Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 2 - 21.05.2006 - 25.10.2012

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Moment mal..

Zwei Paar Schuhe, Friday, 11.06.2010, 10:31 (vor 5690 Tagen) @ mee


Äh, moment mal: Gängige feministischer Theorie leitet aus der These dass
Geschlecht ausschließlich konstruiert sei ab, dass dieses Konstrukt dazu
erschaffen wurde um Frauen zu unterdrücken (Daher ja auch die Ableitung
"Sexismus" aus Rassismus) Da gibt es keinen Spielraum eine eigene Haltung
zu "finden", denn jede andere Haltung als die feministische ist
auxiomatisch "Frauenfeindlich", sprich: sozialschädlich und ebenso zu
ächten wie Gewalt.

Es gibt durchaus sehr unterschiedliche feministische Theorien, sie sind keine homogene Theoriemasse mit Behauptungen und Schlussfolgerungen, die in sich geschlossen sind. Es geht eben heute mehr und mehr darum, eine "eigene Haltung" zu finden, da die Normen aufweichen und das Individuum quasi freigestellt wird. Das konstruierte Geschlecht bzw. das konstruierte Verhalten innerhalb einer bestimmten Zeit und Kultur ist zwar sichtbar, aber ist es auch veränderbar? Sollte, muss es in seiner Auffassung beschleunigt oder neu gestaltet werden? Sind hier Maßnahmen oder nur Diskussionen und Betrachtungen gefragt?

Individualität hat allgemein unbestritten dort ihre Grenze wo die
Individualität anderer eingeschränkt wird.

Das ist zweifellos richtig. Doch müsste man hier genau definieren, von welchen Grenzen die Rede ist und wie man Inidividualität definiert.

Wenn nun

"Geschlechterstereotype" angeblich die Individualität anderer einschränken,
dann ist es folgerichtig legitim und notwendig "Geschlechterstereotype" zu
tabuisieren, sprich: Die Norm "Anti-Geschlechterstereotyp" aufzustellen.

Das ist eben nicht "folgerichtig legitim". Warum sollten sich Individuen nicht dafür entscheiden, sich einem Stereotyp zu unterwerfen, selbst wenn sie es "durchschauen"? Sie selbst mögen es als Vorteil anerkennen aus welchen Gründen auch immer. Wenn ein solches Tabu folgerichtig legitim wäre, müsste noch ganz andere Dinge tabuisiert werden, z.B. Religion usw. Eine irre Vorstellung.

Stereotype sind aber zur Informationsökonomie überlebensnotwendig, insofern
ist diese Norm eine klassische verlogene Zwangsmoral, da sie ein Mensch aus
Fleisch und Blut gar nicht erfüllen kann. In etwa vergleichbar mit der
Tabuisierung von Sex.

Allerdings. Die Informationsökologie ist natürlich ein bewusst gewähltes Konstrukt, das wiederum Stereotype hervorbringt. Eine Zwangsmoral ist etwas ganz anderes, macht niemals Sinn, egal wie sie definiert wird.

Ich schrieb ganz klar: Die vom Feminismus aufgestellte Norm ist
einschänkender als es die traditionelle unter heutigen Bedingungen jemals
gewesen wäre (Familienplanung, Wohlstand, Bildung für breite Schichten,
Strukturwandel in der Arbeitswelt..)

Es gibt keine aufgestellte Norm des Feminismus. Es gibt eine Menge Theorien und Diskussionen. Sich eine Theorie herauszugreifen und sie als einschränkend zu bezeichnen, ist legitim aber müßig. Der stattfindende Wandel lässt sich durchaus auf viele verschiedene Faktoren zurückfinden. Diese sind heterogen und vielschichtig. Ich würde sie niemals so simpel gebündelt darstellen wollen


Die traditionellen Geschlechterrollen waren schon immer im stetigen Fluß,
die Vorstellung davon wie Männer und Frauen sich Verhalten sollen haben
sich stets den Notwendigkeiten angepasst. Klar daran zu erkennen, dass
feministische Forderungen noch nie auf nennenswerten Widerstand gestoßen
sind, Frauen haben sich schon immer an der Gestaltung ihrer Rolle aktiv
beteiligt. Die Gesellschaft hat Frauen schon immer gefragt: Wie wollt ihr
sein?

Nun, das ist im Rückblick sehr optimistisch dargestellt. Aber neigt man nicht dazu, in der Erinnerung zu schwelgen und alles Schlimme auszublenden? Da wird so mancher Krieg zum Abenteuerspielplatz und so mancher Soldat zum ewigen Kameraden. Die Wirklichkeit war sicher ganz anders.

Hormone sind natülich kein Schicksal, Mensch ist ja ein Anpassungswunder.
Dennoch führen z.B. unterschiedliche Hormonkomplexe dazu, dass es statische
Häufungen gibt. Es gibt z.B. weniger Frauen die bereit sind ihr Privatleben
für die Karriere zu opfern. Es gibt einen Unterschied zwischen Biologie und
biologischen Determinismus. FeministInnen dreschen aber unqualifiziert auf
jeden ein, der auch nur das Wort Hormon in den Mund zu nehmen wagt, ein
Sakrileg!

Hormone sind in aller Munde! Inwiefern sie die Karriere bestimmen ist eine andere Frage. Wichtiger scheint die herrschende Kultur zu sein. Schon in Nachbarländern machen Frauen gerne und erfolgreich Karriere, während sie hier noch als Rabenmütter bezeichnet werden, wenn sie arbeiten und Kinder haben. Was "besser" ist und ob man etwas daran ändern kann oder will, ist eine andere Frage.

Das war so, weil in früheren Zeiten Frauen praktisch dauerschwanger waren
und es sehr viel Mühe kostete die so entstehenden vielen Kinder auch nur
satt zu kriegen. Aus Spaß wurde Ernst, und der musste etwas zu beissen
haben. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, dann ändern sich auch die
Geschlechterideale, das zeigt die Geschichte ganz klar. Sollten wir wieder
Lebensbedingungen haben wie unsere Großeltern, dann werden wir auch wieder
ähnliche Geschlechterideale entwickeln (müssen). Oder würdest Du Dich in
der Schwerindustrie für ein Kind kaputtmachen, dass Dein widerlicher
Nachbar heimlich mit Deiner Frau gezeugt hat?

Das würde ich sicher tun, wenn ich in einer matrilinearen Gesellschaft leben würde. Dann wäre mir dies mämlich ganz egal. Nicht, dass ich diese Gesellschaftsform idealisieren möchte, aber das Beispiel zeigt mal wieder, dass die Rahmenbedingungen die Ideale ändern (wie du selbst schreibst).


Es gilt vom Feminismus mit seiner Zwangsmoral abschied zu nehmen, damit
die Geschlechterideale sich entsprechend den Gegebenheiten - in einem
demokratischen Prozess - entwickeln können. Sorry, das "Problem" ist nicht
für immer und ewig aus der Welt zu schaffen indem man
"Geschlechterstereotype" ächtet.

Sicher nicht. Stereotype sind immanent, ziehen sich durch alle Epochen und Kulturen. Doch sind sie immer im Fluss. Gegen den demokratischen Prozess ist nichts einzuwenden, doch sind sie ein Produkt der herrschenden gesellschaftlichen Diskussion. Die wiederum lässt sich nicht verbietrn. Wie gesagt: eine Zwangsmoral existiert bereits, sie löst sich gerade auf.

Wir tun mal einfach so als gäbe es keine

Zweigeschlechtlichkeit und meinen wir hätten so eines der größten Themen
der Menscheit einfach aufgelöst: Das ist einfach nur eine grenzenlos
dämliche Selbstüberschätzung, und eben nicht auch nur ansatzweise ein
gesellschaftlicher Fortschritt. Frauen werden immer die Kinder gebären, und
Männer werden sie immer Zeugen, und das wird immer private und
gesellschaftliche Auswirkungen haben.

Das stimmt allerdings. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind jedoch keineswegs natürlich sondern konstruiert. Das müssen sie wohl sein. Doch wie es eben mit Konstruktionen so ist - sie sind nach einiger Zeit recht wacklig.


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