Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 2 - 21.05.2006 - 25.10.2012

233.682 Postings in 30.704 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Moment mal..

mee, Friday, 11.06.2010, 19:14 (vor 5690 Tagen) @ Zwei Paar Schuhe

Es gibt durchaus sehr unterschiedliche feministische Theorien..

Bei Kritik zerfällt Feminismus plötzlich immer in millionen Individuen, die schwören "ICH doch nicht, beschwer' Dich bei der Dworkin. Du hast doch keine Ahnung was MEIN Feminismus ist."

Der Kindergarten interessiert nicht, Feminismus ist die überwiegend verbreitete Ideologie der FeministInnen. Natürlich gibt es auch Feministinnen wie Wendy McElroy, aber sie sind die Ausnahme und nicht die Regel. Verallgemeinerungen sind notwendig um überhaupt diskutieren zu können, man kann ja nicht bei jeder Diskussion jede FeministIn auf der Welt einzeln mit Namen aufzählen.

Es geht eben heute mehr und mehr darum, eine "eigene
Haltung" zu finden, da die Normen aufweichen und das Individuum quasi
freigestellt wird. Das konstruierte Geschlecht bzw. das konstruierte
Verhalten innerhalb einer bestimmten Zeit und Kultur ist zwar sichtbar,
aber ist es auch veränderbar? Sollte, muss es in seiner Auffassung
beschleunigt oder neu gestaltet werden? Sind hier Maßnahmen oder nur
Diskussionen und Betrachtungen gefragt?

Es geht überwiegend nach wie vor darum, das sogenannte Patriarchat zu bekämpfen, mit den Implikationen die ich beschrieben habe. Da die Konstruktion als Unterdrückungsmechanismus definiert wird, sind selbstverständlich Maßnahmen gefordert, und seien es "Diskusionen" die unter feministischen Paradigmen zu führen sind.

Das ist eben nicht "folgerichtig legitim". Warum sollten sich Individuen
nicht dafür entscheiden, sich einem Stereotyp zu unterwerfen, selbst wenn
sie es "durchschauen"?

Weil dieses sogenannte Stereotyp auxiomatisch als "Patriarchal" definiert wird, somit also der Mann der es pflegt dies per Definition aus einem Hegemoniebestreben heraus tut, und eine Frau bestennfalls so "dumm" ist nicht anders zu können als ihre eigene Unterdrückung zu wählen.

Sie selbst mögen es als Vorteil anerkennen aus
welchen Gründen auch immer. Wenn ein solches Tabu folgerichtig legitim
wäre, müsste noch ganz andere Dinge tabuisiert werden, z.B. Religion usw.
Eine irre Vorstellung.

Eine irre Vorstellung, in der Tat. Die Maßnahmen gegen "Geschlechterstereotype" laufen auf hochtouren, angefangen von der Schule über die Werbung bis zum Versuch der Manipulation des Sprachgebrauchs. Nun sollen sogar die Worte Mutter und Vater verbannt werden.

Stereotype sind aber zur Informationsökonomie überlebensnotwendig,

insofern

ist diese Norm eine klassische verlogene Zwangsmoral, da sie ein Mensch

aus

Fleisch und Blut gar nicht erfüllen kann. In etwa vergleichbar mit der
Tabuisierung von Sex.


Allerdings. Die Informationsökologie ist natürlich ein bewusst gewähltes
Konstrukt, das wiederum Stereotype hervorbringt. Eine Zwangsmoral ist etwas
ganz anderes, macht niemals Sinn, egal wie sie definiert wird.

(Ich schieb Informationsökonomie und nicht -ökologie) Der Begriff mag falsch gewählt sein, wir kommen aber ohne Stereotype (=Verallgemeinerungen) nicht mit dem täglichen Leben zurecht. Wer keine Stereotype pflegt kann die Informationsflut, die ihm seine Sinne bieten nicht verarbeiten. Das Verurteilen von Stereotype ist also das Verurteilen einer überlebensnotwendigen Funktion. Das ist letztendlich eine - natülich sinnlose und verlogene - Zwangsmoral der übleren Sorte, weil diese Moral etwas ablehnt das nicht vermeidbar ist (der Zwang besteht darin, dass es zur Anerkennung als nichtunterdrückendes Mitglied der Gesellschaft notwendig ist so zu tun als hätte man keine Stereotype)

Es mag ja noch Sinn machen weit verbreitete Ressentiments zu tabuisieren, da ein Ressentiment eine negative Vorverurteilung ist. Ressentiment sehe ich aber in unserer Gesellschaft überwiegend gegen Männer, die putzende Hausfrau in der Werbung ist kein Ressentiment.

Es gibt keine aufgestellte Norm des Feminismus. Es gibt eine Menge
Theorien und Diskussionen. Sich eine Theorie herauszugreifen und sie als
einschränkend zu bezeichnen, ist legitim aber müßig.

Das dominante Theoriegebäude im Feminismus auszublenden und als "eines von Vielen" darzustellen ist legitim aber müßig.

Der stattfindende
Wandel lässt sich durchaus auf viele verschiedene Faktoren zurückfinden.
Diese sind heterogen und vielschichtig. Ich würde sie niemals so simpel
gebündelt darstellen wollen

Ich habe ja einige Faktoren aufgezählt, die zu einem Wandel der Geschlechterideale geführt haben. Was soll dieses einfach gestrickte Standard-Strohmann-Argument?

Die traditionellen Geschlechterrollen waren schon immer im stetigen

Fluß,

die Vorstellung davon wie Männer und Frauen sich Verhalten sollen haben
sich stets den Notwendigkeiten angepasst. Klar daran zu erkennen, dass
feministische Forderungen noch nie auf nennenswerten Widerstand

gestoßen

sind, Frauen haben sich schon immer an der Gestaltung ihrer Rolle aktiv
beteiligt. Die Gesellschaft hat Frauen schon immer gefragt: Wie wollt

ihr

sein?


Nun, das ist im Rückblick sehr optimistisch dargestellt. Aber neigt man
nicht dazu, in der Erinnerung zu schwelgen und alles Schlimme auszublenden?
Da wird so mancher Krieg zum Abenteuerspielplatz und so mancher Soldat zum
ewigen Kameraden. Die Wirklichkeit war sicher ganz anders.

Wieso optimistisch? Das Leben unserer Großeltern war für Männer und Frauen verdammt hart. Der nächste Strohmann..

Hormone sind in aller Munde! Inwiefern sie die Karriere bestimmen ist eine
andere Frage.

*rolleyes* Ich habe ausdrücklich geschrieben dass Hormone eben nicht bestimmend bzw. determinierend sind. Sie bewirken, ebenso wie eine Kultur die nicht repressiv ist, Tendenzen denen sich Mensch durch bewußte Entscheidung entziehen kann. Sie führen aber zu statisch meßbaren Phänomenen wie weniger Frauen in Vorstandsetagen, in Parteien etc. Warum gibt es in der Türkei mehr Ingenierinnen als im Westen? Etwa weil es in der Türkei weniger Geschlechterstereotypen gibt? Wohl eher: In der Türkei können es sich weniger Frauen leisten sich den hormonellen Einflüssen hinzugeben.

Und ja: Hormone sind in aller Munde, und degegen gilt es nach Auffassung der meisten FeministInnen vorzugehen. Anti-Wissenschaft bzw. Gegenaufklärung, denn Hormone haben ganz klar einen Einfluß auf verhalten.

Wichtiger scheint die herrschende Kultur zu sein. Schon in
Nachbarländern machen Frauen gerne und erfolgreich Karriere, während sie
hier noch als Rabenmütter bezeichnet werden, wenn sie arbeiten und Kinder
haben. Was "besser" ist und ob man etwas daran ändern kann oder will, ist
eine andere Frage.

Frauen haben bei uns die weltweit einmalige Möglichkeit, sich auf ihren Mutterstatus auszuruhen und werden in aller Regel dafür anerkannt und alimentiert. In Frankreich gibt es keine nennenswerte Unterhaltspflicht des Vaters der Mutter gegenüber, und eine Frau die den ganzen Tag nur ihr Kind hütet ist als Klucke verschrien. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotze ist die Deutsche StandardfeministIn diejenige, die den Mutterkultus am fleißigsten füttert.

Das würde ich sicher tun, wenn ich in einer matrilinearen Gesellschaft
leben würde. Dann wäre mir dies mämlich ganz egal. Nicht, dass ich diese
Gesellschaftsform idealisieren möchte, aber das Beispiel zeigt mal wieder,
dass die Rahmenbedingungen die Ideale ändern (wie du selbst schreibst).

Das mag sein, dass DU das tun WÜRDEST. Es lässt sich freilich gut bekennen wenn man nicht 12 std lebensgefährliche und gesundheitsschädliche Arbeit im Stahlwerk leisten muss. Das "Patriarchat" war der Trick, um Männer dazu zu bewegen bis in den Tod alles für ihre Kinder zu geben.

Sicher nicht. Stereotype sind immanent, ziehen sich durch alle Epochen und
Kulturen. Doch sind sie immer im Fluss. Gegen den demokratischen Prozess
ist nichts einzuwenden, doch sind sie ein Produkt der herrschenden
gesellschaftlichen Diskussion. Die wiederum lässt sich nicht verbietrn. Wie
gesagt: eine Zwangsmoral existiert bereits, sie löst sich gerade auf.

Ich sehe keine traditionelle Zwangsmoral für Frauen, was sollen sie denn heute nicht tun dürfen? Schiefe Blicke und Sprüche einzelner sind keine Repression. Was Männer betrifft stimme ich zu, die Gesellschaft legt uns bisweilen mit aller Staatsgewalt auf unsere traditionelle Rolle fest. Frauen erwarten zuallermeist traditionelles Verhalten, bei gleichzeitiger Wahrung des oberflächlichen Anscheins dass Frauen gar nicht mehr darauf angewiesen wären. Wir sollen traditionell sein und uns gleichzeitig dafür bereitwillig beschimpfen lassen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind jedoch
keineswegs natürlich sondern konstruiert. Das müssen sie wohl sein. Doch
wie es eben mit Konstruktionen so ist - sie sind nach einiger Zeit recht
wacklig.

Die Gesellschaft ist von Menschen gestaltet, oh welch' Wunder. Dabei unterliegt sie aber natürlichen Einflüssen und teilweise auch unabänderlichen Bedingungen. Hunger wird nicht als negativ empfunden weil Hunger sozial konstruiert ist.


gesamter Thread:

 

powered by my little forum