Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Spitzbube

Garfield, Thursday, 24.07.2003, 14:58 (vor 8231 Tagen) @ Xenia

Als Antwort auf: Spitzbube von Xenia am 23. Juli 2003 17:22:07:

Hallo Xenia!

"Einige hätten wir, wenn wir gedurft hätten"

Daß Frauen früher von den Männern daran gehindert wurden, sich mit wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen oder zu studieren, ist auch wieder so ein weitverbreiteter Irrtum.

Es hat schon im 17./18. Jahrhundert Frauen gegeben, die studiert haben. Natürlich mußten sie gegen Vorurteile in der Gesellschaft ankämpfen, aber das geht Männern heute noch nicht anders, wenn sie z.B. Kindergärtner werden wollen.

Daß es diese Frauen aber gegeben hat, beweist, daß die Hindernisse keineswegs unüberwindlich waren.

Außerdem hatte ein Studium früher nicht dieselbe Bedeutung wie heute. Man mußte nicht unbedingt studiert haben, um als Wissenschaftler(in) anerkannt zu werden. Es hat immer wieder auch Männer gegeben, die ohne Studium an einer Universität bedeutende Entdeckungen gemacht haben.

Christiane Dorothea Leporinin (besser bekannt als Dorothea Erxleben) hat dazu im 18. Jahrhundert ein interessantes Buch verfaßt, in dem sie die Gründe, die Frauen damals vom Studieren abhielten, genau analysierte. Unter "Studieren" verstand sie dabei übrigens nicht nur ein Universitätsstudium, sondern auch Selbststudium, also Bildung allgemein. In diesem Buch ist nie die Rede davon, daß es die Männer waren, die Frauen von der Bildung fernhielten, sondern es werden Vorurteile beschrieben, die von Männern und Frauen gleichermaßen ausgingen. In einem eigenen Kapitel wird auch darauf eingegangen, daß ungebildete Frauen häufig neidisch auf gebildete Frauen waren und deshalb versuchten, sie öffentlich schlecht zu machen oder sie daran zu hindern, sich zu bilden. Die Autorin forderte die Frauen ihrer Zeit dazu auf, sich weniger für Kleidung und Kosmetik, dafür aber mehr für die Wissenschaft zu interessieren. Wenn diesem Aufruf viele Frauen gefolgt wären, dann wäre es schon im 19. Jahrhundert schnell selbstverständlich gewesen, auch Frauen in Hörsälen anzutreffen. Da viele Frauen sich aber weiterhin kaum für Wissenschaft interessierten, blieben studierende Frauen eben weiterhin die Ausnahme. Und die Klischees, nach denen Frauen nicht fähig waren, sich mit Wissenschaft zu beschäftigen, blieben weiter bestehen - in den Köpfen von Männern und Frauen gleichermaßen.

Und sieh dir mal heute typische Frauenzeitschriften, wie z.B. "Bild der Frau", "Gala" usw. an. Artikel zu wissenschaftlichen oder technischen Themen wirst du da nicht finden. Und diese Zeitschriften werden nicht von Männern, sondern in der Regel von Frauen gemacht, die damit natürlich den Interessen der Durchschnittsfrau entsprechen. Also scheint sich seit 300 Jahren wenig verändert zu haben.

Freundliche Grüße
von Garfield



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