Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Sehr guter Beitrag :-)

ChrisTine, Monday, 29.11.2004, 09:10 (vor 7738 Tagen) @ Stadtmensch

Als Antwort auf: Re: Erfahrung in der Bahn von Stadtmensch am 26. November 2004 23:56:56:

Lieber Nick,
was du schreibst, ist sicher von viel Hoffnung getragen, es könnte eine Lösung für den Geschlechterkampf, so wie er heutzutage zugespitzt abläuft, geben. Ich würde mich gerne deiner Meinung anschließen, denn wer wollte sich nicht wünschen, dass er (oder eben sie) wieder zu diesem Urvertrauen zurückfindet, das die Grundlage für den Fortgang unserer Menschheit darstellt.
Aber ich habe berechtigte Zweifel an einer Rückführung zu diesen altbewährten Mechanismen. Zuallererst findet man in der Historie kein einziges Beispiel dafür, dass eine regressive Rückbesinnung je auf längere Sicht funktioniert hat. Im Gegenteil: dort, wo frühere Zustände zurückgeholt wurden, geschah dies unter enormen Verlusten und mit der Akzeptanz vieler persönlicher Tragödien. Es gab reichlich regressive und auch reaktionäre Bestrebungen in der Geschichte, die eine Verklärung altbewährter Gesellschaftszustände herbeifabulierten, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass die Geschichte, auch wenn sie sich zu kulturellen Blüten entwickelt hatte, nur eine Richtung kennt: nach vorne. Die Regression war stets ein Inzest mit ihrer eigenen Morbidität. Und auf diese folgte zwangsläufig etwas Neues, meist sehr bald sogar und sehr viel heftiger.
Aber das ist nicht der eigentliche Grund dafür, dass die Sehnsucht, die uns alle antreibt, nämlich die Sehnsucht nach einem friedvollen Zusammenleben mit dem anderen Geschlecht und die Entwicklung libidonöser Beziehungen (hat nur bedingt mit Sex zu tun) zum Nutzen aller vor dem Hintergrund der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte eine unerfüllbare Sehnsucht bleibt. Ich gebe dieser Sehnsucht keine Chance und will das auch versuchen zu erklären.
Niemand wird wohl bestreiten, dass zwischen Männern und Frauen Sexualität das mit Abstand komplizierteste Verhältnis ist, auf das man im alltäglichen Umgang stößt. Vieles von dem, was wir tun oder lassen, basiert auf sehr fein abgestuften, erotischen Einschätzungen. Natürlich wird der eine oder andere widersprechen, dass man nicht alles, was zwischen den Menschen geschieht, auf ein einziges Grundproblem hinunterbrechen kann. Das ist aber auch nicht meine Behauptung. Ich gehe, wenn ich von Sexualität spreche, von einem sehr breit angelegten Phänomen aus, das sehr viel mehr einschließt als bestimmte, bettlastige Akte - was keine Erfindung von mir ist, sondern sich von Anfang an durch die Psychologie wie ein roter Faden zieht. Da ist zum Beispiel das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Gemeinsamkeit und Geborgenheit. Niemand würde das als vordergründig sexuell einschätzen und das sind solche Bedürfnisse oberflächlich gesehen auch nicht. Nur in Verbindung mit körperlicher Nähe zeigen sie ihre Verwandschaft zur Sexualität. Dennoch bleibe ich dabei, dass z.B. die Dynamik sozialer Rangfolgen, Partnerwahlen, Gruppenstati und gesellschaftlichen Binnenbeziehungen der Menschen in einem sehr starken Maße davon eingefärbt sind, wie jeder einzelne Mensch als Teil seiner Gemeinschaft seinen persönlichen Attraktivitätsgrad zur Entfaltung bringen kann.
Ich behaupte weiterhin folgendes: Was wir in unseren sexuellen Beziehungen zu unseren Partnern suchen, ist nicht allein vordergründiger Sex, sondern das Gefühl des Angenommenseins, des tiefen Vertrauens, der Geborgenheit auch unter Einbeziehung aller persönlicher Zweifel, die jeder Mensch mit sich herumträgt - übrigens auch Männer. Ich behaupte weiterhin, dass diese Sehnsucht, die sich meistens eben in heterosexuellen Beziehungen äußert, aber auch in jeder anderen Beziehung vorkommt, eine Sehnsucht nach der Wiederholung frühkindlicher Erfahrungen ist. Was macht diese Sehnsucht aus? Es ist der Wunsch nach körperlicher Nähe, Zärtlichkeit, aber auch die Sehnsucht nach Verlust des Existenzdrucks, nach der Garantie, dass andere - in dem Fall die eigenen Eltern - für das eigene Überleben aufkommen. Selbst dort, wo Eltern massiv in dieser wichtigen Funktion versagen, bleibt einem Kind nichts weiter übrig, als sich seinen Eltern zunächst auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Selbst da, wo die Hoffnung auf Geborgenheit unerfüllt bleibt, hat ein Kleinkind keine andere Reaktionsmöglichkeit, als zunächst einmal den eigenen Eltern gegenüber ein Grundvertrauen entgegenzubringen. Die rationale Abwägung, ob dieses elementare Bedürfnis seine Erfüllung findet und wieviel Energieinvestition dafür sich lohnt, ohne dass es der eigenen Entwicklung schadet, kann ein Kind gar nicht treffen.
Der Wunsch nach einer solchen starken Gemeinschaft/Gemeinsamkeit ist elementar und kann aus praktikablen Gründen nicht von einem Kleinkind in irgendeiner Weise gesteuert werden. Das Bedürnis steuert vielmehr das Kind - und auch die meisten erwachsenen Kinder. In unserem Erwachsenenleben suchen wir in der Regel nach einer Wiederholung eben jener Behütung, die wir als Kinder erlebt haben. Ich sehe hier einmal von extremen Problem- und Anti-Beispielen, die es in jedem Zusammenhang immer gibt, einmal ab. Aber die Sehnsucht nach Partnerschaft ist ja in der Hauptsache davon geprägt, sich auf die Rolle als Eltern vorzubereiten, eine Rolle, die wiederum für die eigenen Nachfahren die Situation so formt, dass diese sich geborgen und versorgt fühlen können. Ich behaupte desweiteren, dass diese Art der Vorbereitung auf die natürlichste Handlung im Laufe des Erwachsenenlebens - nämlich das Kinderkriegen - als Voraussetzung hat, dass die Erwachsenen selber, ja "selbstsüchtig" einen Teil dieser elementaren Geborgenheit er- und ausleben können. Dafür wurden uns von der Natur hormonelle Voraussetzungen mitgegeben, die Wissenschaftler als "neurotische Zustände" (nämlich des Verliebtseins) bezeichnen. Daran ist bisher überhaupt nichts Verwerfliches, das heißt, ich möchte nicht so verstanden werden, als fände ich diese merkwürdig-komplizierten Umstände verächtlich. Im Gegenteil: nur allzu gerne habe ich mich wie jeder andere auch diesen Hormonschüben immer wieder und ausgesprochen freiwillig ausgeliefert.
Der Grund für die vehementen Widersprüche heutiger Paarbeziehung (Kurzlebigkeit, Verlust des Grundvertrauens usw.) liegt hauptsächlich in einem Missverständnis darüber begründet, wer in einer Partnerschaft nun für die Erfüllung libidonöser Bedürfnisse verantwortlich gemacht werden kann. Libidonöse Bedürfnisse basieren von ihrem Ursprung her auf körperlicher Geborgenheit und Befriedigung, gehen aber darüber weit hinaus.
Man ist sich in der Wissenschaft desweiteren auch schon lange einig darüber, dass die sexuelle Entscheidungsgewalt, die sehr viele subtile, partnerschaftliche Mechanismen (auch ganz asexuelle) in einer Beziehung steuert, nicht bei den Männern, sondern bei den Frauen beheimatet ist - und das aus gutem Grund. Es hilft nichts, davor die Augen zu verschließen, meine Herren: da die Frau im Zweifelsfall die stärksten Konsequenzen in einer Partnerschaft zu tragen hat (nämlich eine Schwangerschaft), ist es im wesentlichen ihre Entscheidung, wie sich das Zusammenwirken von Sexualtität, Geborgenheit, Vertrauen, Partnerschaftlichkeit und vielem mehr ausgestaltet. Selbst die Beziehungsanbahnung geht fast nie von den Männern aus, sondern von den Frauen; wobei die sich, auch wenn sie sich von solch einem Satz in Verzückung bringen lassen mögen, längst nicht immer nach wohlüberlegten Entscheidungen handeln. Vielmehr werden auch sie angetrieben von einer Mehrzahl unbewusster und zutiefst archaischer Motive, die sie selten in ihrer Gänze überblicken. Warum wohl ist Geld eines dieser Hauptattraktivitätsmerkmale, das auf Frauen so verführerisch wirkt? Doch deshalb, weil es die eigene, potenzielle Schwangerschaft und Nachkommenschaft absichert. Dennoch reden die Frauen, die sich davon leiten lassen, zuallererst von "Liebe"; sie glauben sogar fest daran, weil sie nicht anders können.
Um nun das Thema "Wiedereinführung von Urvertrauen" unter den genannten Gesichtspunkten noch einmal aufleben zu lassen: Die Rollenverteilungen, die in den letzten Jahrzehnten so massiv kritisiert und demontiert wurden - wohlgemerkt vor allem von Männern in entsprechenden Entscheidungspositionen - sind nach meinem Dafürhalten so umfassend, dass sie bestimmte Grundlagen, die die Weiterexistenz ganzer Völker beeinflussen, ins Wanken gebracht haben. Hinter diesen Ausgangspunkt gibt es kein Zurück. Wenn wir einen neuen, vertrauensvollen Pakt zwischen den Geschlechtern wollen, so kann dies keine bloße Regression oder eine Reinstitutionalisierung alter Verhältnisse sein. Die Geschichte würde uns diesen Fehler in sehr kurzer Zeit um die Ohren hauen.
Was wir brauchen, ist eine Neudefinition des Rollenverständnisses. Aber dieses Neuverständnis entsteht nicht und zwar aus dem alleinigen Grund, dass die, die diese Forderung nach Aufbrechen alter Rollenmuster einst erhoben haben (Feministinnen und Feministen) die stärksten Hemmschuhe dafür bilden. Denn ihre Sehnsucht nach existentieller Befriedigung (ob nun durch einen Staat oder durch einen Patriarchen), also die zutiefst infantile Sehnsucht nach Geborgenheit (wertfrei gemeint) ist nach wie vor ihr vordergründigstes Anliegen. Will man diese Verhältnisse ändern, muss auch diese Seite der Gesellschaft bereit sein, auf bestimmte, liebgewordene Bequemlichkeiten zu verzichten. Zum Beispiel müssten auch Feministinnen eben bereit sein, gefährliche und lebensverkürzende Jobs anzunehmen, die Versorgungsverantwortung für Mann und Kinder zu übernehmen usw, usf; altbekannte Forderungen also auch dieses Forums, deren Ausschmückung ich mir hier schenke.
Da wir aber von dieser Art Einsichten noch Lichtjahre entfernt sind und die Gefräßigkeit der Dekadenten nicht aufhören mag, habe ich (wie ich finde) berechtigte Zweifel an der Lösbarkeit des Geschlechterkonfliktes in dem uns verbleibenden Leben. Das soll nun aber auch kein Aufruf zur Resignation sein; dazu liebe ich das Leben viel zu sehr. Ich sehe das eher sportlich.
Sorry, jetzt ist der Beitrag doch etwas länger geworden. Ich hör jetzt aber mal auf, um noch unter der "Zwölf-Uhr-Grenze" durchzurutschen.
Der vom anderen Stammtisch
Stadtmensch


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