Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Spitzbube

Garfield, Monday, 28.07.2003, 20:12 (vor 8227 Tagen) @ Jolanda

Als Antwort auf: Re: Spitzbube von Jolanda am 28. Juli 2003 13:25:25:

Hallo Jolanda!

Ich denke, viele Männer scheuen im Wesentlichen aus zwei Gründen vor Berufen wie Kindergärtner zurück:

1. Entsprechen solche Berufe nicht dem Klischeebild, das Männern immer noch - und teilweise sogar noch mehr als in früheren Zeiten - übergestülpt wird.

2. Gelten solche Berufe als niedrig bezahlt, obwohl das gar nicht unbedingt stimmt. Aber nehmen wir z.B. mal Grundschullehrer: Die verdienen doch wohl weniger als z.B. Gymnasial-Lehrer. Und es ist ein Beruf, der weitaus mehr geistige als körperliche Fähigkeiten erfordert. Männer, die wenig intelligent sind, werden sich zu diesem Beruf nicht gerade hingezogen fühlen und ihn auch nicht zufriedenstellend ausüben können. Also entscheiden sie sich eben für Berufe, wo der Schwerpunkt mehr auf körperlicher Arbeit liegt, auch wenn sie damit zuweilen gar nicht sonderlich gut verdienen. Männer, die intelligenter sind und den Anforderungen des Lehrer-Berufes besser entsprechen, können dagegen als Gymnasiallehrer mehr verdienen - wieso sich also mit weniger zufrieden geben?

Die Frage ist nun, wieso vielen Männern diese beiden Punkte so wichtig sind. Und ich denke, daß sie ihnen vor allem deshalb wichtig sind, weil sie den weiblichen Erwartungen möglichst gut entsprechen wollen, um ihre Chancen auf eine Partnerin zu verbessern.

Wenn man(n) dann eben merkt, daß man, sobald man vom vorgegebenen Rollenbild abweicht, gleich als "Schwuchtel" und "Weichei" eingestuft wird und es bei der Partnersuche schwerer hat, dann ist man nun einmal eher geneigt, den vorgegebenen Klischees zu entsprechen. Wenn man sich in der Schulzeit nur ein Mofa leisten kann und dann sieht, wie der Mitschüler, der von seinem steinreichen Vater einen Porsche gesponsort bekommen hat, ein Mädel nach dem anderen abschleppt, während man selbst Dauer-Single ist, dann merkt man ziemlich schnell, wie's im Leben läuft und schlägt sich dann eben auch Berufswünsche wie Kindergärtner schnell wieder aus dem Kopf.

Vor einigen Monaten habe ich eine Reportage über einen Hausmann gesehen. Das Kamerateam begleitete ihn und sein Kind auf einen Spielplatz. Am Rande dieses Spielplatzes saßen zwei Mütter auf einer Bank, und die Reporter nutzten die Gelegenheit, sie nach ihrer Meinung zu diesem Hausmann zu fragen.

Die eine sagte dazu: "Also, Männer können so etwas doch gar nicht. Frauen können viel besser mit Kindern umgehen." Der Reporter fragte, wieso Frauen das besser könnten. "Weil sie dafür geboren werden", antwortete die Frau. "Ein Mann kann sowas nicht, das kann mir keiner erzählen. Ein Mann muß arbeiten - richtig schwere Arbeit machen. Und nicht mit den Kindern spielen." Da mischte sich die zweite Mutter ein: "Und man muß ja auch mal sagen, daß es nicht gerade die Fleißigsten sind, die zu Hause bei den Kindern bleiben." Die erste Mutter nickte dazu nur zustimmend. Die Reporter fragten den Hausmann, was er dazu sagt. Er sagte, das wären die üblichen Vorurteile, die er und seine Frau immer wieder zu hören bekommen. Eben, daß er nur zu faul zum Arbeiten wäre.

Und wenn man(n) so etwas immer wieder zu hören bekommt, und zwar auch von der eigenen Partnerin, dann vergeht einem die Lust, aus den üblichen Rollenklischees auszubrechen, sehr schnell wieder. Es hat schon seinen Grund, daß Ehen, in denen ausnahmsweise er die Kinderbetreuung übernimmt, häufiger wieder geschieden werden als "normale" Ehen.

Man könnte ja meinen, daß die Frauen, seit sie häufiger ihr eigenes Geld verdienen, entsprechend geringere Ansprüche an ihre Partner stellen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr eine Frau selbst verdient, umso höhere Ansprüche stellt sie auch an das Einkommen ihres Partners. Das setzt Männer heute enorm unter Druck. Und deshalb sind sie so daran interessiert, sich möglichst gut zu qualifizieren und dann auch möglichst gut zu verdienen. Weil sie genau wissen, daß die Hauptlast des Familieneinkommens meist auf ihren Schultern liegen wird.

Viele Frauen haben heute durchaus kein Problem damit, von ihrem eigenen Geld zu leben, aber es gibt nur wenige Frauen, die bereit sind, ihre Partner auch mit zu ernähren. Zeitweilig wird das durchaus mal akzeptiert, aber sobald frau das Gefühl hat, daß das zum Dauerzustand wird, kommt da schnell Frust hoch.

Überhaupt habe ich das Gefühl, daß Frauen heute von Männern weitaus mehr "männliches" Verhalten (oder was sie dafür halten) erwarten als in früheren Zeiten. Vor 100 Jahren konnte ein deutscher General bei einer Feier in Anwesenheit des Kaisers und diverser Würdenträger des Deutschen Reiches schon mal eine kleine Tanzeinlage im Ballettkleidchen geben, ohne daß das jemanden gestört hätte. Vor 100 Jahren konnte sich auch heterosexuelle Männer in Briefen mit "mein Liebster" anreden, ohne daß sie dann gleich für schwul gehalten wurden. Das wäre heute so nicht mehr möglich.

Wenn zwei Frauen händchenhaltend durch die Stadt gehen, stört das niemanden. Aber wehe, zwei Männer tun das. Dann sind sie gleich Schwuchteln und natürlich völlig unmännlich. Viele Frauen haben eine tiefverwurzelte Scheu vor männlicher Homosexualität, und deshalb ist es ihnen auch so wichtig, daß ihre Partner sich auch ja immer den geltenden Normen entsprechend verhalten. Keiner Frau ist es angenehm, wenn die Freundinnen den Partner für eine Schwuchtel halten.

Zwar sind manche Frauen fremden Männern gegenüber zuweilen durchaus tolerant. Da wird es dann sogar als positiv angesehen, wenn mal ein Mann einen Rock trägt oder wenn er Hausmann ist. Aber wehe, der eigene Partner kommt auf die Idee, sowas zu tun - dann ist oft Schluß mit lustig.

Manche Frauen haben ja, wenn sie z.B. nach einer Krebsoperation keine Kinder mehr bekommen können, echte Probleme damit, daß sie sich nicht mehr wirklich weiblich fühlen, weil ihnen eben die - ihrer Meinung nach - wesentlichste Fähigkeit der Frau abhanden gekommen ist.

Männer können dieses Gefühl auch ganz ohne OP kriegen. Z.B. wenn sie es nicht schaffen, mit ihrem Einkommen die Familie zu ernähren und Häuschen + Auto abzuzahlen. Oder wenn ihre Partnerin in ihrer Begleitung mal von jemandem angepöbelt wird und sie sich nicht trauen, darauf den Wünschen ihrer Partnerin entsprechend zu antworten.

Männer müssen sogar darauf aufpassen, wie sie sich bewegen. Ich habe es schon so oft erlebt, daß eine Frau zu irgendeiner Bewegung eines Mannes eine Bemerkung machte wie "der benimmt sich wie ein Schwuler". Da reicht es schon aus, wenn man(n) nur mal versehentlich beim Trinken aus einer Tasse einen Finger etwas abspreizt.

Und wenn Frauen schon auf solche Kleinigkeiten so negativ reagieren, dann sieht das bei wesentlicheren Sachen wie bei der Ernährer- und Beschützer-Funktion des Mannes natürlich noch viel krasser aus.

Aber du hattest mich gefragt, was man dagegen tun könne, daß auch Männer häufiger Berufe wie Kindergärtner ergreifen.

Man hat in den letzten Jahrzehnten fortwährend an den Männern herumerzogen. Alle Versuche zur Weltverbesserung setzten vorwiegend bei den Männern an, da immer stillschweigend davon ausgegangen wurde, daß Frauen ohnehin schon perfekt wären und somit nicht mehr erzogen werden müßten. Als Ergebnis dessen sehen wir nun beispielsweise Männer, die eine Frau, die sie interessant finden, höflich ansprechen, um darauf eine Antwort wie "verpiß dich, du Arschloch" zu bekommen.

Es ist längst überfällig, auch mal die Erziehung der Frau in Angriff zu nehmen. Männer haben längst gelernt, zu akzeptieren, daß auch Frauen das Recht auf eine berufliche Karriere haben. Viele Frauen haben ganz offensichtlich noch lange nicht gelernt, daß auch Männer das Recht darauf haben, beruflich kürzer zu treten, um sich mehr mit ihren Kindern beschäftigen zu können. Zumal das ja auch nicht nur bedeutet, daß Männer in ihre Domänen einbrechen und die Kinder womöglich lieber mit dem Papa spielen als mit ihnen, sondern auch, daß die Männer dann halt weniger verdienen und die Frauen somit mehr Verantwortung für die Ernährung der Familie übernehmen müssen.

Viele Frauen müssen auch lernen, daß nicht jeder Mann, der gern Röcke oder andere typische "Frauenkleidung" trägt oder der eben als Kindergärtner arbeitet, deshalb gleich schwul wird.

Natürlich muß man da auch bei den Männern ansetzen. Die gesellschaftliche Erziehung der Männer in den letzten Jahrzehnten war immer überwiegend auf weibliche Bedürfnisse ausgerichtet. Deshalb ist heute bei vielen Männern genauso wenig Akzeptanz für Männer, die aus dem üblichen Rollenbild ausbrechen, vorhanden wie bei Frauen.

Die wirklichen Bedürfnisse von Männern müssen denen von Frauen in der Wertigkeit gleichgesetzt werden. Auch Männer können selbst viel dazu beitragen: Indem sie ihre eigenen Bedürfnisse wichtiger nehmen und auch mehr von ihren Partnerinnen verlangen.

Herzliche Grüße
von Garfield



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