Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Revolten und Revolutionen

Ruth Teibold-Wagner, Tuesday, 19.10.2004, 16:26 (vor 7779 Tagen) @ Paul

Als Antwort auf: Re: Die Geschichte der Streiks, z.B. in England unter M. Thatcher von Paul am 19. Oktober 2004 12:20:34:

Das Kapital ist keine "geschlossene Einheit". Als nächstes fängst Du sicher noch mit Verschörungstheorien bezüglich des "globalisierten Kapitals" an. Alles Unfug.

Völliger Unfug ist es nicht. Es ist zwar richtig, dass "das" Kapital natürlich auch innere Widersprüche besitzt, die ja gerade die traditionelle Gewerkschaftsbewegung möglich machten. Auch "das" Kapital hat immer noch seine Schwachstellen, z.B. gegenseitige Fertigungsabhängigkeiten von Standorten. Vielleicht werden diese Schwachstellen im Rahmen der Globalisierung sogar noch bedeutender.

Aber: Die Tendenz ist eindeutig, dass das Kapital "virtuell" und mobil ist wie noch nie. Und dadurch verliert es seine "Greifbarkeit", seine "An"greifbarkeit. Mit einem Mausklick sind 10 MRD. Dollar transferiert, ein Werk geschlossen und 10.000 Familien in ihrer ökonomischen Existenz betroffen.
Auf der Basis von IT-Technologie, Kommunikationstechnologie und gigantischen globalen Warentransportkapazitäten, wie es sie noch nie in der Geschichte gab, stehen die Standorte in extrem hartem globalem Wettbewerb, der sich immer weiter verschärft.

Zudem machst Du den Fehler, die Zukunft durch lineare Fortschreibung aktueller Trends voraussagen zu wollen; das klappt im allgemeinen, wie uns die Geschichte lehrt nicht. Meine Prognose ist eine ganz andere: Die Krisenherde der Zukunft werden nicht, wie viele erwarten, in Entwicklungs- oder Schwellenländern zu finden sein, auch der internationale Terrorismus wird zusehends an Bedeutung verlieren. Was wirklich droht, sind bürgerkriegsähnliche Zustände in den Industrienationen.

Das ist ja genau die lineare Fortschreibung, die Du eben noch abgelehnt hast.

Wenn viele Leute realisieren, daß sie nichts mehr zu verlieren haben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Vorstandetagen gestürmt werden und einige Manager am nächsten Baum aufgeknüpft werden - was natürlich unsinnig ist, da die Manager zu grossen Teilen auch nur Opfer bestimmter systemimmanenter Probleme sind, die von den mit Unfehlbarkeitsanspruch antretenden Marktfundamentalisten (um den Begriff zu gebrauchen, den auch Soros verwendet) geleugnet werden. Die Ereignisse in L.A. nach dem Rodney King-Urteil haben uns jedenfalls gelehrt - auch wenn der Auslöser hier etwas ganz anderes war - daß sogar in einem scheinbar politisch stabilen Umfeld praktisch jeden Moment das Chaos ausbrechen kann, sofern es ein Ereignis gibt, das als Katalysator wirkt.

Das sind folgenlose Revolten, aber keine systemverändernden Revolutionen. Revolten werden durch "Ereignisse", wie Du richtig sagst, ausgelöst. Z.B. die 10.000 Entlassungen bei Opel sind so ein "Ereignis". Der wilde Streik ist eine "Revolte", die keinerlei Folgen haben wird.
Für das Auslösen einer tiefgreifenden "Revolution" dagegen ist viel mehr notwendig als nur ein "Ereignis". Für eine Revolution muß der BODEN in seiner ganzen Breite und Tiefe langfristig, auch ideologisch und organisatorisch, vorbereitet sein. So weit sind wir aber noch(!?) nicht.

Gruss
Ruth


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