Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Sie wird kommen!

Garfield, Tuesday, 13.07.2004, 19:10 (vor 7878 Tagen) @ Manfred

Als Antwort auf: Re: Sie wird kommen! von Manfred am 13. Juli 2004 14:10:17:

Hallo Manfred!

"Aber doch nicht im langzeitlichen Mittel. Wirtschaftskrisen gabs immer - leider, kleine und größere. Und die Arbeitslosen wurden nicht grundsätzlich immer mehr."

Eben doch. Seit etwa Ende der 60er Jahre sind die Arbeitslosenzahlen immer weiter gestiegen. Anfangs betraf es überwiegend Menschen mit schlechter oder keiner beruflichen Qualifikation. Mittlerweile zieht sich das aber durch alle Berufe, und es sind auch immer häufiger Akademiker betroffen.

Die Grund dafür ist keine einfache, vorübergehende Wirtschaftskrise. Wir haben doch momentan sogar die Situation, daß die Exporte der deutschen Unternehmen sehr gut laufen. Die weltweite wirtschaftliche Situation ist alles andere als schlecht - trotzdem haben wir aber schon allein offiziell über 4,2 Millionen Erwerbslose. Und das ist nur die Zahl, die nach diversen Statistik-Verschönerungen noch übrig ist...

Da kann man sich gut vorstellen, wie das erst aussehen wird, wenn noch eine internationale Wirtschaftskrise dazu kommt und die deutschen Exporte zurück gehen...

In der Computerbranche sieht man das mittlerweile auch deutlich. Noch vor 3-4 Jahren galt der Computerbereich als Job-Motor. Viele Unternehmen suchten händeringend Arbeitskräfte, sie hängten Plakate in ihren Geschäftsräumen aus, auf denen jedem Mitarbeiter, der einen neuen Mitarbeiter wirbt, ein volles Monatsgehalt als Prämie versprochen wurde usw. Mitte 2001 änderte sich das dann fast von heute auf morgen. Viele neugegründete Internet-Unternehmen gingen auf einmal pleite, und dann kam noch das Attentat auf das World Trade Center dazu. Das hat auch die Computerbranche schwer getroffen, vor allem alle Unternehmen, die irgendwie mit Flughäfen und Fluglinien zu tun hatten. Da mußte plötzlich viel Geld in Sicherheitsmaßnahmen investiert werden, das man dann anderswo einsparte, z.B. eben bei Weiterentwicklung der Software. Die Krise verschärfte sich so noch mehr. So sah man dann auf einmal in vielen Software-Unternehmen massenweise leere Büros. Und von einer Greencard für Computer-Spezialisten redete nun auch niemand mehr. Mittlerweile ist man auch in der Software-Branche massiv dazu übergegangen, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. "Offshoring" nennt man das. Unternehmen wie IBM machen Werbung damit, daß sie tausende von Mitarbeitern in Billiglohn-Ländern wie der Ukraine haben. Zwar wird zumindest im Falle von IBM allgemein vermutet, daß nur ein geringer Teil dieser Leute wirklich effektiv tätig ist, aber Hauptsache, man kann damit werben. Unternehmen wie Daimler-Chrysler vergeben schon grundsätzlich nur Aufträge an Unternehmen, die eine bestimmte Prozentzahl des Auftragsvolumens in Billiglohnländern realisieren lassen. Neben Ländern der GUS ist da Indien sehr beliebt, aber weil auch dort die Lohnkosten mittlerweile gestiegen sind, ist jetzt Vietnam groß in Mode. Viele Software-Häuser befassen sich durchaus nicht gern mit "Offshoring", und einige haben damit auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Man muß viel exakter spezifizieren, die Kommunikationswege sind viel umständlicher usw. Oft kann man dann die Mitarbeiter in Deutschland nicht mehr beschäftigen, muß viele von ihnen entlassen, und wenn man mal wieder mehrere kleine Aufträge hat, für die "Offshoring" sich nicht lohnt, fehlen die Leute, und man muß teure Zeitarbeiter holen. Aber weil manche Kunden das verlangen, muß man es machen und dabei eventuell auch mal Verluste einkalkulieren...

So entwickelt sich häufig eine Eigendynamik, und die ändert sich auch nicht, wenn die Wirtschaftssituation sich mal wieder bessert.

"aber Du nimmst die Sicht eines einzelnen Fabrikanten ein. Das ist nicht statthaft wenn wir von der Gesamtwirtschaft reden."

Die Gesamtwirtschaft besteht aber aus einzelnen Unternehmen. Wenn viele von ihnen menschliche Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzen - was ja nun einmal definitiv der Fall war und ist -, dann tut die Gesamtwirtschaft das nun einmal in der Summe ebenso.

"Und es ist keineswegs wirtschaftliches Endziel, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, sondern den Lebensstandard zu erhöhen, den "Kuchen größer zu backen"."

Also, der Lebensstandard der Bevölkerung ist den Unternehmen erst einmal völlig egal. Das Ziel besteht immer im Gewinn. Das kann man positiv oder negativ werten - es ist aber nun einmal nicht Aufgabe eines Unternehmens, als Wohltäter der Menschheit aufzutreten. Ein Unternehmen muß vor allem Gewinn erwirtschaften, und so muß die Gesamtwirtschaft das als Summe der Unternehmen ebenso. Dafür zu sorgen, daß den Menschen dadurch kein Schaden entsteht, ist Aufgabe des Staates. Der Staat muß auch dafür sorgen, daß der Lebensstandard der Menschen möglichst hoch ist, wovon dann wiederum auch die Wirtschaft profitiert. Und das Problem besteht nun darin, daß der deutsche Staat in dieser Funktion seit Jahrzehnten versagt, indem er einerseits vor allem die Interessen der Unternehmen vertritt und andererseits Sozialgeschenke an der falschen Stelle macht, wobei letzteres aufgrund leerer Kassen immer seltener vorkommt. Verschärft wird alles noch durch Mißwirtschaft der Politiker zu ihrem eigenen Vorteil.

"Das Gewinnstreben des einen ist auch zum Vorteil des anderen."

Nur wenn man dafür sorgt, daß das Gewinnstreben an den richtigen Stellen ansetzt.

"Zugegeben, sehr theoretisch, aber diese Theorie funktioniert im Prinzip recht gut!"

Sie hat solange gut funktioniert, wie es Arbeitskräftemangel gab und wie auch noch der Ost-West-Konflikt zu gewissen Rücksichten zwang. Da konnte sich die Waagschale nur langsam zugunsten der Unternehmen neigen. Seit die Arbeitslosenzahlen aber so hoch sind und seit es kaum noch Bereiche gibt, in denen viel Personal gesucht wird, wird immer weniger Wert auf das Personal gelegt, und die Unternehmen sind auch immer weniger bereit, den Mitarbeitern noch viel vom Profitkuchen abzugeben.

"Sicher, und das ist gut so. Den Porsche vom Fließband können sich viele von uns leichter leisten, als einen handgefertigten VW Golf. Es kommt also nicht NUR dem Unternehmer zugute."

Die Automatisierung ist eine positive Entwicklung, ohne Zweifel. Es ist ein uralter Menschheitstraum, unangenehme Arbeiten nicht mehr selbst erledigen zu müssen. Problematisch ist nur, daß sie in unserem dezeitigem System nur wenigen Menschen wirklich zugute kommt. Die Masse der Menschen muß weiterhin irgendeiner Arbeit nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber das wird immer schwieriger. Nicht jeder kann, wenn er denn keinen Job als Fließbandarbeiter mehr findet, einfach Manager werden. Und zumindest im Personalmanagement gibt es auch weniger zu tun, wenn es weniger Personal gibt... Es wird auch immer schwieriger, sich selbstständig zu machen. Weil der Binnenmarkt ja zunehmend wegbricht. Und wenn keine Kunden da sind, dann kann man noch so ein tolles Konzept haben - das bringt dann alles nichts.

"Ja, aber die Wirtschaft ist durch den eigenen Konkurrenzdruck bereits (im Normalfall) vielerlei Regelmechanismen unterworfen."

Ja, aber diese Mechanismen drängen das Unternehmen nicht immer in die richtige Richtung.

"Der Unternehmer, der falschen Ideologien anhängt, verschwindet schneller und weniger Langzeitschäden verursachend von der Oberfläche als eine ideologielastige Regierung."

Du vergißt, daß gerade große Unternehmen heute nur noch selten von ihren Besitzern geführt werden. Meist haben diese Besitzer diese Arbeit an Manager weiter delegiert, die dann wie Beamte oder auch wie Politiker handeln. Das Unternehmen ist ihnen dabei oft weniger wichtig als ihr eigenes Bankkonto. Und auch unter Managern gibt es mittlerweile Ideologien, die nicht immer richtig sind. So mancher Manager hat zwar ein Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht, hat dann aber beim Rauswurf trotzdem eine fette Abfindung kassiert und über seine Beziehungen schnell wieder einen neuen gutbezahlten Posten gefunden, auf dem er dann so weiter macht. Das Unternehmen, für das er vorher tätig war, verschwindet vielleicht von der Oberfläche - er als Verursacher aber nicht.

"Man geht zurecht davon aus, dass letzteres die automatische Folge davon ist. Wenn Betrieb A billiger produziert, erhält zwar der Arbeitnehmer bei A weniger Lohn, aber wenn die Betriebe B bis Z das auch machen und Arbeitnehmer A dort einkauft, gleicht sich das mehr als aus."

Gewinn wird aber dadurch erzielt, daß man für ein Produkt mehr verlangt als man hinein investiert hat. Wenn man mehr Gewinn machen will, muß man also die Preise erhöhen. Gibt der Markt das nicht her, dann muß man seine Kosten senken. Das schafft man z.B. durch Automatisierung, die dann oft mit Personalabbau verbunden ist. Wenn man dann die Preise senkt, war das Ganze sinnlos, weil man dann keinen höheren Gewinn hat. Und nicht nur das: Die Anschaffungskosten für die neuen Maschinen sollen ja möglichst schnell wieder rein kommen. Also wird man die Preise auch nicht senken und sie auch später auf dem hohen Niveau lassen, solange der Markt das hergibt. Wenn es am Markt harte Konkurrenz gibt, geht das natürlich nicht so einfach, aber in vielen Bereichen gibt es diese Konkurrenz so nicht. Weil diese Bereiche durch wenige große Unternehmen beherrscht werden, die allein durch ihre Marktmacht kleine Unternehmen am Aufstieg hindern und sich die Märkte zwecks Gewinnmaximierung untereinander aufteilen. Die Mineralölkonzerne zeigen uns immer wieder, wie so etwas funktioniert.

Es sieht also tatsächlich so aus: Der Arbeiter im Unternehmen A kriegt den Lohn gekürzt. Das passiert den Beschäftigten der Unternehmen B bis Z genauso. Die Preise werden nicht gesenkt, und so müssen die Arbeiter und Angestellten eben zusehen, wo sie Geld einsparen können. Also konsumieren sie weniger, und auch im Unternehmen A wundert man sich über Umsatzrückgänge. Daraus zieht man dann den Schluß, daß man die Preise doch senken muß. Damit die Profitspanne aber noch hoch bleibt, verlagert man die Produktion komplett in ein Billiglohnland. Dort sind nicht nur die Lohnkosten niedriger, sondern es gibt auch geringere Steuern, weniger Umweltschutzauflagen und vor allem möchte man seine Position auf diesem ausländischen Markt ohnehin verbessern. Die dort erzeugten Produkte verkaufen sie also auch vor Ort, natürlich zum halben Preis wie auf dem deutschen Markt. Trotzdem wird das Produkt hier günstiger angeboten als das vorher in Deutschland produzierte. Nur leider sind ja in den Unternehmen A-Z einige Leute gefeuert worden, die nun noch nicht einmal genug Geld haben, um den niedrigeren Preis zu bezahlen. So sieht der Umsatz in Deutschland leider auch nicht viel besser aus als vor der Produktionsverlagerung. Aber umso mehr freut sich das Management von Unternehmen A dann über diese Entscheidung, zumal in diesem Billiglohnland die Wirtschaft gerade wächst und die Umsätze steigen. Und mehrere der Manager der Unternehmen B-Z, die noch in Deutschland produzieren, ziehen daraus den Schluß, auch so bald wie möglich die Produktion ins Ausland zu verlagern...

"Diese Rechnung geht niemals auf. Demnach könnten die Unternehmer sich vor die Geschäfte stellen und Geld an Passanten verteilen, mit der Bitte es doch wieder bei ihnen auszugeben. Dann hat er das Geld zwar wieder zurück, vorher hatte er aber Geld UND Ware, was einen höheren Wert darstellt. Sehr gern gemachter Denkfehler, von Gewerkschaften bis zu Sozis, aber die Mathematik spielt nicht mit."

? Ich kann mich nicht erinnern, das jemals angezweifelt zu haben. Ich meinte etwas ganz anderes: Es ist ja okay, die deutschen Lohnkosten an das Ausland anzupassen. Dann muß man aber auch die deutschen Lebenshaltungskosten an das Ausland anpassen. Das wollen die Unternehmen natürlich nicht. Sie wollen zwar die Löhne drücken, aber trotzdem weiterhin für das gleiche Produkt aus ein und derselben Fabrik in Deutschland den doppelten Preis abkassieren wie im Ausland. Und sie wollen ganz selbstverständlich auch weiterhin von der guten Infrastruktur in Deutschland profitieren, für die wir alle dann also auch weiterhin hohe Steuern zahlen sollen. Das kann so natürlich nicht funktionieren.

"Es ist nicht naiv, gewisse Zusammenhänge zu erkennen und -sofern positiv- sie wirken zu lassen."

Und wenn sie aber in der Praxis nicht wirken? Was meinst du wohl, wieso in den USA viele Leute mehr als einen Job haben? Das machen die nicht aus Freude an der Arbeit, sondern weil sie schlicht und einfach sonst nicht genug Geld zum Leben haben!

Freundliche Grüße
von Garfield


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