Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie

Maesi, Monday, 08.12.2003, 21:23 (vor 8095 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie von Odin am 01. Dezember 2003 11:39:02:

Hallo Odin

Selbst daß von Hexenverfolgung überwiegend Frauen betroffen waren, stimmte so nicht überall. Es gab Gegenden, in denen überwiegend Männer als Hexer ermordet worden sind. Martin van Creveld schreibt in seinem Buch "Das bevorzugte Geschlecht" einiges dazu.
Wenn man sämtliche Opfer der Inquisition betrachtet, ist es auch so, daß weit mehr Männer als Frauen betroffen waren. Man konnte ja nicht nur wegen Hexerei auf dem Scheiterhaufen landen, sondern auch z.B. wegen Ketzerei usw. [snip]

ich bin sowieso am Rätseln, wieso die Hexenverfolgung so von der Inquisition und Ketzerverfolgung abgetrennt wird. Wahrscheinlich weil sonst die weiblichen Opfer ganz und gar untergehen würden. Daher nimmt man diese extra, um einen Bereich zu haben, in dem Frauen die höchsten Opferzahlen haben.
Es gibt ja Teile Europas, in der die Hexenverfolgung kaum Fuß fassen konnte, z.B. die nördlichen Länder, aber auch Polen.
Bin mich gerade am einlesen über das Thema.

Man trennt Hexenverfolgung und Ketzerverfolgung deshalb voneinander weil es eben nicht ganz dasselbe ist, obwohl oberflaechlich gesehen einige Parallelen erkennbar sind.

Wie Nick bereits beschrieben hat, waren bei Anklage von Ketzerei ausschliesslich geistliche Gerichte zustaendig, waehrend bei Anklage der Hexerei auch (und zwar in den meisten Faellen) weltliche Gerichte mitwirkten. Uebrigens gab es Ketzerverfolgung nicht nur in katholischen Gebieten, ich verweise auf die beruechtigten Verfolgungen in Genf, wo der Reformator Calvin ein 'protestantisches Gegenrom' errichten wollte und so manchen Ketzer ebenfalls auf den Scheiterhaufen schickte. Weitgehend vergessen (verdraengt?) ist beispielsweise auch, dass Luther sehr vehement gegen Kopernikus und dessen ketzerisches, heliozentrisches Weltbild gewettert hat. In Zuerich ging der Reformator Zwingli gewaltsam gegen die Wiedertaeufer-Bewegung vor, da er deren Glauben fuer Ketzerei hielt.

Der Hauptunterschied zwischen Ketzerverfolgung und Hexenverfolgung ist jedoch der jeweilige Zweck. Die Ketzerverfolgung diente zu nichts anderem als der Sicherung und Verteidigung des Machtanspruchs des herrschenden Klerus; die Ketzer wurden also gezielt von einer kleinen, aber maechtigen Minderheit verfolgt, das Ziel war der eigene Machterhalt. Wir duerfen nicht vergessen, dass der groesste Teil der Bevoelkerung mit dem Begriff 'Ketzerei' wenig bis nichts anfangen konnte. Sie befolgten einfach die Regeln, die ihnen ihre jeweiligen religioesen Fuehrer als rechtglaeubig einbleuten; ob diese religioesen Regeln ketzerisch im Sinne einer offiziell gueltigen Orthodoxie waren, konnten wohl weit ueber 90% der Bevoelkerung (meine eigene Schaetzung) gar nicht ermessen; allein schon aus dem Grund, weil die meisten Menschen noch nicht einmal lesen konnten.

Anders verhielt es sich mit der Hexerei: hier konnten die weitaus meisten Menschen sich ganz konkret etwas darunter vorstellen; eben z.B. den beruechtigten Schadenzauber. Einfache Leute beteiligten sich nicht nur aktiv an Hexenverfolgungen, sie initiierten sie auch vielfach selber. Dies geschah nicht so sehr aus Gruenden des Machterhalts sondern haeufig aus einer subjektiven, aber dennoch als real empfundenen Angst vor Menschen, die mittels Zauberei anderen angeblich Schaden zufuegen konnten.

Der Glaube an Hexen hatte somit eindeutig den Charakter einer Massenhysterie, waehrend die Hysterie bei den Ketzern sich weitgehend auf klerikale Kreise beschraenkte; was die Kirchenfuehrer natuerlich nicht hinderte, die Bevoelkerung ebenfalls gegen sogenannte Ketzer aufzuhetzen. Neudeutsch ausgedrueckt, funktionierte ersteres stark 'bottom-up' waehrend letzteres fast ausschliesslich dem 'top-down'-Prinzip gehorchte.

Ausserdem ist Hexerei keine Religion, auch wenn diese Ursi im Geschichtsforum (allerdings ohne jeglichen Beleg) eine sogenannte 'Alte Religion' postuliert, die mit den Hexenverfolgungen ausgemerzt werden sollte. Hexen wurden nicht wegen irgendeines abweichlerischen Glaubens verfolgt, sondern weil die Menschen ihnen zerstoererische Faehigkeiten andichteten. Die weitaus meisten Hexen waren ganz normale Christen.

Noch einen populaeren Irrtum gilt es aufzuklaeren: eine Anklage wegen Hexerei fuehrte durchaus nicht zwingend zu einer Verurteilung. Ein nicht unerheblicher Teil der Angeklagten wurde freigesprochen, wobei es hier regional und zeitlich sehr starke Unterschiede gibt. Im heutigen Italien beispielsweise hatten der Hexerei Angeklagte reelle Chancen, freigesprochen zu werden. Entgegen der populaeren Lesart scheinen kirchliche Gerichte nach entsprechenden Studien von Prozessprotokollen sogar tendenziell fairere Hexenprozesse gefuehrt zu haben als weltliche Gerichte, wobei es wohl auch hier regionale Unterschiede gegeben haben mag.

Zum Schluss noch einige Worte zu den neuheidnischen Religionen: Es handelt sich hier nicht um uraltes, ueberliefertes Wissen, wie immer wieder behauptet wird. Vielmehr wurden die sehr spaerlichen Informationen aus diversen schriftlichen Quellen mit muendlich ueberlieferten (teilweise stark verunstalteten) Mythen, Legenden und Sagen vermengt. Da das aber fuer eine Religion (und v.a. die dazu notwendigen Riten) noch laengst nicht ausreicht, wurde das ganze mit einer Menge Phantastereien angereichert. Auch wenn ich womoeglich etlichen Glaeubigen auf die Fuesse trete; diese angeblich uralten Religionen (Wicca-Kult, Druidenkulte usw. usf.) sind nichts weiteres als romantisierende, neuzeitliche Interpretationen, die um ein paar wenige authentische Goetternamen oder sonstige Begriffe herumgesponnen wurden.

Wer daran glauben will, bitte sehr, der soll das tun; aber bitte nicht etwas neu Erfundenes als uralt ausgeben. Von den Religionen der vor der roemischen Herrschaft hier siedelnden Voelker ist nahezu nichts bekannt ausser ein paar Goetternamen und vage Ueberlieferungen, die meist erst von den Roemern aufgezeichnet wurden, sowie Mythen, die im Laufe der Zeit voellig entstellt und uminterpretiert wurden. Sogar ueber die heidnischen Kulte der diversen Germanenstaemme Mittel- und Westeuropas (z.B. Alemannen, Angeln, Sachsen) der Voelkerwanderungszeit und des Fruehmittelalters ist sehr wenig bekannt; obendrein waren ein Teil dieser Germanen (z.B. Goten, Vandalen etc.) bereits christianisiert (arianisches Glaubensbekenntnis) als sie in Mittel-/Suedeuropa geschichtlich in Erscheinung traten. Es gibt auch keinerlei Hinweise auf eine Glaubensgemeinschaft, die ueber Jahrhunderte hinweg die alten Riten praktiziert und weitergegeben haben soll. Dass einige wenige heidnische Fragmente die Zeiten ueberdauert haben, will ich nicht bestreiten; aber die Glaubensvorstellungen der Kelten oder frueherer, namentlich noch nicht einmal bekannter Voelkerschaften in Europa koennen daraus nicht einmal ansatzweise rekonstruiert werden und sind wohl unwiederbringlich verloren.

Gruss

Maesi

P.S. Ich wollte Dich folgendes schon lange fragen: hat es eine bestimmte Bedeutung, dass Du unter dem Nick 'Odin', dem Goettervater der Wikinger schreibst?


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