Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Verhütungsmittel (nicht) auf Krankenschein

Ekki, Monday, 30.08.2004, 12:27 (vor 7830 Tagen)

Hallo allerseits!

In beiden Kammern des polnischen Parlaments fand in der vergangenen Woche eine hitzige Debatte darüber statt, ob die Kosten für Verhütungsmittel von den Krankenkassen erstattet werden sollen.

Hintergrund war die Debatte über die Gesundheitsreform, die in Polen genauso hohe Wellen schlägt wie in Deutschland.

Folgende interessante Kombination kam zustande:

Aus den Reihen der regierenden Linkspartei wurden in der zweiten Kammer des Parlaments, dem Senat, folgende Vorschläge für Änderungen an dem von der ersten Kammer, dem Sejm, verabschiedeten Gesetz gemacht:

a) Die Geistlichen sollten ihr Privileg verlieren, die Sozialversicherungsbeiträge nicht aus der eigenen Tasche bezahlen zu müssen, sondern sie von ihrem Arbeitgeber, sprich dem jeweiligen Bistum, bezahlt zu bekommen.

b) Die Verhütungsmittel sollten künftig von den Krankenkassen finanziert werden.

Natürlich war beides gegen die Kirche gerichtet und traf auf eine entsprechende Reaktion.

Der Primas Glemp meinte wörtlich: „Die Kirche nimmt mit gebührender Demut zur Kenntnins, das einige Politiker sich anheischig machen, eine 2000 Jahre alte Institution belehren zu wollen.“

Und ein anderer als „liberal“ geltende Geistlicher meinte, es sei ja schon öfter vorgekommen, dass der Senat den Sejm korrigiert habe (eine Anspielung auf die Zeit, als die zweite Kammer des polnischen Parlaments von katholisch-konservativen Abgeordneten beherrscht wurde, an der Spitze Alicja Grzeskowiak, die im Zweifelsfalle katholischer war als der Papst), und diesmal könne es ja umgekehrt kommen.

Auf das Sozialversicherungsprivileg gehe ich hier – da off topic – nicht näher ein, sondern möchte nur erwähnen, dass die Kirche den Initiatoren dieser Änderungen vorhielt, sie wollten die Kirche zweifach schädigen, indem sie mit den Mitteln, die sie durch die Streichung des Sozialversicherungsprivilegs gewinnen, die aus Sicht der Kirche moralisch verdammenswerte Finanzierung von Verhütungsmitteln durch die Krankenkassen förderten.

Viel interessanter war aber etwas anderes:

Die Linksregierung stellte sich gegen die Initiative ihrer eigenen Abgeordneten, da sie es sich mit der Kirche nicht verderben wollte.

Als das Gesetz in der entscheidenden dritten Lesung wieder in der ersten Kammer, dem Sejm, beraten wurde, donnerte eine katholisch-konservative Abgeordnete von der Rednertribüne herab, die Initiatoren der o.g. Änderungen müßten sich fragen lassen, ob sie das Vergnügen beim Sexualakt tatsächlich höher stellen wollten als das menschliche Leben.

Reaktion im Plenum: Brüllendes Gelächter nach den Worten „Vergnügen des Sexualaktes“.

Muß ich noch erwähnen, dass die Regierung und die Kirche sich durchsetzten und beide vorgeschlagenen Änderungen verworfen wurden?

Da konnte man mal wieder exemplarisch die Feigheit der Kirchengegner sehen:

Die einzig richtige Antwort auf die Einlassung der zitierten katholisch-konservativen Abgeordneten wäre gewesen:

„Jawoll, Madame, wir stellen das Vergnügen des Seuxalaktes höher als das menschliche Leben, der menschliche Organismus braucht in einem Leben viele Male Geschlechtsverkehr, aber mit jedem solchen Akt – oder doch mit den meisten – Kinder zu zeugen, wäre Wahnsinn. Siehe die Zustände in der dritten Welt.“

Statt dessen – buchstäblich ein Schwanz-Einziehen.

Solange sich an dieser erbärmlichen Feigheit nichts ändert, hat die Kirche nichts zu fürchten. Und das von der Doppelmoral erzeugte menschliche Elend, unter dem auch kirchenferne Menschen zu leiden haben, weil die ganze Gesellschaft davon vergiftet wird, wird weiter wuchern.

Gruß

Ekki


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