Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

67114 Postings in 8047 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

Re: FOCUS-Titelthema Männerdiskriminierung

Arne Hoffmann, Tuesday, 08.04.2003, 15:59 (vor 8338 Tagen) @ Jolanda

Als Antwort auf: Re: FOCUS-Titelthema Männerdiskriminierung von Jolanda am 07. April 2003 19:39:15:

Hi Jolanda, hallo ihr anderen,

herzlichen Dank für die Glückwünsche und die vielen anderen sehr lieben Worte!

Gestern hab ich es nicht mehr geschafft euch zu antworten, denn ich war gut beschäftigt: Diskussion mit den Leuten von meinem Verlag, wie man diesen Erfolg am besten in die Presse-Arbeit etc. einbaut, Infomails an die verschiedensten Stellen aus der Männerbewegung und der Geschlechterdebatte insgesamt (beispielsweise die Heinrich-Böll-Stiftung
:-), Pressemeldungen an die großen Zeitungen wie an die kleinen (Anmerkung: die Mailaddi vom "Buxtehuder Tagblatt" funzt nicht ;-) undsoweiter. Die werden sich natürlich nicht alle sofort auf das Thema "Männerdiskriminierung" stürzen, aber das soll ja auch nicht der letzte Artikel dieser Art bleiben. Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein. Außerdem sind bei mir die unterschiedlichsten Glückwünsche auch per Mail eingegangen, von privaten Bekannten bis zu prominenten Männerrechtlern wie Professor Bock. Und Alex Bark hat eine Sonderdokumentation der RotenMännerNews herausgebracht; das fand ich doch sehr nett. Feiern werde ich dann erst heute abend (übrigens überwiegend mit Frauen, fällt mir auf).

Ich freue mich total für dich, es ist höchste Zeit, dass deine Arbeit endlich auch gewürdigt wird und nicht nur darauf herumgetrampelt, wie das einige getan haben.

Dieser Satz gibt mir eine klasse Gelegenheit, ein paar grundsätzliche Dinge zu sagen, auch wenn das dadurch wieder so ein verdammt langes Mail wird (holt euch besser ein paar Snacks, Leute).

Natürlich waren diese ständigen Beschimpfungen und Angriffe unter der Gürtellinie verletzend und haben mich geärgert. Aber sie waren in bestimmter Weise auch von Anfang an Teil meines Konzepts bzw. meiner Erwartungen. Mir war, schon als ich mit der Arbeit an meinem Buch begonnen habe, klar, dass da ein wichtiges Thema im Argen lag und dass sich nur deswegen noch niemand den benachteiligten Männern angenommen hatte, weil die Leute Angst hatten, sich den zu erwartenden Diffamierungen auszusetzen. Der erste, der in dieser Hinsicht den Kopf zum Fenster rausstreckte, würde mit Dreck beworfen werden, das war abzusehen. Bei einigen anderen Autoren in den USA wie hierzulande war das ja auch schon passiert. Da ich als SM-Autor usw. ohnehin keinen gutbürgerlichen Ruf zu verlieren hatte, war ich gerne bereit, den Job zu übernehmen, damit andere dann um so leichter folgen konnten. Bis vor kurzem sah es noch so aus, als würde nur die erste Hälfte meiner Erwartungen aufgehen: die Diffamierungen kamen, aber die öffentliche Wahrnehmung noch nicht so, wie ich sie mir gewünscht hatte. Das hat sich jetzt offenkundig geändert. Ihr wisst ja alle am besten, welche absolut unmöglichen Kampagnen gegen uns geführt worden sind. Und wir sind trotzdem gerade dabei zu gewinnen. Meine Güte, selbst im "Emma"-Forum ist Männerdiskriminierung ein großes Thema. Viele der Frauen, die dort posten und früher nur Schwarzers Magazin gelesen haben, erfahren jetzt zum ersten Mal, dass sich viele Männer in unserer Gesellschaft inzwischen benachteiligter fühlen als sie. Ich frage mich, ob Schwarzer es schon bedauert, im Web eine offene Debatte zugelassen zu haben, statt wie im Heft nur einer eng umgrenzten Sichtweise der Welt Raum zu lassen.

Nun bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Mehrzahl der Beschimpfungen und Beleidigungen gegen uns erfolgt sind, weil die Leute, von denen sie kamen, emotional ein wenig unstabil sind, oder ob das taktische Manöver waren nach dem Motto: Erst mal die vernünftigen Leute mit persönlichen Attacken auf unterstem Niveau wegbeißen und dann in aller Ruhe pseudowissenschaftlichen Unfug verbreiten. Falls letzeres der Fall war, hat es nicht funktioniert. Die Betreffenden haben sich nur immer weiter isoliert, während die Männerbewegung stetig an Zuwachs gewinnt. Ich bin inzwischen dazu übergegangen, mich nur noch mit solchen Leuten auseinanderzusetzen, die mich mit dem Minimum an zwischenmenschlichem Respekt behandeln, der für das Gespräch miteinander unabdingbar ist. Wer das nicht möchte, kann sich in seinem Forum verbunkern und dort austoben, aber er verzichtet auf die Möglichkeit, seine Ansichten in den Mainstream der Debatte einzubringen. Sachlich vorgebrachte Kritik, Anregungen und andere Sichtweisen sind immer in meine Bücher eingeflossen. Schließlich habe ich die Männerrechte überhaupt erst entdeckt, weil ich auch in meiner feministischen Phase bereit war, mich anderen Denkweisen zu öffnen und sie zu überprüfen. Auf Anwürfe wie "du verdammtes Stück Dreck" kann man aber natürlich nicht sinnvoll antworten, genausowenig auf "Forenschlampen" und das ganze Zeug. Das zeigt doch nur, dass diesen Leuten seit einiger Zeit schon die Argumente ausgegangen sind.

In zweierlei Hinsicht waren all diese Anfeindungen indirekt aber auch ganz brauchbar. Einen Grund, warum das so war, nenne ich in meiner Antwort an Max in Monis Forum. Für den anderen muss ich ein bisschen ausholen. Bei der Gelegenheit kann ich nämlich auch beantworten, woher ein großer Teil der Kraft stammt, mit meinem Buch gegen sämtliche Widerstände anzuschwimmen.

Ich bin von einem meiner emsigen Leser ja schon mehrfach kritisiert worden, weil ich ein paar mal mein Einser-Examen erwähnt habe. Dieses Examen war allerdings eine wichtige und prägende Erfahrung für mich. Vor meiner mündlichen Prüfung zum Beispiel hatte ich meinen Professor gebeten, er solle mich auf Eins prüfen. Meine KommilitonInnen waren ziemlich aus dem Häuschen, als ich ihnen davon erzählt habe. "Arne! Bist du meschugge? Wie kannst du sowas machen? Was glaubst du, wie er dich in die Zange nimmt, wenn du von Anfang an so da reingehst?" Fakt ist, ich hatte Erfolg. Das hat bei mir natürlich meine Einstellung verstärkt, dass ich nicht alles, aber doch ziemlich viel erreichen kann, wenn ich nur den entsprechenden Willen aufbringe. Und das war etwas, was bei meinem Buch "Sind Frauen bessere Menschen?" immer wieder von großer Bedeutung war.

Das erste Hindernis war die Recherche selbst. Informationen über sexuellen Missbrauch oder sogar Vergewaltigungen durch Frauen findest du ja nun nicht gerade links und rechts in den Regalen der Büchereien. Das habe ich dann als journalistische Herausforderung gesehen und mich erst recht reingehängt. Neulich hat mir ein Leser geschrieben, er hätte Hunderte von Mark für Literatur zum Geschlechterthema ausgegeben und trotzdem nur im Ansatz den in "Sind Frauen bessere Menschen?" verdichteten Kenntnisstand erreicht. Das hat mir sehr geschmeichelt. :-)

Das zweite Hindernis war die Verlagssuche. Die berühmten 80 Absagen. Immer wieder mit meinem schmalen Geldbeutel einen 600-Seiten-Wälzer kopieren, verschicken, und eine Ablehnung nach der anderen einfangen. Ich glaube, nach den ersten 50 oder 60 Absagen stand ich dann doch kurz davor aufzugeben. Da hatte ich mir überlegt, ob ich nicht doch lieber ein anderes Buch zu einem marktgängigeren Thema schreiben sollte. Das würde mir vielleicht Geld, Zeit und Nerven sparen. Was mich dann dazu gebracht hat weiterzumachen und am Ball zu bleiben, waren die Berichte über geprügelte Männern und von Frauen missbrauchte Jungen, die ich inzwischen gelesen hatte: Menschen, die in unserer Gesellschaft so unsichtbar waren, dass dieses Thema nicht mal existierte, ja, dass die Betroffenen nicht einmal selbst vor Dritten darüber zu sprechen wagten. Ich konnte theoretisch mit irgendeinem anderen Buch weitermachen; aber diese Menschen konnten nicht einfach mit einem anderen _Leben_ weitermachen. Sie hatten hier in Deutschland niemanden, der für sie sprach. Professor Bock, Joachim Müller und Alexander Markus Homes gab es damals ja noch nicht. Also war das wohl oder übel mein Job. Und dann fand ich endlich einen Verlag, bei dem das Buch nicht nur erscheinen, sondern sogar _schön_ werden würde, also kein Printing-on-Demand und kein Druckkostenzuschussverlag. Mir gefällt das Buch von der Aufmachung her sehr gut so, wie es jetzt ist. Na gut, ein bisschen dick vielleicht. :-)

Kommen wir zu dem dritten und letzten Hindernis: den Medien. Das war der berühmte Lace Curtain; den kannte ich ja schon aus den USA. Männerrechte sind/waren in den Medien ein Tabu. Entsprechende Bücher werden der Allgemeinheit nicht vorgestellt. So auch bei meinem. Ein Uni-Professor hat versucht, eine Rezension meines Buches bei der FAZ unterzubringen und zwei Bestseller-Polit-Autoren bei der "Welt", aber beides wurde geblockt. Weil ich das eben wegen meinem Vorwissen über die USA schon hatte kommen sehen, habe ich von Anfang an versucht, das über Guerilla-Marketing auszugleichen: also ein Jahr lang ein umfangreiches e-zine geschrieben und verteilt und mich hier in den Foren so wichtig gemacht, dass es eigentlich schon nicht mehr feierlich war. Normalerweise bin ich ja eher ein zurückhaltender Mensch (solange es nicht gerade um SM geht oder Queer Nation oder so). Ich hatte die Hoffnung, irgendwann so viel kritische Masse zu erreichen, dass es einem der Medienmacher endlich auffallen würde. Über ein Jahr lang ist diese Strategie ziemlich in den Arsch gegangen. Bei den Leuten hier in den Foren konnte ich zwar einige Informationsarbeit leisten, ich konnte auch die bereits existierende Männerbewegung revitalisieren, aber vom Verkauf her war das Buch zum Zeitpunkt der letzten Buchmesse fast schon klinisch tot. Die Männer, die mein Buch etwas angehen würde, haben einfach nicht erfahren, dass es existiert. Was mich _dann_ dazu bewegt hat, stur zu bleiben und bei den Medien weiterzubohren und zu hämmern und mich ins Zeug zu legen, waren zu einem nicht geringen Teil die Anfeindungen, die ich und ja auch viele von euch inzwischen ständig ausgesetzt waren. Es gab ja immer wieder von neuem Hetzkampagnen, Diffamierungen, Verleumdungen und verletzende Bemerkungen. Wenn die mich nicht immer wieder angestachelt hätten, mich dagegen zu behaupten, hätte ich den Großteil meiner Aufmerksamkeit vielleicht doch irgendwann einem neuen Projekt zugewandt. Zu deutsch: Ohne all diese Unverschämtheiten wäre "Sind Frauen bessere Menschen?" vermutlich _nicht_ im aktuellen "Focus", der Verkauf würde nicht wieder anlaufen und Männerdiskriminierung wäre weniger ein Thema. Irgendwie gefällt mir die Ironie dieser Sache. Ja, ich weiß, die _echte_ Unterstützung habe ich von euch erhalten. Ihr wusstet von all diesen wichtigen Themen schon anderthalb Jahre vor dem „Focus“, und damit seid ihr eigentlich die _wahre_ Info-Elite. Ich muss daran denken, euch im Dank der nächsten Auflage zu erwähnen. :-)

Der Erfolg im "Focus" war eine Gemeinschaftsarbeit von uns allen, und sie wird hoffentlich uns allen nutzen. Insofern danke ich euch genauso wie ihr mir.

Herzlicher Gruß

Arne


gesamter Thread:

 

powered by my little forum