Re: Sogenannte Frauenzeitschriften
Als Antwort auf: Re: Sogenannte Frauenzeitschriften von Maesi am 21. August 2003 20:35:11:
Hallo maesi!
"Jein. Mangelnde Bildung foerderte natuerlich den Aberglauben. Aber eine solche Scheinwirklichkeit, wie die Medien heute glaubhaft aufbauen koennen, gab es damals tatsaechlich nicht; die Menschen vertrauten sicher staerker ihren eigenen subjektiven Eindruecken, die sich aber halt auch als falshc entpuppen konnten."
Klar, letztendlich hat jeder sein eigenes, subjektives Weltbild.
Und was Aberglauben angeht: Sowas entstand nicht nur durch mangelnde Bildung. Viele Sachen wußten die Menschen damals einfach noch nicht besser, auch nicht, wenn sie wirklich gebildet waren. Oftmals wurde Aberglauben auch von Geschäftemachern ganz bewußt in die Welt gesetzt. So verdienten sich Henker beispielsweise ein kleines Zubrot dadurch, daß sie Taschentücher von Interessenten in das Blut Hingerichteter tauchten oder sogar Körperteile der Hingerichteten verkauften. Diese galten als Wundermittel gegen diverse Krankheiten. Mit Sicherheit haben die Henker selbst diese Märchen in Umlauf gebracht, um damit gut verdienen zu können. Noch zu Anfang des 20 Jahrhunderts wurde in Deutschland in einer Apotheke nach solchen "Wundermitteln" gefragt.
Heute läuft das immer noch genauso, nur in größerem Maßstab. Deshalb wurden beispielsweise die Begriffe ArbeitGEBER und ArbeitNEHMER eingeführt. Das soll suggerieren, daß nicht etwa der Unternehmer die Arbeit von seinen Mitarbeitern nimmt, sondern daß er ihnen großzügigerweise als so eine Art Wohltäter der Menschheit die Arbeit gibt. Das war letztendlich die Reaktion auf die Arbeiterbewegung des 19./20. Jahrhunderts, die ja sehr durch die kommunistische Ideologie geprägt war und Unternehmer grundsätzlich als Ausbeuter betrachtete, die wie Blutegal an den Arbeitern hängen. Solche Anschauungen waren den Unternehmern nicht genehm, da sie ihnen wenig öffentliche Sympathie einbrachten und es ihnen so erschwerten, finanzielle Zuwendungen und sonstige Unterstützung von der Regierung zu bekommen.
So mußten sie etwas unternehmen, um ihr Image wieder aufzupolieren. Übrigens hat sich das auch auf die Frauenbewegung ausgewirkt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein galt Arbeit nämlich allgemein nur als notwendiges Übel, vor dem sich jede(r) möglichst gut zu drücken suchte. Wer es nicht nötig hatte, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten, zeigte das gern und wurde dafür beneidet und bewundert. Blässe galt als vornehm, da sie bewies, daß man es nicht nötig hatte, unter freiem Himmel bzw. überhaupt zu arbeiten.
Die kommunistische Ideologie gab der Arbeit einen ganz neuen Stellenwert. Sie ging davon aus, daß der Mensch erst durch die Arbeit zum Menschen wurde. Wer nicht arbeitete, galt als Schmarotzer und nur wer arbeitete, sollte auch die Früchte der Arbeit ernten.
Aufgrund der schlechten Lage der arbeitenden Bevölkerung verbreiteten sich die kommunistischen Lehren sehr schnell. Die Frauenbewegung tangierte das allerdings zunächst kaum. Es gab zwar immer auch kommunistisch geprägte Teile der Frauenbewegung, aber ein großer Teil der frühen Frauenrechtlerinnen stammte aus dem mittleren Bürgertum und hatte mit Kommunismus nichts am Hut. Diese Feministinnen sahen es dann auch folgerichtig als Fortschritt an, als immer mehr Frauen durch die Entwicklung des Kapitalismus in die Situation versetzt wurden, nicht mehr in Fabriken oder auf Feldern arbeiten zu müssen, sondern sich voll und ganz auf Familie und Haushalt konzentrieren konnten. Das blieb so noch bis zum Ende der Nazizeit.
Als dann nach Kriegsende der Ost-West-Konflikt aufkam, sahen sich Unternehmer zunehmend in die Defensive gedrängt. Die Ostblockländer hatten zunächst auch beachtliche wirtschaftliche und technologische Erfolge vorzuweisen. Es war gar nicht so sicher, welches System den Wettkampf um die Gunst der Menschheit gewinnen würde. So kamen die Unternehmer eben auf den Gedanken, daß man das Image des Kapitalismus aufpolieren müsse. Es kam zur Einführung bestimmter Begriffe, die den Unternehmern besser gefielen als die bislang verwendeten.
Schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts war es nicht mehr so modern gewesen, offen zuzugeben, daß man nicht für sein Einkommen arbeitete. Das lag zum einen daran, daß man nicht gern in den Ruf eines Schmarotzers und Ausbeuters kommen wollte, zum anderen aber auch daran, daß es nun tatsächlich Leute gab, die auch durch eigene Arbeit reich geworden waren. Je mehr reiche Selfmade-Unternehmer die etablierten adeligen Nichtstuer verdrängten, umso mehr wurde es salonfähig, mit der eigenen Arbeit Geld zu verdienen.
Daran knüpfte man nun nach dem Zweiten Weltkrieg an und betonte bei jeder Gelegenheit, daß ja jeder seines Glückes Schmied wäre und daß reiche Leute ihren Reichtum ja nur ihrer unermüdlichen Arbeit zu verdanken hätten. Obwohl das so auch wieder nicht stimmte. Das Märchen vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde, wurde gern erzählt, und man wollte den Menschen damit einerseits die Perspektive geben, im Kapitalismus selbst durch ihre Arbeit reich werden zu können und gleichzeitig auch das von der kommunistischen Ideologie gemalte Feindbild des kapitalistischen Ausbeuters übertünchen. Um eben die Menschen vom Kapitalismus zu überzeugen.
Als dann auch noch die Löhne und Gehälter stiegen, sprangen auch Feministinnen auf diesen Zug auf. Bisher hatten sie Arbeit noch wie in früheren Zeiten als für sie möglichst zu überwindendes Übel betrachtet. Jetzt aber galt Arbeit plötzlich als positiv und gar nicht mehr als verpönt. Obendrein konnte man damit auch immer mehr verdienen. Also wollte frau nun auf einmal doch wieder arbeiten.
Und so kam es, daß sich das Märchen etablierte, daß Arbeit eine Gnade wäre, die die bösen Männer den Frauen vorenthalten würden. Und natürlich auch eine Gnade, die die Unternehmer ihren Arbeitern und Angestellten gewähren. Auch wieder so ein moderner Aberglauben.
Auch sonst stößt man auch heute immer wieder auf Märchen, die teilweise sogar von amtlicher Seite verbreitet werden und nur den Zweck haben, die Öffentlichkeit irrezuführen oder von wirklichen Problemen abzulenken. Beispielsweise das Märchen, daß wir die Renten allein durch eine Erhöhung der Geburtenzahlen oder auch durch mehr Einwanderung sichern könnten. Oder auch die vielen radikalfeministischen Märchen, die hier im Forum schon ausführlich entlarvt wurden. Das alles ist quasi heute das, was früher Aberglauben war.
Der Unterschied zu früher besteht nur darin, daß die Menschen es heute eigentlich besser wissen müßten. Daß sie es trotzdem nicht besser wissen, liegt einfach daran, daß über die Medien dieser ganze Unsinn immer wieder auf sie herabrieselt. Und was man immer wieder hört, das wird eben irgendwann als Wahrheit betrachtet...
Obendrein ist der eigentliche Aberglaube auch heute noch keineswegs ausgestorben. Viele Leute lesen Horoskope, und manche von ihnen glauben wirklich daran. Ich kenne auch Leute, die zu Wahrsagern gehen und behaupten, daß diese ihnen wirklich alles korrekt vorausgesagt hätten. Mein Vater hat früher in der DDR in der Baubrigade einer LPG gearbeitet. Wenn sie da mal einen Graben baggern mußten und wußten, daß dort irgendwo eine Wasserleitung war, aber die genaue Lage der Leitung nicht kannten, dann haben sie sich mit zwei Schweiß-Drähten so eine Art Wünschelrute gebastelt, und einer ist dann damit herumgelaufen, bis er glaubte, die Wasserleitung durch Ausschlag der Wünschelrute gefunden zu haben. Das ist kein Witz! Zufällig hat das wohl immer geklappt, denn mein Vater war fest davon überzeugt, daß das funktioniert.
Auch Umfragen bestätigen immer wieder, daß viele Menschen heute noch an solche Dinge glauben, z.B. auch an Glücks- oder Unglücks-Zeichen. Und das, obwohl die Menschen heute im Durchschnitt viel gebildeter sind als im Mittelalter.
Freundliche Grüße
von Garfield
gesamter Thread:
- Sogenannte Frauenzeitschriften -
Xenia,
19.08.2003, 20:40
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Simon,
19.08.2003, 21:34
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Xenia,
19.08.2003, 23:30
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Simon,
19.08.2003, 23:51
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - Xenia, 20.08.2003, 20:50
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Simon,
19.08.2003, 23:51
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Xenia,
19.08.2003, 23:30
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Garfield,
19.08.2003, 21:38
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Martin,
19.08.2003, 22:35
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Garfield,
20.08.2003, 12:55
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Maesi,
21.08.2003, 23:35
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - Garfield, 22.08.2003, 20:45
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Maesi,
21.08.2003, 23:35
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Garfield,
20.08.2003, 12:55
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Xenia,
20.08.2003, 20:56
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - Garfield, 21.08.2003, 18:44
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Maesi,
21.08.2003, 23:40
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - Xenia, 22.08.2003, 02:23
- Hier ist die Antwort -
Xenia,
22.08.2003, 02:32
- Re: Hier ist die Antwort - Garfield, 22.08.2003, 16:40
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Martin,
19.08.2003, 22:35
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
gaehn,
19.08.2003, 22:42
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - Xenia, 20.08.2003, 20:59
- Haben die Frauen-Illustrierten heute einen feministischen Einschlag? -
Lars,
19.08.2003, 22:49
- Re: Haben die Frauen-Illustrierten heute einen feministischen Einschlag? - Xenia, 20.08.2003, 21:02
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Odin,
20.08.2003, 00:57
- Schenkelklopfer :-D n.T. (n/t) - Manfred, 20.08.2003, 01:08
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - Xenia, 20.08.2003, 21:03
- Sind die Männer-Illustrierten genauso dumm? -
Lars,
20.08.2003, 19:38
- Re: Sind die Männer-Illustrierten genauso dumm? -
Xenia,
20.08.2003, 21:08
- Hugh Hepfner und der "Playboy" der 60er Jahre - Lars, 20.08.2003, 21:40
- Re: Sind die Männer-Illustrierten genauso dumm? -
Xenia,
20.08.2003, 21:08
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - CnndrBrbr, 20.08.2003, 19:46
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Maesi,
21.08.2003, 23:28
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Xenia,
22.08.2003, 02:21
- Männerzeitschriften - CnndrBrbr, 22.08.2003, 13:34
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften - Maesi, 13.09.2003, 13:20
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Xenia,
22.08.2003, 02:21
- Re: Sogenannte Frauenzeitschriften -
Simon,
19.08.2003, 21:34