Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Angst vor Verantwortung?

hquer, Friday, 04.02.2005, 16:16 (vor 7670 Tagen) @ Jörg Rupp

Als Antwort auf: Re: Angst vor Verantwortung? von Jörg Rupp am 04. Februar 2005 08:37:44:

Ich richte mich hier nur beispielhaft an Dich. Insgesamt ist es mir aber ein Anliegen, häufige, allgemein pauschalisierende einmal umfassend zu kommentieren.

Du konstatierst: "es ist geradezu beschämend, wie wenig Männer in dieser Gesellschaft Verantwortung für Kinder übernehmen wollen - wenn es nicht um finanzielle Leistungen geht. Alleine schon die Zahlen über die wenigen, die Elternzeit nehmen, sprechen Bände - oder die auch hier schon monierte Anzahl der männlichen Grundschullehrer."
und begründest es teilweise mit "Einer davon ist die Rollenzuweisung, die man mitmacht - auch aktiv."

Läßt man die mitschwingende Bewertung (sowas nervt immer wieder außerordentlich) mal außen vor und nimmt man für Deine Konstatierung mal die Interpretation "Verantwortung für Kinder übernehmen" = "Kinderauszeit vom Beruf nehmen", so muß Dir vollständig recht gegeben werden.

Leider sagst Du das so nicht. Und so muß also die in den Raum gestellte Behauptung allgemein untersucht werden.

Verantwortung für Kinder:
Die Wahrnehmung dieser Verantwortung hat sehr viele Facetten.
Für Eltern besteht diese Verantwortung in
1. der Umsetzung der Bereitschaft, dem Kind eine materielle Basis für sein Gedeihen zu schaffen
2. der Umsetzung der Bereitschaft, Zeit für die Erziehung des Kindes zu investieren
3. der Umsetzung der Bereitschaft, Zeit für die physischen Bedürfnisse des Kindes zu investieren.
4. der Umsetzung der Bereitschaft, die durch das Kind notwendigen höheren Transaktionskosten in der Familie zu bewältigen (Organisatorischer Aufwand, Logistik, Management)
Für den Vater kommt als allererster Block der Verantwortungsübernahme hinzu:
0. die (offizielle und innere) Anerkennung des gezeugten Kindes als sein Kind.

Kommt ein Mann also Punkt 0 nach, hat er zumindest schon mal seinen "special part" der Verantwortung übernommen.
Aus diesem "special part" folgert die Beteiligung an den zur gemeinsamen Verantwortungsübernahme gehörenden Punkte 1 - 4.
Es ist klar, daß ein Elternpaar die jeweiligen Teilaufgaben dieser drei Punkte pragmatisch aufteilen wird.
Ebenso klar ist, daß die Punkte 2 bis 4 auf dem Punkt 1 basieren.
Punkt 1 ist also die Grundvoraussetzung der physischen Verantwortungsübernahme. Eine pragmatische Aufteilung erfolgt im allgemeinen nach "harten Fakten" - und nur zu einem geringen Teil nach äußeren Rollenbildern. Hartes Faktum ist beispielsweise der letzte Gehaltszettel von Mann und Frau nach der Geburt des Kindes.
Da sich Frauen einerseits bei der Partnerwahl nach oben orientierten und Männer dieses Spiel auch mitspielen (hier kommt das alte Rollenverständnis - aber auch biologische Prägungen zum Wirken), hat der Mann oft das höhere Gehalt und damit auch die Aufgabe, Punkt 1 zu erfüllen. Dies läßt ihm zwingend weniger Zeit für 2. bis 4.
Das Rollenverständnis ist also nicht die direkte Ursache für die noch immer häufige Aufgabenverteilung in der Familie sondern mittelbare Ursache, da sie über die Partnerwahl harte Fakten schafft, die schwerlich ignoriert werden können.

In nicht wenigen Familien arbeitet heute auch die Frau, weil das Geld des Mannes nicht reicht. Die Kinder werden dann bei Oma und Opa versorgt, weil keiner (!) der beiden ausreichend Zeit für die Kinder hat. In diesem Fall übernehmen beide nicht hinreichend ihre Verantwortung.

Allgemein ist eine wie auch immer geartete Beurteilung oder Wertung der Verteilung der aus der gemeinsamen Verantwortung für die Kinder erwachsenden Aufgaben sehr schwierig.
Zumindest ist in den mir bekannten Fällen meist eine in etwa faire Lastverteilung zu konstatieren. Oft aber sind auch die Lasten sehr zuungunsten der Männer verteilt, die nach der Geburt eines Kindes anfangen endlos Überstunden zu buckeln oder einen Zweitjob annehmen, um die erhöhten Kosten der Familie mit Kind zu erwirtschaften. Nicht zu vergessen ist hierbei auch die Last, sein Kind kaum noch sehen zu können, weil der Arbeitsstreß kaum noch Freiräume zulässt.

Nur wenn man es sich einfach macht und beim Block Verantwortung lediglich den Punkt 2 oder 3 herausgreift, ergeben sich Diskrepanzen, bei denen Väter schlecht aussehen (Punkt 4 wird oft von Männern übernommen).
Korrespondierend ist es natürich beschämend, wie wenig Mütter in dieser Gesellschaft Verantwortung zu tragen bereit sind, um die materielle Basis ihrer Kinder zu sichern - um in Deiner Notation zu bleiben.

Wie in der Naturwissenschaft usus, ist es auch bei der Beurteilung von herausgegriffenen Phänomenen innerhalb einer Gesellschaft notwendig, ein zur Thematik gehörendes vollständiges Subsystem herauszugreifen. Fehlen wichtige Elemente des Systems, kommt man bei der Beurteilung zu Scheinergebnissen und Verantwortung ist eben nicht eindimensional.

Geht man also vom hier beschriebenen Subsystem aus, so müssen alle Elemente des Blocks Verantwortung betrachtet werden.
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In Summe:
Es fällt schwer, herauszufinden auf was Du Dich beziehst, da Du Dich nicht exakt und definitorisch korrekt ausdrückst.
Du meinst sicherlich nicht, daß tatsächlich nur eine kleine Minderheit der Männer Verantwortung für Kinder übernimmt - hoffe ich zumindest.
Ich nehme an, daß Du meinst, daß Männer den Deiner Meinung nach falschen Teil der Verantwortung tragen.
Wenn dem so ist, so bin ich bzgl. der Ursache dafür oben darauf eingegangen. Eine Änderung beim derzeit typischen Partnerwahlverhalten würde eine Änderung bei den von zwei souveränen Partnern vereinbarten Arbeitsteilungen zu diesem Thema zur Folge haben.

Ein Appell an die Paare, eine den ökonomisch zwingenden Fakten widersprechende Verantwortungsaufteilung vorzunehmen, muß zwingend folgenlos verhallen.

hquer


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