Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis
Als Antwort auf: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis von ein weiterer Andreas am 28. November 2004 20:56:20:
Hallo Andreas!
Die von dir vorgetragene Theorie klingt auf den ersten Blick plausibel, denkt man jedoch weiter, dann paßt das alles vorn und hinten nicht.
Ich greife mir mal die Problematik mit der zunehmenden Kinderlosigkeit heraus: Du hast geschrieben, daß es den Frauen darum gehen würde, das für sie im Mittelalter geschaffene Rollenbild aufzulösen um so vor allem die lästigen Kinder los zu werden.
Das Rollenbild der kinderversorgenden Hausfrau wurde aber erst im 19./20. Jahrhundert etabliert. Vorher ging es den allermeisten Menschen nämlich so schlecht, daß ein Mann es üblicherweise überhaupt nicht schaffte, Frau und Kinder allein zu ernähren. Die Frauen mußten also auch durch Erwerbsarbeit zum Lebensunterhalt beitragen. Das war noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Arbeiter-Familien nötig, und bei kleinen Bauern sowieso.
Auch im Mittelalter waren auch Frauen erwerbstätig. Sie arbeiteten sogar auf dem Bau und im Bergbau, wo sie allerdings die einfacheren und weniger gefährlichen Tätigkeiten ausübten. Es gab im Mittelalter sogar Zünfte, die grundsätzlich nur Frauen aufnahmen, vor allem in Bereichen, wo hohe Geschicklichkeit der Hände gefragt war - darin sind Frauen Männern gegenüber im Durchschnitt nämlich tatsächlich überlegen.
Wenn heute immer wieder behauptet wird, daß Frauen jahrhunderte- oder sogar jahrtausendelang vom Erwerbsleben ausgeschlossen gewesen wären, dann ist das nur ein feministisches Märchen.
Es war zwar in früheren Jahrhunderten so, daß uneheliche Kinder und überhaupt uneheliches Zusammenleben von den christlichen Kirchen abgelehnt wurde. Das traf jedoch vor allem Menschen der "höheren" Schichten. Die hatten nämlich durch gesellschaftliche Ächtung viel zu verlieren. In Städten war das teilweise auch für die Mittelschicht ein Problem. Im ländlichen Bereich, wo lange Zeit die Masse der Bevölkerung lebte, interessierte das jedoch kaum jemanden. Ganz im Gegenteil: Bei der Feldarbeit wurde jede Hand benötigt, und da störte es nicht, wenn diese Hand zu einem unehelich geborenen Menschen gehörte. So waren noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts in großen Teilen Österreichs weit mehr als die Hälfte der dort geborenen Kinder unehelich.
Das Ideal der christlichen Familie ist dann auch erst im 19./20. Jahrhundert allgemein etabliert worden. Im Mittelalter war es durchaus üblich, daß im einfachen Volk Paare ohne Trauschein zusammen lebten. Mütter von unehelichen Kindern hatten das Recht, diese Kinder ein Jahr nach der Geburt, wenn sie nicht mehr gestillt werden mußten, einfach bei den Vätern abzuliefern. So konnten sie auch ganz ohne "Emanzipation" sämtliche Verantwortung für die Kinder auf die Väter abwälzen.
Für die Mütter, die die Kinder nicht weggeben wollten (oder vielleicht den Wohnort des Vaters nicht kannten) gab es auch in früheren Zeiten schon Hilfseinrichtungen. Die wurden meist von der Kirche eingerichtet. So gab es in Italien beispielsweise Heime für Mütter mit unehelichen Kindern.
Ich denke, ein ganz wesentlicher Faktor für den Geburtenrückgang war die Pille zur Empfängnisverhütung. In allen Ländern wurde bei Einführung dieser Pille ein Geburtenrückgang verzeichnet, soviel ich weiß. Jedenfalls dann, wenn diese Pillen auch in großer Stückzahl gekauft wurden.
Das Streben nach Empfängnisverhütung ist auch keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Im Mittelalter versuchten Frauen dasselbe mit irgendwelchen Tränken, die üblicherweise wirkungslos blieben. Und wenn sie dann eine ungewollte Schwangerschaft feststellten, half eben die "Engelmacherin". Wenn eine Frau dieses Risiko nicht eingehen wollte, dann landete das Kind eben schnell im Waisenhaus oder auf der Straße. War das etwa besser?
Es gibt darüber hinaus aber tatsächlich die Tendenz, daß Menschen, denen es gut geht, weniger Kinder zeugen. Ich denke, das resultiert aus uralten Instinkten.
Die Menschen und ihre Vorfahren lebten über Millionen von Jahren hinweg als Jäger und Sammler. Es gab keine ertragreichen Nutzpflanzen, und auch die heutigen Haustiere waren noch nicht gezüchtet. Man lebte von dem, was man in der Natur vorfand, und das war leider sehr begrenzt.
Eine Gruppe von Menschen benötigte also ein weit größeres Gebiet als heute zur Nahrungsbeschaffung. Deshalb lebten ja auch viele Indianerstämme, vor allem wenn sie sich überwiegend durch die Jagd ernährten, zum einen in kleine Grüppchen verstreut, und zum anderen wechselten sie oft von einem Sommer- in ein Winter-Revier. Um ein Jagdgebiet nicht zu überlasten.
Um ein Jagdgebiet richtig zu nutzen, benötigte man zum einen Jäger und Sammler, zum anderen aber auch Krieger zur Verteidigung, denn gute Jagdgebiete waren begehrt und entsprechend heiß umkämpft.
Wenn es nun einer Gruppe von Menschen schlecht ging, lag das üblicherweise daran, daß es zu wenig Jäger und Sammler gab oder aber zu wenig Krieger, um ein neues Jagdgebiet zu erobern. Dieses Problem ließ sich nur entweder durch eine Erhöhung der Geburtenzahl oder durch Zuwanderung lösen.
So erscheint es mir durchaus logisch, daß die Menschen in solchen Situationen automatisch fruchtbarer und daß sie auch Fremden gegenüber sowohl bewußt als auch unbewußt gastfreundlicher wurden.
Wenn es einer Gruppe von Menschen nun aber gut ging, dann lag das üblicherweise daran, daß sie genügend Jäger und Sammler hatte und auch genügend Krieger, um das Revier zu verteidigen. Wenn sich nun die Bevölkerungszahl schnell erhöhte, wurde das Revier überlastet. Das hatte dann zur Folge, daß es allen schlechter ging. Man konnte dann zwar den Menschenüberschuß zur Erweiterung des Reviers in den Krieg schicken - dadurch ging es den Menschen dann aber kaum besser, sondern bestenfalls konnte man so den bestehenden Wohlstand erhalten. Erst später, als man intensiv Bergbau betrieb und z.B. Gegenstände aus Bronze und später aus Eisen herstellte, konnte man durch einen Krieg wirklich Plus machen, indem man wertvolle Rohstoff-Lagerstätten oder auch Personen mit besonders wertvollen Kenntnisse erbeutete, die man vorher nicht besaß. In der langen Steinzeit jedoch nutzten alle Menschen nahezu dieselben Ressourcen, und man konnte durch einen Krieg von einer Ressource nur noch mehr bekommen. Das machte natürlich Sinn, wenn man viele Menschen zu ernähren hatte. Es war aber auch ein Risiko, denn wenn man sich mit sämtlichen Nachbarn verfeindete, konnte man irgendwann einer erdrückenden Übermacht gegenüber stehen.
Deshalb könnten sich durchaus Mechanismen herausgebildet haben, die dafür sorgen, daß Menschen, denen es gut geht, weniger fruchtbar werden. Und daß sie sowohl bewußt als auch unbewußt mitrauischer gegenüber Fremden sind. Sie konnten in früheren Zeiten eben durch Fremde nur verlieren, aber kaum etwas gewinnen.
Und diese Mechanismen wirken eben noch bis heute nach, zumal sie heute teilweise auch noch ihre Berechtigung finden. Wenn man sich beispielsweise ansieht, wie chancenlos viele Jugendliche heute bei Bewerbungen dastehen, dann fragt man sich doch, wie es eigenen Kindern wohl ergehen würde. Man möchte den Kindern ja auch ein gutes Umfeld schaffen, und wenn das immer schwieriger wird, dann neigt man eben eher dazu, auf Kinder zu verzichten. So werden diese uralten Mechanismen dann durch rationale Überlegungen noch verstärkt.
Dieses Problem geht auch keineswegs nur von den Frauen aus. Wenn es erst einmal Verhütungsmittel für Männer gibt, die in Anwendung, Wirksamkeit und Nebenwirkungen mit denen für Frauen vergleichbar sind, dann werden wir wieder einen deutlichen Rückgang der Geburtenzahlen feststellen. Jetzt sieht das nämlich häufig so aus:
Mann mit Kinderwunsch + Frau mit Kinderwunsch = Kinder
Mann ohne Kinderwunsch + Frau mit Kinderwunsch = Kinder
Mann mit Kinderwunsch + Frau ohne Kinderwunsch = keine Kinder
Mann ohne Kinderwunsch + Frau ohne Kinderwunsch = keine Kinder
Früher war das mangels wirkungsvoller Verhütungsmittel so:
Mann mit Kinderwunsch + Frau mit Kinderwunsch = Kinder
Mann ohne Kinderwunsch + Frau mit Kinderwunsch = Kinder
Mann mit Kinderwunsch + Frau ohne Kinderwunsch = Kinder
Mann ohne Kinderwunsch + Frau ohne Kinderwunsch = Kinder
In Zukunft wird es dann aber so aussehen:
Mann mit Kinderwunsch + Frau mit Kinderwunsch = Kinder
Mann ohne Kinderwunsch + Frau mit Kinderwunsch = keine Kinder
Mann mit Kinderwunsch + Frau ohne Kinderwunsch = keine Kinder
Mann ohne Kinderwunsch + Frau ohne Kinderwunsch = keine Kinder
Mit Dekadenz und ähnlichem hat das nichts zu tun, und mit unserem Lebensstandard nur insofern, als sich hier viele Menschen noch Verhütungsmittel leisten können.
Und zum Thema Religion:
Religion war in früheren Zeiten vor allem als Unterstützung der Justiz wichtig. Menschen sind eben nicht von Natur aus hilfreich, edel und gut. Deshalb stellte man Regeln für das Zusammenleben auf, aus denen schließlich Gesetze wurden. Das Problem bestand aber darin, daß es in früheren Zeiten häufig noch viel schwerer als heute war, Menschen, die diese Regeln bzw. Gesetze verletzt hatten, zu fassen. Überhaupt konnte und kann man viele Menschen nur unter Androhung von Strafen dazu bringen, sich an diese Regeln bzw. Gesetze zu halten. Wie soll man aber jemanden bestrafen, den man nicht hat und noch nicht einmal kennt? Und wie kann eine Strafe abschreckend wirken, wenn man die Gewissheit hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit unentdeckt und damit auch ungestraft davon zu kommen?
Da wirkte die Vorstellung von einem Gott, der alle Missetaten sieht und in einem höheren Gericht die Guten belohnt und die Bösen bestraft, wahre Wunder. So hatte fast jeder Mensch das Gefühl, ständig vom "Big Brother" überwacht zu werden und sich entsprechend anständig verhalten zu müssen.
Heutzutage hat sich das geändert. Heute könnte man theoretisch fast jede Straftat recht schnell aufklären - daß es praktisch nicht so einfach möglich ist, liegt mehr in den Budgets der Polizei begründet.
Auffällig ist, daß viele Menschen im Alter plötzlich religiös werden. Da zeigt sich eine zweite Funktion der Religion:
Wenn man jahrzehntelang mit einem Menschen zusammen gelebt hat und dieser Mensch dann stirbt, dann ist das eine einschneidende Veränderung. Man steht plötzlich allein, und die Gewißheit, daß man den verstorbenen Partner niemals wiedersieht, daß man selbst auch bald stirbt und daß dann nichts mehr kommt, ist äußerst deprimierend.
Für manche Menschen ist es eben sehr tröstend, in dieser Situation daran zu glauben, daß es ein Leben nach dem Tod gibt und daß man den verstorbenen Partner dort wieder sieht. Sie flüchten aus der brutalen Realität in die Religion, weil das für sie leichter ist.
Für Menschen, die Religion aus diesen Gründen brauchen, ist es gut, religiös zu sein. Es gibt aber auch Menschen, die Religion wirklich weder aus diesen noch aus anderen Gründen brauchen. Die sind deshalb nicht automatisch böse, und sie tragen deshalb auch nicht automatisch zum Untergang des Abendlandes bei.
Tatsächlich ist das, was diverse Gutmenschen hierzulande praktizieren, auch eine Art Religion. Sie legen sich Grundsätze zurecht, an die sie dann blind glauben. Jegliche Kritik daran wird als Frevel gebrandmarkt und abgelehnt. Exakt wie zu finstersten Zeiten der katholischen Kirche. Manche unserer Gutmenschen würden auch liebend gern wieder Ketzerverbrennungen einführen - wenn das heute nicht unter Strafe stünde...
Religion ist also mit Sicherheit nicht das Wundermittel für alle Probleme unserer Zeit.
Freundliche Grüße
von Garfield
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ein weiterer Andreas,
28.11.2004, 22:56
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Nick,
29.11.2004, 08:13
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- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - Nick, 29.11.2004, 16:22
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - michail, 29.11.2004, 18:56
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29.11.2004, 16:11
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29.11.2004, 15:30
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - michail, 29.11.2004, 18:07
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- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Andi,
29.11.2004, 15:30
- Pazifismus ist "nachlassender Daseinswille" und "Kriegstreiberei" ist "männlich" -
Sven,
29.11.2004, 14:14
- Re: Pazifismus ist "nachlassender Daseinswille" und "Kriegstreiberei" ist "männlich" - Andreas, 29.11.2004, 16:28
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29.11.2004, 14:24
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ein weiterer Andreas,
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- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - Nick, 29.11.2004, 17:16
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Garfield,
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- Reißbrett vs. Realität - Reinhard, 29.11.2004, 19:46
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Nick,
29.11.2004, 08:13