Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Unfreiwillige Komik - Der tragische Fall Anke.

Ruth Teibold-Wagner, Thursday, 07.10.2004, 18:51 (vor 7791 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Re: Ankes Witze oder: Warum Frauen nicht witzig wirken. von susu am 07. Oktober 2004 14:44:01:

Hallo

Humor ist per Definition eine Gelassenheit, eine Fähigkeit zum Selbsttrost (Goldt, 2004). "Wer Humor hat, hat Distanz zu sich selbst, kann sich von weitem sehen, ist dadurch gegen Wut und Haß zwar nicht gefeit, wird aber nicht von ihnen aufgefressen." (ibid.).

Genau.
Eine besondere Spielart des Humors ist der "Galgen"-Humor. Es gab einen "Ketzer", ich weiß nicht mehr welcher das war, der sagte, bevor sie den Scheiterhaufen anbrannten, zu den anwesenden kirchlichen Würdenträgern:
"Aber dass Ihr mich auch wirklich gut durchbratet. Ich möchte ein guter Braten werden.", oder so ähnlich.
Dieser Spruch ging in die Geschichte ein, alle haben Respekt vor dem Kerl, der sich sogar noch angesichts des Todes mit Galgenhumor über die sadistischen Machthaber lustig machte.

Der Witz von den zwei afghanischen Frauen, die sich im Burka-Laden darüber unterhalten, ob eine mausgraue oder doch lieber eine asphaltgraue Burka dem aktuellen Modetrend mehr entspräche, würde ich auch in diese Kategorie des Galgenhumors einordnen, angesichts dessen einem der sprichwörtliche Bissen im Hals stecken bleiben kann. Es ist richtig, dass es Galgen-Humor auch bei Frauen gibt. Es gibt z.B. eine schweizerische Clownin, die ich mal gesehen habe, die eine PUTZFRAU spielt und durch Situationskomik die Autorität absolut lächerlich macht.
Das gibt es bei Frauen aber sonderbarerweise selten.
Charlie, der Tramp, der die Polizei von vorne bis hinten verarscht, war eben männlich.

Was du als Humor bezeichnest ist die Komik. Komik ist aber keineswegs von Humor abhängig. Gerade vollkommen humorlose Leute wirken oft komisch, allerdings selten dann, wenn sie "witzig" sein wollen.

Unfreiwillige Komik eben. Der tragische Fall Anke.

Der echte Clown aber WIRKT tatsächlich komisch. Der Clowndarsteller HAT Humor insofern, dass er sich selbst zum Deppen macht, über den gelacht wird, indem er z.B. in unmöglichem Aufzug, der jeglicher gesellschaftlicher Konvention Hohn spricht oder die gesellschaftliche Konvention durch extreme Übertreibung karikiert, herumläuft, oder in situationskomische Fallen tappt, indem ihm z.B. irgend etwas peinliches passiert, er dieses Peinliche dann gut meinend, aber blöd handelnd "auszubessern" versucht und es in Wahrheit immer nur noch schlimmer macht. Als Zuschauer sitzen wir da und möchten ihm am liebsten helfen, können es aber nicht und lachen uns über den armen Kerl halbtot.

Das ist doch Humor, der Komik bewirkt. Humor bewirkt hier Komik.

Der ewige Klassenkasper ist eine ähnliche Figur. Er wirkt gewollt komisch, indem er totalen Quatsch macht, völlige Scheiße baut, so dass man meint, der hätte nicht alle beisammen. Dabei kann der hochintelligent sein. Ich gebe zu, dass in dem Fall die Grenzen fließend sind. Aber gerade dieses Spiel mit der Grenze zwischen unfreiwilliger und freiwilliger Komik gehört zur Komik unbedingt mit dazu.

Ein gutes Beispiel war beim von den öffentlich rechtlichen übertragenen ökumensichen Gottesdienst am 3.10 zu sehen, wo ein Typ plötlich anfing etwas von "Umkehr" und "Satan" zu rufen (womit er die Ökumene meinte). Ein völlig humorloser Mensch, der extrem komisch wirkte.

Falsch. Das war nicht "komisch", sondern "lächerlich". Ich konnte nur hämisch und zynisch lachen. Das hatte nichts befreiendes.

Humorlosigkeit zu diggen, also als Stilmittel zur Erzeugung von Komik einzusetzen ist das Prinzip von Dada. Es erzeugt jene Komik, die Goldt mal als die möglicherweise beste bezeichnete, nämlich jene, die als "gewollt ungewollt komisch wirkend" erkannt werden könne.

Auf jeden Fall.

Die Beziehung zwischen Komik und Macht ist ungleich komplizierter. Ein Witz (im folgenden als Sammelbegriff für das Komische benutzt) erzeugt ein Machtverhältnis dadurch, daß er ein Innen und ein Außen erzeugt, wobei das Innere dadurch privilegiert wird, daß es an der Komik des Witzes Teil hat. Der Witz ist in diesem Sinne Identitätsstiftend, als daß er eine dichotome Beziehung aufbaut "those who get it - those who don´t". Ich verdeutliche das Mal am Beispiel eines Witzes, der in Kreisen der Methematikstudis verbreitet ist: "In Nürnberg haben sie jetzt ein Epsilon gefunden, das ist so klein, das kann man schon fast als negativ betrachten". Darüber kann nur lachen, wer weiß was ein Epsilon ist (ob so ein Mensch das auch tut, hängt noch von weiteren Variablen ab, wie z.B. der schlechte des Geschmacks).

Sehr gut.

Der Schwächere KANN sich nicht selbst auf die Schippe nehmen. Wie soll der Schwächere selbstironisch sein können? Nur der Mächtigere kann das.
Das ist dementsprechend Unsinn. Trotz, oder gerade wegen des europäischen Anti-Semitismus bildete sich in Europa ein spezifischer jüdischer Witz (Auch hier ein Beispiel - Ein Rabbi wird gefragt: "Warum antwortet ihr Rabbis eigentlich auf jede Frage mit einer Gegenfrage?" "Und warum sollten wir Rabbis nicht auf jede Frage mit einer Gegenfrage antworten?").

O.k., zugegeben. Warum bringen Frauen diese Art der Selbstironie und auch des Galgenhumors nur so wenig zustande?

Und Allison Bechdels Comics sind ebenfalls seit Ewigkeiten lustig. Aber eben: Richtig lustig nur, wenn mensch innen ist.
„Viele Frauen haben sich so lange nicht die Beine rasiert – die wissen gar nicht, dass sie Orangenhaut haben!“ Ein mißlungener Versuch weiblicher Selbstironie - das ist es, was ich meine.[/i]
Ich würde dazu sagen: Es handelt sich nicht um Selbstironie. "Viele Frauen" sind nicht Anke Engelke. Ungleich komischer ist es, wenn Alix Olson erklärt, im Sommer halte sie ihre Arme nach oben, damit die Vögel in ihren Achselhaaren nisten können.

Richtig.

„Auch die deutschen Athleten hatten Kameras dabei. Im Grunde genommen lief auch jeder Zweite mit so einem Ding herum. Und das wird wahrscheinlich die Verwandtschaft sehr freuen hier in Deutschland. Die Athleten kommen nach Hause: ´Hallo, bin wieder da, habe keine Medaille, aber 500 Stunden Videomaterial, habe alles aufgenommen, was nicht geklappt hat´. Super.“
Warum mißlingt Anke dieser Witz? Weil er von einer Frau erzählt wird. Denn wir denken, dass eine Frau keinen Sportsgeist hat und deshalb keine Witze über Sport machen kann.

Vieleicht auch deshalb, weil der Witz als solcher Mist ist. Ein drangehängtes: "100€ für die Pointe - Fehlinvestition, Brainpool" hätte da eventuell noch was reißen können. Oder einfach auf finnisch erzählen und dannach auf Deutsch und dazu sagen, daß die Pointe unter der Übersetzung leidet. Das was Schmidt in dieser Hinsicht ausgezeichnet hat, war ja nicht, daß er schlecht geschriebene Witze erzälte, sondern daß er mit der Situation, im Nachtprogramm schlecht geschriebene Witze darbieten zu müssen souverän umging.

Unbedingt. Darin besteht ja gerade die Fähigkeit zum Witz: Auch aus einem schlechten Witz einen Vortrag zu machen, so dass das Publikum Tränen lacht.
Und wenn notfalls der Witz darin besteht, dass der Witz sich über sich selbst lustig macht. Wie bei uns in der Fastnacht, wenn das Publikum beim Vortrag die Augen rollt und im Chor ruft: "au-au-au-au-au-au-au".
Bei uns gibt es einen Redner, der erzählt in der Fastnacht mit ABSICHT total dämliche Witze, die überhaupt nicht witzig sind. Da drehst Du durch, wenn Du das anhören mußt. Er sagt selbst immer wieder im Refrain: "Wie blöd!", aber genau das ist der Witz. Man lacht über ihn Tränen, obwohl, ja gerade WEIL die Witze, die er bringt, völlig witzlos sind. Unglaublich, der Kerl...
Warum ist es uns fast undenkbar, uns vorzustellen, dass eine Frau so etwas bringen könnte?

Anke hat öfter versucht, selbstironisch, auch clownesk zu sein, aber ich fand es fast jedesmal peinlich, ich konnte kein einziges Mal richtig lachen.
Bei Harald Schmidt habe ich allein schon gebrüllt wegen seinem Pseudo-Macht-ausströmenden schein-autoritären Outfit, welches in so eklatantem Gegensatz zu seiner Selbstironie stand, überhaupt nicht zu dem antiautoritären Umgang mit den "Mitarbeitern" paßte, und vor allen Dingen nicht im geringsten zu der herrlich befreienden political-correctness verletzenden Ironie in Übereinstimmung war. Also dieses Gebrochene zwischen Form und Gehalt finde ich wichtig, um Harald Schmidt´s Humor zu verstehen.

Gruß
Ruth


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