Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Doch, es gibt eine Kollektivschuld

Arne Hoffmann, Tuesday, 25.05.2004, 22:49 (vor 7927 Tagen) @ Mischa

Als Antwort auf: Doch, es gibt eine Kollektivschuld von Mischa am 25. Mai 2004 17:11:18:

Hi Mischa,

Das ist die Wirklichkeit in unserem Land. Wenn es dir um die Opfer ginge, hättest du die Faktenlage dargestellt ...

Naja, eben dass wir unterschiedlicher Auffassung sind, wie die Faktenlage denn nun genau aussieht, sollte ja inzwischen klar geworden sein. Deine Rhetorik geht ein bisschen in die Richtung von: "Wenn es dir um die Opfer ginge, wärst du meiner Ansicht." Bin ich aber nicht.

... und nicht selektiv Frauen angeprangert.

Hmm, nein. Es kann ja nicht darum gehen, selektiv Frauen anzuprangern. Es geht darum, dass ich meine Energie gerne gezielt und gebündelt einsetzen möchte. Für weibliche Opfer gibt es schon zahlreiche Bücher, Hilfsangebote, politische Unterstützung undsoweiter. Von mir aus immer noch zu wenig, es ist vermutlich IMMER zu wenig Hilfe da. Aber für männliche Opfer gab es bis vor kurzem noch ÜBERHAUPT keine Hilfe. Sie wurden hierzulande auch in Büchern etc. kaum thematisiert. Statt dass ich also das hundertste Buch darüber schreibe, wie schlecht es weiblichen Opfern geht und was man dagegen tun könnte, setze ich mich doch lieber gezielt für die bislang unsichtbaren männlichen Opfer ein. Wenn die Situation umgekehrt wäre und nur männliche Opfer als "würdig" empfunden würden, würde ich mich gezielt für die Frauen einsetzen, das ist doch klar.

Nur mit jammern über das eigene Unglück verbessert sich nichts.

Mit meinem eigenen Unglück hat das ja gar nichts zu tun. Ich bin ja weder entsorgter Vater, noch geprügelter Mann.

Die Maskus sollten Alice nicht schlecht kopieren, die ist auch nur ein Weibchen.

Stimmt, Alice Schwarzer schlecht zu kopieren - davon halte ich auch nichts. Ich habe erst letzte Woche bei meinem Radiointerview mal wieder gesagt, wie langfristig unser Ziel aussehen sollte: dass sowohl die Männer als auch die Frauen jeweils die Probleme des anderen Geschlechts stärker wahrnehmen und an einer Lösung mitarbeiten sollten. Ich mache ja auch nicht umsonst bei jedem öffentlichen Auftritt darauf aufmerksam, dass ich es als Vorbild empfinde, wie in den USA liberale Männerrechtler und liberale Feministinnen wie die "individual feministis" unter Wendy McElroy Bündnisse schmieden und zusammenarbeiten, um eine Welt zu schaffen, die beiden Geschlechtern gerecht wird. Aus diesem Grund geht es mir auch auf den Geist, wenn ausgerechnet ich als "Kriegsgewinnler" bezeichnet werde.

(Bemerkenswert übrigens, dass die "individual feminists" die Faktenlage sehr ähnlich einschätzen wie ich. Von welcher "Kollektivschuld" die wohl durch "aus dem Zusammenhang gerissene Zahlen" etc. pp. ablenken wollen?)

Das alles ist natürlich nur meine persönliche Meinung. Deine Meinung ist: Wir sollten uns immer noch vorrangig um die Frauen kümmern, weil es denen insgesamt viel dreckiger als den Männern geht. Manche Maskulisten hier sagen: Wir haben uns 30 Jahre lang nur um die Frauen gekümmert; jetzt ist es höchste Zeit, dass wir Männer einmal nur für uns eintreten. Alles legitim, aber ICH bin für die von mir geschilderte Zusammenarbeit als langfristigem Ziel. Nur befinden wir uns im Augenblick in Deutschland in einer historischen Phase, in der männliche Opfererfahrungen von vielen in ihrem Ausmaß noch gar nicht realisiert werden. Man muss der breiten Öffentlichkeit ja erst mal klar machen, warum sich BEIDE Geschlechter in gewissen Punkten benachteiligt fühlen und nicht nur das eine. Abgesehen davon bin ich überzeugt davon, dass beide Formen von Benachteiligung miteinander verzahnt sind. Man KANN die eine gar nicht angehen, indem man die andere außen vor lässt:
- Susu wird dir am ehesten etwas darüber sagen können, wie beide Geschlechter in Rollen gepresst werden, die den Einzelnen oft nicht gut tun, und dass diese Rollenzwänge einander gegenseitig stützen.
- Gestern habe ich in der Wikipedia gelesen, dass Experten beim Thema Beschneidungen inzwischen dazu übergegangen sind, die Genitalverstümmelungen von Mädchen wie von Jungen als zusammenhängendes Problem zu sehen, das insgesamt gelöst werden sollte.
- Experten zum Thema häusliche Gewalt werden dir mittlerweile sagen, dass man hier inzwischen von einem systemischen Ansatz ausgeht (gegenseitiges Hochschaujeln etc.) statt von einem "Patriarchat", in dem der Mann die Frau prügelt und dass häusliche Gewalt über die Generationen hinweg auch vom jeweils anderen Geschlecht "erlernt" wird (der Sohn lernt also von der Mutter, dass Gewalt ein Konfliktmittel darstellen kann, und die Tochter vom Vater).
- Und Fachleute zum Thema sexueller Gewalt wissen, dass Täter beider Geschlechter sehr oft selbst Opfer sexueller Gewalt waren, und darunter häufig Opfer eines Mitglieds des jeweils anderen Geschlechts.

Mit meinem Buch, das ich vor mittlerweile vier Jahren geschrieben habe, habe ich erst mal dazu beigetragen, das Tabu vom männlichen Opfer und weiblichen Täter zu knacken. Das war der erste Schritt, und bei dem Widerstand, den wir Männerrechtler dabei erfahren, sind wir immer noch damit beschäftigt. Sobald wir damit durch sind, steht die nächste Frage an: Wie lösen wir unser aller Probleme, ohne dass es zu einem Opferwettlauf kommt, zu einem Backlash oder zu anderen destruktiven Entwicklungen?

Arne


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