Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis
Moin allerseits,
ich will Euch mein Wort zum Sonntag zum Besten geben:
Nehmen wir an, eine Gruppe von Personen hat sich vorgenommen, eine Aufgabe zu erfüllen, beispielsweise ein Haus zu bauen. Aus diesem gemeinsamen Verständnis heraus ist es ihnen selbstverständlich, eine ihren jeweiligen Fähigkeiten am ehesten entsprechende Rolle zu übernehmen. Der eine plant gerne und gut also übernimmt er den Part des Architekten. Ein andere versteht etwas von Thermik, also berät er den Architekten in Fragen der Wärmedämmung. Ein weiterer hat Hintergrundwissen in Finanzierungsfragen, also verhandelt er mit den Banken. Schließlich mag es noch etliche geben, die über keine besonderen Fähigkeiten verfügen. Letzteren wird es einleuchtend sein, Tätigkeiten im Rahmen des Hausbaus auszuführen, die keiner besonderen Qualifikation bedürfen. Sie werden die Ausführung von Hilfsarbeiten deshalb keineswegs als Zurücksetzung empfinden, sondern aus dem Aufgabenkontext und der Verteilung der Fähigkeiten als angemessen verstehen. Die Rollenverteilung ist Konsens in der Gruppe.
Ist der Hausbau nun aber vollendet und die Gruppe sieht sich keiner weiteren entsprechenden Aufgabe mehr gegenüber, so verschwindet das gemeinsame Verständnis über die Rollenverteilung. Die Privilegien des Architekten müssen nun allen anderen als ungerechtfertigter Vorteil erscheinen. Warum soll er anderen noch Anordnungen erteilen können, wenn doch kein Gesamtzusammenhang mehr vorhanden ist, aus dem heraus er einem gemeinsamen Vorteil, einer gemeinsamen Planerfüllung her die anderen anleiten könnte. Eine Weisungsbefugnis, falls er sie jetzt noch ausüben wollte, ist jetzt Willkür. Ebenso werden die ehemaligen Hilfsarbeiter keinen Grund für ihre Unterordnung mehr erkennen können und sich mit den anderen gleichstellen wollen. In diesem Augenblick kommt das Ideal der Gleichheit auf und der Freiheit auf. Freiheit ist nie ein absoluter Wert, sondern immer Freiheit von etwas. In diesem Kontext die Freiheit von einer sinnlosen gewordenen Dienstpflicht. Das Ideal der Gleichheit ist immer Ausdruck eines gewissen Nihilismus, der Sinnordnung gegenüber nämlich, aus der die Rollenverteilung abzuleiten wäre.
Die Quintessenz des Beispiels verdeutlich folgen Zusammenhang: ein Rollenverständnis innerhalb einer Gesellschaft kommt nur dann konsensual zustande, wenn die Gesellschaft über ein gemeinsames Sinnverständnis verfügt. Junge, vitale Gesellschaften zeichnen sich durch das Vorhandensein eines solchen gemeinsamen Verständnisses aus. Deshalb sind bei ihnen die gesellschaftlichen Rollen zumindest im Grundsatz unumstritten. Damit ist die Phase der KULTUR beschrieben. Sie zeichnet sich aus im Durchdringen aller Lebensbereiche durch die gemeinsame Idee. Spengler nannte diese eine Weltseele. Ein bekannter Ägyptologe bezeichnete sie als Staatsidee.
Da nun aber nichts auf dieser Welt von Dauer ist erschöpft sich ein gemeinsames Sinnverständnis irgendwann, vollkommen unabhängig davon wie mächtig und durchdringend es einst war. Der Punkt an dem als unnötiger Ballast, als öde, innerlich nicht mehr verstandene Tradition empfunden wird, muss kommen. Fortan wird der sukzessive Abbau seiner anorganisch gewordenen, da nicht mehr herleitbaren Ausdrucksformen als Befreiung erlebt. Dieser Prozess als ZIVILISATION bezeichnet - führt eine Gesellschaft wieder dem vorkulturellen Zustand der Abwesenheit einer einheitlichen Gemeinschaftsidee zu: der BARBAREI. Mitnichten empfindet jedoch der zivilisatorische Mensch diesen Vorgang als den Rückschritt, der es tatsächlich ist. Vielmehr erlebt er die Postulierung von Freiheit und Gleichheit beim Übergang von der Kultur zur Zivilisation in jedem Kulturkreis stets aufs Neue als Anbruch verheißungsvoller Zeiten.
Allein die tatsächliche Entwicklung der Dinge zeigt den Selbstbetrug auf. Die Zerschlagung der stets feudalen und auf Adelsformen basierenden Staatsbildung einer Kultur führt eben nicht zum Idealstaat, sondern bringt urplötzlich Außenseitergestalten als politische Führer hervor, die ebenso gewagt wie naiv im höchstem Maßstab va banque spielen. Die solonschen Reformen führten eben nicht nur zum perikleischen Athen, sondern auch dazu, dass ein Halbbarbarenkönig, durch Mord auf seinen Thron gelangt und neben der Trunksucht vor allem cholerischer Rachsucht zugetan, die Griechen zu einem Welteroberungszug bewegen konnte während dessen ganzem Verlauf niemand zu sagen wusste, warum er begonnen wurde, wann er enden sollte und was überhaupt die Sache sei, die mit ihm bezweckt werden sollte. Letzteres wussten die Ägypter auch nicht zu sagen als eine verweiblichte, dem Esoterischen zugetane Gestalt zu Beginn des Neuen Reiches vom Pharaonenthron aus urplötzlich die angestammte Religion durch ihre Phantastereien ersetzen wollte. Ebensowenig wie die Franzosen als ein Korsen mit einem Mal die Staatsgeschäfte an sich riß, um mit ihnen erst in Moskau zu ernüchtern. Desgleichen die Deutschen die 50 km vor ebendieser Stadt mit ihrem ausländischen Clochard ein ganz ähnliches traumwandlerisches Erweckungserlebnis hatten.
Die Zivilisation bedeutet aber nicht nur Abbau der organischen Formen auf dem Gebiete des Staatswesens, sondern vor allem auch auf dem Gebiet der Religion. Letztere ist der reinste Ausdruck des sinnstiftenden Gemeinschaftsgefühls einer Kultur, da sie naturgemäß jeder Zweckpraxis enthoben ist. Nicht umsonst erfindet ein jeder Kulturkreis zu Beginn sich seine Religion. Man wende an dieser Stelle nicht ein, das Abendland habe doch die ihre vom Morgenland übernommen, denn übernommen wurden nur die Äußeren Formen. Der Sinngehalt wurde unter Papst Urban I. ins abendländische umgedeutet bis schließlich der Kirchenbruch mit dem Orginal unvermeidlich wurde und bis auf den heutigen Tag besteht.
So zeigt sich das Satt- und Überdrüssigwerden an der Gemeinschaftsidee zuvörderst im Atheismus. Atheismus ist dabei aber keineswegs wortwörtlich als Gottesleugnung (A-Theismus), sondern als Entfremdung zum bisherigen religiösen Formenschatz zu verstehen. Der Atheismus kennt so viele unterschiedliche Formen wie es sinnstiftende Gemeinschaftsgefühle, also Kulturen, gegeben hat. Nur im Abendland selbst bedeutet Atheismus wortwörtlich A-Theismus. Vor dem Hintergrund des auf Vereinzelung gerichteten antiken Weltverständnisses der Griechen und Römer ist es ein Ausdruck krasser Abkehr von der überlieferten Religiosität, sich mit dem Christentum Vorstellungen von einer Einheitsgottheit zuzuwenden. Ebenso muss man in den Lehren des Ketzerpharao mit seinem Sonnengott Atheismus gegenüber der altägyptischen Religion erkennen. Es ist kein Zufall, dass in allen Kulturkreisen beim Übergang zur Zivilisation religionszersetzende Tendenzen einsetzen, die als Ausdruck einer fortschreitenden Sinnentlehrung nicht selten in einer vollkommenen Abkehr von den Ausgangsformen enden.
Schließlich setzt mit der Entfremdung von der Gemeinschaftsidee auch eine Zerrüttung der privaten Lebensumstände ein. Die Frau will vor dem Hintergrund der allgemeinen Sinnentleerung nicht mehr an dem Platze stehen, der ihr eben noch selbstverständlich und natürlich war, sondern es dem Manne gleich tun. Sie will frei und gleichberechtigt sein. Allein, keiner stellt die Frage wovon diese Freiheit bestehen solle. Die Freiheit der Frau im Sinne der Emanzipation bedeutet in letzter Konsequenz nichts anderes als die Freiheit von dem Kinde. Denn aus letzterem folgen die lebensweltlichen Notwendigkeiten, die ihr ein Männerleben unzugänglich machen. Daraus postuliert sie nun vor dem Hintergrund der Freiheitsidee ihre Benachteiligung und fordert Umgestaltungen im Geschlechterverhältnis ein. Das Ganze ist nur vor dem Hintergrund einer totalen nihilistischen Sinnentleerung überhaupt denkbar, da sich einer Gesellschaft, die auch nur eine Ahnung von Daseinssinn hat, die vornehmste Aufgabe in ihrer Zukunftsfähigkeit erblicken muss. Die Forderung der Frau, durch die Geschlechterverteilung im Mittelalter benachteiligt gewesen zu sein und nun Kompensation einzufordern, ist ebenso sinnhaft wie es eine Forderung der Skandinavier wäre, nun Kalabrien besiedeln zu wollen, da man schließlich jahrhundertelang von den sonnigen Regionen verbannt gewesen sei und die Italiener, welche dieses Privileg zur Genüge genossen hätten, nun von dort zu weichen hätten. Da die zivilisatorische Sinnentleerung aber nicht nur die weibliche, sondern auch die männliche Hälfte der Gesellschaft umfasst, wissen die Männer den entwurzelten Gleichberechtigungsforderungen des Feminats nichts Rechtes entgegenzusetzen und gehen im wesentlichen allenfalls beschlichen von einer mehr unbewussten Ahnung der Unsinnigkeit des Vorganges darauf ein. Das Ergebnis kann nur sein und war es in allen Zivilisationen auch tatsächlich: die fortschreitende Kinderlosigkeit. An nichts zeigt sich die Lebensuntauglichkeit zivilisatorischer Gesellschaften deutlicher und in ihren Konsequenzen nachhaltiger und destruktiver als in deren stetig sinkenden Geburtenraten. Diese waren im agusteischen Rom schon ein Problem ebenso wie im perikleischen Athen. Seinerzeit war die Bibel des Feminismus Platos idealer Wächterstaat. Da dieser sich auch weibliche Wächter vorstellen konnte erkor das damalige Feminiat sein Werk als seinen Leitstern aus. Geta musste schließlich im heutigen Spanien zu Augustus Zeiten noch eine der bevölkerungsreichsten römischen Provinzen - Ackerland von Staats wegen verschenken, da es ansonsten unbewirtschaftet geblieben wäre. Im ersten Jahrhundert nach Christus weideten bereits die Schafe auf der Akropolis. Diesen Zustand hat Rom im fünften Jahrhundert erreicht, nachdem es in der hohen Kaiserzeit mehrheitlich hellenistisch bevölkert, in der späten Kaiserzeit gar syrisch war. Die Schafe wurden erst im neunzehnten (!) Jahrhundert aus dem Forum vertrieben als die Italiener das Hirtendorf der kollosalen Ruinen und halb versandeten Emphoren zu ihren Retortenhaupstadt auserkoren.
Die Araber sind insofern eine Ausnahme, als sie zu Beginn ihrer Zivilisationsphase noch einmal die Energie aufbrachten, eine Religion zu stiften. Letzteres ist ansonsten nur Kulturmenschen vorbehalten gewesen. Allein schon aus der kopflastig dogmatisch unversöhnlichen Starre derselben ist schon erkennlich, dass es dort sich um keinen frühlingshaften, sondern um einen herbstlichen Vorgang handelte. Dort hat sich kein Geist manifestiert, der aus einem harmonischen Lebenstraum heraus in traumwandlerischer Sicherheit ein Gefühl zum Ausdruck bringt, sondern ein Kopfmensch der einen inneren Leerezustand durch Härte der erdachten Losungen, durch geistigen Druck zu bannen versucht. Der Eroberungszug der Nachfolger des Propheten als echter Ausdruck einer Frühzivilisation geografische Ausdehnung statt innerlicher Vertiefung, extensive statt intensive Betätigung trug die Araberheere jedenfalls an die Grenzen der ihnen bekannten Welt. Keine dreihundert Jahre später konnten die Kalifen jedoch schon nur noch Söldnerheere zur Abwehr der mongolischen Barbarengefahr aufbieten. Ein Waffendienst von Arabern war zu dieser Zeit bereits schon selten geworden. Dies ist ein untrügliches Zeichen für niedrigen Geburtenstand und die andere Geißel der Zivilisation, die einer jeden Spätphase vorbehalten ist: der Pazifismus. Er stellt gewissermaßen das männliche Pendant zur weiblichen Geburtenlosigkeit dar, verkörpert er doch im Kern einen nachlassenden Selbstbehauptungs- und damit Daseinswillen vor dem Hintergrund einer egoistischen Behaglichkeit.
Andreas
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- Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
ein weiterer Andreas,
28.11.2004, 22:56
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Nick,
29.11.2004, 08:13
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
ein weiterer Andreas,
29.11.2004, 16:11
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - Nick, 29.11.2004, 16:22
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - michail, 29.11.2004, 18:56
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
ein weiterer Andreas,
29.11.2004, 16:11
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
michail,
29.11.2004, 08:54
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Andi,
29.11.2004, 15:30
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - michail, 29.11.2004, 18:07
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - ein weiterer Andreas, 29.11.2004, 16:19
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Andi,
29.11.2004, 15:30
- Pazifismus ist "nachlassender Daseinswille" und "Kriegstreiberei" ist "männlich" -
Sven,
29.11.2004, 14:14
- Re: Pazifismus ist "nachlassender Daseinswille" und "Kriegstreiberei" ist "männlich" - Andreas, 29.11.2004, 16:28
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Garp,
29.11.2004, 14:24
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
ein weiterer Andreas,
29.11.2004, 16:34
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - Nick, 29.11.2004, 17:16
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
ein weiterer Andreas,
29.11.2004, 16:34
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Garfield,
29.11.2004, 16:14
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
ein weiterer Andreas,
29.11.2004, 16:46
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - Garp, 29.11.2004, 18:04
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - Nick, 29.11.2004, 18:51
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis - Garfield, 29.11.2004, 19:12
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
ein weiterer Andreas,
29.11.2004, 16:46
- Reißbrett vs. Realität - Reinhard, 29.11.2004, 19:46
- Re: Kultur, Zivilisation und das Geschlechterverhältnis -
Nick,
29.11.2004, 08:13