Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Das frauenfeindlichste Land Europas

Garfield, Friday, 01.08.2003, 13:14 (vor 8223 Tagen) @ Anabasis

Als Antwort auf: Re: Das frauenfeindlichste Land Europas von Anabasis am 31. Juli 2003 21:47:08:

Hallo Anabasis!

Wieso nicht deregulieren? Nun, im 19. Jahrhundert war gar nichts reguliert. Damals arbeiteten die Beschäftigten 12 Stunden täglich oder noch mehr, und das an 6 Tagen in der Woche. Die Unternehmer hätten sie gern auch 7 Tage pro Woche arbeiten lassen, allerdings war die Kirche dagegen. Und das alles für einen Hungerlohn, der kaum zum Leben reichte.

Es hat damals durchaus Unternehmer gegeben, die einsahen, daß es so nicht gehen kann. Sie gaben ihren Beschäftigten mehr vom Profit ab, zahlten also bessere Löhne, schufen bessere Arbeitsbedingungen, bauten Wohnungen für die Mitarbeiter usw. In der Regel gingen sie dann bald pleite, weil die Unternehmen, die das alles nicht taten und ihre Beschäftigten weiterhin rücksichtslos ausbeuteten, natürlich billiger produzieren konnten und diese sozial fortschrittlichen Unternehmen dann ziemlich schnell vom Markt verdrängten. Deshalb sind diese Unternehmer als utopische Sozialisten in die Geschichte eingegangen.

Die unter dem Druck von Arbeitern und Gewerkschaften nach und nach eingeführten Regulierungen hatten dann nicht nur den Sinn, die Lebensbedingungen der Beschäftigten zu verbessern, sondern sie hatten auch den Zweck, Unternehmen, die ihre Mitarbeiter besser behandeln, eine akzeptable Marktposition zu sichern - einfach indem diese Regulierungen für alle galten.

Schafft man diese Regulierungen nun komplett ab, so werden einige Unternehmen sofort jegliche Rücksichtsnahme auf ihre Arbeiter und Angestellten vergessen, die Löhne knallhart herunterdrücken und die Arbeitszeiten erhöhen. Und die Unternehmen, die das aus Humanität nicht mitmachen, werden durch Pleite bestraft werden.

Viele Menschen machen heute den Fehler, unseren Wohlstand für selbstverständlich zu halten. Tatsächlich ist er überhaupt nicht selbstverständlich. Das, was wir heute vielen anderen Ländern voraus haben, wurde entweder hart erkämpft oder aber ist durch glückliche Umstände eingeführt worden. Wenn wir darauf nun leichtfertig verzichten, werden sich sehr viele Menschen bald sehr wundern. Und zwar auch in der Wirtschaft.

Dann hast du noch geschrieben, daß es durch den freien Markt doch kein Problem wäre, ein 4000-Euro-Auto in Deutschland auf den Markt zu bringen, wenn die Kunden das wollen.

Es stimmt, daß das auf einem freien Markt kein Problem wäre. Im Automobilsektor gibt es aber in Deutschland keinen freien Markt mehr. Der Markt wird von großen Konzernen beherrscht, die keine Innovationen durch kleinere Unternehmen dulden.

Wenn wir einen freien Markt hätten, könnte jederzeit jemand eine Fabrik aufbauen und dort 4000-Euro-Autos bauen. Da wir aber eben keinen freien Markt mehr haben, würde der Besitzer oder Direktor solch einer Fabrik noch nicht einmal Zulieferer finden. Auch wenn so manches Unternehmen ihn gern beliefern würde - wenn dann von VW, BMW oder Daimler-Chrysler ein Schreiben mit der Drohung kommt, in dem Fall sämtliche Aufträge sofort zu stornieren, wird man sich auf jeden Fall dagegen entscheiden.

Das Problem ist eben, daß, wenn große Unternehmen den Markt beherrschen, eine Art Konsens zwischen ihnen hergestellt wird, mit dem Ziel, den Status Quo zu erhalten und das Preisniveau ebenfalls. Teilweise wird das tatsächlich auch vertraglich festgelegt.

Bei den großen Mineralölkonzernen sieht man das besonders deutlich. Die erhöhen immer fast gleichzeitig die Preise, wobei immer ein anderer Konzern den ersten Schritt tut. Nun könnte man ja sagen, daß es ja auch noch freie Tankstellen gibt. Diese freien Tankstellen beziehen ihr Benzin aber auch nur von den großen Mineralölkonzernen, bekommen somit die Preiserhöhungen also auch mit diktiert und können deshalb immer nur ein paar Cent billiger sein, und das auch nur auf Kosten ihrer eigenen Profitspanne.

Wenn es nun ein staatliches Unternehmen gäbe, das Benzin produziert und auch ein eigenes Tankstellen-Netz betreibt, und wenn dieses Unternehmen z.B. die bei den großen Mineralölkonzernen übliche Praxis, zufällig immer kurz vor den Feiertagen die Preise zu erhöhen, nicht mitmachen würde, dann hätten wir dort so etwas wie einen freien Markt mit echter Konkurrenz. Dann könnten sich die Mineralölkonzerne nicht mehr frei fast alles erlauben.

Diese Erkenntnis ist durchaus nicht neu. Schon vor 100 Jahren war das allgemein bekannt. Aus diesem Grunde ließen die Regierungen von Industriestaaten wie Großbritannien, Deutschland oder die USA staatliche Werften bauen. In früheren Zeiten, als es nur private Werften gab, sprachen die sich nämlich grundsätzlich die Preise untereinander ab, mit dem Ziel, sie möglichst hoch zu treiben. Da die Marinerüstung so immer teurer wurde, blieb nichts anderes übrig, als staatliche Werften zu bauen und damit den Markt durch echte Konkurrenz wieder frei zu machen.

Und das ist etwas, das heute in Deutschland auch nötig wäre. Es darf in keinem Sektor nur staatliche Unternehmen geben. Das würde so enden wie in der DDR. Aber es darf auch nirgendwo nur private Unternehmen geben - das führt dann nämlich auch zu Zuständen wie in der DDR. Bei vielen kleinen privaten Unternehmen ist die Konkurrenz noch da, aber sobald der Konzentrationsprozeß so weit fortgeschritten ist, daß es nur noch wenige Großkonzerne gibt, dann sieht das eben anders aus. Großunternehmen haben nicht mehr viel zu gewinnen, dafür aber viel zu verlieren. Allein das senkt ihre Risikobereitschaft deutlich. Und wenn es soweit gekommen ist, daß nur noch zwei Unternehmen einen Markt ganz oder fast ganz beherrschen (wie z.B. Intel und AMD), dann darf keines dieser Unternehmen das andere komplett vom Markt verdrängen, weil es danach immer wieder kartellrechtliche Probleme bekommen würde. Somit ist es dann in diesem Fall für die beteiligten Unternehmen viel besser, wenn man sich insgeheim die Märkte aufteilt, den Status Quo erhält, sich vieles untereinander abspricht und Konkurrenzkampf nur noch zum Schein stattfindet, um Probleme mit dem Kartellamt zu vermeiden.

Innovation bliebt dabei natürlich auf der Strecke. Warum als erster ein Brennstoffzellen-Auto auf den Markt bringen, wenn auch sonst niemand Eile damit zeigt? Zumal solch ein Projekt ja auch Risiken mit sich bringt. Man müßte für solche Autos ein neues Tankstellennetz aufbauen; wenn man sich für Wasserstoff als Treibstoff entscheidet, gibt es das Problem, daß Wasserstoff sich noch nicht wirklich billig und umweltschonend produzieren läßt usw. Es wäre also möglich, daß das Ganze ein Flop wird und man damit Milliarden in den Sand setzt. Also forscht man auf dem Gebiet zwar weiter - aber nur, weil man dafür Geld vom Staat bekommt. Man kann ja momentan auch mit konventionellen Autos noch einigermaßen gute Profite machen, und wenn die Situation schlechter wird, kann man ja vielleicht irgendwann mal das Brennstoffzellen-Auto doch noch aus dem Hut zaubern... Aber solange niemand sonst Anstalten dazu macht, bleibt man lieber auf der sicheren Seite und läßt die Finger davon, während das erste deutsche U-Boot mit Brennstoffzellenantrieb schon längst durch die Meere schippert.

Du hast noch geschrieben, daß Unternehmen es sich nicht leisten könnten, Mitarbeiter durch niedrige Löhne an Konkurrenten zu verlieren. Das trifft nur in Bereichen zu, in denen es tatsächlich Arbeitskräftemangel gibt. Davon gibt es aber immer weniger. Sehr gut qualifizierten Mitarbeitern wird man natürlich weiterhin akzeptable Gehälter zahlen, aber die große Masse der Arbeiter und Angestellten mit durchschnittlicher Qualifikation ist angesichts der katastrophalen Lage auf dem Arbeitsmarkt heute problemlos austauschbar und würde deutliche Einkommenseinbußen hinzunehmen haben, wenn man sämtliche Tarifverträge und sonstige Regulierungen abschaffen würde. Die damit einhergehende enorme Schwächung der Kaufkraft würde sich dann wiederum massiv auf den deutschen Binnenmarkt auswirken. Trotzdem würden die Lebenshaltungskosten bei weitem nicht so schnell sinken wie die Einkommen, was sehr viele Menschen ohne eigenes Verschulden zu Sozialfällen machen würde. Die staatlichen und sonstigen öffentlichen Kassen würde dabei erstens weniger Lohnsteuern einnehmen und hätten zweitens durch die zunehmenden Sozialfälle höhere Kosten.

Obendrein gibt es keinerlei Garantie dafür, daß die Unternehmen die somit erreichten höheren Profite hier in Deutschland investieren würden. Warum sollten sie das tun, wenn der deutsche Binnenmarkt durch sinkende Kaufkraft immer unattraktiver wird? Also würden diese auf Kosten der Beschäftigten in Deutschland erzielten Profite fröhlich ins Ausland fießen, und die Arbeitslosigkeit würde hier noch weiter steigen.

Aufgabe des Staates ist es, das Gleichgewicht zwischen den Wünschen der Wirtschaft und den Wünschen der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Wenn man einer Seite dabei total nachgibt, dann gibt es dieses Gleichgewicht sehr schnell nicht mehr, mit dem Ergebnis, daß die ganze Wirtschaft wie ein Kartenhaus zusammen brechen kann.

Freundliche Grüße
von Garfield




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