Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Unfreiwillige Komik - Der tragische Fall Anke.

carlos, Saturday, 09.10.2004, 16:37 (vor 7789 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Re: Unfreiwillige Komik - Der tragische Fall Anke. von susu am 07. Oktober 2004 20:17:26:

Servus!

*...Im Gegensatz zu einem Clown war es aber ehrlich. Ich finde den Gedanken, daß es Leute gibt, die ernthaft auf die Idee kommen Apokalyptische Parolen in einen Gottesdienst zu rufen und einiges erheiternder, als das es Leute gibt, die sich für einen miesen Lohn taeglich einen Eimer Wasser ueber die Ruebe kippen lassen.*

Interessanter Gedanke, aber nicht ganz richtig. Der Clown luegt niemals, weil man beim Humor nicht luegen kann. Die Leute verstehen den Humor und lachen, oder sie lachen nicht, weil sie ihn nicht verstanden haben, oder Humor war halt gar keiner. Denjenigen, den du mit der Unehrlichkeit meinst, ist der Scharlatan. Nehmen wir zum Beispiel zwei Maler aus der Kunst, um den Unterschied zwischen Clown und Scharlatan herauszuschaelen: Picasso und Beuys.
Picasso konnte wie Tizian begnadet malen; das heisst, er malte so lange, bis er merkte, dass die Leute echte Handwerkskunst nicht mehr schaetzten, sondern vor irgendwelchen Kritzeleien gaffend auf die Knie fielen und sich dabei einbildeten, selber etwas Besonders geworden zu sein. Weil Picasso ein vernunftbegabter, oekonomisch denkender Mensch war, der obendrein das Zirkusleben, die Clowns und die Frauen liebte und die Kritzeleien sich schneller produzieren und verscheuern liessen, als echte Kunst, fertigte er fuer den Kunstmarkt halt nur noch besagte Kritzeleien an. In seinem Familienkreis aber wollte er keinen Zirkus: Niemals hat er seine Kinder oder sonst wen mit zwei oder Strichen gekritzelt, ganz im Gegenteil. Der lebenslustige Picasso war eine Mischung aus Clown und Till Eulenspiegel, ein Archivar menschlicher Dummheit, der die ihn angaffende Meute mehr oder weniger heimlich ausgelacht hat; die Geschichte rund um Picasso hat etwas mit dem Epsilon zu tun, von dem du erzaehlt hast. Auch Hape Kerkeling war Clown und Till Eulenspiegel, als er mit versteckter Kamera sein Sketch „Hurz“ aufgefuehrt hat. Die Kunst des Schneiderhandwerks damaliger Tage in *Des Kaisers neue Kleider* aus war indes eine Mischung aus Clownerie, Till Eulenspiegel und Scharlatanerie. Ich weiss, ich weiss... sehr oft bis meistens transportiert so mancher Clown auch seine eigene Tragik, und wir reagieren mit einer Mischung aus Lachen und Nachdenklichkeit. Charlie Rivel war da genial...
Beuys dagegen war ein Scharlatan. Er hat in seinem ganzen Leben nicht ein einziges, echtes Kunstwerk abgeliefert, nicht ein einziges Gemaelde geschaffen. Beuys konnte nicht malen. Er hat ausrangierte Leichentische, Fettstuehle und ausgebeulte Anzuege hoechst erfolgreich als Kunstwerke verscheuert. Seine Waffen waren das So=Als=Ob, das Vorgaukeln falscher Tatsachen, der Budenzauber, das Brimborium mit nichts, also mit null Können dahinter und Lug und Betrug. Humorvoll kann ein Scharlatan trotzdem wirken: Wahrscheinlich war Beuys ueber seinen Erfolg manchmal selber perplex und ab und an hat er sich erlaubt, alleine in einem schalldichten Keller laut loszulachen. Und nachdenklich gemacht hat er mich auch nicht, sondern gelangweilt. Beuys ist mir ansonsten auf den Sack gegangen. De mortibus nihil nisi bene...
Und jener Rufer in der Kirche? Nun, lustig kann man ihn schon finden; weswegen auch immer. Fuer einen Clown, einen Till Eulenspiegel oder auch Scharlatan halte ich ihn nicht, weil ein Clown die Leute aufheitern, zum lachen bringen und auch nachdenklich machen, ihnen aber keinesfalls auf den Sack gehen will. Und wenn die Leute in die Kirche gehen, dann wollen sie beten oder meditieren; also etwas tun, was sich mit Kategorien des Lachens oder Weinens nicht messen laesst. Nein, jener Rufer war wohl eher der Exponent seiner eigenen Groteske, bestenfalls seiner eigenen Tragikomödie; vielleicht hatte er schlicht auch nur einen Knall.
Halligalli!
carlos


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