Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Weiteres von Viola Roggenkamp

Nick, Wednesday, 18.08.2004, 03:12 (vor 7842 Tagen) @ Garp

Als Antwort auf: Re: Weiteres von Viola Roggenkamp von Garp am 17. August 2004 22:13:25:

Hallo Garp,

die These lautet erstmal nicht: "Früher war alles besser", sondern "Früher war vieles anders". Das muß wohl nicht eigens belegt werden.

Ich weiß es natürlich nicht, aber ich vermute mal, daß du der These "Heute ist alles besser (als z.B. im Mittelalter)" im Prinzip zustimmst? Die Meisten tun es jedenfalls. Diese These müßte erst belegt werden, oder etwa nicht?

Wenn ich die Stabilität einer Gesellschaft und ihre Überlebensfähigkeit als Kriterium für die Möglichkeit von persönlichem Glück und Zufriedenheit ansehe (und ich tue dies), dann muß nicht ich mich rechtfertigen, sondern diejenigen, die diese "bessere neue Welt" versprochen und politisch auf den Weg gebracht haben.

Quantifizieren ließe sich z.B. der Grad geistiger Gesundheit / emotionaler Zufriedenheit etc. mit der Höhe der Selbstmordrate (oder z.B. der Zahl der psychischen Erkankungen, oder der Drogentoten etc.); Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Zusammenhalt etc. mit der Zahl der Scheidungen (der Jugendkriminalität, der Selbstmorde unter Jugendlichen, der Vereinsamung unfreiwilliger Singles etc.); die schiere physische Lebensfähigkeit mit der Reproduktionsrate (z.Zt. unter 1,3 Kinder pro Frau); u.s.w.

Man könnte hinsichtlich des "Wertepluralismus" ganz salopp fragen, was Werte eigentlich wert sind, wenn sie nichts wert sind - sprich: wenn sie keine Antworten zur Lösung der drängenden Probleme bieten, sondern oft sogar der Grund für die Krisenentwicklungen sind. Bis vor kurzem ließ sich (oberflächlich) immer argumentieren, es gebe ja keine Krisen, alles sei bestens, man lebe in der besten aller Welten. Man kann das natürlich noch weiter behaupten. Wenn man aber die Krisen zur Kenntnis nimmt, dann sind nunmal diejenigen rechenschaftspflichtig, die diese "beste aller Welten" geschaffen und theoretisch verteidigt haben: und das sind (als Schlagwort) "die Alt-68er" - das sehe ich wohl wie du.

Die meisten Probleme, die inzwischen dabei sind, akut krisenhaft zu werden, sind in der Tat seit vielen Jahrzehnten bekannt und absehbar:

- wirtschaftlicher Niedergang (ungebremster Ausbau eines "Wohlfahrtsstaates" und Schwächung von Subsidiarität und Eigenverantwortung);

- demographische Katastrophe (in den 70ern "Pillenknick" genannt - aber in den desaströsen Folgen überhaupt nicht durchdacht)

- Zerfall der Familien [als "Hort der Kleinbürgerlichen Reaktion und des Patriarchats" geschmäht und mit einer ganzen Reihe gezielter Gesetzesänderungen, u.a. Scheidungsrecht, absichtlich in die Krise getrieben];

- Verblödung der Gesellschaft (Stichwort "Pisa": eine Folge v.a. der sozialdemokratischen Bildungs-Reform in den 70ern);

- Zuwanderung aus klulturfremden Regionen in Millionenstärke (ohne daß die Fähigkeit zur Integration geklärt wurde oder auch nur die Notwendigkeit derselben diskutiert werden durfte: "Multikulti ist gut. Basta. Wer Einwände hat, ist ein Rassist oder Nazi") u.s.w.

Man könnte diese Aufzählung recht lang machen.

Speziell zum Wertepluralismus: Werte, die nicht von der gesamten Gesellschaft im Prinzip geteilt werden, sind keine gesellschaftlichen Werte, sondern Privatansichten, die allenfalls zum Begründen von Gruppenegoismen in einem die Gesellschaft durchdringenden allseitigen Machtkampf taugen, wie er inzwischen zur Norm geworden ist. Das ist jedoch keine kollektive Wertorientierung. So etwas braucht man aber!

Wenn z.B. das Recht auf Leben der "Wertepluralität" anheimgestellt ist, dann gibt es Abtreibungen in Millionenhöhe, dann gibt es Euthanasie von "unbequemen Alten" (wie inzwischen in Holland) - und die meisten finden das Ganze "völlig normal". Insofern kann man durchaus sagen, daß Wertepluralismus, wie er inzwischen von der Mehrheit verstanden und praktiziert wird, ein Synonym für Werteverfall ist. Nur will es die Mehrheit eben nicht mehr so "nennen". Aber was bedeutet das in der Sache?

Kurz zu "Vaterlosigkeit" und "Vaterentsorgung": Man kann alles mögliche unterscheiden (v.a. wenn man sehr viel Zeit hat oder sein Brot mit Unterscheidungen verdient - was beides auf mich nicht zutrifft :-)), man darf aber auch dann nicht versäumen, die gemeinsamen Wurzeln der Phänomene im Auge zu behalten. Der ideologische Kampfbegriff vom "Patriarchat" zielt (nicht nur, denn er hat noch viel tieferreichende Implikationen) auf eine durchgängige Diskreditierung des männlichen Archetyps auf allen Ebenen der menschlichen Existenz. Die Phänomene, in denen sich das dann im Einzelnen zeigt und auswirkt, mögen nach Zeit und Umständen wechseln, das zugrunde liegende "Phänomen" ist gleichwohl "kulturell durchgängig" und sehr wohl belegt.

Natürlich gibt es Frauen, die sich der Väter ihrer Kinder "entledigen". Natürlich gibt es Väter, die sich ihrer Verantwortung nicht stellen. Man könnte nun sagen: das Leben ist bunt, es gibt nichts, was es nicht gibt, also gibt es nichts, worüber es sich ernsthaft zu reden lohnt. Man kann auch der Ansicht sein, das Reden über die Phänomene allein bewirke irgendwann eine Änderung der Verhältnisse. Ich gehöre nicht zu diesen Leuten, werde zu den ersten noch den zweiten.

Um zum Schluß auf deinen ersten Satz zurückzukommen: viele meinen heute, daß es gewissermaßen verwerflich sei, in der Vergangenheit überhaupt irgendetwas Gutes zu finden zu hoffen. Dazu gehöre ich in der Tat nicht. Eine "Idylle" hat es niemals gegeben, zu keiner Zeit, denn die Neigung des Menschen zu Bosheit und Dummheit ist unbegrenzt. Es hat aber durchaus Epochen gegeben, die dem Menschen etwas gemäßer waren, als es die heutige ist: man könnte also durchaus aus der Vergangenheit etwas Nützliches lernen, meine ich.

Aber für unsere kleine Diskussion hier bin ich damit einverstanden, wenn wir das als "unbewiesene Glaubensfrage" behandeln und ggf. als unterschiedliche Meinung stehenlassen.

Einverstanden?

Gruß vom
Nick


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