Wo ist er denn, der "Kapitalismus"
Das ist mir in der Analyse alles zu zersplittert. Stefan Luft schrieb in seinem Buch über die Zuwanderung davon, dass eigentlich alle gesellschaftlich relevanten Gruppen daran beteiligt waren und die Sache in den Sand gesetzt haben. Die Aufgabenverteilung dürfte sich bis heute nicht geändert haben, weil eine verschiedene Gruppen durch Lobbyismus ihr Ziel verfolgen und sich damit oft als gegenseitige Verstärker erweisen.
Die Industrie wollte bei der Zuwanderung billige Arbeitskräfte, aber sie wollte vor allen Dingen Arbeitskräfte, denn die Tarifverträge unterscheiden nicht zwischen Herkunft, sondern legen Löhne und Gehälter für Hilfsarbeiter oder Arbeiter weitenteils fest.
Die Sozialindustrie, in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, fasste immer mehr Fuß in allen Bereichen der Gesellschaft, ob Sozialarbeiter oder Amtsreferent, ob Lehrerin oder Psychologin. Ein weiter Ausbau aller Berufe, die dem Menschen assistieren, beraten, helfen oder entmündigen, war die Folge. Viele dieser Berufe fingen vor allem den Abiturientenüberschuss auf, der durch die Erleichterungen und Bildungsreformen gerade Kindern aus der oberen Unterschicht aufwärts eine bessere, vielleicht aber auch eine leistungsminderbetonte Teilhabe, an höherer Ausbildung ermöglichten.
Die Politik der Parteien und auch Gewerkschaften pendelte zwischen mehr Demokratie, mehr Subventionen, bessere Bildung, höhere Löhne, Verringerung der Arbeitszeiten, etc. hin und her. Ob Sozial-Liberal oder Christlich-Liberal oder Rot/Grün - immer gab es genug Lobbyverbände aus allen Richtungen, die über die Jahre kumulativ ihre Vorstellungen und Vorschläge in Gesetze gießen lassen konnten. Einhergehend mit immer höheren Schulden, denn was der Haushalt nicht hergab, wurde mit Schulden finanziert; und dies seit Jahrzehnten. Die Sozial- und Gesundheitsposten dominieren inzwischen jeden Haushalt nicht minder als der Schuldendienst. Allein die Sozialhilfe, welches Etikett man ihr auch aufklebt und unabhängig von der Agenda 2010 hat sich seit 1980 vervielfacht. Die Details, wer staatlich alimentiert wird, deckt sich mit verschiedenen Erklärungen, wobei diese nebensächlich sind, denn politisch ist daran kaum etwas zu ändern.
Wo man also hinguckt, und die EU ist nur große Schirm, ist der Staat in die Sozialismusfalle gelaufen. Er ist gezwungen, kollektivistisch Geld zu verteilen und mit Gefälligkeiten die eigene Legitimation zu erkaufen und gleichzeitig in den vielen Teilmengen der Bürgerinteressen auch Ausdruck dafür, dass die Gleichheit mehr als Freiheit oder Gerechtigkeit zählen muss. Und sprachlich, gerade wenn es um Feminismus geht, nimmt die politische Kaste auch kein Blatt mehr vor den Mund. Man spricht offen von Topdown-Maßnahmen, übersetzt heißt das Zwang von oben nach unten, koste es, was es wolle.
In all dem Hickhack, den Verwaltungsvorschriften, den Ausführungsbestimmungen, den Steuern, den Auflagen sind Unternehmen nicht weniger Spielball. Einzig Konzerne besitzen noch das Drohpotential der Abwanderung oder Produktionsverlagerung, dass ihnen einen Lex Ausnahme bescheren kann, wenn auch immer seltener. Insofern ist der Kapitalismus längst eingehegt. Der Staat oder der Superstaat ist gänzlich bürokratisiert und die Lebens- und Wirtschaftsbelange werden administrativ fremdbestimmt. So erklärt sich für mich auch die Blässe und Farblosigkeit der Politiker. Nicht weil sie Berufspolitiker sind, sind sie blass und Phrasenschweine vor dem Herrn, sondern hier ist eine Kaste nach den Notwendigkeiten entstanden, die man auch in der Oberfinanzdirektion Wuppertal rekrutieren könnte.
Insofern greift die Kapitalismuskritik nicht mehr. Nicht nur der Staat, auch die Unternehmen müssen Verpflichtungen und Vorgaben erfüllen, die dann einen Wasserkopf von Verwaltung nach sich ziehen. Der Öffentliche Dienst wurde durch immer mehr Gesetze aufgebläht und zieht damit einen Rattenschwanz vornehmlich weiblicher Beschäftigter nach sich. Die Unternehmen müssen diese Flut ebenso durch Einsatz von mehr (typischerweise) weiblichen Bürokräften auffangen. Aber selbst der Praktische Arzt mit halbwegs gut laufender Praxis benötigt inzwischen zwei Arzthelferinnen: Eine macht die Termine und betreut die Patienten, die andere kümmert sich nur um die Abrechnungen. Wo man auch hinschaut, hat sich der Staat zu Tode organisiert; mit den entsprechenden Folgekosten. Von unternehmerischer Freiheit kann da kaum noch die Rede sein, ebensowenig von der Freiheit der Bürger. Von der Wiege bis zur Bahre war die Welt nie stärker kontrolliert, wenn auch der relative, wenn auch nur temporäre, Wohlstand nie höher war. Der Sieg des kapitalistischen Staates sieht ganz sicher anders aus. Insofern halte ich die Kapitalismus-Kritik der Linken für seltsam weltfern und nicht unähnlich der feministischen Kritik, stammen sie doch beide aus dem gleichen Nest. Die soziale Marktwirtschaft ist längst in den Zustand des marktwirtschaftlichen Sozialismus übergegangen. Eine kommode Diktatur, in der die Repressionsseligkeit der DDR überwunden scheint, aber die sich politisch längst der Kontrolle von Volk oder Bevölkerung entzogen hat. Man könnte sagen, die Politik allein hat sich emanzipiert.
gesamter Thread:
- @ "Unterdücker" -
Garfield,
14.06.2010, 12:57
- @ "Unterdücker" -
Movemen,
14.06.2010, 14:17
- @ "Unterdücker" - Garfield, 14.06.2010, 14:53
- @ "Unterdücker" -
Prometheus,
14.06.2010, 14:21
- @ "Unterdücker" - Garfield, 14.06.2010, 14:57
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
ajk,
14.06.2010, 14:38
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
Garfield,
14.06.2010, 15:09
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
ajk,
14.06.2010, 15:18
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" - Garfield, 14.06.2010, 16:41
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
Robert,
14.06.2010, 15:37
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
Garfield,
14.06.2010, 16:02
- Wo ist er denn, der "Kapitalismus" -
Movemen,
14.06.2010, 17:15
- großartiger Beitrag (kt)
-
Prometheus,
14.06.2010, 18:22
- Wo ist er denn, der "Kapitalismus" -
Garfield,
14.06.2010, 18:48
- Wo ist sie denn, die Demokratie? -
Unterdrücker,
14.06.2010, 20:21
- Wo ist sie denn, die Demokratie? -
Garfield,
14.06.2010, 20:40
- Wo ist sie denn, die Demokratie? - Unterdrücker, 14.06.2010, 21:07
- Wo ist sie denn, die Demokratie? -
Garfield,
14.06.2010, 20:40
- Wo ist sie denn, die Demokratie? -
Unterdrücker,
14.06.2010, 20:21
- Traumhaft - ajk, 14.06.2010, 19:26
- Wo ist er denn, der "Kapitalismus" -
Maesi,
15.06.2010, 10:13
- Wo ist er denn, der "Kapitalismus" - Garfield, 15.06.2010, 17:33
- großartiger Beitrag (kt)
- Der Binnenmarkt ist tot - ajk, 14.06.2010, 19:23
- Wo ist er denn, der "Kapitalismus" -
Movemen,
14.06.2010, 17:15
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" - Prometheus, 14.06.2010, 16:13
- "Autos kaufen keine Autos" - ajk, 14.06.2010, 19:18
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
Garfield,
14.06.2010, 16:02
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
ajk,
14.06.2010, 15:18
- Primitive Habgier gepaart mit medialer Macht -
es wurde kein Name eingegeben,
14.06.2010, 15:29
- Primitive Habgier gepaart mit medialer Macht - Cardillac, 14.06.2010, 15:41
- Unwissenheit - ajk, 14.06.2010, 19:22
- Die Theorie, das der "Kapitalismus" -
Garfield,
14.06.2010, 15:09
- @ "Unterdücker" -
Movemen,
14.06.2010, 14:17