Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

Archiv 1 - 20.06.2001 - 20.05.2006

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Wie Stalin den 2. Weltkrieg gegen Louis XIV. verlor

Nick, Thursday, 04.12.2003, 11:14 (vor 8099 Tagen) @ Odin

Als Antwort auf: Re: Ende der "Weise Frauen" Theorie von Odin am 01. Dezember 2003 11:39:02:

Hallo Odin,

Ketzerprozesse und Hexenprozesse waren nicht "alles Eins und dasselbe" (und auch nicht "eh wurscht, wie's genau war") - sondern es waren zwei völlig unterschiedliche Phänomene! Ketzerprozesse wurden durch die kirchliche, kanonische Gerichtsbarkeit durchgeführt, Hexenprozesse hingegen (fast) ausschließlich durch die weltliche Obrigkeit (und das bedeutet: incl. der "fürstbischöflichen"). Sie wurden getragen und am Laufen gehalten vom dumpfen, irrationalen Pöbel und zwar vorzugsweise in Deutschland, wo der Einfluß der römischen Kurie im 16. Jahrhundert eben ganz besonders gering war.

Der Hexenwahn war ganz und gar kein "religiöses Phänomen", sondern eine profane, kollektive Massenpsychose, die im Fortgang ihre eigenen Akteure mitverschlang und oft erst dann zum "Erliegen" kam, wenn buchstäblich das Brennmaterial knapp geworden war. Neuzeitliche Ketzerverfolgung hatte rationale (machtpolitische) Gründe. Der Hexenwahn dagegen war komplett irrational! "Geplant" war er von niemandem und er verfolgte auch keine rational erklärbaren "Ziele".

Etwa ein Drittel der Opfer waren Hexer, also Männer. Die Tatsache, daß also doppelt soviele Opfer Frauen waren, ergibt sich aus dem irrationalen Ablauf und den kruden Methoden, mit denen neue Fälle "geschaffen" wurden: es reichte, jemanden zu denunzieren, um ihn unfehlbar auf die Folter zu bringen. Und die Folter sorgte dann dafür, daß "gestanden" wurde. Und daß weitere "Komplizinnen" benannt wurden...

Meine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis machen es mir nicht schwer zu begreifen, warum unter solchen Verhältnissen mehrheitlich Frauen (durch Frauen!) zu Opfern wurden. "Mobbing" ist ja schließlich unter ihnen auch heute bei weitem verbreiteter, als unter Männern. Die Denunziation als Hexe bot eine "ideale" Möglichkeit, im Zickenkrieg den ultimativen Hammer auf die beste Feindin niedergehen zu lassen. Jedenfalls haben nachweislich weit überproportional Frauen davon gebrauch gemacht! Männer haben auch damals weniger oft zum Mittel des Anschwärzens, Denunzierens und Schlechtredens gegriffen, um z.B. einen Konkurrenten loszuwerden - so wie sie es auch heute (relativ) weniger tun.

Irgend eine rationale Politik hinter diesem Wahn zu vermuten, irgend eine "Verschwörung des Patriarchats" gar, ist absolut unhistorischer Blödsinn! Weder gab es überhaupt die dafür notwendigen, zentralisierten Machtstrukturen (nicht mal in Ansätzen!), noch zeigt die Gruppe der Opfer irgendeine "Struktur", die den behaupteten Verfolgungsgrund widerspiegeln würde. Im Gegenteil: es ist gerade die schiere Wahllosigkeit, die die Opfer des Hexenwahns auszeichnen.

Es ist natürlich ziemlich aussichtslos, in solchen Fragen aufklären zu wollen, weil ja sowieso "alle" genau "Bescheid wissen" - wo doch in Wahrheit völlige Unwissenheit und primitivster Mythenglaube die in der Tat komplizierten Verhältnisse wild durcheinander und auf das simpelste Niveau gebracht haben. Aber wo viel und kollektiv "gemeint" wird, da geht halt immer so ziemlich ALLES durcheinander. Umso heftiger wird solcher "Glaube" dann gegen jede Vernunft verteidigt.

Hexenverfolgung gab es z.B. (fast) nur in der frühen Neuzeit (mit ersten, einzelnen Fällen ab Ende des 14. Jahrhunderts), es gab sie nicht im Hochmittelalter! Es gibt alte Beichtspiegel aus dem 13., 14. und z.T noch 15.Jahrhundert, aus denen klipp und klar hervorgeht, daß der Glaube an Hexen(!) (also der Irrglaube, daß es sie überhaupt gäbe) als eine Sünde betrachtet wurde. Erst im Zerfall der mittelalterlichen Welt änderte sich das.

Ähnlich grausiges "Chaos des Unwissens" in der Frage "der Inquisition". Die gab es nicht! Es gab eine spanische (und eine portugiesische) Inquisition, die im Grunde rein weltliche Einrichtungen der spanischen (resp. portugiesischen) Krone zum rationalen Machterhalt waren und sich v.a. gegen Juden (und Moslems) richteten, um an deren Vermögen heranzukommen. Die "Kirchlichkeit" der spanischen Inquisition war nur ein dürftiges Deckmäntelchen, mit dem das schändliche Treiben beschönigt und legitimiert werden sollte. In Wahrheit war der Einfluß Roms auf die Arbeit der "iberischen" Inquisitoren praktisch Null. Die gehorchten einzig und allein der spanischen Krone und machten aus dem Glauben nach eigenem Gutdünken eine "nützliche Ideologie".

Die römische Inquisition hingegen war im Grunde eine (für damalige Verhältnisse) recht humane Veranstaltung. Es gab Todesurteile, aber sie waren selten. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Urteile waren sogar extrem milde. Die vor 5 Jahren freigegebenen Akten zeigen zudem, daß es sich in der Überzahl der Fälle um ordinäre Kriminalität handelte, bei der der Angeklagte dann wahllos irgend ein "spirituelles Verbrechen" dazu erfand, damit(!) er der römischen Inquisition überstellt werde. Er wußte nämlich, daß er, falls ihm dies gelang, das mildestmögliche Urteil erwarten durfte.

Das galt natürlich nur im direkten Einflußbereich des Heiligen Stuhls - also in Italien (namentlich im Kirchenstaat). Außerhalb Italiens hatte die Kirche keinen realen Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Machthaber, sie konnte allenfalls protestieren, gut zureden, diplomatisch intervenieren u. dgl. mehr. Denn auch damals galt schon dasselbe, was dann im 20. Jahrhundert von Stalin so formuliert wurde: "Der Vatikan hat keine Divisionen!"

Die damalige Welt der frühen Neuzeit war übrigens, weit stärker als unsere heutige, moderne Welt, machtpolitisch über alle Maßen verworren, kompliziert und ungemein vielschichtig! Irgend eine "zentrale Macht" gab es überhaupt nicht, auch weltlich nicht: das Mittelalter war wirklich ganz und gar vorbei. Jedes Territorium hatte sein eigenes "Recht" und der jeweilige Herrscher wollte vor allem eines nicht: Einmischung von Außen! Die Vorstellung jedenfalls, die Kirche habe die damalige Welt machtpolitisch "beherrscht", ist komplett idiotisch - aber äußerst beliebt und verbreitet unter heutigen "Intellektuellen" mit ihrem bekannt weitgefächerten und profunden "Wissen"...

Ganz besonders tun sich dabei natürlich - wie immer - die feministischen "WissenschaftlerInnen" hervor, die regelmäßig sogar Disney-Niveau noch ganz locker unterbieten. Das ist alles dermaßen grunzdumm und von keinerlei Spur von Quellenkenntnis verunreinigt, daß es sich in meinen Augen als psychopathologisches Phänomen jedem Versuch der Aufklärung eo ipso entzieht. Zwecklos! Da wird wohl weiter "geglaubt" und "gefunden" und "gemeint" werden, wie es gerade so paßt. Die allgemeine Geistfeindlichkeit und die dämliche Freude an infantiler Trivialität, die heute von fast jedem "unschuldig" geteilt wird, kommt dem natürlich sehr entgegen...

In ein, zwei Generationen wird es bestimmt auch kein Schwein mehr stören, wenn z.B. irgend ein enthirnter Ignorant vom "Krieg Ludwigs XIV. gegen die Sowjetunion" schwadroniert, nachdem "alle" einen Blockbuster-Trivialfilm gesehen haben, wo man "ganz genau sieht", wie die französische Atombombe (mit pseudobarocken Verzierungen) auf Leningrad niedergeht und es in Schutt und Asche legt. Das finden dann bestimmt auch alle total überzeugend, daß sich "Stalin und der Sonnenkönig total nicht leiden" konnten.

Oh nein, was für eine klägliche Welt!

Vor kurzem ist übrigens ein Buch zum Thema von Rainer Decker erschienen. Der Titel: "Die Päpste und die Hexen. Aus den geheimen Akten der Inquisition", erschienen bei Primus in Darmstadt (2003).

Ich bring hier mal die Verlagsrezension:

"Schweigen nährt Gerüchte. Ein Beispiel für diese Wahrheit bietet das Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre der römisch-katholischen Kirche, der Nachfolgerin des 1542 gegründeten Heiligen Offiziums der Inquisition. Jahrhundertelang war der Öffentlichkeit der Zugang zu dieser Sammlung versagt. Das Bild, das die Öffentlichkeit sich von der römischen Inquisition schuf, basierte daher vielfach auf Mutmaßungen und dunklen Gerüchten. Seit 1998 ist nun dieses Archiv - mit Einschränkungen für die jüngste Vergangenheit - der Forschung zugänglich. Unter den ersten, die das Archiv betreten durften, war Rainer Decker. Der Studiendirektor aus Paderborn ist bereits mit einer Reihe von Publikationen zur römischen Inquisition und zur Hexenverfolgung hervorgetreten.

Die vorliegende Publikation untersucht die Stellung der Päpste und der römischen Inquisition, die meist vom Papst persönlich geleitet wurde, zur Hexenverfolgung. Das erste Drittel widmet sich den Grundlagen und den Anfängen der Hexenverfolgung im Mittelalter, insbesondere im 14. und 15. Jahrhundert (S. 11ff.), die anderen zwei Drittel der zunehmenden Vorsicht und Kritik in der Neuzeit (S. 67ff.). Wie der Untertitel verspricht, werden auch Akten aus dem Inqusitionsarchiv verarbeitet. Der erste Hinweis auf die neu zugänglichen Akten findet sich allerdings erst auf Seite 78. Es geht dem Autor nicht um die Bekanntmachung „geheimer Akten“, sondern um eine Gesamtdarstellung des Verhältnisses der Päpste zu den Hexenverfolgungen.

Deckers These zufolge, die sich durch das ganze Buch zieht, waren die Päpste mit wenigen Ausnahmen (Paul IV.) im Hinblick auf das Hexereidelikt sehr vorsichtig. Im Gegensatz zu Theologen und Juristen nördlich der Alpen hatte die römische Inquisition insbesondere niemals den angeblichen Flug der Hexen und die Feier des Hexensabatts als reale Begebenheiten anerkannt, sondern diese der Täuschung des Satans zugeschrieben. Dementsprechend wurde die „Besagung“ (Denuntiation) einer Angeklagten durch andere „Hexen“ allein nicht als hinreichend für die Folter angesehen.

Die vorsichtige Haltung Roms mußte freilich erst erkämpft werden. Als um 1500 die Hexenverfolgung in den Alpenländern zunahm, war es das Verdienst Venedigs, die Realität von Hexenflug und Hexensabatt geleugnet und die Verfahren gegen den Widerstand der römischen Inquisition eingedämmt zu haben (S. 61ff.). Daß die vorsichtige Haltung sich aber auch noch im 16. Jahrhundert hielt, als nördlich der Alpen die großen Verfolgungswellen begannen, führt Decker auf den Juristen Andrea Alciati zurück, der seinerseit auf den Inquisitor Giulio Monterenzi, den Experten des Heiligen Offiziums für Hexenfragen, in dessen Studienzeit in Bologna einen maßgeblichen Einfluß ausgeübt habe (S. 93). Monterenzi ist der Schöpfer einer „Hexenprozeßinstruktion“, die das Verfahren bei Hexenreidelikten vor der Inquisition regelte und unter den zuständigen Inquisitoren zuerst in Manuskripten im Umlauf war, bis sie 1657 gedruckt wurde. Diese Instruktion, Zeugnis der vorsichtigen Stellung Roms gegenüber Hexenflug und Hexensabatt, ist bisher in der Hexenforschung viel zu wenig Beachtung geschenkt. Statt dessen wurde immer auf den „Hexenhammer“ von Institoris aus dem Jahr 1487 verwiesen, der aber nicht von Rom authorisiert war. Die ihm zugrundeliegende „Hexenbulle“ Papst Innozenz‘ VIII. von 1484 konzentriert sich selbst ganz auf den Schadenszauber und stützt die Realität von Hexenflug und Hexensabatt in keiner Weise (S. 47ff.).

Die restriktive Linie ersparte dem Kirchenstaat, Italien ebenso wie Spanien, wo die Inquisition ähnlich verfuhr, die nördlich der Alpen, insbesondere in Mitteldeutschland grassierenden Massenhinrichtungen. Im Heiligen Römischen Reich hatte Rom hingegen seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts keinen unmittelbaren Einfluß mehr auf die Hexenverfolgung. Diese war Sache der weltlichen und geistlichen Obrigkeiten vor Ort. Gelegentliche Interventionen des Papstes blieben oft ohne Erfolg, da die Länder auf ihre Souveränitätsrechte bedacht waren. Dagegen hinderte die Ablehnung von Hexenflug und Hexensabatt Rom nicht an der Verfolgung „realer“ Fälle von „Hexerei“: Schadenszauber, Wahrsagerei, Hostienfrevel, selbst Astrologie und Nekromantie (Toten- und Dämonenbeschwörung), verbunden mit dem Versuch, den Papst durch einen zauberischen Anschlag zu ermorden („Anschläge“ auf Johannes XXII, S. 29ff., und Urban VIII, S. 109ff.), wurden bis zuletzt auch von Rom heftig bekämpft. Aber hier handelte es sich, wie Decker zu bedenken gibt, nicht um imaginäre Delikte, sondern um tatsächlich sozialschädliches Verhalten, dessen Bekämpfung systemstabiliserend wirkte.

Deckers gelungene Untersuchung wirft ein gleichermaßen helles wie mildes Licht auf die Geschichte der Hexenpolitik der Päpste und ihrer Inquisition, die leider auch heute noch durch zahlreiche weniger wissenschaftliche, dafür umso tendenziösere Publikationen verdunkelt wird."

Gruß vom
Nick

P.S.:
Odin, im Mittelalter ist niemand "nach Amerika" ausgewandert!
Auch kein Hussit und kein Menonit!
ZEFIX ABER AUCH! :-))


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