Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Kleine Presseschau - Neue Folge

Simon, Monday, 16.08.2004, 17:43 (vor 7844 Tagen)

Man beachte besonders den letzten Absatz.

BERLINER ZEITUNG Montag, 16. August 2004

Es fehlt an brauchbaren Vätern

Zwölf Frauen erklären, warum sie keine Kinder haben und ob sie deswegen etwas vermissen

Birgit Walter

Wer fragt schon eine Frau ohne Kind, warum sie eine Frau ohne Kind ist? Eher würde man die Qualität ihres gegenwärtigen Liebhabers ermitteln wollen als eine solche Intimität zu erforschen. Welche Abgründe sich da auftun könnten! Nicht einfach Unfruchtbarkeitsdramen jeglicher Stadien, sondern viel tiefer sitzende Formen von Unbehagen, die mit einem Kind verbunden wären - Angst vor Bindung, Verantwortung oder Arbeitsplatzverlust. Vor allem aber könnten Wartepositionen gestört werden. Außerdem berichten Frauen ohne Kind gelegentlich in vorauseilender Neugier-Abwehr über den Horror, den sie mit diesem Thema daheim auszuhalten haben. Die eigenen Mütter brächten ihr Verlangen nach Enkeln durchaus zum Vortrag, wenn nicht ganz direkt, so doch vermeintlich geschickt verpackt. Man wird sich als Nicht-Verwandter hüten vor falschen Fragen.

Viola Roggenkamp hat nun gefragt. Die Autorin (56, kinderlos) lud zwölf Frauen ohne Kind zu einem Festessen und ließ sie erzählen, warum sie so sind wie sie sind. Jede hat in dieser Tischrunde und dem daraus entstandenen Buch einen Vornamen, ein Alter (31 bis 53) und eine Geschichte - rührend, nüchtern oder kühl, doch immer überraschend und wunderbar erzählt. Auf keiner Seite wird gelangweilt.

"Papa, Telefon!"

Ein Leben geht so: Renate, 53, Berufsschullehrerin, hatte sich immer ein Kind gewünscht. Sie heiratete jung, doch ihr Mann war viel im Ausland. Er wollte nicht, dass sein Kind ohne Vater aufwächst und vertröstete auf die Zeit nach seinem Reisejob. Irgendwann versuchte Renate, ohne Billigung ihres Mannes schwanger zu werden - vergeblich. Später war er öfter zu Hause, musste aber mitunter überraschend fort. Einmal wurde er an einem Sonntag Nachmittag zu einer Lagebesprechung gerufen. Misstrauisch geworden, wählte Renate nach einer Weile die Nummer an, von der der Anruf gekommen war. Ein kleines Mädchen meldete sich. Renate verlangte nach Herbert. Das Kind rief: "Papa, Telefon!" Renate war indessen 40. Nach der Trennung blieb sie kinderlos.

Filmreife dramatische Wendungen wie diese hat glücklicherweise nicht jede der Frauen zu bieten, aber interessant sind alle Geschichten. Sie füllen das ganze Spektrum der Kinderlosigkeit aus: von der unerfüllten starken Sehnsucht bis zur Sterilisation oder sonstigen energischen Ablehnung. Die Archivarin Barbara zum Beispiel sagt, der Gedanke an eine Schwangerschaft sei alptraumhaft für sie, nie könnte sie das Ausstülpen und Aufreißen ihres Leibes aushalten und ein Kind bekommen. Aber Barbara, die mit einer Frau verheiratet ist, liebt Babys. Sie sagt: "Die Liebe zu einem Kind ist doch ein unglaublicher Trost, denke ich mir, und diesen Trost habe ich nicht."

Das ist eine der Fragen, denen das Buch nachgeht: Was fehlt denn, ohne Kind? Auch eine Frau mit Kinderwunsch kann ihr Vorhaben ja nicht wirklich fassen. Welcher Mensch bei Verstand verzehrt sich wohl nach einem dicken Bauch, einem ruinösen Busen und stinkenden Windeln, nach jahrzehntelanger schwerer Verantwortung und massiver Einschränkung der Freiheit? Die Liebe zum Kind ist es nicht, das ist ja noch nicht da. Der Wunsch, über den eigenen Tod hinaus fortzuleben, spielt auch noch keine Rolle. Die Entscheidung trifft nicht der Intellekt, sondern der Instinkt. Und der wird nun zunehmend gestört durch die Unabhängigkeit der Frau, den Anspruch an ihr Leben, die gesellschaftlichen Umstände.

Dabei handelt es sich fraglos um einen hoch komplizierten Prozess, denn alle vorgestellten Frauen spüren ihren nicht gezeugten Kindern doch ziemlich gründlich nach, dem, was dieser Entschluss für ihre Seele bedeutet. Therese, 49, Richterin, spricht von einem gewachsenen Nein zu einem Kind. Doch sie spüre, etwas Wichtiges im Leben ausgelassen zu haben. Anna, 42, Journalistin, fühlt sich nicht schuldig und weint doch um das Ungeborene. Heike, 43, Politikerin, sagt: "Männer haben die Macht, und da will ich hin. Kinder sind nicht wichtig für mein Leben, .doch etwas leidet in mir." Das ist es wohl, worauf sich die zwölf Frauen einigen könnten - auf eine selbstbestimmte Entscheidung und ein unbestimmtes Bedauern ("Habe ich etwas nicht geschafft im Leben?"). Unbestimmt auch, weil es nicht nur einen Grund gibt für ihre Kinderlosigkeit.

Zumindest nicht den einer zielgenauen kalten Karriereplanung. Für die meisten hat es sich einfach nicht ergeben. Die Umstände passten nicht. Ohne zugehörigen Vater wollte zum Beispiel keine der Frauen ein Kind. Manchmal hat schlicht der Partner Angst, Vater zu werden, wie es Lena, 31, die Bankerin beschreibt. Oder er hat bereits erwachsene Töchter und will kein neues Kind mit der jungen Frau. Die Opernsängerin, die von Engagement zu Engagement ziehen muss, fand auch noch keinen "mitreisenden" Mann - so etwas würde sich keiner antun, allenfalls eine Frau.

Zwölf Jahre ohne Beruf

Frauen muten sich aber eben nicht mehr alles zu, manchmal auch kein Kind. Vielmehr fragen sie sich, warum nur Frauen in den alarmierenden Wir-Deutschen-sterben-aus-Statistiken vorkommen, warum nur ihnen gefährlicher Egoismus vorgeworfen wird. Männer dagegen, moniert Roggenkamp, tauchten allenfalls als Unterhaltsflüchtlinge auf. Ob sie aber bereit seien, "für zwölf Jahre ihren Beruf aufzugeben, ihre Karriere zu streichen, ihren Lebensstandard und ihren Freizeitspaß einzuschränken, diese Fragen tauchen nicht auf in den Nachwuchsprognosen".

Es geht in diesem Buch an keiner Stelle um so etwas wie Kindergartenplätze, davon allein macht ja doch niemand seine Familienplanung abhängig. Fast immer paaren sich persönliche und gesellschaftliche Gründe. Allerdings ist die Position, die das Buch zur Berufstätigkeit der Mutter bezieht, seltsam extrem: Familie und Beruf sind unvereinbar, Schluss. Diese Behauptung mag historisch verwurzelt sein, sie stimmt nur nicht. Besonders Frauen aus dem deutschen Osten (sie kommen nicht mal im historischen Teil vor) hätten da schon ein paar Beispiele.

Aber formuliert dieses famose und gescheite Buch (mit Ausflügen in die Geschichte; sie erinnern etwa daran, dass die bundesdeutsche Frau erst 1973 ohne Zustimmung ihres Gatten arbeiten gehen und ein Konto eröffnen durfte) auch einen Grund, auf den sich alle zwölf Frauen einigen könnten, wenn es um Kinderlosigkeit geht? Vielleicht am ehesten auf diesen: Es gibt keine guten Männer. Die Tischrunde stellt fest, sie seien "unterdurchschnittlich". In dem ganzen Buch kommt nicht ein einziges brauchbares Exemplar vor. Roggenkamp selbst begegnet nur flegelhaften Schnöseln. Ein Rückgang der Geburtenrate aufgrund mangelhaften männlichen Potenzials ist aber auch eine schrille These.


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