Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: Igitt - Frauen!

Maesi, Saturday, 13.09.2003, 14:31 (vor 8180 Tagen) @ Xenia

Als Antwort auf: Re: Igitt - Frauen! von Xenia am 09. September 2003 15:01:58:

Hallo Xenia

Woher hast du das denn? Zu allen Zeiten waren es überwiegend Männer, die harte, gefährliche und/oder schmutzige Arbeiten erledigten. Das ist bis heute weitgehend so geblieben.

Frauen brachten Kinder auf die Welt,...

Das war frueher allerdings gefaehrlich, heute jedoch nicht mehr...

...kochten, putzten und wuschen für die Familie, versorgten Kranke und Alte – ohne Bezahlung.

Die Bezahlung erfolgte in Naturalien, z.B. Benutzung von Wohnraum, Essen, Kleidung usw; insofern ist Deine Behauptung nicht richtig.

Der Mensch als Lohnempfaenger setzte sich im grossen Stil erst waehrend des 19. Jhd. im Zuge der Industrialisierung durch. Vorher waren die weitaus meisten freien Menschen in der Landwirtschaft taetig, indem sie eigenes oder gepachtetes Land bewirtschafteten; in beiden Faellen arbeiteten sie ohne Bezahlung. Etwas modern ausgedrueckt, handelte es sich bei ihnen um Selbststaendigerwerbende, die die zum Leben benoetigten Produkte grossenteils selber produzierten und Ueberschuesse verkauften und aus dem Erloes nicht selber produzierte Gueter und Dienstleistungen einkauften. Die (Gross-) Familie war eine wirtschaftliche Einheit in der jedes Mitglied Leistungen erbrachte und auch konsumierte; Deine Abspaltung der Frau und die gesonderte Betrachtung ihrer Situation ist unsinnig. Eine Sonderstellung nehmen Knechte und Maegde ein, die tatsaechlich haeufig nur fuer Kost und Logis arbeiteten; das galt aber fuer Maenner und Frauen gleichermassen.

Durch die Industrialisierung aenderte sich das grundlegend; neu erhielt der Arbeiter Lohn fuer geleistete Arbeit. Die Familie als wirtschaftliche Einheit blieb jedoch weiterhin bestehen, d.h. jene in der Familie, die Lohn erhielten (das waren im 19. Jhd normalerweise beide Elternteile und oftmals sogar noch die Kinder sowie weitere Familienmitglieder), setzten diesen zur Ueberlebenssicherung der Familie ein - auch hier ist eine getrennte Betrachtung einzelner Familienmitglieder unsinnig. Dieser Grundsatz der Familie als wirtschaftliche Einheit gilt auch heute noch; erst bei einer Trennung/Scheidung wird diese Einheit aufgebrochen. Der vor der Trennung innerhalb der Familie bestehende Geld-, Gueter- und Dienstleistungsaustausch wird teilweise durch Unterhaltszahlungen (Kindes- und Ehegatten- bzw. Betreuungsunterhalt) ersetzt.

Und das taten sie nicht nur, wenn sie Sklavinnen waren, sondern auch Ehefrauen von freien Bürgern.

Und Maenner sorgten durch ihre Arbeit fuer Frauen mit; und das taten sie nicht nur, wenn sie Paechter oder Abhaengige waren sondern auch als freie Bauern oder Handwerker. Lediglich der Adel konnte sich der Musse hingeben. Dort arbeiteten allerdings auch die Frauen nicht.

Eine Umfrage in den USA nach den unbeliebtesten Jobs hat ergeben, daß 9 der 10 dabei am häufigsten genannten Jobs Männerdomänen sind. Es sind weit überwiegend Männer, die gefährliche Arbeiten z.B. im Bergbau, bei der Feuerwehr oder auch in der Armee erledigen. Es sind weit überwiegend Männer, die körperlich schwere Arbeiten auf dem Bau oder in der Industrie erledigen. […]Niemand wäre auf die Idee gekommen, Frauen dorthin zu schicken. Und kaum eine Frau hätte sich dafür freiwillig gemeldet.

Und für diese Arbeiten wurden diese Menschen auch bezahlt, Sklavenarbeit is
t umsonst

Soweit diese Menschen (vorwiegend Maenner) verheiratet sind, profitieren ihre gegebenenfalls nichterwerbstaetigen Frauen von ihren Gehaeltern mit. Niemand hat die Frauen gezwungen, solche Maenner zu heiraten und allenfalls ihren Job aufzugeben.

Alle diese Arbeiten werden auch im Interesse von Frauen weit überwiegend von Männern erledigt. Deshalb werden Männer weit häufiger Opfer von Arbeitsunfällen, und deshalb liegt ihre Lebenserwartung auch unter der der Frauen.

Und die Opfer werden dann von wem versorgt? Umsonst?

Soweit die vorwiegend maennlichen Opfer von Arbeitsunfaellen tot sind, werden sie von niemandem mehr versorgt; sie werden verbrannt oder eingesargt und begraben. Als Ausgleich fuer die frueher wesentlich staerkere finanzielle Abhaengigkeit der Frau zu ihrem erwerbstaetigen Mann existierte eine Witwenrente (eine Witwerrente gab es in den wenigsten Staaten).

Fuer die medizinische Versorgung der Ueberlebenden gibt es (zumindest in der Schweiz) eine obligatorische Betriebsunfallversicherung; bei Erwerbsunfaehigkeit springt eine Invalidenversicherung mit einer Rente fuer den Lohnausfall ein. Sofern die Erwerbsunfaehigkeit voruebergehend ist, werden die Opfer nach der Rekonvaleszenz normalerweise wieder in den Arbeitsprozess einsteigen.

Wer war und ist da also wessen Sklave?

Wenn es um unbezahlte Arbeit geht, dann sind es die Frauen.

Die Definition von Sklave (bzw. Sklaverei) ist falcsh. Selbst der Skalve erhaelt normalerweise fuer seine Arbeit etwas: naemlich Unterkunft, Verpflegung und Kleider; er arbeitet also nicht voellig umsonst. Hervorstechendstes Merkmal von Sklaverei ist, dass der Herr vollstaendig ueber das Leben seines Sklaven verfuegen kann: er kann ihn zu jeglicher Arbeit zwingen, er kann ihn verschenken, verkaufen, toeten; kurzum der Sklave gilt rechtlich normalerweise nicht als Mensch sondern als Sache und hat keine (oder fast keine) eigenstaendigen Rechte. Dieses Merkmal trifft aber weder auf die (Ehe-) Frau noch den (Ehe-) Mann noch auf irgendein anderes Familienmitglied zu. So gesehen, ist die Bezeichnung 'Sklave' hier unangebracht.

Es hat im Mittelalter immer auch Zünfte gegeben, die nur Frauen aufnahmen. […]
In den meisten Berufszweigen wurden beide Geschlechter aufgenommen. […]
Davon abgesehen, machte man kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Aus Pariser Steuerbüchern ist bespielsweise teilweise gar nicht ersichtlich, ob sich hinter den Namen von steuerpflichtigen Unternehmern Männer oder Frauen verbergen.
Frauen wurden auch in den meisten Berufen ganz selbstverständlich akzeptiert. […]

Wenn das alles nur für das Mittelalter gilt und nur für die Zünfte, ist das zwar sehr interessant, imho aber keine Aussage über eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz der Frau in Berufen. Meines Wissens nach warne die Zünfte sehr unabhängig

Nahezu alle Berufe waren im Mittelalter und in der nachfolgenden Neuzeit zuenftisch geregelt; insofern stellt Garfields Hinweis auf die vielen Frauen, die Berufe ausuebten, die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz der Frau in Berufen recht gut dar. Die heutigen Berufslehren knuepfen mehr oder weniger direkt an die mittelalterlichen Handwerkerberufe an.

Wie ich bereits oben schrieb, waren aber zahlenmaessig weitaus die meisten Menschen in der Urproduktion (v.a. Landwirtschaft) taetig und hatten gar keine eigentliche Berufsausbildung; dies galt in Europa bis zu Beginn des 19. Jhds. (teilweise sogar bis Mitte des 19. Jhds.). Mit der Industrialisierung gingen zwar immer mehr Menschen einer Lohnarbeit nach, aber noch immer uebten die wenigsten einen Beruf im engeren Sinne aus. Noch zu Beginn des 20. Jhs. war der Besuch einer Lehre eher die Ausnahme als die Regel, denn fuer die Arbeit in einer Fabrik brauchte man keine spezielle Berufsausbildung. Heute ist der Besuch einer Lehre oder einer hoeheren Schule (z.B. Uni) die Regel; ungelernte Arbeitskraefte findet man fast auschliesslich bei Einwanderern, die allenfalls aus Laendern kommen, in denen Berufsausbildungen nicht selbstverstaendlich oder gar unbekannt sind.

Gruss

Maesi


gesamter Thread:

 

powered by my little forum