Re: So'ne und solche Mütter
Als Antwort auf: Re: So'ne und solche Mütter von Garfield am 14. September 2004 15:27:46:
So ganz kann man das glaube ich nicht stehen lassen:
Kürzungen der Gelder für Arbeitslose bewirken natürlich einen Kaufkraftrückgang bei dieser Bevölkerungsgruppe. Und nicht nur das: Hartz IV hat ja den Zweck, Arbeitssuchende dazu zu zwingen, jeden miesen Job mit mieser Bezahlung anzunehmen. Es geht also auch ganz konkret darum, die Lohnkosten zu senken. Das betrifft zunehmend auch diejenigen, die noch Jobs haben. Die geraten durch Hartz IV indirekt auch unter Druck und werden in Zukunft aus Angst vor Arbeitslosigkeit immer öfter nicht nur auf Gehaltserhöhungen verzichten, sondern sogar Gehaltskürzungen in Kauf nehmen müssen. Das ist sogar der wesentliche Zweck von Hartz IV, was natürlich nie offen gesagt wird.
So sinkt dann also die Kaufkraft allgemein, und das bekommt dann auch die Wirtschaft durch sinkende Umsätze zu spüren.
Ich würde da zuerst mal keine Böswilligkeit unterstellen. Es ist richtig, eine Lohnkostensenkung wird angestrebt. Dies beruht aber auf dem (naiven) Glauben an eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, nach deren Dogmen eine Ankurbelung der Wirtschaft und die Schaffung neuer Arbeitsplätze primär nur über eine Entlastung der Unternehmen möglich ist, weil dies (in der Theorie) zu vermehrten Investitionen führt.
Neoliberale behaupten nun einfach, daß das doch gar kein Problem wäre, da das Gesetz von Angebot und Nachfrage schon dafür sorgen würde, daß sich die Preise dann entsprechend der Kaufkraft einpegeln.
Sie behaupten das nicht einfach - es ist im allgemeinen schon so. Das trifft nicht nur auf Kleinunternehmen zu, auch Großunternehmen müssen ihre Preise der Marktlage anpassen. Mit Verschwörungstheorien kommt man da nicht weit. Auch die deutsche Bahn kann nicht ewig am Markt vorbeiwirtschaften. Denn werden sie immer teurer, dann weichen die Leute eben auf das Auto bzw. für längere Strecken auf das Flugzeug aus.
Das funktioniert schon einmal nicht immer, weil sich viele Wirtschafts-Bosse eben nicht nach dem VWL-Lehrbuch richten. Bei der Bahn sieht man das immer wieder sehr schön: Wenn man durch hohe Preise und schlechten Service wieder genug Kunden vergrault hat, dann gleicht man die so eingefahrenen Verluste prompt durch Preiserhöhungen und Serviceabbau (letzteres üblicherweise verbunden mit Personalabbau) aus. Nur um sich dann darüber zu wundern, wieso nun noch weniger Menschen Bahn fahren...
Siehe oben.
Aber dann gibt es da noch ein Problem: Deutschland ist ja kein geschlossenes System. Das ermöglicht es der Wirtschaft, bei Problemen in Deutschland ins Ausland auszuweichen, und die Politik erleichtert ihr das mehr und mehr.
Das wäre jetzt eher ein Argument FÜR Lohnsenkungen. Was dabei übersehen wird ist, daß dieses Spielchen zu einem globalen Deregulierungs-Wettbewerb führt, die letztendlich zur Zerstörung der Nationalstaaten führen könnte. Ob dies jetzt gut, oder schlecht ist, sei dahingestellt. Problematisch ist jedenfalls, daß sich dieser Prozess entgegen des Lehrbuches vermutlich nicht linear entwickeln wird, sondern es zu chaotischen Turbulenzen innerhalb von Märkten und Gesellschaften kommen kann, mit unabsehbaren Folgen wie Kriegen, Aufständen, usw.
Immer mehr Menschen in Deutschland haben das Problem, daß sie sich die hohen Lebenshaltungskosten in Deutschland nicht mehr leisten können. Manche Bereiche werden mittlerweile komplett durch Großkonzerne beherrscht, die ihre Marktposition dazu ausnutzen, die Preise hoch zu halten oder sogar noch zu erhöhen. Das betrifft beispielsweise die Benzin-, Heizöl-, Gas- und Strompreise. Diese hohen Preise sind heute für viele Menschen ein wesentlicher Kostenfaktor, an dem sie aber im täglichen Leben kaum sparen können. An den hohen Steuern und Abgaben können sie auch nicht sparen, ohne sich strafbar zu machen.
Also müssen sie anderswo sparen. Z.B. bei Nahrung und Kleidung. Die Anbieter dieser und anderer Produkte geraten also zunehmend unter Preisdruck. Das ist möglich, da es in diesen Bereichen noch viele kleine und mittlere Unternehmen gibt, die tatsächlich noch zueinander in Konkurrenz stehen und weil sich manche große Handelsketten schon lange darauf spezialisiert haben, Gewinne über hohe Umsätze durch niedrige Preise zu erzielen.
Das setzt nun die Unternehmen, die keine so starke Marktposition haben, unter Druck. Es gibt dauerhaft nur zwei Möglichkeiten, dem gerecht zu werden: Automatisierung oder Abwanderung in Billiglohnländer.
Beides ist mit Entlassung von Beschäftigten verbunden und verschärft die Situation weiter.
Theoretisch könnte man die Löhne und Lebenshaltungskosten gleichermaßen senken und das Problem so lösen. Praktisch funktioniert das nicht, weil die Unternehmen mit starker Marktposition das natürlich niemals mitmachen werden. Damit sorgen sie dafür, daß die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch bleiben. Wer allein durch die Fahrten zur Arbeit schon 8 Euro am Tag für Benzin verbraucht, kann nun einmal nicht für 1 Euro pro Stunde arbeiten. Dann arbeitet er nämlich nur für die Fahrten zur Arbeit und kann die Miete nicht mehr zahlen, nichts mehr essen, sich keine Kleidung mehr kaufen usw. Das ist das große Problem, das von Wirtschaft und Politik leider vollkommen ignoriert wird.
Hier gilt wieder dasselbe - starke Marktposition hin oder her, es nützt einem Unternehmen nix, wenn die Leute nicht kaufen. Monopolisten mögen eine Ausnahme sein, aber echte Monopole gibt es kaum. (Siehe Deutsche Bahn). Eine gleichzeitige Senkung von Löhnen und Lebenshaltungskosten funktioniert natürlich, genau das ist ja Deflation.
Aber warum ist die nun problematisch? Ganz einfach, weil in einer Deflation die Konsumneigung derer, die es sich (noch) leisten können, rapide abnimmt. Wenn Waren ständig billiger werden, werde ich Käufe - als rational denkender Mensch - in der Erwartung immer niedrigerer Preise hinausschieben, was zu sinkender Nachfrage führt und dies dann wieder zu niedrigeren Preisen usw. Wie man sich leicht vorstellen kann, schrumpft während dieses Prozesses die Wirtschaft mit immer höherer Geschwindigkeit.
Das ganze ist ein Teufelskreis, und dummerweise lässt sich dieser im Gegensatz zur Inflation praktisch nicht mit fiskal- oder geldpolitischen Maßnahmen unterbrechen. Man kann eigentlich nur solange abwarten, bis dieser Prozess seinen "Boden" findet, und dann anfangen, alles wieder aufzubauen.
Beispiel: Japan befindet sich seit Platzen des Börsen- und Immobilien-Blase anfang der 90iger Jahre in einer fortwährenden Deflation. Zwischenzeitlich wurde dort schon überlegt, einen Strafzins auf Bankguthaben einzuführen, d.h. man müsste Zinsen ZAHLEN wenn man Geld auf der Bank hat. Dies alles, um die Leute dazu zu bringen, das Geld in den Konsum zu stecken oder zu investieren. Diese Maßnahme zeigt, wie groß die Verzweiflung dort ist. Denn funktionieren wird auch das nicht. Würde der Strafzins eingeührt, fliessen nämlich Billionen von Yen ins Ausland, ein gewaltiger Yen-Tsunami würde sich über die Devisenmärkte ergiessen, was zwar - aufgrund dem resultierenden Verfall des Yen gegenüber Dollar und Euro - vielleicht zu einer gewissen Steigerung der Exporte führen würde, allerdings ohne daß sich an der Binnenmarktsituation irgendetwas ändert. Zwar werden auch Importe dann teurer und man könnte argumentieren, daß davon einheimische Unternehmen profitieren können. Könnte sein - allerdings werden sie daran nicht lange Freude haben, da aufgrund des Geldabflusses ins Ausland eine massive Liquiditätskrise entstehen wird, die a) ebenfalls deflationär wirkt und b) das Bankensystem in seiner Existenz bedroht.
Ausserdem kriegen die Japaner dann wahrscheinlich ziemlichen Ärger mit USA und Europa, die natürlich kein Interesse daran haben, wenn Ihre Währungen gegenüber dem Yen massiv aufgewertet werden. Eine diplomatische Eiszeit wäre in jedem Fall die Folge.
In Japan hat diese Spirale übrigens auch mit Lohnsenkungen begonnen. Wie heisst es so schön? Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Wie wahr.
Gruß,
Paul
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Odin,
14.09.2004, 01:29
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Garfield,
14.09.2004, 16:53
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14.09.2004, 17:30
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Tran,
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Garfield,
14.09.2004, 18:27
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Garfield,
15.09.2004, 15:06
- Wege aus der Krise: Den Wald trotz lauter Bäumen sehen -
Paul,
15.09.2004, 16:58
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Garfield,
15.09.2004, 15:06
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Paul,
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Odin,
14.09.2004, 23:23
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