Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Stärkt die Reproduktionsmedizin die Rolle der Frau?

Odin, Sunday, 17.11.2002, 16:03 (vor 8479 Tagen)

Noch ein Ausschnitt aus der "Psychologie heute" vom November 02

"Das Verhältnis zu Ei- und Samenzellen hat sich offenbar schon gewandelt, das zeigt jetzt die Unterhaltungsindustrie, immer bereit, aktuelle Trends für eigene Zwecke zu nutzen. In den Niederlanden werden demnächst einige Kinder ihr Leben einer TV-Sendung zu verdanken haben. Dort nämlich bastelt Big Brother - Produzent John de Mol an einem neuen Knüller. In 'I want your baby', so der Arbeitstitel, können sich schon bald ledige Frauen aus 30 Kandidaten ihren favorisierten Spermaspender aussuchen. Ob die Befruchtung per Reagenzglas oder aber durch die traditionelle Methode des Geschlechtsverkehr zustande kommen soll, entscheiden die Frauen selbst. In unserem Nachbarland schlugen nach Bekanntwerden der Pläne die Diskussionswogen hoch. Mit dieser Sendung würde der Radikalfeminismus massentauglich für die Abendunterhaltung, argumentierten Kritiker. Männer, so hieß es voller Sorge, würden zu Samenspendern reduziert und Frauen hätten künftig keine Verwendung mehr für sie.
Ist das so? Wird die Rolle der Frau durch die neuen reproduktiven Technologien gestärkt und die des Mannes geschwächt, oder ist es im Grunde nicht umgekehrt? Verlieren Frauen ihre Selbstbestimmung, wenn sie sich Babys 'machen' lassen?
Zunächst mag es so aussehen, als ob die künstliche Befruchtung Frauen größere Wahlfreiheit ermögliche.
Tatsächlich aber geraten Frauen durch den sich fast monatlich erweiternden Möglichkeitenkatalog der Fruchtbarkeitsindustriee unter völlig neue Zwänge. sie haben auf einmal die Aufgabe und die Pflicht, gesunde und möglichst perfekte Kinder zeugen zu lassen und zu gebären. Frauen über 35, die eine Fruchtwasseruntersuchung ablehnen, weil sie ihr zukünftiges Kind auch behindert akzeptieren würden, stoßen in ihrer Umwelt schon heute auf offene Ablehnung, wenn nicht gar Entrüstung. Die Eltern stehen unter einem hohen Druck. Der Spruch 'Eltern haften für ihre Kinder' bekommt eine neue Bedeutung.
Die Schwangerschaft - einst Zeit der 'guten Hoffnung' - ist längst zu einer Zeit einer engmaschigen Rasterfahndung geworden. Mutter und Kind müssen stets aufs Neue unter Beweis stellen, daß sie der Norm entsprechen. Doch eine Garantie für ein gesundes Kind gibt es nicht. Die versprochene Sicherheit stellt sich als Scheinsicherheit heraus. Denn die heute angebotenen vorgeburtlichen Tests können nur zirca füng Prozent aller möglichen Schädigungen aufdecken. Selbst wenn man eines Tages so weit wäre, daß alle genetischen Dispositionen für Krankheiten zu entdecken wären, würden wir noch lange keine Welt ohne Behinderung haben. Drei Prozent aller Neugeborenen kommen mit Fehlbildungen auf die Welt. Davon sind lediglich ein Prozent genetisch bedingt, zwei Prozent entstehen während der Schwangerschaft oder im Verlauf der Geburt und über 90 Prozent aller Behinderungen entstehen im späteren Leben durch Arbeits- und Verkehrsunfälle. Vergessen werden sollte auch nicht die Tatsache, daß die Methoden der künstlichen Befruchtung die Gefahren einer Frühgeburt bis um ein Fünffaches erhöhen, was wiederum vielfältigste Behinderungen nach sich ziehen kann. Die Mehrlingsrate bei IVF (Befruchtung im Reagenzglas) beträgt 40 Prozent, davon kommen 75 Prozent zu früh zur Welt. Diese Frühchen wiederum tragen aufgrund der intensiven medizinischen Behandlung, die ihr Leben retten soll, oft lebenslange schwerste Behinderungen davon."


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