Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Wo ist er denn, der "Kapitalismus"

Garfield, Monday, 14.06.2010, 18:48 (vor 5688 Tagen) @ Movemen

Hallo Movemen!

Das ist mir in der Analyse alles zu zersplittert.

Selbstverständlich - wie du ja auch schreibst, sind da schon lange unterschiedliche Lobbygruppen mit unterschiedlichen Zielen am Werk gewesen. Das läßt sich nicht einfach und universell mit einem simplen Modell erklären.

Die Industrie wollte bei der Zuwanderung billige Arbeitskräfte, aber sie wollte vor allen Dingen Arbeitskräfte...

Das war so bis Ende der 1960/Anfang der 1970er Jahre, als die Erwerbslosenzahlen wieder anstiegen, dann nochmal kurz abfielen, um schließlich endgültig und dauerhaft anzusteigen. Von da an gab es keinen Arbeitskräftemangel mehr. Wäre es also nur darum gegangen, dann hätte man die Einwanderung nun tatsächlich und nicht nur zum Schein stoppen müssen.

Man holte aber weiter Einwanderer ins Land und tut das immer noch. Trotz realer Erwerbslosenzahlen, die schon zu Kohls Zeiten auf etwa 9 Millionen geschätzt wurden. Und sogar trotzdem mittlerweile offensichtlich ist, daß viele Einwanderer hier gar nicht arbeiten wollen. Das führt zwar mittlerweile dazu, daß auch seitens der Wirtschaft Kritik kaut wird, aber geändert hat sich bislang nichts.

...denn die Tarifverträge unterscheiden nicht zwischen Herkunft, sondern legen Löhne und Gehälter für Hilfsarbeiter oder Arbeiter weitenteils fest.

Genau. Und je mehr potenzielle Bewerber auf dem Arbeitsmarkt sind, umso bescheidener sind die Beschäftigten und umso einfacher wird man sich mit den Gewerkschaften einig.

Die Sozialindustrie, in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, fasste immer mehr Fuß in allen Bereichen der Gesellschaft...

Ja, weil ja seit den 1970er Jahren die Zahl der Sozialfälle immer weiter steigt! Natürlich ufert allein deshalb der Sozialstaat immer weiter aus. Und natürlich bilden sich immer mehr Behörden und "Helfer" um die vielen Sozialfälle herum. Und natürlich gibt es mittlerweile auch genügend Firmen, die Bezieher von Sozialleistungen als nicht unwesentliche Klientel betrachten und deshalb sogar die Erhöhung der Sozialleistungen befürworten. Vermieter nehmen auch gern ALG II-Bezieher als Mieter in ihre Wohnungen - da zahlt nämlich das Amt regelmäßig und pünktlich die Miete, und notfalls kann die sogar direkt an den Vermieter überwiesen werden. Die FDP hat ja vor kurzem gefordert, daß der Mietzuschuß auf eine Pauschale reduziert werden solle. Es wundert mich gar nicht, daß davon im neuen Sparpaket der Bundesregierung keine Rede mehr ist. In Regierung und Parlament sitzen schließlich genügend Besitzer von Mietswohnungen - die lassen sich doch nicht das gute Geschäft mit Hartz IV kaputt machen.

In all dem Hickhack, den Verwaltungsvorschriften, den Ausführungsbestimmungen, den Steuern, den Auflagen sind Unternehmen nicht weniger Spielball.

Sicher. Es ist aber generell so, daß die Wirtschaft in Krisenzeiten gern nach dem Staat brüllt. In guten Zeiten sackt man die Gewinne schön privat ein und will von Sozialismus nichts wissen. In schlechten Zeiten soll doch aber bitteschön der Staat die Verluste ausgleichen - dann ist Sozialismus plötzlich eine Supersache, solange er so aussieht, daß die Verluste der Konzerne sozialisiert werden.

Insofern ist der Kapitalismus längst eingehegt. Der Staat oder der Superstaat ist gänzlich bürokratisiert und die Lebens- und Wirtschaftsbelange werden administrativ fremdbestimmt.

Staat und Wirtschaft sind schon lange weitgehend verschmolzen. Fremdbestimmung gibt es da nur, weil die Interessen der Beteiligten eben nicht immer identisch sind und weil manche Prozesse, die da in Gang gesetzt werden, zu kompliziert sind, um sie exakt steuern zu können.

Da wird z.B. zugunsten irgendeiner Lobbygruppe eine neue Subvention eingeführt. Das dazu nötige Gesetz wurde von den interessierten Lobbyisten geliefert, die aber dabei natürlich nur an sich gedacht haben und nicht daran, was andere mit diesem Gesetz anfangen könnten. Zwar gibt es Warnungen von Experten, die aber in den Wind geschlagen werden. Das Gesetz wird also schleunigst durchgewinkt. Bald stellt man aber fest, daß es massenweise Mißbrauch dieses Gesetzes gibt und daß das Ganze somit teurer wird als geplant. Also richtet man eine neue Behörde ein, die den Mißbrauch einschränken soll... So wuchert der Wildwuchs immer weiter.

Die soziale Marktwirtschaft ist längst in den Zustand des marktwirtschaftlichen Sozialismus übergegangen.

Wie soll das denn anders gehen? Wo sollten denn all die Erwerbslosen, die wir schon haben, Jobs finden???

Freundliche Grüße
von Garfield


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