Re: Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor
Als Antwort auf: Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor von Nick am 04. Dezember 2003 09:14:45:
Hallo Odin,
Der Hexenwahn war ganz und gar kein "religiöses Phänomen", sondern eine profane, kollektive Massenpsychose, die im Fortgang ihre eigenen Akteure mitverschlang und oft erst dann zum "Erliegen" kam, wenn buchstäblich das Brennmaterial knapp geworden war. Neuzeitliche Ketzerverfolgung hatte rationale (machtpolitische) Gründe. Der Hexenwahn dagegen war komplett irrational! "Geplant" war er von niemandem und er verfolgte auch keine rational erklärbaren "Ziele".
Dies kann man teilweise dadurch widerlegen, dass sich eindeutig wirtschaftliche Ursachen finden, weswegen Menschen der Hexenverfolgung angeklagt und verurteilt wurden. Rational sind diese Ziele durchaus.
Ebenso ist es ein leicht erklärbares Phänomen, lieber Hexen als Bakterien und Viren für die Ursache von unerklärbaren Krankheiten zu nehmen. Wir dürften nicht vergessen, dass die Zeit der Hexenverfolgung auch die Zeit des Schwarzen Todes war. Es ist leichter zu sagen, die Hexen sind schuld, als sich einer rationalen Ursache zu widmen. Sinn und Ziel solcher Erklärungen? Eine Erklärung zu haben! So ähnlich, wie Hitler die Juden für die Probleme der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg verantwortlich machte und viele Deutsche heute sagen, die Ausländer sind an unserer Misere schuld. Die Erklärung ist einfach und man muss nicht mehr nachdenken. Man braucht keine Angst mehr vor dem Unerklärlichen zu haben. Da ist sehr angenehm.
Etwa ein Drittel der Opfer waren Hexer, also Männer. Die Tatsache, daß also doppelt soviele Opfer Frauen waren, ergibt sich aus dem irrationalen Ablauf und den kruden Methoden, mit denen neue Fälle "geschaffen" wurden: es reichte, jemanden zu denunzieren, um ihn unfehlbar auf die Folter zu bringen. Und die Folter sorgte dann dafür, daß "gestanden" wurde. Und daß weitere "Komplizinnen" benannt wurden...
Meine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis machen es mir nicht schwer zu begreifen, warum unter solchen Verhältnissen mehrheitlich Frauen (durch Frauen!) zu Opfern wurden. "Mobbing" ist ja schließlich unter ihnen auch heute bei weitem verbreiteter, als unter Männern. Die Denunziation als Hexe bot eine "ideale" Möglichkeit, im Zickenkrieg den ultimativen Hammer auf die beste Feindin niedergehen zu lassen.
Ich möchte Dich mal sehen, wenn Du gefoltert wirst. Ich habe teilweise Protikolle gelesen von der Art, wie Hexen verhört wurden. Denen wurde praktisch alles in den Mund gelegt, sie mussten nur nóch ja sagen. Jeder würde da schwach werden, bis auf wenige Ausnahmen. Katharina Henoth hat übergens bis zuletzt geleugnet, eine Hexe zu sein und niemanden denunziert.
Jedenfalls haben nachweislich weit überproportional Frauen davon gebrauch gemacht! Männer haben auch damals weniger oft zum Mittel des Anschwärzens, Denunzierens und Schlechtredens gegriffen, um z.B. einen Konkurrenten loszuwerden - so wie sie es auch heute (relativ) weniger tun.
Irgend eine rationale Politik hinter diesem Wahn zu vermuten, irgend eine "Verschwörung des Patriarchats" gar, ist absolut unhistorischer Blödsinn! Weder gab es überhaupt die dafür notwendigen, zentralisierten Machtstrukturen (nicht mal in Ansätzen!), noch zeigt die Gruppe der Opfer irgendeine "Struktur", die den behaupteten Verfolgungsgrund widerspiegeln würde. Im Gegenteil: es ist gerade die schiere Wahllosigkeit, die die Opfer des Hexenwahns auszeichnen.
Es gibt unterschiedliche Motive für die Anklage und deswegen unterschiedliche Opfer. Es gibt sehr viele verschiedene Theorien zu den Opfern, weil die Motive für die Anklagen sehr unterschiedlich, meist persönlicher Natur, waren.
Es ist natürlich ziemlich aussichtslos, in solchen Fragen aufklären zu wollen, weil ja sowieso "alle" genau "Bescheid wissen" - wo doch in Wahrheit völlige Unwissenheit und primitivster Mythenglaube die in der Tat komplizierten Verhältnisse wild durcheinander und auf das simpelste Niveau gebracht haben. Aber wo viel und kollektiv "gemeint" wird, da geht halt immer so ziemlich ALLES durcheinander. Umso heftiger wird solcher "Glaube" dann gegen jede Vernunft verteidigt.
Hexenverfolgung gab es z.B. (fast) nur in der frühen Neuzeit (mit ersten, einzelnen Fällen ab Ende des 14. Jahrhunderts), es gab sie nicht im Hochmittelalter! Es gibt alte Beichtspiegel aus dem 13., 14. und z.T noch 15.Jahrhundert, aus denen klipp und klar hervorgeht, daß der Glaube an Hexen(!) (also der Irrglaube, daß es sie überhaupt gäbe) als eine Sünde betrachtet wurde. Erst im Zerfall der mittelalterlichen Welt änderte sich das.
Und eben in diesem zeitlichen Umbruch liegt der eigentliche Grund der Hexenverfolgung. In politisch instabilen Zeiten wird immer irgendein Schuldiger gesucht. Und da, wo die Religion noch stark ist, ist es dann am besten die Macht des Satans.
Das galt natürlich nur im direkten Einflußbereich des Heiligen Stuhls - also in Italien (namentlich im Kirchenstaat). Außerhalb Italiens hatte die Kirche keinen realen Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Machthaber, sie konnte allenfalls protestieren, gut zureden, diplomatisch intervenieren u. dgl. mehr. Denn auch damals galt schon dasselbe, was dann im 20. Jahrhundert von Stalin so formuliert wurde: "Der Vatikan hat keine Divisionen!"
Aber religiöse Vorstellungen hatten noch einen grossen Einfluss auf die Denkweise der Menschen. Himmel, Hölle und Engel galten allgemein als real existent. Jedes Werk, das Beachtung finden wollte, berief sich auf die Bibel, ansonsten galt es als unseriös.
In ein, zwei Generationen wird es bestimmt auch kein Schwein mehr stören, wenn z.B. irgend ein enthirnter Ignorant vom "Krieg Ludwigs XIV. gegen die Sowjetunion" schwadroniert, nachdem "alle" einen Blockbuster-Trivialfilm gesehen haben, wo man "ganz genau sieht", wie die französische Atombombe (mit pseudobarocken Verzierungen) auf Leningrad niedergeht und es in Schutt und Asche legt. Das finden dann bestimmt auch alle total überzeugend, daß sich "Stalin und der Sonnenkönig total nicht leiden" konnten.
Bestimmt hätte Stalin den Sonnenkönig nicht leiden können, wenn er ihn gekannt hätte. Das war doch die Verkörperung der Aristokratie. Diese musste nach kommunistischem Verständnis doch durch die bürgerliche Revolution überwunden werden! Von daher ist eine Antipathie Stalins gegenüber Ludwig dem XIV. mit Sicherheit anzunehmen...
Grüße
Anonyma
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- Ende der "Weise Frauen" Theorie -
Odin,
30.11.2003, 04:55
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie -
Garfield,
01.12.2003, 11:19
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie -
Odin,
01.12.2003, 13:39
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie -
Garfield,
01.12.2003, 14:10
- Diskussion um Hexen geht weiter -
Odin,
02.12.2003, 15:39
- Re: Diskussion um Hexen geht weiter - Garfield, 05.12.2003, 11:26
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Odin,
02.12.2003, 15:39
- Re: Ende der -
Peter,
01.12.2003, 18:36
- Re: Ende der - Odin, 02.12.2003, 16:44
- Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor -
Nick,
04.12.2003, 11:14
- Re: Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor -
Odin,
04.12.2003, 22:48
- Re: Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor - Nick, 05.12.2003, 11:33
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- Re: Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor - Anonyma, 16.12.2003, 14:14
- Re: Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor -
Odin,
04.12.2003, 22:48
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie -
Maesi,
08.12.2003, 21:23
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie -
Odin,
09.12.2003, 17:06
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14.12.2003, 12:50
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie - Odin, 14.12.2003, 16:06
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Maesi,
14.12.2003, 12:50
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Odin,
09.12.2003, 17:06
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Anonyma,
16.12.2003, 13:52
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Odin,
17.12.2003, 14:42
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Emmalein,
17.12.2003, 16:02
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie - Odin, 17.12.2003, 16:53
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Emmalein,
17.12.2003, 16:02
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Odin,
17.12.2003, 14:42
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Garfield,
01.12.2003, 14:10
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Odin,
01.12.2003, 13:39
- was ist überhaupt... - Andreas, 01.12.2003, 20:32
- Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie - reinecke54, 05.12.2003, 19:58
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Garfield,
01.12.2003, 11:19