Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Kein drängendes Problem? (Fortsetzung)

Nick, Sunday, 08.08.2004, 07:08 (vor 7852 Tagen) @ Nick

Als Antwort auf: Kein drängendes Problem? von Nick am 08. August 2004 04:01:53:

(Fortsetzung)

Die Frage nach dem Stil
„Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns." Franz Kafka
Ich muß eingestehen, daß wir in der heutigen Zeit eigentlich beinahe keine Kenntnisse über unsere Sprache mehr benötigen. Der Wortschatz eines jeden einzelnen wird immer geringer, und wir brauchen nicht mehr viele Worte geschweige denn Wissen, um kommunizieren und überleben zu können. Es gibt Radio, Fernsehen und Computer. Briefe werden kaum noch geschrieben, das Gespräch am Telefon erschöpft sich nicht selten darin, einen "Termin" zu machen, und die tägliche Werbung nimmt uns Entscheidungen und Wertungen in nahezu allen Lebensbereichen ab. In diesem Zusammenhang beeindruckt mich, wie die Menschen in früheren Zeiten miteinander kommuniziert haben. Das barg Stil, Charakter und Verbindlichkeit.
In einem Brief des Philosophen Karl Jaspers an Martin Heidegger im Jahre 1949 sondiert Jaspers vorsichtig, ob nicht der Zustand, "daß wir gegeneinander schweigen", beendet werden könnte [16]:
"Die unendliche Trauer seit 1933 und der gegenwärtige Zustand, in dem meine deutsche Seele nur immer mehr leidet, haben uns nicht verbunden, sondern stillschweigend getrennt. Wenn auch Dunkelheit zwischen uns ist, so könnten wir doch versuchen, ob nicht im Privaten und Philosophischen zwischen uns ein Wort vom einen zum anderen geht... Ich grüße Sie aus ferner Vergangenheit, über einen Abgrund der Zeit hinweg, festhaltend an etwas, das war und das nicht nichts sein kann."
Ich will nicht ins Unterholz abwandern, aber ich kann mich nicht zügeln, diesen sensiblen Brief - ohne Beachtung des recht heiklen ursprünglichen Zusammenhangs im Falle Jaspers und Heidegger - in die heutige Zeit zu übertragen. Hier tut's unter Kumpels (damals sprach man immerhin von Freunden) wohl ein kurzer Text auf Karo-Papier gekritzelt:
"Naja, tut mir ja echt leid die Sache von damals. Weil ich bin eben Deutscher. Wenn Du willst, kannste ja mal rumkommen. Da könn'n wir'n Bierchen trinken gehen und mal drüber reden. Und dann vergessen wir den ganzen Salat. Fänd' ich geil. Also dann, hollidooo!".
Wo die Sprache verarmt, da verarmt auch das Denken. „Daß wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen." ...
„Wenn wir zugestehen, daß Sprache auch Ausdruck der Seele ist und nicht nur ein rein pragmatisch zu handhabendes "Mittel" der Kommunikation, also nicht nur "Technik" ist, so stellt sich die Frage, wieviel eines geistigen Erbes wir überhaupt noch fähig sind aufzunehmen." ... „Vielleicht ist uns auch der Sinn für die Schönheit und Einzigartigkeit des menschlichen Lebens abgekommen, für die Fülle, die der Augenblick bergen mag. Wenn Sprache auf eine so gehaltvolle Wirklichkeit verweist, wie sie der Dichter zu offenbaren versteht, ob Gehalt der Seele oder der Welt, so sind wir unseren Kindern regelrecht schuldig, ihnen diesen Reichtum, der sich auch in der Sprache niederschlägt, nicht vorzuenthalten." [18].
An einer Grundschule in Beelitz bei Potsdam mischen sich die Fachlehrer nicht mehr in das Ressort der Deutschlehrer ein, indem sie schriftliche Facharbeiten nicht mehr bezüglich Orthographie und Grammatik redigieren. Dem setzt Prof. Harald Zimmermann von der Universität Saarbrücken in einer Internet-Publikation noch eins drauf: „Zudem wird (hoffentlich) niemand mehr fragen, nach welcher Norm ein Roman geschrieben ist, sondern danach, welchen Gehalt er hat."
„Die Intellenz der Aburenten ist kastrophal.", fällt mir dazu nur ein.

Samthandschuhe für unsere Kinder
„Die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein - im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen." Victor Klemperer, aus „LTI".
Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn wir den Kindern im lernfähigsten Alter mit ein wenig Nachdruck ein niveauvolles Schreiben beizubringen versuchen? Es wird immer Kinder geben, die schwerer lernen, die faul sind, die von den Eltern lieber den Fernseher anstatt die Hausaufgaben erklärt bekommen, die vielleicht sogar eine geistige Behinderung haben, aber die lernen dann ganz andere Dinge auch nicht und dürfen nicht als Maßstab für einen Reformwillen dienen.
Die heutige deutsche Sprache verdanken wir im wesentlichen einem evolutionären Wandel durch viele Jahrhunderte. Und da kommen heute plötzlich ein paar Leute und inkompetente Wichtigtuer, die berühmt werden und in die Geschichte eingehen wollen, die vielleicht auch nur nicht fleißig genug waren und heute in einflußreichen Stellen sitzen, die keinen Ärger mit der Erziehung und Ausbildung von Kindern haben wollen, die jeder Konfrontation mit der Jugend aus dem Wege gehen und die meinen, daß es besser sei, die Kinder nicht mit so schlimmen Dingen wie mit der deutschen Sprache zu langweilen, denn schließlich solle jedes Kind antiautoritär aufwachsen und sowieso machen können, was es für richtig halte und ohne zu etwas genötigt zu werden, ... und die kommen jetzt auf die absurde Idee, die deutsche Sprache in ihrer Schriftform einfach so abändern zu wollen!
Dabei bemerken wir kaum, daß es nicht nur deutsche Sprache ist, die zugunsten einer anspruchslosen Minderheit primitiv gemacht werden soll. Wer setzt sich denn heute noch mit den Grundregeln des Anstandes und der Höflichkeit auseinander? Hier geben wir Nachlässe, ohne daß sich überhaupt jemand in Gremien oder Parlamenten darum kümmert. Selbst hier sind die Erziehungs- und Lehrberechtigten kaum noch bereit oder in der Lage, den Kindern ein anständiges Rüstzeug - und sei es durch Zwang - mit auf den Weg zu geben. Ein Kind will auch mal gefordert werden! · Woher sollen denn die Kinder ihre Erfahrungen und ihren Wissensreichtum bekommen, um in der Welt bestehen zu können, um nachfolgenden Generationen ihr Wissen weiterzuvermitteln, wenn wir uns nicht mehr trauen, ihnen etwas beibringen, sie zu fordern?
"Nee, mein Kind ißt nur Pommes." Klar, das Kind muß ja am besten wissen, was schmeckt und was gut und gesund für es ist. Weiß das Kind eigentlich, wie dieses Wort richtig heißt? Fragt es danach? Ich glaube nicht. Warum auch. Pommes ist zur Hauptspeise und damit deutsch geworden. Traurig. Und nicht mal besonders gesund. Wie oft sind Kinder dankbar, wenn sie als Erwachsene merken, daß sie in der Kindheit vieles gelernt haben, auch wenn es damals vielleicht nicht so freiwillig war. Aber wer spricht heute schon viel mit den Kindern! Sie stören im allgemeinen und werden vor den Fernseher gesetzt. Ab und zu tut's auch ein Gameboy oder ein kurzlebiges Tamagotschi (Tamagotchi?). Wer achtet schon auf die richtige Formulierung beim Sprechen? Hier ein paar Beispiele, die nicht nur dialektbedingt sind:
· „Ich darf nicht mit ins Kino, weil ich bin zu jung."
· „Das Buch, wo ich gestern gelesen habe."
· „Er sagt, er kommt etwas später." (indirekte Rede!)
· „Ich bin größer wie er."
· „Der Film war spannender, als daß ich gedacht hatte."
· „Ich gehe in die Stadt mit meine beiden Kinder."
· „Ich muß beim Friseur."
· „Kann ich Sie was helfen?"
· „Wir sind im Zug gesessen."
· „Wir waren im Zug gesessen."
· „Jeder hat was, wo ihn besonders auffällig macht."
· „Man muß überlegen, wieviel Personal das man braucht."
· „Das Fenster ist auf." (offen!)
· „Auf dem Bild befindet sich ein Baum und ein Strauch."
· „Glauben Sie, ob man das schafft?"
· „Ich und meine Freunde" (eine Frage der Höflichkeit!)
· „die Ausgabe von aktuelle Werte"
· „Er hat es nicht realisiert" (aber im Sinne von begreifen!)
· „Wir müssen sie noch etwas Milch geben" (den Katzen)
· „zweimal so teuer als..." „dreimal teurer wie..."
· „Wem sein Buch ist das?"
· „Ich komme wegen dem Buch." ...
Wer viel liest, macht solche Fehler nicht. „Was für Fehler?"" fragen mich oft Leute, denen ich obige Beispiele zeige ...
Aber es ist heute alles so unwichtig. Wer kennt heute noch die indirekte wörtliche Rede? Wer spricht heute noch in vollständigen Sätzen? Wer beachtet die richtige Deklination und Konjugation? Wer sucht nach interessanten, ausdrucksstarken Wörtern oder Satzkonstruktionen? Wer setzt sich selbst bei einer Aufzählung an den Schluß? Wer spricht im Genitiv? Im Präterituim? Da haben es die Lehrer, falls sie sich überhaupt bemühen und selbst über das notwendige Wissen verfügen, reichlich schwer, wenn sprachlicher Unfug daheim oder im sonstigen Umfeld des Lernenden nicht berichtigt wird ...

Und nichts ist verbindlich
... in dieser neuen Rechtschreibung ... Die neuen Regelungen beinhalten so viele Varianten und Beliebigkeiten, daß ein Lernender nicht ahnen kann, ob und wo er eine Wahl hat und wo nicht.
· Wer lehrt den Lernenden die notwendige Verantwortung und Feinfühligkeit bei der Wahl seiner Schreibweise?
· Wer versetzt ihn in die Lage des späteren Lesers und bringt ihm bei, eine potentielle Sinnentstellung zu erkennen?
Dürrenmatt, "Die Füsicker"! Verdammt noch mal, warum wollen wir nicht anerkennen, daß unsere Sprache zu einem nicht geringen Teil aus Lehn- oder Fremdwörtern besteht? Muß man denn jedes Lehnwort gewaltsam und per Gesetz eindeutschen? Dann würde man den Ursprung dieses Wortes nicht mehr erkennen können, und es wäre trotzdem nicht deutsch, sondern eher verstümmelt und nicht nachvollziehbar. Und dann dieser sinnlose Streit um das Kängeru, Känguru, Khänguru, Känguruh, Kengeru oder ... Ja, warum nicht eigentlich "Fuks" oder "Fux"? Meinetwegen auch "Fucks".
Oh, da müßten aber die Kinderlein in Zukunft gut lernen, wenn es dann so viele Möglichkeiten gäbe, "Fuchs" zu schreiben; wenn jeder schreiben könnte, wie er wollte! Wozu brauchen wir überhaupt die Buchstaben v, x, y, q, ..., wenn wir dann doch mit weit weniger Buchstaben auskommen könnten? Warum schreibt man die Kuh nicht mit einem einzigen Buch-staben "Q" oder "Ku"? Im Angelsächsischen wird es ja eh Mode:
CU = see you
T42 = tea for two
Oh, hier gäbe es ordentlich was zu reformieren! Oder: „Abendteuer", das könnte man auch viel besser trennen als "Abenteuer": "Abend-teuer"! Oder wie wäre es mit "Wir gehen ins Kaffee?"
"Die Neuregelung der Rechtschreibung orientiert sich vor allem an den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern und hat insgesamt den 'Normalbürger' im Blick." [19] ·
Was ist ein "Normalbürger"? Was sind die Bedürfnisse von Schülern? Und: Von welcher Art von Schülern?
"Künstler können auch in Zukunft wie bisher selbstverständlich frei mit der Sprache umgehen und sie im Zuge ihres literarischen Schreibens individuell gebrauchen. Sie brauchen sich dabei um Orthographieregeln wie bisher nicht zu kümmern." [19]
· Wieso darf ein Nichtkünstler nicht frei mit der Sprache umgehen?
· Wieso unterstellt man den Künstlern, daß sie sich nicht um Orthographieregeln kümmern wollen?
· Wollen wir eine Zweiklassen-Schreibgesellschaft mit Normalbürgern und Künstlern?
Wollen wir tatsächlich unterschiedliche Orthographien in Büchern und im "normalen" Leben? Gehören die Redakteure eigentlich zu den Künstlern? Wie schreiben wir Geschäftsbriefe, Bewerbungen, Persönliches, Fachtexte, ...? Wenn das Kind dann ein neues (!) Buch liest, wird es vielleicht feststellen: "Mutti, guck mal, der schreibt das ja ganz anders!" Und die Mutti wird sagen: "Der darf das. Das ist ein Künstler und kein Normalbürger. Der muß sich nicht an die Orthographie halten..." ...
"Tatsächlich betrifft die geplante Neuregelung ausschließlich das Schreiben in Behörden und Schulen." [19]
Na also, das ist doch 'ne klare Aussage, und ich frage mich, was ich mir hier eigentlich für Gedanken mache: Ich bin in keiner Behörde und in keiner Schule, und somit muß ich meinen Verstand nicht an der Garderobe abgeben. Allerdings frage ich mich auch, wie oft in den Behörden täglich das Wort Tolpatsch geschrieben wird. Außerdem vermute ich mal, daß der Neuschreibzwang in den Bildungseinrichtungen zwangsläufig dazu führen wird, daß nachfolgende Generationen nur noch nach diesem Unfugswerk schreiben ...
Wenn wir lesen, dann erfassen wir ein Wort als geübter Leser nicht durch Buchstabieren, sondern wir erkennen das Wort in seiner Gesamtheit, an seinem Wortbild, und manchmal überschauen wir sogar ganze Satzkonstruktionen mit einem Blick. Wenn Wörter zukünftig verschiedenartig geschrieben werden dürfen, werden bekannte Wortbilder zerstört, oder es entstehen keine einheitlichen Wortbilder mehr. Das hemmt den Lesefluß ungemein. Es gibt überhaupt keinen Sinn und keinerlei Nutzen für die Gesellschaft, einer Abänderung ins Schlechtere, Primitive zuzustimmen, nur weil einige Leute Fehler beim Schreiben machen.
Wer nicht bereit ist (ernsthafte geistige Behinderungen ausgeschlossen), sich Wissen in einem bestimmten Fachgebiet anzueignen, der kann nicht verlangen, daß wegen seiner Faulheit die Prüfungen in diesem Fach großzügiger gehandhabt oder physikalische Gesetze umformuliert oder trivialisiert werden. Wenn ich im Sport für eine gute Note nicht schnell genug laufe, muß ich dies anerkennen. Oder ich muß trainieren. Wenn es nur darum geht, die Maßstäbe herunterzuschrauben, damit sich die Schüler über bessere Noten freuen (oder wundern!) können, müßten wir lediglich die Fehler-Noten-Zuordnung anpassen. Notengeben ist eine rein pädagogische Aufgabe und hat mit einer Reform absolut nichts zu tun...
Wie lösen wir in Zukunft die Kreuzworträtsel? Da kriegen wir ja nicht nur Probleme mit den Alternativschreibungen, sondern wir müssen als Weltneuheit das Leerzeichen einführen:
„senkr.: ... 43. anderes Wort für nicht verheiratet, 45. ..."
43a l l e i n _ s t e h e n d
Außerdem ist die Fragestellung nicht mehr korrekt: Es müßte lauten: „...andere zwei Wörter für nicht verheiratet".

Über Redundanzen, Zuverlässigkeit und Steno
(ungekürzt)
Wenn wir in einem Text, in einer Quelle, etwas weglassen können, ohne daß Information über den Inhalt verlorengeht, dann sprechen wir von Redundanz, d. h. die Teile, die wir weglassen können, sind „überflüssig" oder redundant, d. h. die Information ist ohne diese Teile reproduzierbar. Natürlich kann man überall und allerorts in unseren Lebensbereichen dieses und jenes weglassen oder abschaffen, z. B. was uns zur Ausübung einer Tätigkeit lästig erscheint. Nur bieten nicht alle Quellen eine ausreichende Redundanz an.
Man kann beispielsweise die Regel über das Anzeigen des Fahrtrichtungswechsels im Straßenverkehr einsparen, was ja heute sowieso gerade in Mode kommt. Der Nichtblinker, der nichts anderes ist als faul oder der einfach nur „dagegen" oder „in" sein will, zwingt andere Verkehrsteilnehmer, sich die Information bezüglich seiner Fahrmanöver über Umwege zu besorgen, beispielsweise über die Vermutung (nicht die Überzeugung!), daß jemand, der in einer rechten Spur hält, immer und grundsätzlich nach rechts abbiegen will. Wenn der andere Verkehrsteilnehmer aber nicht sieht, daß der Nichtblinker in einer Rechtsspur steht, wird die Interpretation lauten: „Der fährt geradeaus." Der Vorgang des Rechtsabbiegens birgt also gefährlich wenig Redundanz: Man sollte die Regel des Blinkens nicht abschaffen, denn in der Praxis dient sie der Transformation der Information des Fahrers 1 „Ich biege rechts ab" in den visuellen Bereich (blink-blink) und von dort aus wieder zurück in den Gedankenbereich des Fahrers 2: „Der biegt rechts ab".
Ähnlich verhält es sich mit unserem Thema: Wenn sich eine Sprachgemeinschaft auf schriftliche Weise miteinander verständigen will, muß sie versuchen, eine möglichst verlustfreie Transformation in den Schriftbereich (das Schreiben) und Rücktransformation in den Gedankenbereich (das Lesen) zu erreichen. Von der Qualität der Transformationsregeln ist es nun ganz entscheidend abhängig, ob der Leser das Anliegen des Schreibenden richtig und ohne Umwege interpretiert. Sehr vereinfacht gesagt sind Transformationsregeln alles das, was im Duden steht, auch die einzelnen Wörter. Ein beliebiger Leser kann den Satz
„Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen."
nur dann richtig interpretieren, wenn er sich darauf verlassen kann, daß dieser vom Schreibenden nach eindeutigen, allerorts bekannten Kommaregeln in den Schriftbereich transformiert worden ist. In unserem Beispiel will uns der Schreibende mitteilen, daß es gar keine Empfehlung seitens des Vaters an den Lehrer gab (hoffentlich!). Man darf sich vor zu ein Komma denken (Man darf es sogar setzen!). Hat der Leser aber Kenntnis darüber, daß der Schreiber nach „Neuschrieb" schreibt, kann er diesem Satz keine eindeutige Information abgewinnen.
Dieses Sich-darauf-verlassen-können ist wichtig! Und genau diese Zuverlässigkeit nimmt uns die Reform, indem sie u. a. das Setzen der Kommata nicht mehr reglementiert und damit eine ganz wichtige Transformationsregel beseitigt! Die Reform setzt in unserer Schriftsprache Redundanzen voraus, die in Wirklichkeit nicht da sind.
Viele Reformer wollen ja sogar die Großschreibung von Substantiven abschaffen. Natürlich würde dadurch das elementare Schreiben einfacher, aber die Information darüber, was das Geschriebene bedeutet, muß sich der Leser dann u. U. aus dem Kontext heraussuchen. Erstens ist das umständlich, denn die Großschreibung ist eine nützliche Lesehilfe, und zweitens gibt es nicht immer einen Kontext.
Unsere artikulierte Sprache besitzt einen vergleichsweise hohen Grad an Redundanz. Allein die Laute aus dem Munde eines Kleinstkindes „hamm hamm" genügen, um den Eltern die Information zu geben: Ich habe Hunger. Beim Schreiben dagegen haben wir nur sehr begrenzte Möglichkeiten, beispielsweise eine Verwunderung auszudrücken, ein Wort zu betonen, Wut, Freude oder Trauer herüberzubringen. Um dies zu umgehen, haben wir uns über Jahrhunderte hinweg Hilfsmittel in Form von Satzzeichen und Regeln geschaffen. Das Heben der Stimme können wir durch ein Fragezeichen kenntlich machen, die Befehlsstimme durch ein Ausrufezeichen. Ironische Bemerkungen lassen sich durch Gänsefüßchen kennzeichnen. Substantive und Eigennamen werden durch ihre Großschreibung rasch „enttarnt" und als solche schnell wiedererkannt.
Unsere Schriftsprache hingegen ist weitaus anfälliger bezüglich ihrer Redundanz. Alle Satzzeichen, Großschreibungen und Regeln, die sich über Jahrhunderte entwickelt und bewährt haben, sind wichtig und dürfen nicht beseitigt werden. Wenn wir „hamm hamm" irgendwo lesen, benötigen wir sicherlich irgend einen Kontext, um zu erkennen, daß da jemand Hunger hat. Das folgende Beispiel soll die Redundanz unserer Schriftsprache verdeutlichen:
„Ich habe Hunger."
Die Information darüber, daß ich hungrig bin, geht nicht verloren, wenn ich statt habe nur hab schreibe. Die Information bleibt sogar dann erhalten, wenn ich Hunnger schreibe. Insofern entsteht natürlich kein unmittelbarer Schaden, wenn das Känguruh sein h verliert. „Ich Hunger" ginge auch noch. Aber viel mehr an Redundanz ist nicht drin in diesem Satz. Grundsätzlich gilt:
Je mehr wir beim Schreiben weglassen und vereinfachen, um so mehr müssen wir uns beim Lesen anstrengen.
Warum einigen wir uns in unserem Vereinfachungswahn eigentlich nicht auf die Stenographie? Das ist doch die Schriftsprache mit der großzügigsten Schreibvereinfachung und damit die geniale Schrift schlechthin: Es gibt weder Großschreibung noch eine Kennzeichnungspflicht für Doppellaute. Und wenn man mit den hier geltenden Buchstaben und Kürzeln nicht auskommt, darf man sich sogar eigene Schriftzüge ausdenken. Nicht zuletzt kann man in Steno sehr schnell schrei-ben, und für diesen Zweck ist diese Schriftform ja auch erfunden worden.
Leider hat Steno die Eigenschaft, ein sehr schlechtes Transformationsmittel zu sein. Denn auf Grund der vereinfachten Regeln beim Schreiben besitzt Steno einen hohen Grad an Interpretationsmöglichkeiten. Steno lebt nicht unwesentlich vom Kontext. Das abgebildete Beispiel 1 kann sowohl Beet als auch Bett heißen, und wenn man den Schreibstil oder die unvermeidbare „Sauklaue" des Schreibenden nicht als Vergleich hat oder wenn keine Führungslinien existieren, ist sogar Boot oder Bit möglich. Übrigens bedeuten diese beiden kleinen Schlangenlinien, die sich für Ungeübte beinahe nicht voneinander unterscheiden, jeweils necken (2) und nennen (3). Noch Fragen?

Eine solide Grundlage
Wer ein Wort schreiben will, muß es kennen. Und wer nicht weiß, wie er das ihm unbekannte Wort schreiben muß, für den ist es weiß Gott keine Schande, wenn er jemanden fragt oder ein Fachbuch zu Rate zieht. Wozu gibt es die Nachschlagewerke?! ...
Und wer den Thunfisch irgendwann zum ersten Mal kennengelernt hat, wird dessen Schreibweise akzeptieren und ein Leben lang nicht mehr vergessen - und dieses Tierchen auch nicht mehr anders schreiben wollen! ...
Ich will damit andeuten, daß eine solide Allgemeinbildung und Weltoffenheit ganz entscheidende Voraussetzungen sind für die Fähigkeit des Schreibens und die Akzeptanz einer Schreibweise. Hierzu gehört insbesondere das Lesen. Denn wenn man etwas kennt, ergibt sich alles andere meist von selbst. Wenn ich weiß, woher der Begriff inline-skates stammt und wenn ich der Quellsprache kundig bin, kann ich dieses Wort sofort schreiben. Dann brauche ich keine besonderen Regeln mit irgendwelchen Bindestrichen, Zusammen- oder Getrenntschreibung.

Die neue Schreibung in Beruf und Karriere
Mir kann keiner weismachen, daß die sogenannte Rechtschreibreform die Chancen für den Einstieg in ein Arbeitsverhältnis erhöht. In welchem Bewerbungsschreiben steht das Wort Tolpatsch? Wenn sich ein Personalchef mehrfach durch ein fehlendes Komma gestört fühlt, wird er das Anschreiben wohl beiseite legen, auch wenn es nach den neuen Regeln korrekt ist ...
Inzwischen bewerben sich Schreibkräfte immer häufiger mit dem Hinweis, daß sie der neuen Schreibung kundig sind und meinen, damit für sich und den Arbeitgeber etwas Gutes zu tun. Hiervor kann ich beide Seiten nur warnen! Das Wissen um einen „Fluss" statt Fluß macht noch lange keinen guten Schreiber aus! Die deutsche Schriftsprache hat weitaus mehr Eigenheiten, als eine Reform jemals abfangen könnte. Stilvolles und fehlerfreies Schreiben will gelernt sein, daran ändern weder „dass" noch „A-bend" etwas ...
Nun ist bekanntermaßen nicht alles, was alt ist, auch rückschrittlich. Aber wem soll ich das wie erklären? Kein klassischer Industriebetrieb wird seinen Umsatz steigern, wenn er die neuen Regeln anwendet. Aber er wird u. U. enorm hohe Aufwendungen für die Umstellung des firmeneigenen Schrifttums bezahlen müssen. Und die Regeln werden sich noch oft ändern! Aber es heult sich eben leicht mit den Wölfen.

Die verheerenden Auswirkungen
... spielen sich stillschweigend im Hintergrund ab und werden von der Öffentlichkeit kaum bemerkt. Bereits vor Inkrafttreten der Reform für Schulen und Behörden haben viele Schul- und Kinderbuchverlage auf die neue Schreibung umgestellt und dabei äußerst anmaßende Eingriffe in bestehende literarische Werke verübt. Neben den meist sofort ins Auge springenden ss-Korrekturen befleißigen sich die Schulbuchverlage offen-bar primär im Weglassen von Satzzeichen, wohl um die Fortschrittlichkeit des Verlages zu zeigen und um auf diese billige Weise am Markt zu bleiben ...
Die rigorose und teilweise überzogene Übertragung der neuen Schreibung auf bestehende Literatur versetzt einen Autor wie Thomas Mann "... in die Klasse der Anfänger oder Stümper, denen man eine differenzierte Kommasetzung nicht zumuten möchte" [20]. An Beispielen, die sich auf so einfache Weise finden lassen, läßt sich "zeigen, daß die Umsetzung der Rechtschreibreform in den Schulbüchern eine beispiellose intellektuelle und ästhetische Verwüstung nach sich zieht" [9] ...
Und es ist doch fast ein Verbrechen, wenn ausgerechnet Kinder, also Schreibanfänger, die neue Suppe vorgesetzt bekommen und somit als Testpersonen und Überträger von Minderwissen mißbraucht werden. Kinder lernen erst einmal alles, was man ihnen zeigt. Sie sind zunächst unbedarft. Das macht sie kostbar, aber auch verwundbar. Woher sollen sie wissen, daß es viel bessere, klarere Möglichkeiten des Schreibens gibt?
Ab dem Schuljahr 1997/1998 jedoch wird den Schülern die heute gültige Rechtschreibung vorsätzlich vorenthalten, offenbar damit der Staat die Regelungen allgemein erzwingen kann! Das ist eine Schande! Für den Erstkläßler ist die Neureglung sowieso völlig bedeutungslos, da bis auf das "ss" kaum Änderungen relevant sind. In höheren Klassen lernen sie dann die "falschen Regeln", und um so verheerender dürfte sich das in einigen Jahren auswirken, wenn sich dieser Schwachsinn dann durchsetzt.

Die Abschaffung der negativen ganzen Zahlen
(ungekürzt)
Stichwort bedeutungslos: Ich werde oft auf eine gewisse Bedeutungslosigkeit der Reforminhalte im Hinblick auf deren Auswirkungen angesprochen, z. B. in folgender Weise: „Schauen Sie, hier sind zwei Texte. Der eine ist nach den neuen Regeln, der andere nach den bisher gültigen Regeln verfaßt. Merken Sie einen Unterschied?"
Natürlich merke ich dann keinen Unterschied. Der Frager will mir damit stolz verdeutlichen, daß die Reform ja lediglich null-komma-null-irgendwas Prozent unseres Wortschatzes betreffe und man sich darüber nicht aufregen solle. Mal abgesehen davon, daß sich Texte natürlich immer so auf-bereiten lassen, daß sie beiden Schreibungen gerecht werden, halte ich diese Mogelfrage für sehr unseriös, da sie verfänglich ist. Zunächst ergeben sich aber zwei Gegenfragen:
· Wozu brauchen wir dann diesen Aufwand mit der Reform?
· Wieso lassen sich die Deutschnoten spürbar verbessern, wenn nur ein solch winziger Anteil an Schrifttum von den Änderungen betroffen ist?
Stellen wir uns doch einmal vor, irgendeine Kommission beschließe heute die Abschaffung der negativen ganzen Zahlen (-1, -2, -3, ...), weil diese vorzeichenbehafteten Auswüchse der Mathematik den Schülern in der heutigen Zeit nicht länger zugemutet werden könnten und weil beim Rechnen zu viele Fehler gemacht würden, demzufolge die Schüler immer schlechtere Noten bekämen und sie ihre Karrierechancen in Gefahr sähen. Wären wir dann trotz dieser Verordnung noch in der Lage, die Aufgabe
2765 + 28767
zu lösen? Die Reformer nutzen hier schamlos die Tatsache aus, daß ein Großteil der Bevölkerung keinen blassen Schimmer von den weitergehenden Inhalten der Reform hat. Wenn mir als „unbedarftem" Trinker ein Weinkenner glaubwürdig versichert, in diesem Wein seien nur 0,08% Alkohol, dann glaube ich ihm das sofort. Daß ich aber nach drei Gläsern wegen eines Produktionsfehlers wahrscheinlich kotzen werde, hat er mir vorher absichtlich nicht verraten.

Nun haben wir also drei Rechtschreibungen
... seit dem 1. August 1999:
(1) Die klassische Schreibung: Sie gilt nach wie vor, wird aber in fast allen Schulen nicht mehr gelehrt und in Ämtern offiziell nicht mehr angewendet.
(2) Die „reformierte" Schreibung: Sie gilt seit einiger Zeit in Schulen und Ämtern und ist in diversen Veröffentlichungen und Nachschlagewerken höchst widersprüchlich dokumentiert.
(3) Die Schreibung der Nachrichtenagenturen: Sie orientiert sich im wesentlichen an der neuen, „reformierten" Schreibung, wobei sich einige Zeitungsverlage diverse Ausnahmen einräumen.
So kündigten beispielsweise die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) vom 1. August 1999 die Umstellung auf Neuschrieb unter der Überschrift
„An diesem Wochenende verliert das alte Känguruh sein ‘H’"
mit folgenden Ausnahmen an:
· Die Ziffern 1 bis 12 werden nach wie vor als Wort geschrieben.
· Fremdwörter aus lebenden Sprachen werden nicht eingedeutscht (z. B. Ketchup, Spaghetti)
· Dreitonner, achtjährig u. ä. Wörter werden nach wie vor ohne Bindestrich geschrieben.
· Das Ohmsche Gesetz u. ä. Eigennamen werden auch weiterhin groß geschrieben.
· Die vertrauten Anredepronomen werden auch zukünftig groß geschrieben.
· Die alten Trennregeln am Zeilenende werden beibehalten.
· Die alten Kommaregeln werden beibehalten.
„Die Agenturen bleiben bei der alten Form der Zeichensetzung, um die Lesbarkeit ihrer Nachrichten, insbesondere für ihre Kunden aus dem Audio-Bereich, zu gewährleisten."
Na also. Wozu brauchen wir neue Regeln, wenn nicht einmal die Nachrichtenagenturen etwas damit anfangen können?
Die in Karlsruhe erscheinende „Zeitung zum Sonntag" kündet die Umstellung auf Neuschrieb gezwungenermaßen, aber nicht ohne Stolz wie nebenstehend an. Na, sieht das nicht nett aus? Für mich als weiter vorn zwangsdefiniertem „Normalbürger" sind in diesem Text mindestens sechs krasse Fehler enthalten! Warum eigentlich nicht „Tripp" (wie „Tipp") statt Trip? Der Redakteur hätte die Hawaiiinseln mit Bindestrich schreiben dürfen. Aber er wollte uns sicherlich beeindrucken.
Gleich zwei Schreibungen in einer Zeitung bietet der „Sonntag" an, der auch in der „Stadt des Rechts" erscheint:
Auch wenn die Regeln Unsinn sind,
sind sie gut genug für’s Sonntagskind.
Und alles, was sich reimt, ist gut, würde Pumuckl sagen. Fördert dieser Unfug etwa die Einheit der deutschen Schriftsprache? Allein die oben genannten Punkte stellen das ganze Reformwerk ins Abseits! Im übrigen werden nicht alle Zeitungsverlage auf Neuschrieb umstellen. Als Beispiel will ich den „Eulenspiegel", die bekannte Satire-Zeitschrift aus Berlin, zitieren:
„Die neue Rechtschreibreform zum Beispiel geht uns, auf gut deutsch gesagt, am Arsch vorbei. Nur jeder sechste Bürger, so wurde ermittelt, will sich an die halbgaren neuen Regeln halten. Wir haben nachgezählt: Wir sind nicht der sechste, sondern wie zu erwarten war der erste. Folglich werden wir uns an dem Versuch, auch noch den letzten Legastheniker in den Stand des Schriftgelehrten zu erheben, nicht beteiligen. Außerdem fehlt uns gerade das Kleingeld für einen neuen Duden." [22]
Danke, liebe „Eule"!

"Ihre Zuschrift können wir leider nicht drucken..."
(Neugierige sollten hier mal klicken!)

„Seit dem 1. August 1998 verbindlich!"
Mit diesem Slogan werben zunehmend Firmen, die sich damit befassen, das Erlernen der neuen Schreibung in Trainingsseminaren anzubieten. Bekanntlich läßt sich durch das Abhalten von Weiterbildungsmaßnahmen und Umschulungen viel Geld verdienen, da scheut man auch nicht davor zurück, seine potentiellen Kunden zu belügen:
Im Zusammenhang mit der Rechtschreibreform ist dieser Slogan schlicht falsch!
· Niemand muß die neue Schreibung anwenden!
Selbst an den Schulen gelten bezüglich der Benotung übergangsweise Kulanzregelungen. IMW, das „Bildungsinstitut der Mittelständischen Wirtschaft" beispielsweise, schafft dieses Umlernen mit Hilfe der Dozenten der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. (GfdS), Wiesbaden, an einem einzigen Tag und verlangt dafür pro Teilnehmer eine ordentliche dreistellige Summe (DM). Bemerkenswert für mich ist der Nutzen, den ein Unternehmen mit der Schulung seiner Mitarbeiter beim IMW dabei erzielen könne [23].
Natürlich schläft auch die Software-Branche nicht. So bietet beispielsweise die Firma CLT Sprachtechnologie GmbH, Saarbrücken, das professionelle Konversionstool Corrigo an, welches Texte von der klassischen in die neue Schreibung konvertiert [24]. In künftigen Programmversionen ist sogar eine Rückkonvertierung in die klassische Schreibung vorgesehen. Vielleicht wird das tatsächlich bald ein Renner! ... Es ließe sich einstellen, wie „stark" die neuen Regeln greifen sollen. Damit könnte man sich sozusagen seine eigene Rechtschreibung einrichten, so wie es uns ja die Nachrichtenagenturen und Zeitungen vormachen. Nur dort, wo es ganz schwierig wird, setzt Corrigo Markierungen, damit der Benutzer selbst die von ihm gewünschte Entscheidung treffen kann [24]. So richtig zaubern kann eben niemand ...

Die Gerichte entscheiden
... übrigens nicht, wie oft in den Medien suggeriert wird, über Sinn oder Unsinn von Reformen, sondern bestenfalls über die Betroffenheit Einzelner oder von Gruppen. So heißt es beispielsweise im Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 14. Juli 1998:
„Soweit dieser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt. Personen außerhalb dieses Bereiches sind rechtlich nicht gehalten, die neuen Rechtschreibregeln zu beachten und die reformierte Schreibung zu verwenden. Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben. ... Es ist unter diesen Umständen nicht erkennbar, inwieweit durch die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung Grundrechte derjenigen, die ihrer Schreibung die alten Regeln und Schreibungen zugrunde legen wollen, beeinträchtigt werden können."
Das ist gut gesagt und klingt zunächst einleuchtend, trifft aber nicht den Kern der Sache. Selbstverständlich kann ich aus rechtlicher Sicht schreiben, wie ich will (es sei denn, ich gehe in die Schule, bin Beamter oder Nachrichtenredakteur). Das ist ja auch stets ein Argument der Reformer. Mal abgesehen davon, daß es dann aber trotzdem eine Diskrepanz zwischen der Lehrmeinung und dem nichtschulischen Bereich gibt, was an sich schon absurd ist, vergißt dieses Urteil völlig eine ganz wichtige betroffene Gruppe, nämlich die der Leser! Als Leser muß ich in jedem Falle Rechtschreibregeln beachten, denn ich werde ja unmittelbar damit konfrontiert! Vielleicht werden die Klagen vor den Gerichten nicht in diesem Sinne formuliert.
Aber ich persönlich fühle mich durchaus genötigt, wenn ich mit einer Wut im Bauch in die Kinderbuchabteilungen gehe, wunderschöne Kinderbücher sehe, die ich vielleicht gern kaufen und verschenken möchte, und wenn ich letztendlich doch vom Kauf Abstand nehme. Ich sehe mich auch genötigt, wenn ich Komma-getilgte Artikel in Zeitschriften, Anschreiben, Briefen o. ä. lesen muß.
Es gehörte schon immer eine gehörige Portion Mut dazu, als einzelner das Richtige zu tun, wenn alle anderen das Falsche längst zum Gesetz erhoben hatten: Schleswig-Holstein hatte diesen Mut. Der Ausgang des Volksentscheids vom 27. September 1998 zur „Rechtschreibreform" verdient Respekt. Die Reformer sprechen davon, daß damit ein Schreibchaos entstanden sei. Da gebe ich ihnen recht. Die Frage ist nur, wer es verzapft hat. Das Kuriosum, daß die Sache des Schreibens in den Hoheiten der einzelnen Bundesländern liegt, hat nun ganz legitim zur Folge, daß ein einziges Bundesland ausscheren und nun „anders" als alle anderen Bundesländer schreiben darf, ganz zu schweigen vom deutschsprachigen Ausland. Ohne Reform gäbe es kein solches Chaos ...

Kleines Fazit
"Ich habe nichts dagegen, wenn im Frieden Schwachköpfe in den hohen Ämtern sitzen. Aber im Krieg sollte man zum Kriegsminister nur einen Mann bestellen, der eine Landkarte von einem Teppichmuster unterscheiden kann." Lion Feuchtwanger, aus: „Füchse im Weinberg"
Bis auf wenige Ausnahmen, die tiefergehend untersucht werden müßten, bringt die Reform weder Transparenz noch Einfachheit in Rechtschreibung und Grammatik. Eher ist sie nutzlos, inkonsequent, undurchsichtig, verwirrend und birgt die Gefahr großer Unsicherheit und neuer Fehlerquellen. Darüber hinaus
· bewirkt sie eine akute Verkomplizierung der Satzverständlichkeit und der Lesbarkeit bis hin zur Fehlinterpretation des Geschriebenen
· ergeben sich erhebliche Einschränkungen in der Ausdrucksvielfalt unserer Schriftsprache, und bestimmte Inhalte können über die schriftliche Kommunikationsform gar nicht mehr übermittelt werden, weil Wörter verschwinden
· entstehen künstlich neue Wörter, die es eigentlich gar nicht gibt, beispielsweise Wechte
· zerstört sie die schriftsprachliche Einheit, und ganze Generationen werden mit unterschiedlichen Orthographien aufwachsen und diese weitergeben
· geht teilweise die Information über den Ursprung von Wörtern verloren
· werden Lernaufwand und Verunsicherung sowohl beim Lernenden als auch beim Lehrenden deutlich zunehmen
· steht im Zweifelsfall kein eindeutiges Regelwerk mehr zur Verfügung
· entzieht sich das neue „Regelwerk" im Zweifelsfall seiner Verantwortung für gute Schreibung und verlagert diese noch stärker auf den Schreibenden
· werden Zensuren nicht mehr den wahren Bildungsstand eines Schülers repräsentieren können
· wird die Sprache in ihrer Gesamtheit langweiliger und unästhetischer, und die Neugierde beim Schreiben geht verloren
· erzieht die Reform keinesfalls zur Tugend der Gewissenhaftigkeit, das Schreiben wird schlampiger, gewissenhafte Lehrer geraten u. U. in einen Konflikt mit der übergeord-neten Behörde, und es besteht die Gefahr von Autoritäts-Komplikationen im Lehrer-Schüler-Verhältnis
· wird das Lesen bald keinen Spaß mehr machen.
Wie ich sicherlich deutlich machen konnte, verlangen die reformierten Regeln ein noch höheres Maß an Wissen, Intelligenz und Feingefühl bei der Auswahl von Schreibweisen als die jetzigen. Somit wird dem ach so schützenswerten Schüler eine noch größere Verantwortung zuteil, als die Reformer es eigentlich wollten, denn laut Regelwerk soll der ja in vielen Fällen nun selbst entscheiden, was gut, richtig und verständlich ist. Das Regelwerk selbst drückt sich davor. Drückt sich aber der schreibschwache Schüler (und um den geht es hier ja wohl die ganze Zeit) nun aber auch davor, so entstehen in Zukunft absonderliche Werke der Schreibkunst, die kein vernünftiger Mensch mehr lesen kann und will.
Es darf doch nicht angehen, daß wir den heutigen Kindern und Lernwilligen ihre Fähigkeit zum Erlernen der deutschen Sprache absprechen, sie als lernfaul einstufen, für die Primitives gerade gut genug ist! Es ist unverantwortlich und moralisch nicht vertretbar, daß Millionen Erwachsene im öffentlichen Dienst genötigt werden, falsche und sinnentstellende Schreibgebilde zu fabrizieren.
Offenbar versuchen hier einige Reformer, die Stilblüten ihrer eigenen Schreibschwäche und der unserer Erstkläßler in den Duden zwingen zu wollen. Anstatt daß sich die Reformer und die sich berufen fühlenden Politiker die so wichtige Frage stellen, warum denn immer mehr Kinder immer weniger in der Lage sind, richtig zu schreiben und zu formulieren, ja sich überhaupt sprachlich auszudrücken, suchen sie nach Wegen, die lästigen Fehler gewissermaßen zu legalisieren und den Anspruch dieser traurigen Realität anzupassen.
Überall dort, wo beim Schreiben Beliebigkeiten und Varianten zugelassen sind, werden natürlich schon aus rein mathematischer Sicht weniger Fehler auftreten. "Schreibt, wie Ihr wollt!", könnte man das nennen, und wer hier meint, er könne dann aus Fehlerquoten in "reformgerecht" manipulierten Diktaten auf die Qualität eines Schülers schließen, dem darf ich guten Gewissens seine Kompetenz in Sachen Rechtschreibung und Pädagogik absprechen. Den Schaden, den ein solcher Nichtkompetenter damit anrichtet, dürfte sein lernendes Volk spätestens mit dem Eintritt in ein seriöses Berufsleben bemerken. Ich bin nur gespannt, wer hier irgendwann einmal für verantwortungslose Volksverdummung, Geldverschwendung und Zerstörung kultureller Güter zur Verantwortung gezogen werden wird.
Das neue Regelwerk enthält "... allerlei Firlefanz in Randbereichen, vor allem die ... lächerlichen Volksetymologien, die das Steckenpferd eines einzigen Reformers waren, nun aber einer Sprachgemeinschaft von 90 Millionen Menschen aufge-nötigt werden" [2].
Die Kultusminister betonen in ihrer Dresdner Erklärung, daß kein einziges deutsches Wort durch die Neureglung verlorengeht. Ich habe anschaulich gezeigt, daß dies falsch ist. Auch wollen uns die Reformer weismachen, daß die Zulassung von Varianten eine Erleichterung für den Lernenden dar-stellt. Nur:
· Wie soll der Lernende (und auch der bereits Ausgelernte!) wissen, wann und wo Varianten existieren und zugelassen sind?
Spätestens an dieser Stelle dürfte klarwerden, daß sich der Lernaufwand in Zukunft ordentlich erhöhen statt verringern wird. Wo unterschiedliche Varianten existieren, erwartet der Leser, daß sie auch Verschiedenes bedeuten (Bréalsches Verteilungsgesetz, [2]). Und das tun sie ja auch. Ich bedaure den Teil der Lehrerschaft, der Eltern und vieler anderer, die sich aus ihrem Innersten heraus vorgenommen haben, den Heranwachsenden ein gutes Maß an Schreibkultur zu vermitteln. Denn die "Reform" ist offenbar alleinig darauf ausgerichtet, Fehler in der Schreibung zu minimieren, nicht jedoch darauf, die schriftsprachliche Einheit zu festigen und damit die schriftliche Kommunikation zu unterstützen. Die "Reform" beseitigt leserfreundliche Schreibungen und orientiert sich dabei an einem niedrigen Niveau. Man kann dieses Bestreben durchaus reaktionär nennen.
Im Lesebuch der ersten Klasse (Land Brandenburg, muß man ja wohl dazusagen!) wird die Konjunktion daß mit "ss" gelehrt, die Anrede du wird klein geschrieben, und es fehlen auch nicht weitere "vorsichtige" Neuregelungen wie "Liebe Mutti, es tut mir Leid" oder der sich im Alltagsleben inzwischen sehr häufig vermehrte Tolpatsch, wobei dieses breitfüßige Vögelchen seine alte Schreibweise beibehalten durfte. Für die restlichen 99,999...% des Inhalts wäre sicher kein Neudruck notwendig gewesen. Aber man will ja "sanft" beginnen ...
Der Vorsitzende der Rechtschreibkommission, Professor Augst, hat dazu formuliert: „Was aber die Schreibgemeinschaft nicht annimmt, wird die Schule wieder aus ihrem Lehrplan streichen." Der Katzenschwanz ist nur leider der, daß die Schule ja die heranwachsende Schreibgemeinschaft selbst ausbildet: Wenn ein Kind nie ein "ß" zu sehen bekommt, wird es auch als Erwachsener keins schreiben. Ich unterstelle, daß die Reformer um diesen Zusammenhang sehr genau wissen ...

Es wird schnell etwas weggeworfen
... in unserer heutigen Gesellschaft. Die Achtung vor Gegenständen geht in unserer schnellebigen Zeit erschreckend rasch verloren. Die Tendenz geht zum Billigen, eher Minderwertigen, schnell zu Verbrauchenden. Es ist heute ja so normal, daß es Radios, Fernseher und Videos gibt. Und es wird stets vorausgesetzt, daß es auch funktioniert. Ist es kaputt, wird es weggeworfen. Wer von den heute Heranwachsenden hat denn überhaupt eine Ahnung davon, wieviel Tausende von Wissenschaftler- und Ingenieursjahren in der Entwicklung eines kleinen, billigen Ohr-Radios enthalten sind?
Und jetzt geht's uns auch noch ans Kulturgut! Wenn wir das "h" nicht brauchen, werfen wir es einfach weg und rechtfertigen uns auch noch: Der Thunfisch soll ohne "h" geschrieben werden, weil man das mit tun in Verbindung bringt. Wer ist man? Es wäre weit wichtiger und sinnvoller, die bestehenden Regeln einfacher und anschaulicher zu formulieren, so daß sie der Schüler als logisch und konsequent und nicht als wirr, lästig und kompliziert empfindet. So lassen sich beispielsweise viele Kommasetzungen aus dem einfachen Sprechen heraus ableiten, und die meisten sind plausibel und logisch ...
Ebenso wenig brauchen wir eine Rechtschreibreform unserer Schüler wegen, so wie es in der Dresdner Erklärung der 227. Kultusministerkonferenz im Oktober 1996 [19] festgehalten wurde. Schließlich haben die Lehrer in den Schulen keine Idioten vor sich sitzen, sondern zunächst einmal lernwillige, ganz einfach neugierige, formbare junge Menschen, und niemand hat das Recht, ein Primitiv-Urteil über diese Kinder abzugeben nach dem Motto, "die verstehen das sowieso nicht"!
Wir wären auf längere Sicht gut beraten, wenn wir unsere Kinder, die heute Lernenden, vom Fernseher („Tie-Wie") wegholen und ihnen zeigen würden, daß es da draußen eine Welt gibt.
Die Rechtschreibreform gehört auf eine gut geordnete Deponie, und dies so rasch wie möglich, damit nicht noch weiterer Schaden entsteht.

Die Rechtschreibreform setzt sich nicht durch!
„Nur kleine Geister fürchten kleine Bücher." Lion Feucht-wanger, aus: „Füchse im Weinberg".
Die Machtverhältnisse zwischen Befürwortern und Gegnern der Rechtschreibreform sind so enorm kraß, daß man sich wie beim berühmten Kampf gegen die Windmühlen fühlen mag und aufgeben möchte. Aber auch Windmühlen sind einem Zerfall ausgesetzt, vor allem dann, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.
Je mehr man sich mit der Reform auseinandersetzt, desto stärker wird das Erstaunen darüber, daß sich Vernunft einfach nicht durchzusetzen vermag, daß es dem unbedeutendsten Laien möglich ist, ein Reformwerk auseinanderzunehmen, welches Experten und Gelehrte in jahrelanger Arbeit zusammengebastelt haben. Ich frage mich oft, wie das sein kann. Hierzu Professor Peter Eisenberg: „Wenn man aber Sprache reformieren will, hätte man für viele spezielle Teilbereiche Spezialisten benötigt, z. B. für die Kommaregeln einen Syntaktiker, für die Silbentrennung einen Phonetiker, für die Getrennt- und Zusammenschreibung einen Morphologen. Solche Spezialisten waren (in der Kommission; Anmerkung d. A.) nicht vertreten."
Ich zitiere [27]. Es handelt sich dabei um eine Stellungnahme eines sachverständigen Experten zu einen Antrag der Volksinitiative Mecklenburg-Vorpommern [10]:
„Bei objektiver Bewertung und ohne vorgefassten Unwillen erweist es sich, dass die eingeführte Neuregelung durchaus einen deutlichen Schritt in Richtung auf Systematisierung und Vereinfachung der Orthographie darstellt, der vor allem für die Schule erhebliche Vorteile bringt. Die Neureglung ist in dieser Hinsicht nicht nur der bisherigen überlegen, sie ist auch deutlich besser als ihr Ruf, in den sie durch die starken und weitüberzogenen Vorwürfe ihrer Gegner geraten ist." ... „Wollen wir ... unseren Kindern die Ausbildungs- und Berufschancen in Deutschland durch eine mecklenburg-vorpommersche Rechtschreibung erschweren? Da man darauf eine akzeptable Antwort schuldig bleiben muss ..., kann dem Landtag nur dringend empfohlen werden, dem Antrag der Volksinitiative nicht zuzustimmen."
Eine traurige „dringende" Empfehlung! Für die These, daß „die Neureglung in dieser Hinsicht nicht nur der bisherigen (was?) überlegen" ist, wäre der wissenschaftlich fundierte Beleg noch zu erbringen. Meine „akzeptable Antwort" als Ingenieur ist dieser Aufsatz hier.
Lehrer stellen inzwischen fest, daß die Fehlerquote an den Schulen zu- statt abnimmt. Die Schüler sind mit den vielen Ausnahmen des künstlichen Regelwerks offenbar überfordert oder werden vom Regelwerk in ihrer Entscheidungsfindung alleingelassen. Es ist vorstellbar, daß zu dieser Thematik in naher Zukunft wissenschaftliche Arbeiten entstehen werden. Trotz der überaus starken Lobby der Reformer und der Suggerierung durch die Medien, daß die Reform „gelaufen" sei, ist abzusehen, daß sich die Rechtschreibreform langfristig nicht durchsetzen wird. Intelligente Schüler schreiben bereits heute wieder nach den „alten" Regeln. Viele Deutschlehrer sehen sich genötigt und übernehmen die neuen Regeln nur widerwillig. Fachlehrer lassen es freigestellt, wie ihre Schüler außerhalb der Deutschstunde schreiben.
Das Bundesministerium des Innern teilte dem Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e. V. im Schreiben vom 13. Oktober 1999 mit, daß „weder an Schulen noch in Verwaltungen... Sanktionen an die Anwendung der neuen und alten Rechtschreibung geknüpft" sind. Damit solle die Bereitschaft gefördert werden, sich mit den neuen Regeln vertraut zu machen. [28] Niemand kann rechtlich gezwungen werden, die neue Schreibung anzuwenden.
Zum Zeitpunkt der Drucklegung existieren deutschlandweit ca. 50 Vereine und Initiativen gegen die Reform, und weitere sind in Gründung. Trotz der generellen Umstellung der Nachrichtenagenturen auf Neuschrieb am 1. August 1999 erscheinen viele Zeitungen und nahezu die gesamte Belletristik nach wie vor in der klassischen Schreibweise. Die Tatsache, daß selbst die Nachrichtenagenturen die Neuschreibung nur halbherzig umsetzen und ihr eigenes „abgeschwächtes" Regelwerk kreiert haben, ist ein deutliches Indiz dafür, daß die neuen Regeln nicht brauchbar sind.
Dem derzeitigen Schreibchaos setzt Prof. Theodor Ickler sein fast 500-seitiges Nachschlagewerk Das Rechtschreibwörterbuch [28] entgegen.
Nur noch eines: Im Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Sachen Rechtschreibung vom 14. Juli 1998 ist dargestellt, daß der Neuschrieb an den Schulen nur dann zulässig sei, wenn mit Sicherheit zu erwarten ist, daß sie die allgemein übliche Rechtschreibung werden wird. Eine solche Erwartung ist spätestens seit August 2000 nicht mehr gegeben...

Schlußbemerkung von mir (Nick): im Herbst wollen die Unionsländer mit ihrer Mehrheit, die sie inzwischen haben, den Unsinn beenden. Danach kommt das Aufräumen (viele Jahre), und dann ist hoffentlich Ruhe!


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