Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes
Als Antwort auf: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes von T.Lentze am 29. Dezember 2004 15:37:36:
Hallo Thomas!
Ich bin kein Freund solcher philosophischen Theorien, und von Freuds Theorie mit Ödipus-Komplex und Vatermord-Fantasien halte ich auch nichts.
Überhaupt glaube ich nicht, daß irgendwelche Religionen den Mutterkult verursacht haben. Wenn man sich die Geschichte nämlich genau ansieht, stellt man schnell fest, daß dieser Mutterkult immer und überall gepflegt worden ist. Es wurde nicht immer und überall soviel Aufwand dabei betrieben, aber das lag dann nicht etwa daran, daß man Müttern weniger Wert beimaß, sondern schlicht und einfach daran, daß man nicht so viel zum Aufwenden hatte (oder hat) wie wir heutzutage in Deutschland.
Wenn manche Religionen (wie beispielsweise die katholische mit dem Marien-Kult) Müttern einen höheren Stellenwert zuschreiben, dann ist das nicht die Ursache, sondern nur eine weitere Auswirkung dieses uralten Mutterkultes.
Ein so weit verbreiteter Kult konnte sich nicht völlig grundlos herausbilden. Um das zu verstehen, muß man sich in die Verhältnisse, unter denen die Menschen noch bis vor wenigen Jahrtausenden lebten, hinein versetzen. Heute gibt es Technologien, die es uns erlauben, auf relativ kleinen Flächen und unter Einsatz von wenigen oder gar keinen menschlichen Arbeitskräften Nahrungsmittel und diverse Güter zu produzieren. Das erscheint uns heute so selbstverständlich, daß wir uns gar nicht mehr vorstellen können, wie es war, als die Menschen noch von dem leben mußten, was sie in der Natur vorfanden. Als es noch keine hochgezüchteten Nutzpflanzen und Haustierrassen gab, als man verderbliche Güter nur in Erdlöchern mit Eisblöcken gekühlt lagern konnte und als man nicht so einfach alles im nächsten Supermarkt kaufen konnte.
Da die damaligen Produktionsmethoden im Vergleich zu heute sehr ineffektiv waren, benötigte man zum einen weitaus mehr Land, zum anderen aber auch weitaus mehr Arbeitskräfte. Mehr Land bedeutete dann aber auch wiederum, daß man auch noch mehr Krieger brauchte, um dieses Land zu verteidigen. Denn da andere Menschen genauso ineffektiv produzierten, waren sie oft bestrebt, ihre Gebiete auf Kosten ihrer Nachbarn zu vergrößern.
Um unter diesen Bedingungen zu überleben, brauchte man Nachkommen en masse. Diese Notwendigkeit erhöhte sich noch dadurch, daß die medizinische Versorgung ebenfalls weit schlechter war als heute. Wer heute zwei Kinder in die Welt setzt, kann ziemlich sicher sein, daß die beide das Erwachsenen-Alter erreichen werden. Früher konnte man froh sein, wenn die Hälfte der Kinder die Kindheit überlebte. Und nicht nur das: Es kam weitaus häufiger als heute vor, daß Mütter bei der Geburt starben, oft mitsamt den ungeborenen Kindern. Und die Menschen wurden ja überhaupt nicht so alt wie heute. Heute kommt es zuweilen vor, daß Frauen über 40 oder gar über 50 noch Kinder gebähren. Früher waren die meisten Menschen mit 40 schon längst tot. Um diese Verluste auszugleichen, brauchte man also noch mehr Nachkommen.
So mußten sich zwangsläufig Sitten herausbilden, die der Aufzucht der Nachkommen möglichst förderlich waren.
Frauen sind in der Endphase der Schwangerschaft körperlich weitaus weniger leistungsfähig. Auch in der Zeit nach der Geburt waren sie durch die Kinder behindert. Denn sie mußten sie regelmäßig stillen. Heute ist das kein Muß mehr, aber früher gab es keine künstliche Kindernahrung, und so war ein Neugeborenes ohne Muttermilch tatsächlich zum Hungertod verurteilt.
Um Frauen also häufige Schwangerschaften zu ermöglichen, mußten die Männer ihnen möglichst viel Arbeit abnehmen, also vor allem die Versorgung mit Lebensmitteln und den Schutz der Frauen und Kinder vor Raubtieren und menschlichen Feinden sicher stellen. Nur so war es den Frauen möglich, die nötige Anzahl von Kindern zu gebähren, und nur so konnte die Menschheit trotz der damals widrigen Umstände weiter wachsen.
Und so bildete sich der Mutterkult heraus. Die Mutter galt als Lebensspenderin und als schutzwürdig. Der Vater dagegen galt als austauschbar. Weil er es tatsächlich war. Es ist ja bekanntlich so, daß viele Frauen von wenigen Männern schwanger werden können, während umgekehrt wenige Frauen auch bei sexuellen Kontakten zu vielen Männern nicht mehr Kinder gebähren können. Das bedeutete, daß der Fortbestand der Art durch Dezimierung der Anzahl der Männer nicht direkt gefährdet war, durch Dezimierung der Anzahl der Frauen aber sehr wohl.
Und so kam es eben, daß alle gefährlichen, ungesunden und sonstwie unangenehmen Tätigkeiten Männersache wurden. Bis auf Schwangerschaft und Geburt, denn das konnten die Männer den Frauen nun einmal nicht abnehmen.
Die Bevorzugung von Frauen ist keine Erfindung der Neuzeit. Wen das Thema interessiert, dem sei das Buch "Das bevorzugte Geschlecht" von Martin van Creveld empfohlen. Schon immer wurden für Frauen und ganz besonders für Mütter diverse Extra-Würste gebraten. Schon im Mittelalter gab es teilweise kirchliche Heime für Mütter von unehelichen Kindern. Die Nazis gründeten eigens für diesen Zweck den "Lebensborn". Im Mittelalter hatte die Mutter eines unehelichen Kindes üblicherweise ein Jahr nach seiner Geburt jederzeit das Recht, das Kind einfach beim Vater abzuliefern. Man gab Frauen manchmal Handelsprivilegien, um ihren ein Einkommen zu sichern, und größere Spenden reicher Leute kamen oft überwiegend oder ausschließlich Frauen zugute. Ganz selbstverständlich bekam ein Mann all diese Unterstützung niemals, auch nicht, wenn er 20 Kinder allein groß ziehen mußte. Auch der Brauch, in islamischen Ländern die Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen zu erlauben, wurde keineswegs den Männern zuliebe eingeführt. Es ging darum, möglichst allen Frauen einen Ernährer zu verschaffen, auch wenn es beispielsweise durch Krieg zu wenig Männer gab.
Alles drehte sich also letztendlich um die Frau und ganz besonders um die Mutter.
Das hatte in der Jäger- und Sammler-Zeit auch durchaus seine Berechtigung. Damals war das Leben eben hart, und Frauen brauchten diese männliche Unterstützung.
Je weiter sich die Technologie aber entwickelte, umso mehr überholte sich dieser Mutterkult.
Was sich aber in hunderttausenden Jahren herausgebildet hat, verschwindet nicht wieder in ein paar Jahrhunderten. Die Frauen fordern die männliche Unterstützung nach wie vor ein, und die Männer sind auch nach wie vor bereit, Frauen alle unangenehmen Tätigkeiten abzunehmen.
Solange die Frauen noch gut mit Schwangerschaften, Geburten und Kindererziehung beschäftigt waren, hatte das immerhin noch eine gewisse Berechtigung. Heute haben die Frauen durch die modernen Verhütungsmittel aber die Möglichkeit, sich auch noch dieser Unannehmlichkeiten weitgehend oder sogar völlig zu entledigen - und trotzdem von den Männern weiterhin wie eh und je Hilfe einzufordern.
Ich glaube noch nicht einmal, daß das Christentum darauf sehr viel Einfluß hatte. Zwar hat das Christentum es geschafft, ein Idealbild der monogamen Partnerschaft in der Gesellschaft zu etablieren. Da dieses Ideal aber nicht wirklich der menschlichen Natur entspricht, ist es nie gelungen, es 100%ig durchzusetzen. Noch im 19. Jahrhundert gab es vor allem in ländlichen Gebieten massenweise uneheliche Kinder. Die heile Familienwelt, die manche Leute sich vorstellen, wenn sie an die Zeit vor 100 Jahren denken, hat es auch damals gar nicht so häufig gegeben.
Die 68er Bewegung hat natürlich dazu beigetragen, dieses Idealbild der christlichen Familie weiter zu demontieren. Aber hauptsächlich ist es einfach die menschliche Natur, die dieses Idealbild auf Dauer nun einmal nicht akzeptiert. Da standen die christlichen Kirchen ohnehin auf verlorenem Posten.
Freundliche Grüße
von Garfield
gesamter Thread:
- Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
T.Lentze,
29.12.2004, 17:37
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
Garfield,
29.12.2004, 20:05
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
T.Lentze,
29.12.2004, 22:39
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes - Garfield, 30.12.2004, 19:40
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
T.Lentze,
29.12.2004, 22:39
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes - susu, 30.12.2004, 00:52
- OT: Freud, Jung und Sophokles -
Daddeldu,
02.01.2005, 17:06
- Re: OT: Freud, Jung und Sophokles - T.Lentze, 02.01.2005, 19:13
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
Garfield,
29.12.2004, 20:05