Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Schon wieder 68... und KEIN Thema?

Nick, Monday, 25.10.2004, 11:04 (vor 7774 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Re: Schon wieder 68... und KEIN Thema? von Odin am 24. Oktober 2004 14:18:18:

Lieber Odin!

Erst mal Anerkennung, daß du nicht "Reißaus nimmst". Chapeau!

Was du schreibst, kann ich z.T. gut nachvollziehen. Auch ich war zu jung, um ein erwachsener Zeitgenosse von 68 hätte gewesen sein zu können. An das "Lebensgefühl" damals kann ich mich aber noch gut erinnern: ein unbeschreibliches, erhebendes, allgemeines Empfinden von Freiheit, Edelmut und (Selbst-)Gerechtigkeit, von Erneuerung und Umsturz der "verkrusteten" bürgerlichen Welt lag in der Luft, das auch mich als Schüler gepackt hatte und natürlich auch meiner Auflehnung gegen den Vater viel Energie verlieh. Es war zudem ein wahres "Weltereignis", fand es doch keineswegs nur in Deutschland statt, sondern zeitgleich auch in Lima, Berkley, Paris, Tokio, Prag... mit einem Wort: "68" ist ein globaler Mythos!

Um die "Berechtigung" dieser Zeitgeist-Welle selbst kann es also eigentlich nicht wirklich gehen, da das notwendigerweise selbst Teil des Mythos bliebe, solange der nicht durchschaut ist. Auf jeden Fall wurde die globale 'Welle' ja von keinem ausgedacht, sondern entstand zeitgleich aus dem Nichts überall und hatte somit erkennbar überpersonale Ursprünge. Man war folglich einfach mitgerissen, weltweit, kollektiv, einheitlich und wohl kaum einer konnte sich dem gänzlich entziehen. Wenn auch dem formalen Inhalt nach "anders"(?), war "68" in seiner kollektiven Wucht sehr vergleichbar mit den anderen Mythen der Moderne, namentlich den großen Ideologiebewegungen nach dem ersten Weltkrieg (Faschismus und Bolschewismus), denen sich die Massen ja bekanntlich auch nicht entziehen konnten.

Die Bewertung von 68 ergibt sich für mich aber v.a. aus der nüchternen Rückschau auf die Wirkungsgeschichte dieses Mythos und seine reale Fortentwicklung, wie ich sie seit Anfang der 70er Jahre - zu Beginn dem naiven Lebensgefühl nach selbst noch ein 'radikaler Linker' - an der Universität in Frankfurt beobachtet habe. "68" war sehr schnell nach seinem kurzen Aufblitzen in verschiedene Fraktionen zerfallen, die allesamt überhaupt nichts mit Freiheit und Gerechtigkeit zu tun hatten (außer der Phrase nach, natürlich), sondern mit Psychose, Wahn, Terror und umsichgreifender Entpersönlichung. Es gab bombende und mordende Terroristen, dogmatische K-Gruppen, Stalinisten, Maoisten, Ostblockfanatiker, "Spontis"... und eben auch: "Weiberräte" (mit Vetorecht)! Hier sind all die feministischen Wahnvorstellungen ausgebrütet und vorgebildet worden und gelangten später mit den entsprechenden Weibern nach Verlassen der Uni in den "Überbau" der Gesellschaft, in dem sie sich beruflich niederließen. Wie wir wissen, sind gerade sie besonders weit damit gekommen. Der heutige Staatsfeminismus ist nun mal etwas völlig anderes, als der Feminismus der Weimarer Republik, gewissermaßen ein völlig anderes Universum, und hat damit überhaupt nichts zu tun, weder politisch noch personell.

Womit wir es heute zu tun haben, das entstand alles "damals", nach 68, denn vom "Vorher" hat ja fast nichts strukturell überlebt (schließlich ist man ja auch genau darauf so stolz). Aber es wirkt nur deshalb so ungebrochen fort, weil sich der Mythos bislang niemals rechtfertigen mußte. Die Akteure, die dem Mythos verpflichtet blieben, die ihn hüteten und bis heute pflegen, das sind in persona exakt die Akteure, die auch die "femiverseuchte" totalitäre Gutmensch-Welt heraufgeführt und ausgestaltet haben, in der wir heute leben. Das ist einfach eine Tatsache. Deshalb ist sie wichtig. Wie kann man das (mit Vernunft?) bestreiten? Stattdessen verschwindet die damalige Wirklichkeit auch heute noch bei vielen hinter dem verklärenden Schleier des Mythos. Auch bei dir, Odin.

Eine Anekdote dazu: Rüdiger hat die "Putztruppe" der Frankfurter Spontis erwähnt und die Rolle, die der gegenwärtige Außenminister in dem Zusammenhang gespielt hat. Ich habe Anfang der 70er in Frankfurt studiert und kenne die Verhältnisse deshalb gut, aus eigener Anschauung und persönlichem Erleben. Nicht anders als die Schlägertrupps von MSB-Spartakus, K-Gruppen und sonstigen (untereinander spinnefeindlichen!) Politorganisationen, war auch diese "Putztruppe" (niedlicher Name, gelle) schlicht und ergreifend eine SA-mäßige Prügelgarde, die gegebenenfalls völlig bedenkenlos politisch unliebsame Leute einfach zusammengeschlagen hat, falls nicht ohnehin das allgemeine Klima des linken Gesinnungsterrors seine einschüchternde Wirkung bereits ausreichend entfaltet hatte. Der "rechte Rand" dessen, was überhaupt geduldet wurde, waren die Jusos - und das auch nur, weil die sich damals derselben verbalen Radikalität bedien(en mußten), wie die prügelnden Polit-Pastaran, die den Campus und die Straßen der Stadt beherrschten. Der Geist war vollkommen tot in diesen Jahren!

Falls besonders mutige bürgerliche oder konservative Redner auf einer Studentenvollversammlung das Wort zu ergreifen wagten, dann wurden sie sofort vom linken Pöbel niedergebrüllt, danach der Ton abgedreht und wenn auch das nicht half, einfach krankenhausreif geschlagen und aus dem Saal geprügelt. Vor den Augen einer selbstgefällig grinsenden und johlenden Meute! Ich habe das selbst immer wieder so erlebt und beobachtet und kann bezeugen, daß dies keineswegs Einzelfälle waren, sondern im Gegenteil "völlig normaler" Alltag. Fischers Rolle dabei war nicht, wie er öffentlich gelogen hat, die eines "Mäßigers", sondern ganz im Gegenteil die eines Anführers und 'beherzten Zulangers'. Ich könnte hier seitenweise Erlebnisse niederschreiben, was für eine primatenhafte Gesinnung sich damals ganz frei, ungeniert und in brunzdummem Stolz ausgebreitet hat.

Das Unerträgliche an den "68er-Durchmaschierern", die heute immerhin die Regierung des Landes stellen und wichtige Machtpositionen in den Medien sowie in der Europa-Bürokratie (wichtig!) besetzt halten, ist, daß sie sich niemals in ihrem Leben für ihre Untaten rechtfertigen mußten, sondern sich sogar bis heute klammheimlich, aber unbekümmert im "Ruhm" ihrer eingebildeten Heldentaten sonnen! All das, was sie in selbstgerechter Anmaßung von ihren Vätern mit der (staatlich erzwungenen) HJ-Sozialisation verlangten, wofür ihnen jeder (zwangsgezogene!) Wehrmachtsgefreite Rede und Antwort zu stehen hatte, was inzwischen (zurecht) von jedem mickrigen Stasi-IM verlangt wird, das haben sie selbst niemals getan und tun es bis auf den heutigen Tag nicht: die Wahrheit sagen! Dabei stellt ihr eigener (freiwilliger!) Fanatismus für blutrünstigste Massenmörder und phänomenale Großverbrecher in aller Welt, deren ruchlose Taten allgemein bekannt waren, alles weit in den Schatten, was irgendein indoktrinierter Hitler-Pimpf unter den Bedingungen der totalen Diktatur dahergeredet und -gedacht haben mag (zumindest beim Reden aber hatte der, bei Gefahr des Todes, ohnehin keine Auswahl).

Die studentische Linke jener Zeit indes mußte das alles ja nicht tun, sondern die Leute wollten es tun! Das ist der entscheidende, riesige Unterschied. Alles was sie angerichtet haben, war freiwillig, vollbewußt und ganz unbedroht von außen (ungeachtet ihres hysterischen Geschreis vom angeblich faschistischen BRD-Imperialismus, als dessen permanentes Opfer sie sich ohne Ende inszenierten). Sie konnten jedoch in Wahrheit alles, was sie taten, nur deshalb tun, weil die garantierte Rede- und Versammlungsfreiheit der Demokratie ihnen noch den allergrößten Blödsinn zum gefahrlosen Ringelpietz mit Anfassen gestaltete. Ich weiß, daß der Mythos Anderes berichtet, aber das ist die Wahrheit. Trotz Benno Ohnesorg, der ja ein Einzelfall war - vom Polizisten Kurras ohne 'Auftrag' erschossen - und dessen Tod zum ehrbaren Rücktritt des damaligen (unschuldigen) Regierenden Bürgermeister von Berlin, Albertz, führte.

Wegen der unbedrohten Freiwilligkeit ihrer Taten und ihrer niederen Motive (Machtgenuß und 'Gaudi') sind die Vollstrecker von 68 in meinen Augen um ein Vielfaches verantwortlicher für ihr Tun, und deshalb schuldiger als ihre Väter, die ja jede abweichende Meinung oder gar einen Plan zum Umsturz unfehlbar mit ihrem Leben zu bezahlen gehabt hätten (samt KZ-Sippenhaft für die Familie), sobald das herauskam. Deshalb gebührt den heutigen Gutmenschen mit ihrer wohlfeilen, linken Gesinnungsethik das Äußerste an Verachtung und ewige Schande, vermehrt noch durch die Tatsache, daß sie selbst nicht das geringste Erbarmen zeigten bei der Beurteilung ihrer Väter, die in aussichtsloser Lage unter Bedingungen des totalen Krieges einem gnadenlosen Verbrecherstaat mit seinem geballten, allgegenwärtigen, unbegrenzten Terror ausgeliefert waren.

"Die 68er" bzw. ihre heutigen Vollstrecker sind deshalb in meinen Augen die elendesten und verkommensten Spießbürger, die dieses Land überhaupt jemals hervorgeracht hat. Für ihre Heuchelei gibt es kein Maß. Wo, bitte, ist die Verantwortungsübernahme für das eigene Tun, das ja bis in unsere Tage andauert? Eben! Es gibt sie nicht. Gegen den verehrten Herrn Außenminister wird stattdessen "weisungsgemäß eingestellt", obwohl jedem, der ihn damals kannte, zweifelsfrei klar ist, um wen es sich auf den Video-Aufnahmen handelt. Das Volk nickt artig dazu, "freut sich, daß es 68 gegeben hat", nennt 'krank', wer sich nicht darüber freut und ruft eifrig und im Chor, wie es ihm vorgesungen und befohlen wird: "Wehret den Anfängen!" und: "Haltet den Dieb!"

Manche ertragen das eben weniger gut, als andere. Uns allen indes wird einfach frech zugemutet, in so einer völlig verdrehten, verlogenen und verrückten Scheinwelt zu leben, in der eine von notorischen Totalitaristen gegründete "Partei der Bürgerrechte"(!) [GrünInnen] sich die moralische Definitionsmacht angemaßt hat, was politisch korrekt gedacht und gesagt werden darf (s. jüngst: Rocco Buttiglione), was noch erlaubt und was unerlaubt ist - und die inzwischen das Denken der Menschen über zahllose Kanäle subtil steuert und manipuliert: linksgrüne Ideologie beherrscht heute weitgehend den "Zeitgeist"! Wer ausscheert, kriegt Ärger, wer diesem Zeitgeist einfach nur widerspricht, der ist schon deshalb der Dumme (oder Schlimmeres). Feminismus ist nur eine Erscheinungsform dieser Perversion unter vielen anderen. Ich verweise als kleines Beispiel dafür, wie stammhirn-reflektorisch das inzwischen abläuft, auf mein Schreiben an Amnesty International und die Reaktionen von dort.

Abweichende Ansichten muß man heute nicht mehr verbieten; das ist altmodisch. In unserer Mediendiktatur "verbieten sie sich von selbst"! Das ist praktisch und viel effektiver als alles, was es vorher jemals in der Richtung gab. Und man arbeitet, natürlich leise und unauffällig, weiter an der endgültigen Perfektionierung. Demonstrieren darfst du heute, ohne daß dich ein Polizist verprügelt. Dafür darfst du aber auch absolut sicher sein, daß von deiner Demonstration keiner außer dir selbst Notiz nimmt. So macht man das heute.

Ich beharre also auf "68" (und seinen vielfältigen Folgen) als wichtigem Thema und daß es wie kaum ein zweites zum Forenthema gehört, weil da nämlich die konkrete, ideologische Wurzel all der Probleme liegt, mit denen wir uns hier herumschlagen. Man wird die verwirrenden, z.T. sehr widersprüchlichen Phänomene niemals begreifen, wenn man den "Zeitgeist" nicht durchschaut und versteht, der ihnen allen gemeinsam zugrunde liegt. Den Zeitgeist zu durchschauen aber ist sehr, sehr schwer, denn er hat ja jeden von uns auf mannigfache Weise imprägniert. Keine Generation zuvor war je so sehr "Produkt des herrschenden Zeitgeistes", wie die gegenwärtige. Das ist extrem lebensgefährlich! Der Zeitgeist bestimmt auf allerlei indirekten Wegen all die persönlichen Strukturen unseres Denkens, Erlebens und Erkennens, die aber nun mal nötig sind, um ihn überhaupt zu durchschauen: ein typischer Circulus vitiosus. So entsteht eine spezifische seelische Blindheit für die Zusammenhänge der eigenen Lage, in der gewissermaßen der grüne Wald vor lauter dichtbewachsenen Bäumen nicht mehr erkennbar ist. Es gibt deshalb partout keinen anderen Weg, als den MYTHOS selbst in seiner Tiefe zu knacken. Und dieser Mythos lautet in seiner heutigen, historisch-konkret faßbaren Form nun mal: "68" (natürlich inklusive der - z.T. komplizierten - Zerfallsprodukte).

Das mag für manche ein ganz schön zähes Geschäft werden, denn es macht wahrscheinlich traurig und wütend, es zerstört liebgewonnene Idyllen, haut gewohnte Haltegriffe aus der Wand heraus und läßt einen vielleicht am Ende ziemlich ratlos dastehen. Aber es gibt keine Alternative dazu. Unsere Väter / Großväter mußten schließlich auch lernen, daß die Hitlerjugend mit ihren schönen Liedern am Lagerfeuer vor allem eines war: scheiße! Wer nun heutzutage beim ständigen Träumen immer noch Adoleszent geblieben und trotzdem in die Jahre gekommen ist, der sollte sich allmählich mal etwas sputen, damit er nicht dümmer stirbt, als der eigene Vater.

Herzlicher Gruß
vom Nick


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