können. Nicht weil die Löhne oder die Sozialabgaben zu hoch sind, sondern weil die Kaufkraft immer mehr wegbricht.
Mein Bruder sucht in Mecklenburg schon seit über einem Jahr verzweifelt einen Job. Er würde auch für 3 Euro pro Stunde arbeiten. Da er noch bei meinen Eltern wohnt und somit keine Miete zahlen muß, könnte er sich das - im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitssuchenden - leisten. Aber er findet einfach nichts. Jetzt überlegt er, ob er vielleicht einen Bootsverleih aufmacht. Aber das läuft nur im Sommer, und da dort viele arbeitslose Jugendliche herumlungern, müßte er immer mit Diebstahl und Vandalismus rechnen. Das kommt dann nämlich auch noch dazu...
Nicht die Unternehmen sind die Gänse, die die goldenen Eier legen. Die Arbeiter und Angestellten tun das - wenn man sie nur läßt.
Freundliche Grüße
von Garfield
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Frank,
30.07.2003, 17:30
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Lars,
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- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas-Mein Leserbrief - Odin, 01.08.2003, 23:44
- "NOTARZT !" -
pit b.,
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- Re: "NOTARZT !" -
Odin,
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- Re: "NOTARZT !" -
Ferdi,
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- Re: "NOTARZT !" -
Jörg ,
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- Sorry! Geht in Ordnung. (o.T.) - Ferdi, 02.08.2003, 00:43
- Re: "NOTARZT !" -
Jörg ,
02.08.2003, 00:23
- Re: "NOTARZT !" -
Ferdi,
02.08.2003, 00:10
- Re: "NOTARZT !" -
Odin,
01.08.2003, 23:46
- Frage - Andreas (der andere), 31.07.2003, 14:00
- Re: Das frauenfeindlichste Land Europas -
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Garfield,
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