Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: An´s Emmalein

Anti-Sexistin, Tuesday, 02.03.2004, 11:37 (vor 8011 Tagen) @ Emmalein

Als Antwort auf: Re: An´s Emmalein von Emmalein am 02. März 2004 08:26:06:

Zunächst mal finde ich es recht tapfer, wie Du Dich hier schlägst, als eine der wenigen, wenn nicht die einzige Frau hier im Forum. Dafür meinen Respekt.
Mein Beitrag war nicht so ernst gemeint, ich finde es allerdings bemerkenswert, dass Dir als Frau zuerst die Kinder einfallen, wenn es um eine Begrenzung der Ehezeit geht. In meinem Bekannten-und Kollegenkreis( der sich schon wieder verändert hat) stelle ich immer wieder fest, wie wenige Männer eigentlich heiraten wollen und geheiratet haben. Es sind fast immer Frauen, die auf eine "Festlegung" drängen, natürlich mit dem Gedanken an Nachwuchs im Hinterkopf. Ist also meine Vermutung richtig, das trotz aller Emanzipation, trotz aller Behauptungen von Selbständigkeit und Stärke die Ehe immer noch oder vor allem eine Versorgungseinrichtung für Frauen und Nachwuchs darstellt?
Verstehe mich recht, jahrhundertelang war die Ehe nichts anderes, die Rolle der Frau und des Mannes waren festgeschrieben und beiderseits anerkannt, Rechte und Pflichten klar verteilt. In vielen Ländern der Erde ist es ja heute noch so.
Ist nun die speziell mitteleuropäische Emanzipation ein Versuch, aus dieser "Versorgungsmentalität" auszubrechen? Sind also viele Frauen, die heute auf die Ehe drängen, im Sinne dieser Emanzipation rückschrittlich?
Ich betrachte es nur als menschlich, so viele Vorteile wie nur möglich aus einer gegebenen Situation zu ziehen, also verurteile ich Frauen nicht dafür, sich einerseits emanzipiert zu nennen, andererseits staatlich bezahlte Frauenbeauftragte für sich arbeiten zu lassen, sämtliche Frauenparkplätze zu belegen, Frauenbibliotheken und -seminare an den Unis zu fordern und zu erhalten und vor Gerichten und Verwaltungen auf den Unterdrücktenstatus zu pochen.
Die von Frauen propagierten Gründe für die Ehe sind mir ebenfalls sattsam bekannt, mich interessiert in diesem Zusammenhang mehr die Frage, ob es für eine aufgeklärte, meinethalben emanzipierte Frau heute nicht ein Widerspruch ist, eine Ehe einzugehen, die doch offenbar immer noch eine Versorgungseinrichtung ist. Oder welche Begründung kursiert in Frauenkreisen? Oder sind sie einfach nur nicht ehrlich?
Eine gegenseitige Abhängigkeit in einer Beziehung gleich welcher Art zuzugeben, ist nur natürlich, sonst gäbe es die Beziehung wohl kaum. Im Idealfall nennt man das eine Symbiose, glaube ich. Aber eine solche Beziehung mit der Option der Abhängigkeit bewußt einzugehen, ja sie sogar einzufordern, um dann diese Abhängigkeit als Unterdrückung und Benachteiligung zu brandmarken und lauthals Entschädigungen und Quoten zu fordern, halte ich doch für zumindest anmaßend. Wenn nicht schizophren.
Was meinst Du dazu?

Hi, Du,
jahrhundertelang wurde auch schon in den Dörfern nur geheiratet, wenn die Frau schwanger war. Kinder machen eine Bindung dauerhaft, selbst nach der Trennung ist man aneinander gebunden, denn Eltern bleibt man, egal, was war, auch wenn das nicht in maskulistische oder feministische Konzepte passt.
Und dieser Tatbestand erfordert rechtliche Regelungen. Diese Rechtsregelungen haben ihren Platz in der Ehe. Die Ehe ist ein Rechtsstatut, das sich für so etwas seit Jahrhunderten bewährt hat. Sie ist natürlich immer wieder an die Verhältnisse angepasst worden. Aber dennoch: Es müssen gerade weil die Kinder immer Kinder ihrer Eltern bleiben, rechtliche Regelungen gefunden werden, die dauerhaft verbindlich sind.
Gesetzt den Fall, wir machen solche kurzfristigen Ehen, und da werden Kinder drin geboren, was dann? Was ist mit den nicht betreuenden Partnern, die mehr wollen, die ihr Kind auch sehen wollen, die es aufwachsen sehen wollen? Dann brauchen wir wieder Regelungen. Und wenn der betreuende Partner wegen der Kindesbetreuung keine Arbeit findet und damit die Betreuung des Kindes dann sozusagen gewährleistet, und der andere Partner dadurch ja auch Vorteile hat (das Kind ist gut betreut, und es ist SEIN oder IHR Kind)? Auch dafür brauchen wir eine Art Ausgleich. Ebenso wie dafür, dass der betreuende Partner das Kind in der Regel mit Wohnung, Essen und Kleidung versorgt.
All diese Dinge sind in der Ehe geregelt. Bei anderen Lebensformen gibt es da keine Rechtssicherheit.
Andere Lebensformen müssten sich so eine Rechtssicherheit erst schaffen. Das würde dann in Form von Verträgen geschehen. Der wirtschaftlich stärkere Partner hätte sicherlich mehr Einfluss auf die Verträge als der wirtschaftlich schwächere. So kämen Regelungen zustande, die dem Starken nü+tzen und den Schwachen in der Notsituation schwächen würden.
Man kommt einfach um etwas Eheähnliches, wenn Kinder da sind, nicht herum.
Es grüsst
das Emmalein

Die Sozialgeschichte der Ehe ist noch viel spannender. Es dauerte bis weit ins 16. Jahrhundert, bis es üblich wurde, daß auch Menschen aus unteren Schichten heiraten durften. Die Ehe galt zuvor nur für das Patriziat und die Aristokratie und wurde hauptsächlich eingesetzt, um strategische Allianzen zu konsolidieren. Im Frühmittelalter wurden die Bräute in den Geschichtsquellen noch als "Geiseln" geführt, die nach Kriegen qua Ehe unter den ehemaligen Feinden ausgetauscht wurden. Dieser Charakter der Ehe blieb bis ans Ende des Mittelalters bestehen, auch wenn der Geisel-Charakter der Braut nicht mehr im Vordergrund stand. Erst in der Neuzeit und später mit dem Aufstieg des Bürgertums setzte sich die Ehe auch für weite Teile des Bürgertums und der Bauern durch. Paralllel dazu bestand gerade bei der Landbevölkerung noch lange die sogenannte Kebs-Ehe, eine bloße Liebesbeziehung ohne Trauschein und kirchlichen Segen. Ab dem 18. Jahrhundet gab es das neue Ehemodell, das sich bis in unsere Zeit fortsetzte: die Kleinfamilie. Ab hier wurde die Rolle des Mannes als dem Verdiener und Ernährer eingeführt, während die Frau für alle inneren Belange (Küche, Erziehung, emotionale Belange, Tischdekoration, Führung des Hausstandes, Handarbeiten, musischer Bereich etc.) zuständig war. Gerade Bürger hatten insofern auch ein moralisches Problem, mit der Industrialisierung, weil eben im "Proletariat" diese Rollen so nicht gegeben waren und hier auch die Frauen arbeiten gehen mußten, damit sich die Familien über Wasser halten konnten. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde es aufgrund des Wirtschaftswunders und des kriegsbedingten Männermangels überhaupt erst nötig, daß so viel Arbeit da war, daß auch wieder Bürgerinnen arbeiten gehen mußten. Daraus resultiert überhaupt erst der Feminismus in seiner heutigen Gestalt.

Gruß

Anti-Sexistin


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