Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Erfahrung in der Bahn

Nick, Saturday, 27.11.2004, 17:26 (vor 7740 Tagen) @ Jolanda

Als Antwort auf: Re: Erfahrung in der Bahn von Jolanda am 27. November 2004 03:21:15:

Liebe Jolanda,

"Das sollte kein Aufruf sein, nun alle Frauen abzuservieren. Mein Gott, du kennst mich. Du weisst, wie ich mich verhalte, wie wichtig mir gegenseitiger Respekt und Anstand ist."

Du bist in der Tat sehr subjektiv :-)) Klar kenne ich dich! Ich habe aber gar nicht "über dich" geschrieben, sondern ich habe Gedanken aufgegriffen, die du (und in diesem Fall nur du) formuliert hast, und bis an ihre Konsequenzen weitergedacht. Das ist ein Unterschied. An deiner Loyalität gegenüber Respekt und Anstand zweifle ich in keiner Weise, vielmehr ist offenbar, daß eben diese Loyalität der innere Beweggrund deines Textes war. Das habe ich durchaus verstanden.

"Und dann noch was...ich bin eine Frau, ich wünsche mir sicher nicht, dass die Männer nun alle keine Manieren mehr haben und nur noch in der Welt herumrennen, um es uns Frauen heimzuzahlen."

Für einen Moment hatte ich den Impuls, diesen Punkt zu streifen, habe es dann aber gleich gelassen, weil es in meiner Antwort eben nicht um dich als Person ging.

"Weisst du, wo das Problem liegt Nick. Männer scheinen sich viel mehr Gedanken darüber zu machen, über Anstand, Gerechtigkeit, Fairness, etc. als das die Frauen tun."

Das ist zwar unter gewissen Gesichtspunkten ein Problem, das sehe ich durchaus auch. Vor allem aber ist es ein Vorzug, der diejenigen ehrt, die sich solche Gedanken (spontan und ohne Hintergedanken) überhaupt machen. Die Welt der Menschen lebt davon - und hat immer nur davon gelebt - daß es Männer gab, die sich uneigennützig solche Gedanken machten. Sollte das einmal ganz aufhören, dann wäre die Menschheit endgültig an ihrem Ende angekommen. Wir sind da inzwischen ziemlich nah dran, finde ich.

"Anders kann ich mir das, was hier nun abläuft nicht erklären. Ich meine, ich schreibe nun seit Jahren in den Geschlechterforen. Wenn ich in Frauenforen las oder schrieb oder auch in Chats war, mich unterhalten habe, öffentlich mit vielen Leuten, dann kamen da andauernd irgendwelche Sprüche über Männer und nie hat jemand die Männer verteidigt und schon gar keine Frau. Das war witzig, lustig und schliesslich ja wahr!"

Für oder gegen wessen Gesinnung spricht diese Tatsache?

"Und dann schreibt hier einmal ein Mann, dass er eine Frau kalt gestellt hat, die er für arrogant hielt, das ist sein Ermessen, keiner von uns weiss, wie das war. Und dann kommen die Männer und sagen, ist ja in Ordnung wir müssen uns abgrenzen, aber man hätte diese Frau auch netter behandeln können. Und es wird über unzählige Postings darüber geredet, ob diese Verhalten nun gerechtfertigt war, ob die Frau wohl wirklich nicht vielleicht doch reden wollte, ob man nicht vielleicht mehr erreicht hätte, wenn man auf sie eingegangen wäre."

Es sind zwei unterschiedliche Themen parallel diskutiert worden, ohne daß dies sauber unterschieden wurde. Darin liegt das Mißverständnis.

"Im umgekehrten Fall, hätte eine Frau das erzählt auf einem Frauenforum, hätte sie sofort grinsenden Zuspruch bekommen, von allen Seiten."

Spricht das für diese Leute? Oder gegen sie?

"Ich meine, mir kann das im Grunde genommen echt egal sein. Wirklich, ich müsste darüber doch nicht diskutieren, das ist ja eh schon fast grotesk. Wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr lieber gemässsigter seid und einfach anständiger als die Frauen, egal wie sie sich verhalten, dann tut das."

Es gibt unterschiedliche Standpunkte in dieser Frage. Ich denke, ein "wir" gibt es da nicht. Ich vermute deshalb nicht, daß ich hier für "alle" sprechen könnte... Ich weiß ja nicht... also, ob mich zum Beispiel eine Mehrheit hier unbedingt als "gemäßigt" bezeichnen würde? Ich selbst tu's zwar. Aber das hat glaub ich wenig zu sagen... :-) Für manche bin ich bestimmt ganz klar ein Fanatiker.

"Ich bin einfach eine Frau und ich weiss, dass ich etwas meistens erst dann wirklich ändere, wenn ich weiss, dass der andere hier nicht mit sich reden lässt. Das ist nun mal so. Wenn man die Möglichkeit hat, das noch weg zu reden oder dem anderen ein schlechtes Gewissen zu verschaffen, dann muss man ja noch nicht ganz nachgeben. Ich finde klare Grenzen wichtig. Ich finde es wichtig, dass Frauen erkennen, dass Männer ein eigenes Selbstwertgefühl haben und auch mal sagen: "Stopp, ich habe keine Lust, auf diese Art von Kommunikation habe ich keine Lust". Ich kann das als Frau doch auch respektieren oder.... ohne gleich eingeschnappt zu sein?! Das ist eben eine Grenze, die mir jemand setzt."

Meine Lebenserfahrung seit jeher: ALLE Frauen sind ununterbrochen auf der Suche nach den Grenzen, die ihnen von Männern gesetzt werden (auch Feministinnen, wenn auch auf total kaputte, selbsthasserische, destruktive Art). Gleichzeitig testen sie dauernd aus, ob und wo sie diese umgehen oder aufheben können. Ich halte dieses subtile Spiel für die archetypische Konstellation der Geschlechter schlechthin: eine fein austarierte Balance, die die Basis der (auch erotischen) Spannung zwischen den Geschlechtern und zugleich ihrer Harmonie gebildet hat seit Adam und Eva.

Das ist in dem Maße kaputtgegangen, wie der moderne Mensch sich zum Erfinder seiner selbst ernannt hat. Für diejenigen, die dran glauben, ist nichts als Käse dabei herausgekommen, auf sämtlichen Gebieten ohne Ausnahme, auch auf diesem, das nun mal die Grundlage für ALLES Menschliche ist und bleibt. Freiheit wurde gedankenlos aufgefaßt als Machtergreifung über die Zukunft, mit der unausbleiblichen Folge, daß diese Zukunft eines Tages aufgefrühstückt ist und der Rand der menschlichen Matrix erreicht wird. Jenseits davon ist das Nichts. Das ist heute.

Die Erfindung der "totalen Freiheit" erweist sich jetzt also grinsend als das, was sie von Anfang an gewesen ist: ein trostloses Gefängnis für geistig bettelarme Hungerleider, ein Gefängnis, das kein Tor besitzt. Eintönig und einsam fallen die unentrinnbaren Tage voll Trübsinn und Verzweiflung unerbittlich in ihre Vergangenheit und apathisch, matt wird registriert, wie all die hybriden Illusionen des Ego als Seifenblasen platzen. Am Ende kommt der Krebs und läßt ein wenig Zeit zu kapieren, wie sagenhaft bescheuert man seine Freude und sein Leben samt Ewigkeit verplempert hat, bloß weil man sich gegenseitig versicherte, das das genau so sein müsse und nicht anders sein dürfe. Das ist das Denken der Sklaven. Es wird enden wie "Vor dem Gesetz" von Franz Kafka: "Ich habe mich selbst aus eigenem Entschluß zum Sklaven meiner selbst erniedrigt!" Das ist der Raum der "Freiheit", den der Mensch der Moderne sich und seinesgleichen zugemessen hat. Und dann wird's dunkel für immer. Ganz so, wie man es ja immer gewollt hat. Wer stirbt, wird halt einfach über die Mauer geworfen - und das war's dann. Oder hat hier etwa einer Hoffnung - oder wenigstens doch Hunger - nach mehr?

"Ich will nicht zur Anarchie aufrufen. Ich wollte doch nur sagen, dass mir auffällt, wie viele von euch sofort intervenieren, wenn ein Mann sich abgrenzt, auf eine Art und Weise, die andere Männer nicht gut finden."

Wie gesagt: es sind zwei(!) Themen... :-)))

"Aber man grenzt sich im Leben doch immer so ab, wie man sich fühlt, das kommt doch ganz darauf an, wo man steht, auch was die ganzen Männeranliegen betrifft."

Bevor man sich abgrenzen kann, muß man sein eigenes Gebiet kennen. Das braucht Zeit, da das Wissen darum bei den meisten verschüttet ist.

"Auch Wut hat ihre Zeit, wenn ich mich dann einfach krass abgrenzen muss, dann ist das eben so. Wie kann man einem Mann denn sagen, wie er sich richtig verhalten soll, wie er sich abgrenzen soll, aber so, dass er immer noch nett ist."

Wut ist legitim wie jede authentische Emotion. Allerdings genauso blind. Ich halte deshalb viel davon, daß die Emotionen dem Verstand zu gehorchen haben und nicht umgekehrt. Und vor allem, daß immer das "Herz" dazwischengeschaltet sein sollte ("Herz" hier gemeint als grundsätzliche Großmut: ja ja, ich weiß, das sind alles sehr altmodische, unmoderne Kategorien). Ausnahmen davon sollten nicht die Regel werden. Übrigens ist der vom Verstand kontrollierte Zorn um Größenordnungen effektiver und durchschlagender, denn er ist unpersönlich und bleibt an der Sache dran. Deshalb steht ihm die Zeit als Mittel der Wirkung zur Verfügung. Die blinde Wut hat diese Freiheitsgrade alle nicht.

"Ich meine, habt ihr nicht unterschiedliche Phasen durchgemacht, wart ihr nicht alle mal wütend oder verletzt oder frustriert, dann reagiert man sicher heftiger, aber das ist doch eine Entwicklung. Gehört das nicht zum Prozess der Männerbewegung dazu."

Das IST der (laufende) Prozeß der Männerbewegung... :-) Entwicklung braucht eben Zeit und kennt Phasen.

"Vielleicht liege ich ja völlig falsch. Es ist einfach so, dass ich mir viele Gedanken mache, wenn Männer über ihre Erfahrungen schreiben und ich finde es gut, wenn sie sich abgrenzen. Und ich werde den Teufel tun und dann kommen und dem Mann vorwerfen, dass er sich abgegrenzt hat oder mich als erstes über das wie auslassen."

Du bist du. Und das ist sehr gut so :-)

"Aber vielleicht sollte ich mir einfach nicht so viele Gedanken machen. Vielleicht sollte ich mich auch auf den einzelnen Satz in jedem Posting konzentrieren und wenn ich das nicht kann, dann einfach ruhig sein."

Meinst du denn, daß du das hinkriegen würdest?

"Meine Rechte werden nicht mit Füssen getreten, es steht mir im Endeffekt sicher nicht zu, euch zu sagen, wie ihr vorgehen sollt, behüte Gott. Ich denke manchmal einfach, ich mache mir da wohl mehr Gedanken als ihr und das wiederum, nein, das muss nicht sein."

Och, "wir" machen uns schon auch so "unsere" Gedanken...

"Und damit möchte ich dieses Thema schliessen. Mir ist ein bisschen nach Ruhe. Ich denke, du verstehst das. Ich habe eh schon wieder viel zu viel öffentlich geschrieben. Und so viel emotionales und völlig irrationales auf einmal, könnte dem ein oder anderen hier zu viel werden. Ich mag das nicht so."

Aber ich mag DICH! :-)))

Ganz liebe Grüße
von deinem Nick

Franz Kafka - "Vor dem Gesetz"

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kam nicht einmal ich mehr ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.« Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich. « »Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«


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