Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes
VB: Ich kürze meinen Vornamen der Prägnanz halber künftig ab, da, wie schon Arne in gegebenem Zusammenhang feststellte, es hier mehre "Thomasse" gibt (so wie es mehre "Andreasse" usw. gibt).
Im Folgenden handelt es sich um theologische Erwägungen. Ich weiß, daß Einige das für deplaziert halten. Ich will aber heraustellen, daß sich selbst im Weg steht, wer so urteilt.
Bekannt ist die psychoanalytische Deutung des Ödipusmythos durch S.Freud. Demnach haben wir es in diesem antiken Mythos mit einer Projektion frühkindlicher, allgemeingültiger Erlebnisse zu tun: während einer bestimmten Entwicklungsphase entwickeln Jungen Fantasien des Inzestes mit der Mutter und der Tötung des Vaters. Diesen empfinden sie konsequenterweise als Rivalen. - Diese Deutung ist sehr populär, jedoch auch - mit guten Gründen - in Zweifel gezogen worden.
Weniger bekannt (außer natürlich z.B. bei Waldorfpädagogen) ist die Deutung von Rudolf Steiner. Demnach spiegelt der Ödipusmythos keineswegs einen frühkindlich-individuellen, sondern einen kulturgeschichtlichen Vorgang wider, den wir heute in voller Ausprägung vor uns haben: Materialismus und Geistfeindlichkeit. Indem der Mensch in unangemessenem (!) Maße materialistisch wird, treibt er Unzucht mit der Materie resp. der Mutter (mit der Folge von kulturellen Mißgeburten); und gleichzeitig mit der Leugnung oder Degradierung des Geistes (resp. des Vaters) blendet er sich, kastriert er sich geistig selber.
Nun ist bemerkenswert: Der Autor der ersten Deutung (S.Freud) war Jude - man könnte diskutieren, in welchem Grade von Bewußtheit -; der Autor der an zweiter Stelle genannten Deutung (S.Steiner)war zeitlebens Katholik und, ab einem bestimmten Alter, ein sich nachdrücklich zum Christus-Erleben Bekennender. - Beide schufen - etwa gleichzeitig - universale Weltbilder und einflußreiche geistige Bewegungen, wobei der Zweite es - wohl in bewußtem Antagonismus zu Freud - fast völlig vermied, über Sexualität zu sprechen.
Weiterhin ist bemerkenswert, daß Steiner eine äußerst differenzierte Christologie entwickelte, und dies aufgrund von - wie er sagte - eigener geistiger Anschauung. In diesem Zusammenhang meinte er, daß innerhalb des christlichen Glaubens bisher immer noch zu sehr das jüdische Element im Vordergrund stehe. - Ganz offensichtlich trifft dies zumindest für den Prostestantismus zu.
Mir fällt auf, daß immer wieder von "jüdisch-christlicher" Tradition die Rede ist. Dabei besteht zwischen Judentum und Christentum bzw. zwischen Protestantismus und einem originär verstandenem Christentum m.E. ein deutlicher Antagonismus, der hoffentlich auch immer mehr erkannt werden wird. Ich sehe die Notwendigkeit einer solchen Erkenntnis, da so Mancher, der hier oder andernorts gegen einen sich christlich bekennenden Schreiber polemisiert, vermutlich keine klare Vorstellung hat von dem Gegenstand seiner Polemik und von seinem eigenen inneren Verhältnis hierzu.
Das jüdisch bzw. protestantisch akzentuierte Christentum ist insbesondere der Hintergrund für rassistische Einstellungen - siehe die USA -, aber auch für sexistische Entwicklungen - siehe den kürzlich hier erschienenen Beitrag betreffend die evangelische Kirche. Für den Katholizismus läßt sich das nicht in dem Maße behaupten (noch weniger übrigens für den Islam). Die Vertreter der Frankfurter Schule, welche die Zerstörung der Familie und den heutigen (atavistischen) Mutterkult einleiteten, waren großenteils Juden (z.B. Horkheimer). Sie sympathisierten auch mit Freud, dessen inzestuöse Ausdeutung des Ödipusmythos die in diesem Mythos versinnbildlichte Wahrheit verschleiert: daß nämlich Mütter-Idealisierung und Väter-Degradierung korreliert mit geistig-moralischer Blindheit und einem multidimensionalem Desaster, zu welchem die gegenwärtige Naturkatastrophe zur Weihnachtszeit wie eine Illustration erscheint.
Wer sich als Christ betrachtet, kann, so meine ich, beide Ereignisse in einem sinnvollen Zusammenhang erschauen: das behütete Kind in der Krippe einerseits; und der gleichzeitig von Herodes angeordnete zigtausendfache Kindermord anderseits. Die Katastrophe ist verkraftbar, wenn das, was auf Zukunft angelegt ist, als solches ernstgenommen wird. Wir müssen dieses Zukünftige, Friedensstiftende dann aber befreien von unzeitgemäßen Elementen.
Ich hoffe, daß ich mich für zumindest für einige Leser hier verständlich gemacht habe. Die anderen mögen dies abhaken und das Mutterkult-Problem in der von ihnen gewohnten Weise beleuchten, wofür ich ihnen meinerseits dankbar bin.
gesamter Thread:
- Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
T.Lentze,
29.12.2004, 17:37
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
Garfield,
29.12.2004, 20:05
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
T.Lentze,
29.12.2004, 22:39
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes - Garfield, 30.12.2004, 19:40
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
T.Lentze,
29.12.2004, 22:39
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes - susu, 30.12.2004, 00:52
- OT: Freud, Jung und Sophokles -
Daddeldu,
02.01.2005, 17:06
- Re: OT: Freud, Jung und Sophokles - T.Lentze, 02.01.2005, 19:13
- Re: Wurzeln unseres staatlich-rechtlichen Mutterkultes -
Garfield,
29.12.2004, 20:05