Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung
Als Antwort auf: Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung von ein weiterer Andreas am 07. Februar 2005 13:04:48:
Sie haben über die letzten 10 bis 20 Jahre allmählich die Meinungsführerschaft errungen. Folge davon ist ein gesamtgesellschaftliches Klima, aus dem heraus die Werbung fast zwangsläufig männerfeindlich werden muß, da sie sich ja als solche immer den neuesten Trends gerne anpaßt.
Eine andere Folge ist das Meinungsklima an den Schulen, das Jungens immer mehr benachteiligt. Frau Lehrerin (an den Grundschulen gibt es ja fast nur Frauen als Lehrer) ist mehr oder weniger bewußt gegen das andere Geschlecht voreingenommen und läßt es an den Jungens aus. Ich, als Vater zweier Töchter habe das lange nicht direkt mitbekommen. Erst als ich mich trennte und meine neue Lebensgefährtin als Mutter zweier Söhne aus dem Schulalltag berichtete, wurde es mir evident.
Das würde mich mal interessieren, wenn Du da mal drüber berichten könntest. Einen interessanten Text von der Mutter eines Jungen habe ich gleich mal rangehängt:
Von Marie Kollwitz
"Du Ärmste!" Diese Ansprache hört meine Freundin Ella häufig. Ella hat vier Söhne.
Wären Simon, 19, Jakob, 16, Jonas, 11, David 5, vor 30 Jahren geboren worden, hätte alle Welt Ella beneidet. Jungen symoblisierten einst den Fortbestand des Familiennamens und des Familiengeschlechts. Tempi passati. Wird heute ein Junge geboren, fragen sich seine Eltern bang:" Was wird wohl aus ihm werden?"
Jungen gelten als die "Sorgenkinder unserer Gesellschaft", beziehungs- und sprachgestört, gewaltbereit, alkohol- und drogengefährdet.
Bei der Geburt sind sie zwar grösser und schwerer, aber viel empfindlicher und krankheitsanfälliger als Mädchen.
In den ersten sieben Jahren ist ihr Risiko zu sterben mehr als 22 Prozent höher als bei Mädchen, das einer geistigen Störung 43 Prozent und die Anfälligkeit für Asthma sogar um 64 Prozent höher.
Von Autismus und anderen Entwicklungsstörungen, die eine späte Einschulung oder Förderunterricht nötig machen, sind Jungen viermal so oft betroffen wie Mädchen.
Doppelt so viele Jungen wie Mädchen sind Bettnässer.
Auf Stress, ob durch Schulbeginn, Scheidung, Geburt eines Geschwisters oder schlechte Noten, reagieren Jungen weitaus empfindlicher als Mädchen.
ADHS wird bei Jungen drei- bis fünfmal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Mehr Jungen erkranken bereits in der Grundschule an Depressionen, und mit 15 ist ihr Risiko, durch Krankheit, Unfall, Gewalt oder Selbstmord zu sterben, dreimal so hoch wie bei gleichaltrigen Mädchen.
Das starke Geschlecht sind die Mädchen.
Sie sind sozial kompetenter, sie sind kommunikativer und kooperativer, belastbarer und gesünder. Sie sind die begabteren Lerner, egal ob es ums Laufen geht oder ums Sprechen, Schreiben, Lesen.
Schon im Kindergarten sind sie um Nasenlängen voraus - ein Vorsprung, der bis zum Ende der Schulzeit nicht eingeholt wird. 55 Prozent eines Abiturjahrganges sind weiblich. Die Jungen stellen hingegen den Großteil der Förderschüler und Schulabbrecher.
Als Hauptursache all dieser Risiken, die Jungen das Leben schwer machen, gelten neuerdings Gene, Hormone und die spätere Gehirnreife.
Doch Experten betonen, dass vor allem der Umgang der erwachsenen Bezugspersonen mit Jungen entscheidend ist. Problematische Entwicklungen werden durch die Erwartung, Jungen müssten hart und stark sein, wenn nicht ausgelöst, so doch zumindest befördert.
Ein Mangel an Zuwendung, darin sind sich alle Experten einig, wirkt sich bei Jungen weitaus ungünstiger aus als bei Mädchen. Und zwar sowohl auf ihre intellektuelle als auch auf ihre soziale und persönliche Entwicklung, auf ihre Gesundheit und sogar auf ihre Lebenserwartung.
Schlagen, Drohen, harsche Befehle, ein ruppiger Umgangston bekommen ihnen gar nicht. Sie werden aggressiv und ängstlich.
Auf gewalttätige Filme und Computerspiele reagieren Jungen besonders empfindlich. Sogar ihr Immunsystem leidet.
Trennungen, Alleinsein und Fremdbetreuung verkraften sie schlecht.
Wenn sie Stress, Kummer, Schmerzen haben und sich aufregen, sind sie nur schwer zu beruhigen und zu trösten.
Mein Sohn Leo, 12, wird unweigerlich krank, wenn ich länger als zwei Tage auf Dienstreise bin. Bekommt er Verstimmungen zwischen seinem Vater und mir mit, wird ihm übel. Jungen sind sensibler als Mädchen.
Dennoch gehen viele Erwachsene mit ihnen ziemlich burschikos, oft sogar ruppig, um. Im Zeitalter der Pränatalmedizin sogar schon, bevor sie das Licht der Welt erblicken.
Mütter, Väter und andere Familienmitglieder, sprechen öfter zu ihren weiblichen Ungeborenen, verwenden mehr Kosenamen und Ammensprache. Bei männlichen Ungeborenen ist die Kommunikation dagegen oft minimalistisch: "He, Grosser, wie gehts?"
In diesem Ton gehts weiter: "Alter, komm wieder auf die Beine!", raunzte Leos Fussballtrainer ihn einmal an. Da war er sechs und hatte sich eine Sehne angerissen.
Ein gleichaltriges Mädchen hätte der Trainer sicher in den
Arm genommen und getröstet.
Viele Erwachsene reden sich ein, dass Jungen nicht so viel Zuwendung brauchen. Ob im Bus, im Supermarkt, beim Arzt oder in der Schulde, Mädchen begegnet man deutlich rücksichtsvoller, nachsichtiger und freundlicher.
Mädchen dürfen sicher sein, dass ihnen die Sympathien zufliegen. Besonders, wenn sie mit einem Jungen im Clinch liegen. Geht der Knabe weinend zu Boden, gilt dem Mädchen, nicht ihm, die besorgte Anteilnahme der Pausenaufsicht.
Übertrieben? Vielleicht.
Doch ganz falsch kann dieser Eindruck nicht sein. In mehreren Untersuchungen an amerikanischen und deutschen Grundschulen wurde festgestellt, dass Mädchen häufiger gelobt werden und mehr positive Aufmerksamkeit bekommen. Man geht auch ehr auf ihre Fragen und Gesprächs- und Spielvorschläge ein.
In einer anderen Studie wurden Erzieher und Therapeuten nach typisch männlichen Eigenschaften befragt. Es fielen ihnen fast nur negative Attribute ein.
"Jungen", sagt meine Freundin Ella, "sind nur dann akzeptiert, wenn sie sich wie Mädchen benhemen."
Das kann ich nur bestätigen. So hatte ich einmal einen Termin in der Krabbelgruppe. Man wollte mit mir reden - über Leo. Ich wunderte mich. Denn meine zwei grossen Töchter, wahrlich keine Engel, hatten die gleiche Krabbelgruppe besucht - ohne Probleme. Was war also passiert? Leo hatte einem kleinen Mädchen beim Pipimachen zugeschaut. Wenig später wollte er nicht in der Puppenecke, sondern lieber mit Stöcken spielen. In den Augen der Erzieherin ein höchst problematisches Verhalten. Meinem kanpp 24 Monate alten Windelpaket wurden Macho-Gebaren und Sexismus unterstellt.
Je älter Leo wurde, desto häufiger sah ich mich mit höchst kritischem und überwiegend weiblichen Betreuungspersonal konfrontiert.
Mit Erzieherinnen, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatten, die kleinen Verteterinnen ihres Geschlechts für 5000 Jahre Unterdrückung zu entschädigen.
Flankiert wurden sie von Mädchen-Müttern, die mit Argusaugen darüber wachten, ob unsereiner, die Jungen-Mütter, auch wirklich alle als typisch männlich geltenden Verhaltensweisen im Keim ersticken. Selbst Harmlosigkeiten, wie Leos Begeisterung für Spielzeugautos, waren suspekt. Mehr noch seine Vorliebe für Kämpfe und Raufereien, für temperamentvolle Spiele und Wasserpistolen.
Ständig sehe ich mich gezwungen, Leo zu verteidigen.
Nein, er ist nicht auf dem besten Wege, ein gemeingefährlicher Krimineller zu werden, weil er vor der Schule einen "Schweizer Kracher" explodieren lässt. Nein, er und sein Freund Andreas sind nicht sexuell desorientiert. Sie hatten in einer Jugendherberge aus dem Mädchenzimmer einen BH geklaut und aus dem Fenster baumeln lassen.
Hilflos sage ich bei solchen Gelegenheiten: "Leo ist ein Junge!"
"Eben", erwidert man mit düsterer Stimme.
Protestiert Leo, der von Natur aus viel gutmütiger ist als seine Schwestern, ausnahmsweise, wenn er den Abwasch machen soll, heisst es von zufällig anwesenden Freunden: "Das ist ja ein richtiger kleiner Macho."
Ich kann mich nicht erinnern, solche Bemerkungen über Leos Schwestern gehört zu haben. Im Gegentel. Ihr Talent für jedweden Unfug, ihr überschäumendes Temperament, ihre Dominanz, mit der sie ihre Interessen durchsetzen, werden allenthalben gelobt: "Tolle Mädchen! Die lassen sich aber nichts gefallen!"
Mich wundert nicht, wenn Jungen manchmal den Eindruck haben, sie gehörten zu schlechteren Hälfte der Menschheit und sich dementsprechend aufführen.
Ja, Jungen sind schwierig. Ich fürchte Leos Männlichkeitsattacken, das grossspurige Renommiergehabe, das er sich zugelegt hat, die verstockte Einsilbigkeit, seine Tolpatschigkeit.
Erzieherisch sind Jungen eine grössere Herausforderung als Mädchen. Leo gegenüber verhalten sich sein Vater und ich oft ambivalent. Wir sind hin- und hergerissen zwischen der Befürchtung, er könnte sich zu viel oder zu wenig mit seinem eigenen Geschlecht identifizieren.
Natürlich wollen die meisten Eltern ihre Söhne nicht zu coolen Typen oder dominanten Rambos heranziehen. Andererseits haben nicht nur Väter damit Probleme, wenn ihr Sohn allzu weiche Verhaltensweisen zeigt, scheu und unsicher ist, leicht weint und lieber Aquarelle malt und Gedichte schreibt, als auf dem Bolzplatz zu toben.
Bei meinen Töchtern hat es mir nichts ausgemacht, männliche Seiten zu fördern. Ich habe ihnen Latzhosen und Rüschenkleider angezogen, Turnschuhe und Sandalen mit rosa Schleifen. Sie durften Hockey und mit Barbies spielen, sie mögen Fussball und Flöte, PC-Spiele und ihren Strickrahmen. Leos Schwestern durften viele Seiten ausleben, eine vielseitige Persönlichkeit entwickeln.
Das sollen wir unseren Söhnen auch ermöglichen. Hormone und Gene führen nicht in ein unentrinnbares Schicksal. Falls wir uns später nicht fragen wollen: "Was ist bloss mit diesen Kerlen los?" müssen wir versuchen, unseren Söhnen nah zu sein. Wie unseren Töchtern.
Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir uns aus ihrem Leben heraushalten, sie von uns trennen müssen, damit sie hart und unabhängig werden.
Jungen bekommt es ausgezeichnet, wenn sie Qualitäten entwickeln, die als weiblich gelten: Fürsorge, Nachsicht, Zärtlichkeit, Sensibilität, die Fähigkeit, emotional und mental präsent zu sein, das Talent zu Freundschaft, den Mut, Verletzlichkeit zu zeigen und Hilfe zu suchen.
Auf dieser Basis werden sie Konflikte mit Humor lösen, entspannt mit Frauen umgehen und Gefühle wie Sympathie, Dankbarkeit und Traurigkeit ausdrücken können. Sie werden in dieser Welt ihren Platz finden und Kraft und Entschlossenheit an den Tag legen, wenn es angebracht ist. Sie werden es nicht nötig haben, ihre Männlichkeit in Form von Dominanz und finanziellem Erfolg zu beweisen.
Jeder, der mit Erziehung zu tun hat, kann erdrückend, dominant, aufdringlich und übermässig kontrollierend sein. Aber niemals kann man seinen Sohn zu sehr lieben.
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Max,
07.02.2005, 12:48
- Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung -
Eugen Prinz,
07.02.2005, 13:39
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MisterG,
07.02.2005, 14:46
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Eugen Prinz,
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- Reitbild -
Rüdiger,
07.02.2005, 18:08
- Re: Reitbild - Joker, 08.02.2005, 01:42
- Reitbild -
Rüdiger,
07.02.2005, 18:08
- Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung -
Eugen Prinz,
07.02.2005, 15:27
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ein weiterer Andreas,
07.02.2005, 15:04
- Re: Antimaterie Mann ... - Zustimmung in jedem Punkt (n/t) - Eugen Prinz, 07.02.2005, 15:18
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- Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung - Sven74, 09.02.2005, 13:32
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- Re: Antimaterie Mann - Männlichkeit in der Werbung - Andreas, 08.02.2005, 18:28
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