Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: metrosexuell

Garfield, Wednesday, 13.08.2003, 17:51 (vor 8211 Tagen) @ Manfred

Als Antwort auf: Re: metrosexuell von Manfred am 13. August 2003 13:46:56:

Hallo Manfred!

Ich kann ja verstehen, daß eine Frau sauer ist, wenn jemand negative Bemerkungen zu ihrer Figur macht. Ihr Äußeres ist Frauen nun einmal sehr wichtig. Das wäre vor 30 Jahren mit Sicherheit auch nicht anders gewesen.

Aber in früheren Jahrhunderten waren die Ansprüche der Frauen an die Männer niedriger. Damals konnten sich auch Männer durchaus Dinge erlauben, für die sie heute als Schwuchteln beschimpft werden.

Noch im 18. Jahrhundert war es für wohlhabende Männer beispielseise üblich, sich zu schminken und Perücken zu tragen. Das war schon bei den alten Ägyptern so. Noch um 1900 konnte ein deutscher General auf einer Feier in Anwesenheit des Kaisers und anderer Würdenträger des deutschen Reiches mal eben im Ballett-Kleid hereinkommen und eine kleine Tanzeinlage geben. Das tat er nicht nur einmal, sondern jedes Jahr. Es war zwar nicht so ganz normal, aber man betrachtete es einfach als Marotte und er wurde deshalb nicht beschimpft oder niedergemacht. Damals konnten sich auch heterosexuelle Männer, die einfach nur sehr gut befreundet waren, in Briefen mit "mein Liebster" anreden, ohne daß sie dann gleich befürchten mußten, vom anderen für schwul gehalten zu werden.

Wenn heute Männer so etwas tun, werden sie oft schief angesehen und niedergemacht. Ich denke, das hängt damit zusammen, daß vielen Frauen die Attribute, die früher einen Mann ausmachten, heute nicht mehr reichen. Frauen verdienen heute oft ihr eigenes Geld oder wissen zumindest, daß sie ihr eigenes Geld verdienen könnten, wenn sie das denn wollten. Daß der Mann Geld heranschafft, wird somit als selbstverständlich betrachtet und nicht mehr als besonders männliche Leistung. Also konzentriert frau sich auf andere Attribute, die nun plötzlich noch mehr zählen. Männer müssen also weiterhin die Ernährer-Funktion ausüben, darüber hinaus aber in anderer Hinsicht "männlicher" erscheinen als in früheren Zeiten.

Dazu kommt noch, daß Frauen vielleicht auch Angst vor männlicher Homosexualität haben. In früheren Zeiten war das kein Thema. Man hielt Homosexualität für nicht sehr weit verbreitet, und viele Menschen glaubten ernsthaft, daß es eine Krankheit wäre, die man heilen könnte und die sich ein "normaler" Mensch ohnehin kaum einfangen würde. Meist wurde das Thema sowieso totgeschwiegen.

Seit den 70er Jahren ist das nicht mehr so. Seitdem bekennen sich Homosexuelle zunehmend offen zu ihren Neigungen. Auch so mancher Promi war darunter, und so wurde langsam klar, daß das doch gar nicht so selten vorkommt und daß Homosexuelle sich auch keineswegs als krank ansehen, sondern sich mit ihren Neigungen durchaus auch wohl fühlen können und sie ausleben möchten.

Weibliche Homosexualität war eigentlich nie ein Thema gewesen und ist auch nur selten von der Justiz verfolgt worden. Zwar kam das nun auch hoch, aber Männer standen dem relativ locker gegenüber.

Das hängt offenbar mit den Rollen von Mann und Frau beim Sex und mit der unterschiedlichen Anatomie zusammen. Männer sind offenbar zumindest unbewußt der Meinung, daß eine Frau sie nicht wirklich ersetzen könne, weil eine Frau nun einmal keinen Penis hat. Deshalb betrachten sie Frauen oft gar nicht als Konkurrentinnen und tatsächlich gibt es nicht wenige Männer, die kein Problem damit hätten, wenn ihre Partnerin mit einer anderen Frau schlafen würde oder das sogar sehr erotisch fänden.

Frauen sehen das ganz genauso, nur eben umgekehrt, von ihrer Seite aus. Vor kurzem habe ich mal eine Reportage über Frauen gesehen, deren Männer ihnen irgendwann eröffnet haben, daß sie schwul sind. Eine Frau sagte dazu: "Wenn er eine andere Frau gehabt hätte, dann hätte ich ja mit ihr konkurrieren können. Aber bei einem Mann hatte ich doch gar keine Chance..." Offenbar ging sie automatisch davon aus, daß es ihrem Mann eben vor allem um einen Penis ging, den sie eben nicht hatte. Dazu kommt noch, daß Männern laut Klischee beim Sex die aktive Rolle zugesprochen wird, und Frauen, die selbst lieber passiv sind, fühlen sich dann deshalb vielleicht noch zusätzlich unterlegen.

Wahrscheinlich sind das die Gründe dafür, wieso Frauen männliche Homosexualität so sehr ablehnen. Sie glauben einfach, mit einer weiblichen Konkurrentin leichter fertig werden zu können als mit einem männlichen Konkurrenten.

Ich könnte mir auch noch vorstellen, daß Frauen, weil ihnen Bewunderung durch Männer so wichtig ist, einfach auch sauer sind, wenn ein Mann eben nicht auf Frauen steht, ihnen also diese Bewunderung nicht entgegen bringt. Das werten sie vielleicht unbewußt oder auch bewußt als Mißachtung und Respektlosigkeit. Wenn ein Mann eine Frau mal abblitzen läßt, dann kommt es auch häufig vor, daß sie dann das Gerücht in Umlauf setzt, er wäre schwul.

Früher kam das alles nicht hoch, weil Homosexualität eben ein Tabu-Thema war. Als das aber immer mehr thematisiert wurde, verstärkten sich bei Frauen die Abwehr-Reaktionen immer mehr, und sie beeinflußten damit auch die Männer, die ihre Abneigung gegen männliche Homosexualität schnell übernahmen. Kein Mann will als Schwuchtel gelten, und so ist man(n) dann natürlich bestrebt, sich nicht nur auf keinen Fall so zu benehmen, sondern auch über Männer herzuziehen, die sich so benehmen.

Bei manchen Männern, die dabei spüren, daß sie durchaus auch homosexuelle Neigungen haben, geht das sogar soweit, daß sie diesen Haß auf diese unterdrückte Seite ihrer selbst auf homosexuelle Männer projizieren und dann manchmal soweit gehen, diese Männer grundlos zu verprügeln.

Ja, und so achten eben auch Frauen heute argwöhnisch darauf, daß ihre Partner auch ja keine Anwandlungen zeigen, die irgendwie als schwul eingestuft werden könnten. Nicht nur aus Angst davor, daß ihre Partner womöglich mit einem anderen Mann durchbrennen könnten, sondern vor allem auch, weil ihnen die Meinung anderer Menschen ungemein wichtig ist. Und es ist ihnen eben unangenehm, wenn die beste Freundin den Partner für eine Schwuchtel hält. Frauen wollen mit ihren Männern immer auch repräsentieren (wie Männer ja auch mit ihnen), und deshalb muß der Partner eben immer "männlich" erscheinen. Deshalb sind es auch häufig die Frauen, die besonders an geltenden Normen und Konventionen festhalten und ihren Partnern nicht erlauben wollen, daraus auszubrechen.

Wahrscheinlich sind auch die modernen Medien ein Faktor, der dazu beigetragen hat. Früher lebte man in seinem Dorf oder seiner Stadt, man kam dort kaum heraus und sah immer nur die Menschen in der eigenen Umgebung. Das waren meist Durchschnitts-Menschen, und so stellte man auch an den Partner oder die Partnerin keine überhöhten Ansprüche.

Seit dem letzten Jahrhundert dagegen kriegt man im Fernsehen, im Kino und in Zeitschriften immer wieder Menschen zu sehen, die überdurchschnittlich gut aussehen oder andere überdurchschnittlichen Eigenschaften haben. Das hat die Ansprüche deutlich hoch geschraubt, natürlich bei Männern und Frauen gleichermaßen. Es gibt durchaus auch Frauen, die gern Filme mit "coolen" Action-Helden wie Sylvester Stallone sehen. Diese "Superhelden" haben dann wohl auch noch ihren Teil zu der Problematik beigetragen.

Meine Verlobte weiß natürlich, wie ich zur Gleichberechtigungs-Problematik stehe. Es ist bei uns privat aber kein wichtiges Thema. Wir verdienen beide unser eigenes Geld und finanzieren gemeinsame Vorhaben auch zusammen. Insofern gab es bisher nie die Notwendigkeit, irgendwelche Rollenmuster zu diskutieren.

Ich spüre aber manchmal deutlich, daß sie dem etwas skeptisch gegenüber steht. Nicht etwa weil sie die Dinge soviel anders sieht als ich, sondern weil sie offenbar fürchtet, daß ich mich zu einem "Frauenhasser" entwickeln könnte. :-)

Als ich Arnes Buch "Sind Frauen bessere Menschen?" las, merkte ich auch deutlich, daß ihr das nicht so recht war. Als ich es durch hatte, sagte ich ihr, daß sie es auch lesen sollte. Sie antwortete darauf irgendsowas wie "aha", und ihr Tonfall war eindeutig skeptisch. Ich sagte dann: "Ja, nachdem ich das Buch gelesen habe, weiß ich noch besser, was ich an dir habe." Dann strahlte sie auf einmal und war ganz überrascht.

Ich denke, das ist eine ganz typische Reaktion von Frauen. Sie halten auch nicht viel von Alice Schwarzer & Co, und wenn sie nun irgendwas über Männerbewegung hören, befürchten sie immer gleich, daß die Männer nun in dieselbe Kerbe schlagen und jetzt eben Frauen verunglimpfen wollen.

Freundliche Grüße
von Garfield



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