Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Die Rechte, die Linke und der Feminismus

Michael, Friday, 14.11.2003, 23:38 (vor 8119 Tagen) @ Xenia

Als Antwort auf: Re: Die Rechte, die Linke und der Feminismus von Xenia am 14. November 2003 14:31:35:

Hallo, Lars

Dein Eindruck, die Männerrechtsbewegung tendiere allgemeinpolitisch nach rechts, mag für einzelne Individuen oder Gruppen zutreffen, spiegelt aber auch (bei Dir: vielleicht; bei vielen Leuten: mit Sicherheit) ein Stück weit die gängige Gleichsetzung von "feministisch" und "links" wieder - und diese Gleichsetzung ist ein populäres historisches Missverständnis!

Jaein.

Beim Links-Rechts-Dualismus ging es ursprünglich um die SOZIALE Frage, d. h. um arm/reich, Gewerkschaften/Unternehmer, Kapitalismus/Wohlfahrtsstaat (im 19. Jhdt. auch noch um gleiches Wahlrecht vs. Klassenwahlrecht), ferner die unterschiedliche Betonung von Bürgerrechten einerseits und Sicherheit & Ordnung andererseits; in der Frauen-Frage sind die Sozialdemokraten zwar seit den Tagen des alten August Bebel vom Begriff der Gleichberechtigung ausgegangen, doch das hieß in Praxis ganz einfach, daß alles, was für Männer gefordert wurde, ebenso auch für Frauen gefordert wurde.

Wenn ich mich an das erinnere, was ich in der Schule gelernt habe, dann resultiert diese rechts/links Aufteilung aus dem englischen Parlament, wo die konservativen, königstreuen Tories rechts und die antiroyalistischen Whigs links saßen. Also im Unterhaus. Also würde sich rechts und links eher auf stabilisierend und destabilisierend beziehen, platt ausgedrückt. Stabilisierend im Sinne von Ethaltung bzw evtl Widerherstellung alter, als besser empfundener Zustände. Links: Destabilisierung solcher, meist autoritativer Zustände.
Das scheit es mir auch noch immer zu gelten. Der feminismus wird als links eingeschätzt, da er die patriarchale herrschaft destabilisiert, Maskulismus wird als rechts eingeschätzt, da er genau dieses Herrschaftsgefüge erhalten möchte bzw wiederherstellen. (Dass wir uns hier scheiden, ob es dieses patriarchale Herrschaftsgefüge je gegeben hat oder gibt, ist mir klar. Aber ich denke doch, dass dies die Wahrnehmung im allgemeinen ist, und zumindest der Selbstdefinition der Feministinnen entspricht. In diesem Sinne müssten sich die Maskulisten als links verstehen im Grunde ;-) ja, jetzt wird's kompliziert).
Unter dem Titel "Links" versammeln sich denn auch destabilisierende Bewegungen: Sozialdemokratie im Kaiserreich (bis heute, obwohl es mittlerweile überlegenswert ist...), Kommunismus (Sturz des Zaren z.B. etc.) , 68er Studentenbewegung, Umweltschutz.
Während sich unter "Rechts" die stabilisierenden Kräfte einfinden: Von den die kaiserliche Autorität stützenden Parteien, über religiös geprägte Parteien (insbesondere katholisch beeinflusst), Hindenburg, Adenauer (Keine Experimente!) undundund.
Was du oben angeführt hast, dass es ursprünglich um soziale Fragen ging, wird schon durch deine anschließende Aufzählung eigentlich negiert, denn Gewerkschaften haben sich von Anfang an politisch verstanden, auch Kapitalismus ist keine soziale Angelegenheit, sondern eine wirtschaftliche und finanzielle.
Ich würde schon behaupten, dass links/rechts sich auf politische Dimensionen bezieht und von Anfang an bezog. Der Feminismus versteht sich als politische Bewegung. Und zwar eine, die eben Herrschatfssystem destabilisiert. Guckt man sich das Wahlrecht an, ist das ja auch nicht unbegründet. Vom Klassenwahlrecht, dass den politischen Einfluß auf eine
sozial und geschlechtlich definierte Minderheit beschränkte, zum der Form, die wir heute kennen, wo es keinen Ausschluß gibt.
Die Ausrichtung des Nackriegsfeminismus (bei den 68ern anzufangen wär mir zu spät europäisch gesehen) geht dabei gezielt politisierend vor. Auch das Private ist politisch. Das bedeuet, dass jene Bereiche, z.B. Eheleben, nicht mehr unter das Private fallen, wo im patriarchalen System die Frau keine Rechte hat, sondern in die politische Öffentlichkeit gebracht werden, da die Frau dort Rechte besaß. Stichwort: Vergewaltigung in der Ehe, sexuelle Belästigung u.ä.
Die Politisierung der Geschlechterdiskussion hat natürlich zur Folge, dass handfest Vertreter im politischen System gesucht werden müssen, die die Forderungen durchsetzen. Da ist es für den Feminismus naheliegend, sich nicht zu konservativen Parteien zu begeben.
Ebenso naheliegend scheint es mir zu sein, dass Maskulisten sich politisch ihre Heimat bei konservativen Parteien suchen. Vielleicht liegt hier ja auch ein Denkfehler vor. Konservative Parteien tun sich unendlich schwer damit, gesellschaftliche Veränderungen in ihr Programm einzuflechten. Sie favorisieren alte Zustände (rückwärts gewandt, ach was wär das für ein Thema in Bezug auf Bachtins Karnevalsthese). Wollen Maskulisten das auch?
Xenia

Rechts, links, oben oder in der Mítte, alles gleich. Lies die Aussagen der Parteidamen zur Gleichberechtigung und du weißt was ein Netzwerk ist, oder besser Bollwerk. Da kannste grinsen.

Michael


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