Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Romananalyse

Garfield, Tuesday, 17.08.2004, 20:41 (vor 7842 Tagen) @ Karin

Als Antwort auf: Re: Romananalyse von Karin am 17. August 2004 16:38:14:

Hallo Karin!

Es ist schon ein paar Jahre her, seit ich einige dieser Ayla-Bücher gelesen habe. Ich kann mich aber an manches noch recht gut erinnern.

Als Hauptgrund für das Aussterben der Neanderthaler stellte die Autorin ihr Gehirn dar. Es gibt da so eine Theorie, die davon ausgeht, daß die Neanderthaler die Fähigkeit hatten, auch erlernte Kenntnisse zu vererben. Und daß ihr Gehirn aber irgendwann einfach nicht mehr ausreichte, um zu diesem ganzen Wissen der vorherigen Generationen noch neues Wissen aufzunehmen. Und daß sie ausgestorben sind, weil sie sich deshalb nicht mehr an die veränderten Umweltbedingungen anpassen konnten.

Diese Theorie halte ich zwar für ziemlich an den Haaren herbeigezogen, aber in diesem Zusammenhang ist das ja eigentlich wurscht. Die Autorin schreibt aber immer wieder auch mehr oder weniger direkt, daß die Neanderthaler auch deshalb ausgestorben sind, weil sie - wie du ja auch schreibst - am althergebrachten Rollenmuster festhielten und das weibliche Potenzial nicht nutzten. Ich weiß nicht mehr genau, ob sie das so direkt geschrieben hat, aber ich kann mich noch schwach an einige Passagen erinnern, wo das so zumindest indirekt zum Ausdruck gebracht wurde.

Noch deutlicher wird das ja auch daran, wie die Autorin im Vergleich dazu die Kultur unserer Vorfahren beschreibt. Sie beschreibt da ein Matriarchat, in dem alle wichtigen Entscheidungen von Frauen getroffen werden. Den "Männer-Rat" beschreibt sie als so eine Art Stammtisch-Runde, in der die Männer ständig nur darüber diskutierten, wen sie nun wohl wieder überfallen und massakrieren könnten. Und natürlich hatte der "Frauen-Rat" nach Meinung der Autorin ständig alle Hände voll damit zu tun, die Männer an solchem Unsinn zu hindern.

Selbstverständlich verhalten sich die allermeisten Männer Frauen gegenüber überaus respekt- und rücksichtsvoll. Ich kann mich noch an eine Szene erinnern, in der ein Mann (der erste weitere frühmoderne Mensch, den Ayla kennenlernt, nachdem sie die Neanderthaler verlassen hat und ihr späterer Partner) ganz entsetzt ist, als sie ihm erzählt, wie es sexuell bei den Neanderthalern zuging, also daß sie da auch gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurde.

Das sind dann auch schon die wesentlichen Unterschiede, die die Autorin zwischen den Neanderthalern und unseren Vorfahren sieht. Daraus läßt sich folgendes ableiten, auch wenn das in den Büchern nicht direkt so geschrieben wird:

Die Neanderthaler sind ausgestorben, weil sie an der alten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, also an der patriarchalen Gesellschaft, festhielten. Die frühmodernen Menschen dagegen waren durch ihre matriarchale Gesellschaft den Neanderthalern weit überlegen und haben sie deshalb überlebt.

Wenn man nun an die feministischen Theorien glaubt, also auch daran, daß wir heute im Patriarchat leben, dann ergibt sich daraus die Schlußfolgerung, daß unsere Gesellschaft unweigerlich untergehen wird wie die Neanderthaler, wenn wir nicht schleunigst wieder das Matriarchat einführen.

Es ist zwar richtig, daß Jean M. Auel das so deutlich nicht geschrieben hat (jedenfalls soweit ich die Bücher gelesen habe), aber die geneigten Leser können das so verstehen.

Solche diskreten und versteckten Aussagen sind viel gefährlicher als die Parolen irgendwelcher Kampfemanzen. Soweit ich mich erinnere, verwendete Jean M. Auel auch niemals Worte wie "Matriarchat" oder "Patriarchat". Solche Schlagworte kommen heutzutage auch bei Mädchen und Frauen oft nicht mehr gut an. Das klingt zu offensichtlich nach Radikalfeminismus.

Diese versteckten Aussagen, die nicht direkt gemacht, sondern nur im Geiste des Lesers erzeugt werden, sind aber nicht so einfach als radikalfeministisches Gedankengut erkennbar. Da blockt kaum jemand schnell geistig ab.

Noch bedenklicher wird das Ganze, weil die Autorin sich ja ansonsten über die Lebensweise unserer Vorfahren recht gut informiert hat. So werden solide Kenntnisse mit feministischen Theorien vermischt, und auf Menschen, die sich nie sonderlich intensiv mit Geschichte befaßt haben, wirkt das dann insgesamt sehr glaubwürdig.

Freundliche Grüße
von Garfield


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