Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Wege aus der Krise: Den Wald trotz lauter Bäumen sehen

Paul, Wednesday, 15.09.2004, 16:58 (vor 7813 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Garfield am 15. September 2004 12:06:34:

Hi Garfield,

ich sehe auch keinen einfachen Weg aus der Krise. Den gibt es nämlich nicht. Es wäre allerdings viel erreicht, wenn sich die Verantwortlichen in der Politik und Wirtschaft erst einmal klar machen würden, wo das Problem eigentlich liegt, anstatt sich über Gefechte um den Sinn einer nachfrage- oder angebotsorientierten Politik zu liefern. Das führt nämlich zu nichts - beide Richtung basieren letztendlich auf unglaublich primitiven Vorstellungen von Wirtschaft, die mit der Realität nichts gemeinsam haben. Es ist kein Zufall, dass sogar manche Ökonomen selbst ihre "Wissenschaft" eher als eine etablierte Form der Esoterik ansehen. Es gibt aber Licht am Ende des Tunnels, seit sich Physiker ökonomischen Fragestellungen angenommen haben (es gibt ja auch das neue Fachgebiet "Econophysik"). Der Vorteil ist, daß diese im Gegensatz zu den meisten Ökonomen sehr viel weiter in der Erforschung nichtlinearer Prozesse sind. Aus dieser Richtung sollte in Zukunft einiges an Erkenntnissen kommen. Es bleibt nur zu befürchten, daß diese von den etablierten Ökonomen hartnäckig ignoriert werden; denn was ist von einer "Wissenschaft" zu halten, in der eine Theorie, die nachweisbar in sich widersprüchlich ist und auch in der Praxis nicht falsifizierbar ist, also nicht einmal die Mindestanforderungen an eine wissenschaftliche Theorie erfüllt, seit Jahrzehnten als Dogma in Ehren gehalten wird (die Rede ist von der Efficent Market Hypothesis, EMT) ? :-)

Wo kann aber nun die Politik inzwischen ansetzen? Es gilt, sich klarzumachen, daß eine Grundvoraussetzung für das jetzt existierende kaptialistische System - unabhängig davon, wie groß der soziale "Einschlag" ist - vor einem grundlegenden Dilemma steht: Wir befinden uns auf direktem Weg in eine Zukunft, in der jede nicht-kreative Arbeit automatisierbar ist. Der Kapitalismus ist ein geniales System. Dummerweise funktioniert er nur dann richtig, wenn jeder mindestens genausoviel konsumiert, wie er produziert (natürlich im Durchschnitt). Zu Zeiten, in denen nichts automatisiert war, stellte dies kein Problem da - im Gegenteil, meistens brauchte man zu Herstellung mehr Zeit und Arbeitskraft, als für die Verkonsumierung der hergestellten Produkte notwendig war. Dies wirkte als Motor für ständiges Wachstum und technischen Fortschritt, weil man bestrebt war, die Produktivität zu erhöhen. Dieser Prozess verselbständigte sich allerdings (was eben in einem "klassischen" Modell niemals passieren dürfte, aber in der Realität passierte, bzw. noch passiert), so daß bei einem Fortschreiten dieses Prozesses irgendwann 0 (oder eine Zahl nahe 0) Menschen notwendig sind, um die Produkte und Dienstleistungen für jeweils 1 Menschen herzustellen. Das heisst, dass die meisten Menschen innerhalb dieses Systems als Arbeitskräfte einfach überflüssig sind bzw. werden. Dummerweise kann sich das System dann auch nicht mehr selbst tragen, da diese - solange Einkommen an menschliche Produktivität gekoppelt ist - auch als Konsumenten wegfallen.

Dies ist das Kernproblem, und ich vermisse nach wie vor, daß dieses einmal so klar formuliert von der Politik zu Sprache gebracht wird. Vermutlich besteht die Angst, daß viele die einzige Alternative in einem Umverteilungsstaat sehen, was auf den ersten Blick ja auch verlockend erscheint. Meiner Meinung nach kann dies aber nicht die Lösung sein, denn damit schafft man sich ganz andere Probleme auf den Hals, vor allem weil ein Umverteilungs- bzw. "kollektivistischer" Staat nicht mit dem Gedanken eines liberalen Individuums vereinbar ist. Mal ganz davon abgesehen, daß so etwas im nationalen Alleingang ohnehin zum scheitern verurteilt wäre.
Man muß also andere Lösungen suchen. Aber dazu muß erstmal das Denkverbot in Bezug auf unsere Realität weg. "Vollbeschäftigung" wird es nie mehr geben, dies sind Träume von vorgestern. Jeder Politiker, der diesen Begriff noch in den Mund nimmt, ist entweder total inkompetent oder ein Demagoge oder beides. Der Vergleich mit aufstrebenden Staaten wie China usw. ist reiner Populismus. Diese befinden sich in einer ganz anderen Phase ihrers Entwicklungszyklus, die Situationen sind deshalb gar nicht miteinander vergleichbar.

Ein chinesischer Fluch lautet ja: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben!" - Da ist was wahres dran :-)

Gruss,
Paul


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